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Russland/10.000 Km-Camp Link zum Tagebch: TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 3

Zehntausendkilometer-Tag

N 54°00'49.6'' E 079°23'36.7''
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    Tag: 104

    Sonnenaufgang:
    06:52 Uhr

    Sonnenuntergang:
    20:31 Uhr

    Luftlinie:
    93.67 Km

    Tageskilometer:
    103.46 Km

    Gesamtkilometer:
    10075.24 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    20 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    12 °C

    Temperatur – Nacht:
    8 °C

    Breitengrad:
    54°00’49.6“

    Längengrad:
    079°23’36.7“

    Maximale Höhe:
    149 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    132 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    10.10 Uhr

    Ankunftszeit:
    18.30 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    17,04 Km/h

Die Nacht in unserer ersten sibirischen Gastiniza ist sehr laut. Im Nebenhaus gibt es eine Spielhölle, vor der sich Menschen treffen, um kräftig über den Durst zu trinken. Erst als es morgens um 2:00 Uhr zu regnen beginnt hört das helle Gekreische der jungen Frauen und das Gegröle der betrunkenen Männer auf. Als ich um 6:00 Uhr die Augen aufschlage fällt mein Blick in den trüben nasskalten Himmel. So ist es also in Sibirien. Obwohl sich gerade erst der August verabschiedet hat regnet es wie bei uns Ende November. Vorgestern lagen die Temperaturen noch bei 37 Grad in der Sonne und heute zeigt das Thermometer 12 Grad. Was für ein Temperatursturz.

“Huuaa, sieht ja furchtbar aus”, meint Tanja als auch sie aufwacht. Wie in Zeitlupe packen wir unsere Sachen zusammen und präparieren uns für schweres Wetter. Plötzlich klopft es. “Herein!”, rufe ich. Vera, die Putzfrau, öffnet schüchtern und lächelnd die Tür und reicht uns eine Tüte mit frischen Tomaten. “Aus meinem Garten”, erklärt sie. Durch ihre freundliche Energie etwas aufgemuntert tragen wir etwas zuversichtlicher unsere Ausrüstung vom ersten Stock ins Parterre. “Hier”, sagt Vera noch mal und reicht uns eine weitere Tüte mit frischen Gartentomaten. “Oh, das ist sehr nett von dir Vera. Vielen Dank. Sie werden unser Mittagessen bereichern”, freut sich Tanja. Beim Heraustragen der Räder erklärt mir Tanja gestern in mehreren Läden vergeblich nach Tomaten gesucht zu haben. “Ich hatte Vera gefragt wo man frisches Gemüse bekommt und sie wusste es nicht. Ich denke das ist der Grund warum sie uns heute ein Teil ihrer Ernte mitgebracht hat.” Bevor wir die Gastiniza hinter uns lassen schenken wir der netten Frau ein Feuerzeug welches wir schon seit 3.000 Kilometer mitführen, um es bei passender Gelegenheit hergeben zu können. Obwohl Vera nicht raucht freut sie sich.

Kaum radeln wir los hört der Regen auf. Durch die Bewegung ist uns nicht mehr kalt. Der Meister ist uns wohl gestimmt, weshalb wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17 km/h dahindüsen. Auch hier in Sibirien jubeln uns viele Autofahrer zu. Jeder Dritte von ihnen drückt kräftig auf die Hupe. Trotz der vielen Kilometer die zu diesem Zeitpunkt hinter uns liegen haben wir uns noch immer nicht an das laute Saluthupen gewöhnt. Manche Fahrer schaffen es sich von hinten ungehört an uns heranzuschleichen und gerade dann auf ihre fürchterliche Lärme zu drücken, wenn es uns am meisten erschreckt. Vor allem Lastwagen mit ihren überdimensional großen und lauten Hörnen blasen uns nicht selten fast das Trommelfell durch. Lachend sitzen die Fahrer in ihrer Kanzel und winken aufgeregt. Lachend heben wir die Hand und erwidern den Gruß. Woher soll der gute Mann wissen was er mit seiner Tute bei uns verursacht?

Auch Polizisten die am Straßenrand mit ihren Radarpistolen auf Jagd gehen winken uns ab und an heran. Sie nutzen ihre Staatsgewalt auf freundliche Weise, um ihre Neugierde zu befriedigen. “Na dann noch eine weitere gute und sichere Reise”, wünschen uns die Männer in ihrem alten Polizei-Lada.

Gegen Mittag drückt sich die Sonne durch den mit Wolken verhangenen Himmel und veranlasst uns die Regenjacken und Hosen auszuziehen. Wir finden einen Platz am Straßenrand für unsere Vesper. Wie immer sind alle hübschen Flecken der Erde, die sich zur Rast anbieten, mit zerbrochenen Wodkaflaschen, Plastikflaschen und anderem Müll verunreinigt. Ich säubere das Stückchen Wiese soweit möglich. Dann legen wir unsere Plane aus und verzehren unsere Vesper. “Schau mal, da ist eine Zecke”, sagt Tanja auf den winzigen Krabbler deutend. “Tatsächlich. Kaum sind wir in Sibirien gibt es Wälder, Zecken und das Wetter ist entschieden kühler. Das Land hält was der Name verspricht”, meine ich. Tanja nimmt den kleinen Scheißer und schleudert ihn weit weg. “Fehlen nur noch die Braunbären”, meint sie mit trockenem Humor.

Wir setzen unsere Fahrt fort. Hinter den Waldstreifen am Straßenrand spitzen immer öfter riesige Weizenfelder hervor. Wir sind überrascht auch hier auf endlose Planwirtschaft zu treffen. Nun sitzen wir seit bald 10.000 Kilometern auf unseren Roadtrains, haben Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Serbien, Rumänien, Moldawien, die Ukraine, die Halbinsel Krim, Westrussland und Kasachstan durchquert und in nahezu allen Ländern sind wir häufig an riesig großen Weizenfeldern, von denen manche sogar wie Ozean wirkten, vorbeigefahren. Es ist einfach nicht zu fassen, dass die heutige Menschheit, die sich jeden Tag unaufhaltsam weitervermehrt, solch ungeheure, ja unfassbare Ressourcen benötigt, um satt zu werden. Und trotzdem hungern zurzeit etwa 840 Millionen Menschen auf unserer Mutter Erde. Während viele Menschen sich täglich den Bauch voll schlagen können und alles was ihnen nicht schmeckt einfach wegwerfen, verhungern auch heute im 21 Jahrhundert Millionen unserer Erdenbürger. Eine ungerechte Verteilung, Kriege, Diktaturen, Brandrodung, Erosion, Korruption, Naturkatastrophen und vieles mehr sind mit verantwortlich für solche Missstände.

Durch diese ewigen Felder zum Nachdenken angeregt radle ich wie in Trance dahin. Gerne würde ich die weltpolitischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge besser verstehen, um zu begreifen wie das Elend auf dieser Erde gemindert werden kann. Im Augenblick versuchen wir mit unserer Baumpflanzaktion etwas gegen das Waldsterben zu tun. Doch ist es nicht leicht Menschen für solche Aktivitäten zu mobilisieren. Kein Wunder, denn viele Erdenbürger sind verunsichert. Welche der Spendenaktionen ist sauber und welche nicht? Alleine das ist schwer herauszufinden. Mein Blick haftet wieder auf einen der Megaweizenfelder, dessen reifen Stängel sich im Westwind biegen. “Wir geben nicht auf. Wir pflanzen weiter Bäume. Wir sammeln Baum für Baum bis wir einem richtigen Wald das Leben schenken”, motiviere ich mich die Tretkurbel Kilometer für Kilometer kreisen lassend.

“Denis! Es wird Zeit für ein Camp!”, reißt mich Tanja aus meinen Gedanken. Erschrocken sehe ich auf die Uhr. Tatsächlich. Während meines geistigen Ausfluges in die Welt des Hungers habe ich meinen eigenen glatt übergangen. Es ist bereits 18:00 Uhr. Die Sonne steht tief und nach über 100 Tageskilometern bemerke ich wie mein Körper nach Ruhe ruft. “Dort hinten sieht es gut aus”, sage ich. Wir stoppen am Straßenrand und lassen die Autos vorbeifahren bis keines mehr zu sehen ist. Dann rollen wir auf einem matschigen Pfad von der Böschung in ein abgeerntetes Feld. Wegen dem weichen Untergrund gezwungen zum Absteigen, schieben wir unsere schweren Lastenesel zu einer viel versprechenden Baumgruppe mitten in der Anbaufläche. “Sieht doch gut aus”, meine ich außer Atem. “Ich weiß nicht. Man kann uns von der Straße aus noch immer sehen”, entgegnet Tanja weswegen wir uns bis zu einer anderen Baumgruppe vorarbeiten. Dort angekommen sehen wir auf einmal ein Auto welches unweit von uns vorbeiholpert. “Da ist ein Feldweg”, stelle ich fest. “Wo der wohl hinführt?”, fragt sich Tanja. “Wahrscheinlich zu einer einsamen Siedlung. Aber egal wohin er führt, bleiben können wir hier nicht. Die haben uns bestimmt gesehen”, meine ich. Wieder schieben wir weiter bis wir nach 15 Minuten eine Nische zwischen Bäumen ausmachen die weder von der Straße noch von einem der Feldwege einsehbar ist. Sofort baue ich die Fahne vom Hänger, um nicht doch noch entdeckt zu werden. Schnell stellen wir unser Zelt auf und verstecken unsere Räder unter der grünen Brettschneiderplane. Dann lasse ich mich in meinen Campstuhl sinken und locke die Koordinaten des GPS-Systems in den Computer. “Ein Abend zum Feiern”, sage ich während Tanja für uns Nudeln kocht. “Warum?” “Wir haben heute die 10.000 Kilometer überschritten.” “Oh, fantastisch.” “Ja, wirklich fantastisch. Ich hoffe du hast Champagner in deine Essenstasche gepackt?”, witzle ich. “Habe ich glatt vergessen”, amüsiert sich Tanja darauf konzentrierend ihre Nudeln nicht verkochen zu lassen.

Nachdem wir unseren Heißhunger gestillt haben vertreibt uns die aufkommende Kälte. Bei nur noch 8 Grad flüchten wir in unsere Burg und unter die Schlafsäcke. Erst jetzt spüre ich die vielen Moskitostiche die ich mir während des Tippens unserer Erlebnisse eingefangen habe. “Ahh, wie das juckt”, jammere ich mich wild kratzend. “Nimm den Cool Pic von Jaico. Er wird dir helfen”, schlägt Tanja vor. Ich reibe etwas von der braunen Flüssigkeit auf die Stichstellen. Tatsächlich wird der Juckreiz gelindert. Erleichtert liege ich da und lausche in die Nacht. Nur selten trägt der säuselnde Wind die Geräusche eines Motors vorbei. Ein Rascheln lässt mich aufmerksam lauschen. Es knackt. Ein Ast fällt vom Baum. Der Ruf eines Vogels ist zu vernehmen. Ein Hund des nahen Weilers heult herzzerreißend. Klagend antwortet ein anderer Hund. Noch gibt es hier Dörfer. Wie es wohl sein wird wenn wir die Wälder des Mittelsibirische Berglandes durchqueren? Ob es dort Wölfe gibt? Ob wir diesen Höhenzüge, noch dieses Jahr, vor Schnee und Eis erreichen?

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