Skip to content
Abbrechen
image description
Mongolei/Jurten-Hotel Link zum Tagebuch TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 4

Berge werden immer höher

N 48°31'17.9'' E 106°03'48.4''
image description

    Tag: 99

    Sonnenaufgang:
    06:40 Uhr

    Sonnenuntergang:
    18:56 Uhr

    Luftlinie:
    43.54 Km

    Tageskilometer:
    49.98 Km

    Gesamtkilometer:
    14154.37 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    10 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    -1 °C

    Temperatur – Nacht:
    -5 °C

    Breitengrad:
    48°31’17.9“

    Längengrad:
    106°03’48.4“

    Maximale Höhe:
    1240 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    700 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    10.30 Uhr

    Ankunftszeit:
    18.30 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    9,96 Km/h

Am Morgen schneit es wieder. Diesmal war die Wettervorhersage nicht verlässlich. Der Meister ist wieder erwacht und wegen dem Wodkakonsum anscheinend völlig durcheinander. Mit voller Kraft bläst er uns mit eisiger Kälte aus nördlicher Richtung in den Rücken. Hinter Bayangol überqueren wir die Schienen der Transmongolischen Eisenbahn. Als der Lokführer uns sieht lässt er sein Horn ertönen. Dann müssen wir uns wieder die Berge hoch quälen. Es dauert Stunden bis wir den ersten Höhenzug erobert haben. Die Anstrengung ist nicht mehr zu beschreiben. Jetzt zum Ende der Etappe wird es noch mal richtig hart. Nur unserer guten Kondition haben wir es zu verdanken diesen Bergmarathon zu bewältigen. Stoisch treiben wir unsere Rösser Meter für Meter in die Höhe. Wir haben es schon lange aufgegeben hinter dem nächsten Berg, dem nächsten Pass, eine gerade Ebene zu ersehnen, auf der uns der Wind vor sich hertreibt. Alles Illusion, Phantasie, ein unrealistischer Traum. Auch wenn uns seit Ulan Ude, also vor über 500 Kilometern, immer wieder erzählt wurde auf dieser Strecke keine Berge überwinden zu müssen. Auch wenn der mongolische Zollbeamte an der Grenze davon sprach bis nach Ulan Bator sei die Straße eben und ohne wesentliche Erhebungen. Gefasst stellen wir uns den Steigungen. Mit nur fünf Km/h geht es weiter. Stampfen unsere Oberschenkel die Pedale, speien unsere Lungen weißen Atem in die Atmosphäre. Durch das ziehen am Lenker verspannt die Nackenmuskulatur und obwohl unsere Körper nach einer Pause brüllen können wir wegen dem kalten, aus Sibirien kommenden Wind, nicht anhalten. Unsere von der Schufterei nass geschwitzte Funktionskleidung wärmt uns zwar sehr gut, aber durch die Nässe ist der Wind wie ein eisiger Atem der uns schon bei kurzen Stopps regelrecht erstarren lässt. Waren wir gestern auf etwas über 1000 Meter, so zeigt der Höhenmesser heute 1150 Meter an. Nur noch selten befinden wir uns unterhalb von 800 Metern. Es scheint jetzt jeden Tag weiter nach oben zu gehen. Schnee liegt links und rechts der Straße. Der Asphalt ist Gott sei Dank frei. Die Sonne hat den nächtlichen Schnee und Eis vom Bitumen geleckt. Nach drei Stunden ständigem bergauf neigen sich unsere Kraftreserven. Wir stoppen am Straßenrand, um etwas zu essen. Obwohl die Sonne scheint steht das Thermometer nur auf sieben Grad. Im Straßengraben finden wir ein wenig Schutz vor dem beißend kalten Wind. Plötzlich kommt ein Motorradfahrer über den Bergrücken angebraust. “Nach dem vielen Gepäck zu urteilen ist es ein Europäer”, vermutet Tanja. In der Tat stoppt der Mann seine Maschine. “Hallo! Ich heiße Kosta und komme aus Bulgarien. Was macht ihr den hier mitten in der Einsamkeit?”, begrüßt er uns. Wir erfahren das Kosta seit drei Monaten unterwegs ist und 18.000 Kilometer zurückgelegt hat. “Ist erst ein Drittel meiner geplanten Strecke. Hoffe nicht das mir der Winter dazwischen kommt”, erzählt der sehr freundliche und überaus sympathische Mann. “Ich bin Künstler. Habe die letzten Jahre für Intel gearbeitet und trotz meines guten Einkommens den Job an den Nagel gehängt. Das kann nicht das Leben bedeuten, immer nur zu arbeiten. Ich folgte meinem Gefühl, habe mir die Maschine gekauft und bin nach kurzer Vorbereitung zu dieser Reise aufgebrochen. Auch wenn es anstrengend ist gefällt mir diese Lebensform. Würde gerne wie ihr vom Reisen leben”, sagt er nachdenklich. “Ich schreibe für meinen eigenen Blog. Darf ich mit meiner Videokamera ein Interview mit euch drehen?” “Gerne”, antworten wir obwohl wir mittlerweile vor Kälte zittern. Nach dem Interview setzen wir uns zusammen in den Straßengraben, um den um sich beißenden Meister etwas zu entfliehen. Wir teilen mit Kosta unsere leckeren Kekse und erfahren von ihm, dass er sich mit seinem russischen Freund in Ulan Bator getroffen hat. “Er ist auch wie ihr mit dem Fahrrad unterwegs. Leider hat er sich wegen den vielen Bergen seine Knie entzündet. Selbst nach einer Woche Pause ist er nicht in der Lage ohne Schmerzen zu gehen. Jetzt muss der arme Kerl sein Radreise abbrechen. Hoffe euch geht es besser?”, fragt er. “Meine Knie beklagen sich auch schon seit einiger Zeit. Wegen eines Sturzes hat das linke Knie die Arbeit fürs Rechte übernommen. Jetzt tun mir beide weh. Aber bis Ulan Bator schaffen wir es bestimmt noch”, antworte ich zuversichtlich und denke an die Radfahrer die wir bisher getroffen haben. In der Tat ist es nicht selbstverständlich das jeder der sich aufs Rad schwingt auch sein Ziel erreicht. Auf der Insel Olchon trafen wir den Burjaten, dem man sein Rad gestohlen hat. Erst gestern machten wir die Bekanntschaft mit dem jungen Franzosen dessen Bike unter ihm einfach zusammengebrochen ist. In Sühbaatar lernten wir zwei Schotten kennen die mit ihren leicht bepackten Rädern von Irkutsk nach Ulan Bator unterwegs sind. Als der vordere Gepäckträger von Robs Rad gebrochen ist und den Reifen blockierte, stürzte er. Dabei knallte er in den Hinterreifen seiner Freundin, die gerade vor ihm fuhr und riss sie ebenfalls vom Rad. Kate krachte mit dem Kopf auf den Asphalt und brach ihren Helm in zwei Teile. Gott sei Dank war nur der Helm kaputt und nicht der Kopf. Mit leichten Schürfwunden und Prellungen davongekommen, sind die beiden jetzt auf der gleichen Strecke wie wir unterwegs. Sollte nichts dazwischen gekommen sein dürften sie allerdings mittlerweile schon Ulan Bator erreicht haben.

Als sich Kosta von uns verabschiedet, schenkt er uns ein paar Packungen Kartoffelpüree und eine russische Kondensmilch. “Das brauchst du doch selber”, meint Tanja freundlich ablehnend. “Nein, ich versuche soweit es nur geht das Campen zu vermeiden. Mit dem Motorrad erreiche ich immer eine Gastinza oder Unterkunft.” “Schenke es doch jemanden der es mehr benötigt als wir. Da wirst du bestimmt jemanden finden”, entgegnet Tanja. “Nein ich werde keinen finden. Vielleicht trefft ihr ja auf einen Menschen der es braucht”, sagt er. Wir bedanken und umarmen uns zum Abschied, dann trennen sich unsere Wege. Während Kosta mit seiner Maschine weiter in Richtung Sibirien fährt, treten wir unsere Bikes nach Süden in Richtung der Hauptstadt der Mongolei. Wie Dampfloks stoßen wir weiterhin weißen Atem aus und lassen mit höchstem Kraftaufwand unsere Tretkurbeln stetig kreisen, um unser schweres Gefährd die Berge hinauf zu bringen. Am Rand der Straße liegt ein stinkender Pferdekadaver an dem sich wild aussehende Hunde satt fressen. Auf einer der Passhöhen stoppen wir für ein paar Minuten. Ich habe unweit der Straße ein paar historische, jahrtausend alte Steinkreise entdeckt. Trotz enormer Knieprobleme humple ich hin, um ein paar Bilder zu schießen. Dann geht es weiter. Wegen unseren nassen Klamotten und dem Erschöpfungsgrad wollen wir die Nacht nicht bei minus fünf Grad, noch dazu am Straßenrand, im Zelt verbringen. Nach über sechs Stunden Energieausschüttung zeigen unsere Tachos 40 Tageskilometer an. “Noch 20 Kilometer und wir sollten den Ort Bornuur erreichen”, versuche ich uns zu motivieren. “Und du meinst dort gibt es ein Gasthaus?”, fragt Tanja heftig atmend. “Wer soll das wissen? Ich kann nur hoffen”, antworte ich. 30 Minuten später stoppen wir unsere Bikes vor einem überdimensional großen Werbeschild. “Schau dir das an. Da steht, dass es nur 3,5 Kilometer bis zu einem Touristenresort ist. Es geht zwar über eine Schotterstraße in eine andere Richtung aber dort gibt es bestimmt ein schönes Zimmer in dem wir uns aufwärmen können. Was meinst du? Sollen wir es versuchen?” “Ich weiß nicht. Ich kann im Augenblick gar nichts mehr entscheiden. Vielleicht stimmen die Kilometerangaben nicht? Wäre ja nicht das erste Mal”, antworte Tanja müde und bibbernd vor Kälte. “Dort am Berghang, unterhalb des Waldstückes, das könnte es sein”, sage ich und deute auf eine schwer erkennbare Gruppe von Gebäuden. “Hm, sieht so aus als geht es heftig den Berg hinauf. Ob wir das schaffen?”, überlegt Tanja. Während wir dastehen und versuchen einen vernünftigen Gedanken zu fassen hält ein Auto neben uns. Ein Mann und eine junge Frau steigen aus. Sie freuen sich über unseren Anblick und fotografieren uns mit ihrem Handy. “Sprechen sie Englisch?”, frage ich. “Ein wenig”, antwortet das Mädchen. “Gibt es in Bornuur ein Hotel?” “Nein, ganz bestimmt nicht.” Tanja kramt indes ihr Mobiltelefon aus der Lenkertasche und versucht die Telefonnummer auf der Werbetafel anzurufen. Tatsächlich haben wir hier draußen Funkkontakt und es meldet sich jemand. “Ja wir haben ein Zimmer”, hören wir, worauf wir uns entscheiden die 3,5 Kilometer Umweg über die Schotterpiste in Kauf zu nehmen. Kaum liegt die Bundesstraße hinter uns holpern unsere Reifen über den groben Untergrund. Sofort geht es bergauf, viel steiler und gemeiner als es von der Straße aus auf uns gewirkt hat. Hunderte von Ziegen und Schafe kreuzen meckernd und mähend den Weg. Die letzten Sonnenstrahlen werden immer kürzer bis sie sich wie ersterbende Arme hinter dem Bergen zurückziehen. Dachten wir vorher es sei kalt, werden wir in diesem Moment eines Besseren belehrt. Das Thermometer fällt augenblicklich von acht Grad plus auf ein Grad minus. Der Meister zeigt sich jetzt von einer bald gefährlichen Seite, denn wir haben das Gefühl er möchte die Welt erstarren lassen. Wir wissen, dass minus ein Grad keine extreme Temperatur ist und führen die für uns gefühlte eisige Kälte auf unseren Gemüts- und Erschöpfungszustand und nassen Kleidern zurück. Während Tanja ihr Rad in Zeitlupentempo den Berg hinaufdrückt, bleibe ich im Sattel und strample mit ca. vier Km/h mein riese und müller. Absteigen und schieben ist für mich mittlerweile unmöglich. Sobald ich versuche zu gehen blockieren meine Kniegelenke völlig. Es fühlt sich so an als würde jemand eine Einsenstange ins Getriebe stecken. Also strample ich und strample ich und hoffe die Steigung zwingt mich nicht doch noch vom Bock. Tatsächlich ist die Kilometerangabe auf dem Werbeschild geschummelt, denn erst nach fünf Kilometern bewegen sich meine Reifen durch das Eingangstor der Anlage. Schwer atmend bleibe ich 70 Minuten nach Aufbruch vom Straßenschild neben einem Haus stehen. Drei Männer sind gerade beschäftigt einen alten Lastwagen, mit zum Teil undefinierbarem Kram, zu beladen. “Ist hier das Hotel?”, frage ich. “Nein dort oben”, antworten sie auf ein großes und durchaus schönes Holzhaus deutend, an dessen Fuße sich eine Anzahl von Jurten befindet. Eine Betonstraße, mit ca. 14% Steigung, führt noch mindestens weitere zweihundert Meter steil nach oben. “Das schaffen wir nie”, sage ich laut, worauf mich die Mongolen verwundert ansehen. Nachdem sie kurz mein Rad bewundert haben setzen sie ihre Arbeit fort. Eine Frau bringt einen großen Plastikbeutel aus dem Haus und reicht sie einem der Männer. Er zieht einen abgeschnittenen Ziegenkopf heraus, aus dessen Hals das Blut auf den Betonboten tropft. Ein etwa vier Jahre alter Junge steht daneben und beobachtet die Männer. “Huuaaa!”, ruft der Mann mit dem Ziegenkopf und streckt urplötzlich das blutige Körperteil mit dem glasigen Augen dem Jungen entgegen. “Hi, hi, hi”, amüsiert der Kleine sich völlig unerschrocken, worauf der Mann ebenfalls lacht und den Kopf in hohen Bogen in eine rostige Tonne auf der Ladefläche des Lastwagens wirft. Dann zieht er weitere Köpfe aus dem Beutel, die ebenfalls in der Tonne landen. Ich lehne in der Zwischenzeit mein Rad an die Hausmauer und gehe zum Eingangstor, um zu sehen wo Tanja bleibt. Noch immer schiebt sie Schritt für Schritt, wie bei einer Everestbesteigung einen Fuß vor den anderen setzend, ihren Roadtrain dem Ziel entgegen. Gerne würde ich ihr entgegeneilen aber meine Knie lassen es nicht zu. So bleibt mir also nichts anders übrig als zu warten.

“Da müssen wir rauf?”, fragt sie als sie schwer atmend durch das Tor kommt. “Ja. Weiß nur noch nicht wie. Ich denke wir können es nur mit vereinten Kräften schaffen und müssen den Weg zweimal gehen”, überlege ich auf die Mongolen blickend, die ihren LKW mit der eigenwilligen Last beladen. “Ich frage mal ob sie uns helfen”, sage ich einem plötzlichen Gedankenblitz folgend. “Gerne”, bieten sie sich an, unterbrechen ihre Arbeit und helfen Tanja und mir unsere Sumobikes zum Hotel hinauf zu schieben. Oben angekommen schenken wir unseren beiden Helfern eine Schachtel Zigaretten und eine Zigarre. “Baierlaa”, (danke) freuen sie sich und laufen wieder die Steigung hinunter.

Nichts ahnend, aus reinem Zufall, eines der schönsten Jurtenhotels des Landes erreicht zu haben, fragen wir nach dem Zimmerpreis. “115.000 Tugrik”, (55,- Euro) hören wir und erschrecken über den hohe Zahl da die Hotelübernachtung der letzten Tage bei weniger als die Hälfte lagen. Weil die günstigeren Jurten für den heutigen Abend von einer Reisegruppe ausgebucht sind, sind wir gezwungen ein Zimmer zu nehmen. Die Managerin bietet uns ein kleines beheiztes Zimmer mit Stockbett für 66.000 Tugrik an. (31,50 Euro) Schnell sind unsere Räder in einer großen Garage untergebracht. Im Zimmer reißen wir uns die nass geschwitzten Kleider vom Leib und ziehen nach einer Dusche auf dem Gang trockene an. Dann suchen wir das Restaurant auf, in dem das Essen preislich absolut in Ordnung ist und noch dazu hervorragend schmeckt. Während wir in dem wunderschöne, sehr geschmackvollen Mongolian Secret History Camp (Mongolisches Camp der geheimen Vergangenheit) sitzen und uns halb verhungert das leckere Essen munden lassen, wärmen sich unsere Körper langsam wieder auf. Draußen pfeift der Meister ums Haus und hat keine Chance mehr uns mit seinem eisigen Atem durch Mark und Bein zu blasen. Schnell fällt die Temperatur wieder auf minus fünf Grad, weshalb sich über die Pfützen und kleinen Seen dünne Schichten aus Eis ziehen. “War trotz Anstrengung eine gute Entscheidung den Umweg zu diesem Touristcamp zu nehmen”, sagt Tanja. “Ja, war eine gute Entscheidung”, antworte ich gähnend und glücklich heute nicht draußen schlafen zu müssen.

Wir freuen uns über Kommentare!

This site is registered on wpml.org as a development site.