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RED EARTH EXPEDITION - Etappe 2

Tage im Edgar Kampf Camp bleiben arbeitsreich

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    Tag: 38 Etappe Zwei

    Sonnenaufgang:
    06:27

    Sonnenuntergang:
    17:34

    Temperatur - Tag (Maximum):
    28 Grad

Edgar Kampf-Camp — 23.07.2001

Wie in den vergangenen Nächten juckt es mich geradezu fürchterlich am Kopf. Es ist bereits sechs Uhr am Morgen als mich der Juckreiz fast zum Wahnsinn treibt. Ich versuche mich zu beherrschen, denn eine Infektion hier mitten in der Wüste ist genau das was ich nicht gebrauchen kann. In meinem Schlafsack liegend konzentriere ich mich darauf meine Gedanken vom Jucken abzulenken doch es ist einfach unmöglich. Nur ganz kurz, ich werde nur ganz kurz heftig kratzen und dann lasse ich es für immer zufrieden, verspreche ich mir und grabe meine Fingernägel in die Kopfhaut. Ich kratze mich so intensiv und hemmungslos, dass meine Fingerkuppen durch das aufspringen der Kopfhaut feucht werden. Erst dann liege ich für einige Minuten erleichtert da. Leider hält die Linderung nicht lange an und der Juckreiz scheint nun doppelt so stark wie vorher zuzuschlagen. Wieder verliere ich die Beherrschung und kratze mich was das Zeug hält. „Was machst du denn Denis?“ „Ah, mich juckt es so furchtbar am Kopf.“ „Lass das, du machst es bloß viel schlimmer.“ „Ja, ich weiß aber ich kann einfach nicht mehr aufhören. Es ist mir unverständlich warum mir der Kopf so juckt, ich habe ihn mir doch erst vor zwei Wochen gewaschen?“ „Als du die Wassergräben gezogen hast warst du über und über mit Sand bedeckt. Du hast wie eine Wühlmaus ausgesehen und jetzt juckt dich der Sand. Ich denke wir sollten heute ein wenig Wasser opfern und dir die Haare waschen.“ „Ich glaube du hast recht. Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten,“ antworte ich und um mir nicht selbst die Haut vom Kopf zu rubbeln ziehe ich mich an und verlasse das Zelt. Meine Kopfhaut brennt jetzt von der Kratzerei höllisch und der Juckreiz hat sich mit Schmerzen vereint. Ich lenke mich ab und entfache das Lagerfeuer für unser Teewasser.

Wenig später suchen wir unsere Patienten auf. Auch an diesem Tag zeigt Goola nicht die geringste Verbesserung. Wir machen uns ernsthafte Sorgen ob er die Lungenentzündung überleben wird. Bis auf ein paar Bisse in die umliegenden Büsche verweigern Istan und Goola nun schon seit sieben Tagen die Nahrungsaufnahme und lehnen das Wasser ab welches wir ihnen anbieten. „Was ist nur los mit euch. Die Medizin muss doch irgendwann einmal anschlagen,“ sage ich zu Goola und streichle ihn. Er weicht mir aus und schüttelt seinen Kopf. Ein Hauch von Verwesungsgestank schlägt mir entgegen. Schon in den vergangenen Tagen konnte ich diesen ekelhaften Geruch bemerken der mich an unsere Pakistanexpedition erinnert. Nie mehr in meinem Leben werde ich diesen unangenehmen Gestank vergessen der damals für viele Monate ein Bestandteil der Reise war. Maden hatten regelrechte Nester in die Nasenhöhlen der Kamele gelegt und sich von dem Fleisch der Tiere ernährt. Mit Detol, anderen Mitteln und einer täglichen Behandlung konnten wir letztendlich Herr der Lage werden und die Maden besiegen. Der Grund dafür waren Fliegen die lebende Maden in Hautrisse neben dem Nasenpflock unserer Kamele Heera und Cockie legten.

Aufmerksam untersuche ich nun Goola, um endlich herauszufinden woher der Geruch der Verendung kommt. Ich greife mir seinen Nasenpflock, ziehe ihn etwas heraus, drehe ihn um 360 Grad, doch ich kann nichts entdecken. „Seltsam, Ob es von seinem Magen herrührt?“ ,frage ich Tanja. „Keine Ahnung, antwortet sie und zuckt ratlos mit den Schultern. Während sie dann die Kamele hütet begebe ich mich zum Camp zurück. Es ist 10 Uhr 30 und Zeit Jo und Tom einen Lagebericht übers Funkgerät zu geben. „Goola riecht fürchterlich aus dem Maul. Ich kann nicht feststellen woher es kommt. Beiden geht es unverändert. Würdest du bitte noch mal den Tierarzt anrufen und ihn fragen ob es irgendein Appetit anregendes Medikament gibt?“ „Kein Problem Denis. Ich werde mich bei ihm erkundigen,“ antwortet Jo die uns wie ein Schutzengel vorkommt und wir jeden Tag von neuem dankbar sind solche Freunde zu haben.

Nachdem Tanja vom Hüten zurück ist frühstücken wir unser Müsli und trinken Kakao. Dann schreibe ich an unseren Erlebnissen und zwischendurch stopfe ich Jafars Sattel nach. Es ist irgendwie verwunderlich das die Arbeit im Kamelcamp nie abzureißen scheint. Immer gibt es etwas zu tun worauf ich langsam das Gefühl habe das die Arbeit, wie die Büsche und Pflanzen hier, ständig nachwächst.

„Komm lass uns deinen Kopf waschen,“ schlägt Tanja vor. „Oh, gute Idee,“ antworte ich begeistert und stelle das Stopfen ein. „Komm mach es dir da auf dem Boden bequem, leg deinen Nacken auf das Sattelpolster von Sebastian und lass mich den Rest machen. Wir tun jetzt so als wären wir in einem richtig tollen Friseurladen.“ „Oh ja,“ antworte ich und lege mich auf die rote Erde. Tanja baut hinter mir unseren flachen, ca. 30 Zentimeter hohen Küchentisch auf, stellt eine Faltschüssel von Ortlieb darauf und gießt einen Becher Wasser über mein verschmutztes Haupt. „Ohhhhuuu, das tut vielleicht gut,“ jubiliere ich und stöhne vor Genuss auf als Tanjas Hände mir die gepeinigte Kopfhaut massieren. „Unglaublich wie schmutzig so ein Kopf werden kann. Das Wasser ist selbst für Kamele ungenießbar.“ „Sieht es wirklich so schlimm aus?“ „Richtig schlimm.“ „Auu, nicht so arg, an dieser Stelle muss ich mir die Haut aufgekratzt haben.“ „Ja, sie richtig rot und entzündet. So jetzt noch einmal klar spülen und du sieht aus wie generalüberholt,“ meint Tanja lachend und reicht mir ein Handtuch. In der Tat fühle ich mich wie neu geboren und der Juckreiz ist vom Wasser weggespült.

Am Nachmittag packe ich unsere Gewehre aus ihren Hüllen. Tanja hat mich darum gebeten unsere Marlin, Kaliber 30 × 30, auszuprobieren. Collin hat uns vor wenigen Tagen über das Funkgerät mitgeteilt auf dem Rückweg von unserem Camp mehrere Kamelherden gesehen zu haben. Einige davon befinden sich nicht weit weg von unserem Lagerplatz und da ich bisher die Marlin, die baugleich mit einer Windchaster ist, noch nicht getestet habe nutze ich die Gelegenheit es jetzt zu tun. Ich stecke eine Patrone ins Rohr, lade durch, entriegle den Sicherheitshebel und ziele auf einen dünnen Baumstamm der seine Blätter etwa 20 Meter vom Camp in den Himmel streckt. Tanja sitzt unweit neben mir und hält sich die Ohren zu während sich Rufus hinter ihren Rücken versteckt. „Rufus, hast du schon mal schlechte Erfahrungen mit Gewehren gemacht?“ ,sage ich lachend und ziehe den Abzughebel. Wuuummm donnert es, dass es mir in den Ohren klingelt. „Habe ich getroffen?“ „Ja, er hat gewackelt.“ Noch mal lade ich eine Patrone und schieße auf das gleiche 3 Meter hohe Bäumchen. Wuuummm, kracht es und ich glaube meinen Augen nicht als mein Ziel von der Kugel getroffen in der Mitte glatt auseinander bricht. „Eine verdammt durchschlagende Wirkung. Ich denke diese Waffe stoppt jeden angreifenden Kamelbullen,“ stelle ich zufrieden fest. „Ich bin erleichtert. Nachdem ich jetzt mit eigenen Augen gesehen habe zu was dieses Gewehr in der Lage ist habe ich nicht mehr soviel Angst vor den wilden Bullen,“ antwortet Tanja. Rufus reagiert auf die Schüsse als hätte ihn ein riesiges Monster in den Schwanz gebissen. Mit eingezogenen Schwanz schleicht er um uns herum und scheint Schutz vor der schrecklichen Donnerwaffe zu suchen. Den gesamten Nachmittag weicht er uns nicht mehr von der Pelle und verhält sich wie unser eigener Schatten.

Am Abend türmen sich die Wolken zu einer Gewitterfront. Wir sitzen gerade an unserem Lagerfeuer und essen als der Himmel abermals seine Schleusen öffnet. Sofort flüchten wir unter die Zeltbahn die Tanja als Sonnenschutz aufgebaut hat. Uns nicht aus der Ruhe bringen lassend sitzen wir unter dem Stoffdach und lauschen dem Trommeln der Regentropfen. Das Feuer zischt ums Überleben und verliert den Kampf mit einem letzten Aufflackern. Als der Wolkenbruch sich wieder zu einem Dauerregen ausweitet entfliehen wir in unsere kleine Burg auf dem Hügel über der endlosen Ebene.

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