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Mongolei/Darhan Link zum Tagebuch TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 4

Sie wollen sich dann meist schlagen

N 49°28'51.6'' E 105°56'33.5''
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    Tag: 94

    Sonnenaufgang:
    06:33 Uhr

    Sonnenuntergang:
    19:08 Uhr

    Luftlinie:
    85.80 Km

    Tageskilometer:
    100 Km

    Gesamtkilometer:
    14032.96 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    18 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    9 °C

    Temperatur – Nacht:
    1 °C

    Breitengrad:
    49°28’51.6“

    Längengrad:
    105°56’33.5“

    Maximale Höhe:
    855 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    580 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    08.55 Uhr

    Ankunftszeit:
    18.45 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    13,87 Km/h

“Dürfen wir sie fotografieren?”, fragt uns eine Gruppe christlicher Missionare die aus Korea kommen. “Gerne”, antworten wir und stellen uns vor unserem Hotel Voyage neben unsere beladenen Räder. Dann blitzen die hochmodernen teuren Kameras. Wir erfahren das die Missionare den katholischen Glauben in der Mongolei verbreiten wollen und hier Pfarrer aus- und weiterbilden. “We wish you a safe journey!”, (“Wir wünschen euch eine sichere Reise!”) rufen sie uns im perfekten Englisch hinterher und winken heftig. Dann lassen wir das Städtchen zurück und befinden uns augenblicklich in der offenen Grassteppe. Obwohl man uns an der Grenze versichert hat, das es bis nach Ulan Bator keinen einzigen Berg gibt und wir ohne Kraftanstrengung locker dahinradeln können, werden wir schon wenige Kilometer nach Sübataar vom Gegenteil überzeugt. Fast unmerklich schleichen sich 830 Höhenmeter unter unsere Reifen, so dass wir anfänglich glauben uns die größere Kraftanstrengung nur einzubilden. Doch weit gefehlt. Der Blick auf den Höhenmesser ist untrüglich. Jedoch haben wir Glück denn die wirklich hohen Berge befinden sich zum Großteil im Westen des Landes. Dort liegen 85% über 1.000 Meter und im Mongolischen Altai erheben sich die Gipfel sogar bis auf 4.362 Meter. Die ersten Nachtfröste und kühlen Tage haben in den umliegenden Bergen den Herbst herbeieilen lassen. Mit goldenen Farben betupfen die Laubbäume die jetzt immer spärlicher bewachsenen Berge. Manche der Höhenzüge sind bald lückenlos mit einem violettfarbenen Teppich überzogen. Niedriges Heidekraut ist der Grund welches in dieser Gegend sehr gut zu gedeihen scheint. Vor uns hat ein Kleinlaster seine gesamte Heuladung verloren. Die Männer sind gerade im Begriff den Megaballen wieder fest zu surren. Als wir an ihnen vorbeiradeln winken sie uns freudig zu. Es sind Mongolen die wahrscheinlich zum Stamm der Chalcha gehören die über 80% der Bevölkerung ausmachen. Es könnten aber auch Kasachen, Dörwöd, Bajad, Burjaten, Dariganga, Zachtschim, Urianchai sein, deren Volksgruppen sich alle ebenfalls in der Mongolei niedergelassen haben. Noch können wir die einzelnen Stämme nicht voneinander unterscheiden, denn ihre Gesichtszüge ähneln sich anscheinend sehr stark.

Trotz der ständigen bis zu 12% steilen Steigungen auf die Bergrücken kommen wir auf der relativ guten Straße zügig voran. An einem einsamen Haus stoppen wir. Ein von Hand gemaltes Schild präsentiert verschieden Speisen und lädt zum Verweilen ein. “Kann ich euch helfen?”, fragt ein Mann im perfekten Englisch. Es stellt sich heraus das er der Inhaber der mongolischen Raststätte ist in dem es auch ein Zimmer zum nächtigen gibt. Wir sind über die perfekt gestaltete Speisekarte überrascht, deren Mahlzeiten auch in englischer Sprache erklärt werden. “Wusste gar nicht dass die Mongolen auch Hunde essen?”, wundere ich mich ein dementsprechendes Gericht entdeckt zu haben. “Nein, nein. Wir essen keine Hunde. Aber unsere koreanischen Gäste lieben Hund. Deswegen bieten wir auch Hundefleisch an”, erklärt der Mann, der für unsere Nudelsuppe 3.500,- Tugrik (1,68- Euro) verlangt. “Im Vergleich zu anderen Restaurants ist das ja doppelt soviel”, wundert sich Tanja, worauf er sofort den Preis um 500,- Tugrik (24 Eurocent) reduziert. “Wenn ihr Bücher schreibt bitte ich euch um einen tollen Eintrag in mein Gästebuch”, bittet uns der Wirt mit versöhnlichem Lächeln. Im Laufe des Gespräches erfahren wir, dass im Sommer bald täglich Touristen die einfache Gaststätte aufsuchen und wundern uns nicht mehr über die Preise. Nachdem wir unseren Hunger gestillt haben verlassen wir das Haus in der Steppe und arbeiten uns über einen weiteren lang gezogenen Bergrücken. Weil wir heute Darhan, die mit ca. 72.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt der Mongolei, erreichen wollen, sind wir gezwungen 100 Kilometer zurückzulegen. Natürlich könnten wir auch neben der Straße unser Zelt aufschlagen aber seit einigen Kilometern gibt es keinen einzigen Baum oder Busch mehr hinter dem wir uns verstecken könnten. Weil wir während unserer Pferdeexpedition vor vielen Jahren in diesem Land einmal von betrunkenen Mongolen überfallen wurden und wir nur mit viel Glück den Zwischenfall überlebten, wollen wir im Augenblick nicht auf offener Steppe von jedem gesehen werden. Zu präsent sind die Erinnerungen. “Die meisten unserer Männer trinken Wodka. Das Tragische ist, das die Mongolen, genauso wie die Indianer, keinen Alkohol vertragen. Wir besitzen kein Gen um ihn abzubauen. Unsere Männer werden aggressiv und wollen sich dann meist schlagen”, erzählt uns später eine gebildete Mongolin die nicht heiratet, weil sie keinen Alkoholiker zum Mann haben möchte.

Wegen den Höhenzügen, die wir überwinden müssen, sind wir nach 70 Tageskilometer wieder müde. “Wenn es nicht mehr geht sollten wir bei einer der vielen Jurten fragen ob wir unser Zelt aufschlagen dürfen. Ich denke das ist die beste Möglichkeit. Die Menschen freuen sich über die seltene Gelegenheit Gäste aus dem Ausland zu haben und wir stehen automatisch unter dem Schutz der Jurte”, sage ich. “Eine gute Idee”, meint Tanja. Dessen ungeachtet geben wir unser Bestes die Stadt heute noch zu erreichen.

Die Sonne ist gerade im Begriff den Stadtrand von Darhan in ein goldenes warmes Licht zu tauchen als unsere Reifen unsere völlig erschöpften Körper nach 100 Tageskilometern den Berg hinunter rollen lassen. Die ersten Grundstücke sind von Bretterzäunen umgeben. Zwischen den kleinen Holz- und Steinhäuschen sind Jurten errichtet. Einige der Nomaden haben sich hier niedergelassen und wollen sich anscheinend nicht von ihrer traditionellen Behausung trennen. Noch wahrscheinlicher ist aber das die Menschen kein Geld besitzen, um sich ein feststehendes Haus mit Strom- und Wasseranschluss zu bauen. Nur wenige hundert Meter weiter, in Richtung Stadtzentrum, geht es über eine kaputte angefressene Straße an scheußlichen Wohngebäuden vorbei dessen Fassaden an allen Ecken und Enden abbröckelt. Der Anblick mancher Behausungen ist in einem kaum zu beschreibenden schlechtem Zustand. Man benötigt viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass diese halbzerfallenen Bunker Menschen beherbergen. Im Zentrum der Steppensiedlung stoppen wir unsere Bikes, um nach einem Hotel zu fragen. Wegen der Sprachbarriere werden wir kaum oder missverstanden. Die Menschen aber erscheinen uns als sehr freundlich. Interessiert sehen sie uns an, zucken mit den Schultern, lachen, kichern, versuchen ein paar Worte Englisch, winken und rufen. Jetzt zehn Stunden nach unserem Aufbruch heute Morgen habe ich kaum noch die Kraft mich richtig zu artikulieren, geschweige denn mich aufrecht im Sattel zu halten. Meine Knie schmerzen geradezu höllisch und ich bete dafür meinen geschundenen Körper so schnell als möglich auf einem Bett ausstrecken zu können. “Kommen sie. Ich zeige ihnen den Weg”, bietet uns eine freundliche Mongolin in gebrochenem Englisch an. Erleichtert, endlich jemanden getroffen zu haben der meine Fragen versteht, folgen wir der Frau und schieben unsere schweren Roadtrains auf den kaputten und aufgebrochenen Gehweg. Es geht über Staub, getrockneten Matsch, Steine, Bauschutt und Müll. Die Gullydeckel fehlen zum teil, so das jeder Mensch, der hier herumläuft, immer darauf achten muss nicht einfach in einem der gähnenden, tiefen Löcher für immer zu verschwinden. Vor allem die vielen Kleinkinder, die den Gehweg als ihren Spielplatz erobert haben, sind zweifelsohne in ständiger Lebensgefahr. Hinter großen super hässlichen Plattenbauten der kommunistischen Zeit, die seit ihrer Errichtung vor vielen Jahrzehnten offensichtlich nie mehr renoviert wurden, duckt sich ein neues, gelbes Häuschen mit rotem Dach. SKY HOTELPUBSAUNASNOOKER ist auf der Hauswand in roter Leuchtschrift zu lesen und verspricht dem müden Reisenden eine angenehme Nacht. “Ja wir haben ein Zimmer. Das Lux (Luxuszimmer) kostet 35.000 Tugrik”, (16,78 Euro) meint die Besitzerin. Wir dürfen unsere Räder neben den nagelneuen Snookertisch im Keller stellen und beziehen das große schöne Zimmer im ersten Stock. “Das Wasser ist heiß!”, höre ich Tanjas Stimme aus dem Badzimmer dringen. “Fantastisch!”, antworte ich wie versteinert auf dem ausladenden Doppeltbett liegend.

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