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RED EARTH EXPEDITION - Etappe 2

Unsere Red Earth Expedition wird weitergehen

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    Temperatur - Tag (Maximum):
    ca. 32 Grad

Anna Plains Station — 28.04.2001

Den Vormittag nutze ich, um mir die Karten anzusehen die ich bereist in Perth besorgt hatte. In unserem großen Wohnzimmer sieht es aus als hätte eine Bombe eingeschlagen, denn überall sind die Kartenblätter verstreut. Ich knie auf den Boden und lege die Blätter so nebeneinander das sie am Ende eine überdimensional große Landkarte ergeben. So kann ich mir ein Bild von der Strecke machen die vor uns liegt. Dann markiere ich den Kidson Track mit einem Leuchtstift und suche nach Eintragungen die auf Wasserlöcher oder Windmühlen hinweisen. Selbst wenn Teile des Tracks unter Wasser liegen sollen, können auf dem Weg dorthin weite Strecken total trocken sein. Da wir nicht mit dem Jeep unterwegs sind ist eine detailgenaue Planung äußerst wichtig. Grübelnd beuge ich mich über das Kartenmaterial und frage mich woher wir die nötigen Informationen bekommen die ich dringend benötige, um nur annähernd zu wissen was da auf uns zukommt. Ich muss wissen wo sich die Überschwemmungen befinden? Wie lange es dauern kann bis sie von der extremen Australischen Sonne verdunstet werden? Wie wir sie im Notfall umgehen können? Ob und wie wir unseren Nachschub in das ewige Wüstenmeer bringen und vieles mehr.

Um 13 Uhr machen wir uns wie gestern mit Luke vereinbart auf, um uns bei seinem Haus einzufinden. Auch er begrüßt uns sehr freundlich und bittet uns erst mal herein. Wir setzen uns an den Tisch und berichten ein wenig über uns und unser Vorhaben in 30 Jahren auf dem Land und Seeweg von Europa nach Südamerika zu gelangen. Luke und seine junge Lebensgefährtin Sally hören aufmerksam zu und stellen immer wieder neue Fragen. Wir erzählen von der Mongolei, der Taklamakan, Indien und ehe wir uns versehen ist eine Stunde verflogen. Um nicht in die Nacht zu kommen brechen wir dann unsere Erzählungen ab und steigen zu Luke in die Ute (Australische Bezeichnung für Fahrzeug mit Ladefläche). Wir unterhalten uns über Anna Plains, dem schönen Stückchen Erde, den vielen Rindern und seinen Plänen ihre Anzahl von 15 000 auf 30 000 zu verdoppeln. Nach einer Stunde fahren wir auf der Staubpiste die uns zu dem Farmteil namens Rockys führt. „Hier in der Gegend habe ich sie vor wenigen Tagen gesehen!“ ,ruft er die lauten Motorgeräusche übertrumpfend. „Da seht mal, da sind ihre Spuren!“ sagt er und deutet auf die Piste vor uns. „Sie scheinen wie viele Tiere lieber auf einen Track zu laufen als quer durch den Busch,“ meine ich lachend. Der Jeep rumpelt um eine langgezogene Kurve. Hohes Buschwerk versperrt die Sicht. Tanja, Luke und ich sehen angestrengt in das Dickgicht, denn irgendwo hier müssen sie sein. „Da sind sie!“, ruft Luke freudig aus und verringert schlagartig die Geschwindigkeit. Tanja und mir schlägt das Herz vor Aufregung bis zum Hals. Tatsächlich stehen da 7 Kamele die ihren Kopf neugierig nach uns verrenken, um zu sehen was da auf sie Zukommt. Luke hält an. Leise steigen wir aus und laufen auf unsere Jungs zu. Wir rechnen damit das sie jeden Augenblick davonlaufen und bewegen uns wie in Zeitlupe. „Come ooone! Come ooone! Come ooone! (Kommt her) Tuckertiiime! Tuckertiiime! Tuckertiiime! (Essenszeit) rufen wir beide wie wir es während unserer Expeditionszeit bald jeden Tag getan haben, um sie zum Camp, oder zum Fressen zu rufen. Sebastian, Goola Badoola, Hardie, Jafar und Istan blicken uns neugierig entgegen, während die zwei Neuen sich scheu einige Schritte entfernen. Plötzlich ergreifen Goola und Sebastian die Initiative und laufen auf uns zu. Auch Jafar, Istan und Hardie folgen ihren Mates. Wir können unser Glück kaum fassen, als sie wenige Augenblicke später bei uns sind, um uns offensichtlich zu begrüßen. Nichts ist von Scheu zu bemerken. Tanja gibt Sebastian ein paar Mohrenrübenschalen und Salatreste die sie mitgebracht hat. Sofort beißt er vorsichtig hinein und frisst ihr aus der Hand. Auch Goola möchte etwas abhaben und drängelt sich wie früher dazwischen. Natürlich wollen die anderen Drei nicht zu kurz kommen und bilden einen Halbkreis um uns. Mein Gott was für ein Gefühl das ist wieder bei unseren Kamelen zu sein. Sie unverletzt und wohlauf, um uns zu haben. Tanja Augen werden vor Freude feucht und mir wird vor Glück ganz flau im Magen. Ich streichle behutsam Sebastians Nase und drücke ihm einen riesigen Kuss auf sein haariges Maul. Vorsichtig streifen wir ihm ein Halfter über den Kopf. Auch Goola und Jafar bekommen einen Halfter die sich zu unserer Freude nicht dagegen wären. Die zwei Neuen sehen der Begrüßungszeremonie aus respektvollen Abstand zu. Sie können anscheinend nicht fassen was da geschieht, machen große Augen und laufen nervös hin und her. Da sie völlig wild sind und sich von Menschen nicht anfassen lassen, ja von ihnen vor wenigen Monaten gefangen wurden, sind wir froh das sie nicht einfach davonlaufen. Gott sei Dank ist ihr Herdeninstinkt so stark entwickelt das sie nicht ohne ihre neuen Kameraden abhauen. Seit vergangenen Dezember hatten sie die Gelegenheit zu einem Team und einer Herde zusammenzuwachsen.

Langsam führen wir Sebastian und Goola, um einen weitläufigen Zaun zu einem Tor. Wie früher auch lassen sie sich ohne Wiederstand leiten. Die Neuen folgen ihnen im Sicherheitsabstand. Selbst durch das Tor bleiben sie ihren Kameraden auf den Fersen. Während ich Sebastian an das Ende des vielleicht 500 × 500 Meter großen Geheges führe, schließt Tanja das Tor und so sind unserer 7 Jungs ohne die geringste Schwierigkeit zu machen wieder in einem überschaubaren, kleinen Gehege. Luke steht am Rand des Zaunes und sieht uns staunend zu wie zahm und lieb sich unsere Boys verhalten und fangen haben lassen. „Mit Pferden wäre das nicht möglich gewesen,“ ruft er zu uns herüber. Bevor wir zur Farm zurückfahren streicheln wir unsere Expeditionspartner noch ein wenig. Morgen werden wir sie auf einen Anhänger laden und zur Homestead zurückbringen. Tanja und ich sitzen glücklich und zufrieden in Lukes Ute und fahren einem glühenden Sonnenuntergang entgegen. Unsere Red Earth Expedition wird weiter gehen und wir werden weitere Abenteuer in Australien erleben. Schon jetzt sehne ich mich an die abendlichen knisternden Campfeuer, an den Duft von frisch gebackenem Brot, den klaren Sternenhimmel und die unendlich vielen fremdartigen Geräusche des Outback.

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