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/Stromleitungs-Camp Link zum Tagebch: TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 3

Hin und her

N 51°59'10.9'' E 071°00'01.8''
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    Tag: 75

    Sonnenaufgang:
    05:44 Uhr

    Sonnenuntergang:
    20:59 Uhr

    Luftlinie:
    83.28 Km

    Tageskilometer:
    107.53 Km

    Gesamtkilometer:
    9163.80 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    32 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    20 °C

    Breitengrad:
    51°59’10.9“

    Längengrad:
    071°00’01.8“

    Maximale Höhe:
    445 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    290 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    08.15 Uhr

    Ankunftszeit:
    21.15 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    12.96 Km/h

Nach einer erholsamen Nacht verlassen wir mit frischer Energie den Ort. “Haben wir gestern bei offenem Fenster gesprochen?”, frage ich. “Wie soll ich das verstehen?”, möchte Tanja wissen. “Na offensichtlich hat uns der Meister wieder entdeckt. Wir müssen unvorsichtig gewesen sein als wir über unsere weitere Route sprachen”, antworte ich da uns der Wind mit bis zu sechs Windstärken (42 Stundekilometer) in die Seite fährt und wir kaum noch unsere Böcke halten können. “Na offensichtlich hat er uns nicht richtig verstanden”, meint Tanja nach einigen Denkminuten. “Verstehe ich nicht.” “Na wenn er beim Kartenstudium gestern Abend richtig gelauscht hätte, käme er doch wie sonst auch, von vorne und nicht von der Seite.” “Hm, könnte sein”, gebe ich ihr Recht.

Da die Hauptverkehrsader nach Astana relativ stark befahren ist müssen wir sehr darauf achten von den teilweise extremen Böen nicht einfach auf die Fahrbahn gedrückt zu werden. Mit hoher Konzentration schlängeln wir auf dem Seitenstreifen dahin. Wie gestern führt uns die Strecke über weite offene Flächen die ab und an von Waldinseln unterbrochen sind. Das mächtige Straßebauprojekt der Regierung überrascht uns immer wieder von Neuen. Auf der gesamten Strecke radeln wir an ewigen Baustellen vorbei. Im ständigen Wechsel dürfen wir mal auf der linken und mal auf der rechten Fahrbahn strampeln.

Kurz vor dem Ort Alekseyevka entdecke ich am Straßenrand hübsche und noch dazu dichte Waldgrüppchen hinter denen wir uns für die Nacht fantastisch verstecken könnten. “Währe ein guter Campplatz!”, rufe ich. “Wollten wir heute nicht in eine Gastiniza?”, fragt Tanja. “Wollten wir, aber sieh doch wie schön es hier ist.” “Stimmt schon. Wasser hätten wir genügend. Müssten halt morgen früh gleich für Nachschub sorgen.” “Ja und warum zögerst du?” “Ich weiß nicht, habe mich auf eine Nacht ohne Moskitos eingestellt.” “Keine Moskitos und ein kühles Blondes sind natürlich verlocken”; sinniere ich laut die schönen Campplätze links liegen lassend.

Wenig später erreichen wir nach neun Stunden Fahrt und 98 zurückgelegten Kilometern eine Tankstelle am Rande des Ortes Alekseyevka. “Gibt es in dem Dorf eine Gastiniza?”, frage ich drei junge Männer die in der Abendsonne sitzen und mich verwundert ansehen. “Jeßt”, (gibt es) antworten sie. “Wie weit ist es noch?” “Die Hauptstraße noch etwa vier Kilometer runter, dann rechts”, hören wir, bedanken uns und treten unsere Aluminiumrahmen recht hoffnungsvoll in die angegebene Richtung. Tatsächlich tauchen am Straßenrand ein paar viel versprechend aussehende Häuser auf. Mit den letzten Kräften lassen wir unsere riese und müller über eine Straßenbaustelle rollen. Vor einem Arbeiter stoppe ich und frage: “Wo ist hier die Gastiniza?” “Gastiniza?” “Ja Gastiniza”, bringe ich gerade noch hervor, weil mein Mund vor Trockenheit zusammengeklebt ist. “Keine Gastiniza. Da müsst ihr wieder zurück. Etwa zwei Kilometer und dann links in die Stadt.” “Kann nicht sein. Da kommen wir doch gerade her”, entgegne ich. “Ist aber so”, sagt er, dreht sich um und geht. “Ich glaube ihm kein Wort. Der kennt sich hier doch bestimmt nicht aus. Frag doch mal an dem kleinen Kiosk dort”, meint Tanja ebenfalls hundemüde. “Zur Gastiniza? Na die gibt es in diesen Gebäuden hier nicht. Das sind nur Cafes. Da müsst ihr wieder zurück”, hören wir. “Zurück!”, rufe ich jetzt etwas fassungslos, weil ich glaube keinen Zentimeter mehr fahren zu können. “Ja. Ist doch nicht weit”, sagt die Frau jetzt etwas mitfühlend. “Wenn ich daran denke den Berg wieder rauf zu müssen könnte ich mich fast übergeben”, äußere ich mich zu Tanja. “Mir geht es genauso. Komm wir fragen noch mal nebenan. Sieht wie eine Unterkunft aus.” Doch als wir unsere Räder an die Steinmauer des Cafes lehnen, erfahren wir, dass alle anderen nicht geschwindelt haben. “Setzt euch eine Weile auf meine Terrasse, esst etwas Gescheites und ruht euch aus. Dann fahrt ihr frisch gestärkt nach Alekseyevka ins Hotel”, schlägt der Wirt vor. “Ich denke das ist ein vernünftiger Vorschlag”, meint Tanja. “Denke auch”, sage ich die Treppen zur Terrasse hoch schlurfend.

Wir verschlingen einen Knoblauch verseuchten Lachman. “Die haben die Dinger gleich Knollenweise hineingeschüttet. Magst du ein Paar von mir?”, frage ich Tanja. “Ist mir selbst zuviel”, antwortet sie in ihren Nudeln das Fleisch rausfischend, um es mir in die Schüssel zu kippen. Nach einer ¾ Stunde verlassen wir Knoblauch verseucht das Straßencafe. Müde und ständig rülpsend strampeln wir den Hügel wieder hoch, bis wir die Abzweigung tatsächlich finden. Sie liegt hinter einer Baustelle und ist von der Straße aus kaum sichtbar. Die Sonne wirft ihr letztes Licht über die Ortschaft als wir das Hotel erreichen. Mit der Energie der Zuversicht auf ein moskitofreies Zimmer, eine anständige Matratze und vor allem eine schöne Dusche, betrete ich die nüchterne kleine Rezeption. “Zimmer?” “Ja klar ein Zimmer für meine Frau und mich bitte.” “Wir haben kein Zimmer. Alles ausgebucht.” “Was? Kann nicht sein.” “Doch kann sein.” “Aber sie müssen doch ein Zimmerchen frei haben?” “Njet”, höre ich das unangenehme Wort. In meinen verschwitzten Klamotten stehe ich nun da wie erstarrt. “Vier Kilometer weiter im Ort, auf der anderen Seite der Brücke, gibt es noch eine Gastiniza. Dort können sie es ja noch mal versuchen.” “Vier Kilometer?” “Ja.” “Danke”, sage ich mich verabschiedend und verlasse den Raum.

Tanja und ich entscheiden heute unter keinen Umständen uns noch weiter von unserer Route zu entfernen nur um dort eventuell auch keine Bleibe zu bekommen. Wir sind jetzt kurz vor 21:00 Uhr einfach zu spät dran. “Ich habe auf dem Herweg einen Campplatz gesehen. Er ist zwar nicht besonders gut aber ich glaube dort von der Straße aus nicht gesehen zu werden”, meine ich. Bevor wir die Ansiedlung wieder verlassen kaufen wir in einem nahen Supermarkt noch Wasser und zwei kalte Büchsen Bier. Dann heben wir unsere ausgelaugten Körper wieder auf den Sattel und treten die Böcke beim letzten Tageslicht in die Richtung aus der wir gerade gekommen sind. “Verwunderlich was so eine Knoblauchlachman für Energie spendet”, sage ich, da jetzt, nach 107 Kilometern mit extremen Seitenwind, meine Muskeln wieder funktionieren.

An der Hauptstraße finden wir einen Feldweg der hinter eine Baumgruppe führt. Wir warten bis kein Auto weit und breit zu sehen ist und verschwinden ungesehen hinter dem schützenden Grün. Kaum ziehen wir unsere zuverlässige Magurabremse zum letzten Mal für den Tag, überfallen uns ganze Schwärme von stechwütigen Mücken. “Aaahhhhh!”, rufe ich wie ein Wahnsinniger mit den Händen um mich schlagend. “Aaahhhhh!”, antwortet Tanja mit gleicher Bewegung. Sofort reißt jeder von uns das Brettschneidermoskitomittel aus der Lenkertasche, um den elenden Stechern den Kampf anzusagen. Nachdem wir uns von oben bis unten mit dem Zeug eingesprüht haben, nutzen wir die Zeit, um in rasender Geschwindigkeit die Satteltaschen abzuladen, sie zu öffnen, um eine lange Hose, eine Windstopperjacke und eine Mütze überzuziehen. Obwohl es noch warm ist sind wir wie die Imker bekleidet. Nur noch unsere Gesichter sind den Stechmücken ausgesetzt. In Windeseile und routiniert stellen wir unser Zelt auf, werfen die Satteltaschen hinein und blasen die Isomatten auf. Als wir unsere Räder unter einer tarnfarbenen Brettschneiderplane versteckt haben und wir hinter der schützenden Zeltwand verschwunden sind, ist es bereits stockdunkel. “Die haben mir meinen Hintern völlig zerstochen”, jammert Tanja sich kratzend. “Meinen auch”, sage ich ebenfalls heftig kratzend. Dann lassen wir uns erstmal stöhnend auf die Isomatten nieder und verschnaufen für eine Weile. “Hast du Lust auf ein paar leckere Pistazien von Rapunzel und ein Bier?”, frage ich. “Eine fantastische Idee”, antwortet Tanja. Als sich die Bierdosen zischend öffnen liegen wir bequem auf der Seite, naschen die edlen Pistazien und lauschen dem aggressiven Gesumme der Moskitos, die vergeblich versuchen noch mehr von unserem wertvollen Blut zu saugen. “Ist doch ganz nett in unserem Heim. Keiner kann uns stechen, keiner hat das Fenster zugenagelt, die Matratze ist nicht durchgelegen, das Bettzeug ist sauber, die Temperatur ist angenehm und noch dazu kostet es nichts”, schwärme ich. “Nur die Toilette draußen ist verseucht”, entgegnet Tanja mit müder Stimme. “Wie? Ach du meinst die Moskitos? Na wir gehen heute Nacht einfach nicht mehr raus. Unsere Körper sind von der Anstrengung so ausgedurstet das sie bestimmt kein Verlangen haben in diese Hölle zu gehen”, überlege ich noch, nur um kurz darauf in einen Schlaf der Erschöpfung zu fallen.

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