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Russland/Uyar Link zum Tagebuch TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 4

Ort des Drachens

N 55°48'36.4'' E 094°19'30.0''
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    Tag: 15-16

    Sonnenaufgang:
    05:01 Uhr

    Sonnenuntergang:
    22:31 Uhr

    Luftlinie:
    44.76 Km

    Tageskilometer:
    55.94 Km

    Gesamtkilometer:
    10969.90 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    26 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    10 °C

    Temperatur – Nacht:
    9 °C

    Breitengrad:
    55°48’36.4“

    Längengrad:
    094°19’30.0“

    Maximale Höhe:
    460 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    300 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    11.30 Uhr

    Ankunftszeit:
    18.30 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    13.15 Km/h

Wieder hat uns kein Trommelwirbel, womit ich den auf die Zeltbahn prasselnden Regen meine, aus dem Schlaf gerissen. Trotzdem war es wegen den vielen vorbeirauschenden Autos eine laute Nacht. “Und ich hatte Angst vor Braunbären? Das ist ja geradezu lächerlich. An diese entsetzlich laute Verkehrsader traut sich kein normaler Bär näher als 10 Kilometer ran”, protzle ich meinen Schlafsack zusammenrollend.

Heißhungrig essen wir ein Müsli von Rapunzel. Soweit entfernt von Deutschland eine echt rare Spezialität. Dann baue ich den kompletten Vorderbau meines Rades um. Ich hatte geplant diesmal die Videokamera auf dem Lenker zu montieren. Dafür besorgte ich noch in Deutschland ein Gorillapord. Das ist ein kleines Stativ mit drei beweglichen Krakenarmen, zumindest sehen sie so aus. Nach Angaben des Herstellers kann man diese Arme um dünne Rohre, Stangen, und Sonstiges wickeln was gerade herumsteht, die Kamera darauf klicken und somit aus nahezu jeder Position filmen oder fotografieren. Meine Überlegung war es das Gorillapord am Radlenker zu befestigen. Womit ich in der Lage bin auch während der Fahrt zu filmen ohne wie in den vergangenen Jahren akrobatische Leistungen bringen zu müssen. Die ersten Tests waren allerdings negativ. Wegen dem Tacho und der Klingel haben die Greifarme keinen richtigen Platz. Jetzt versetze ich mein GPS, die Klingel, den Tacho von rechts nach links und montiere das Gorillapord erneut. Während meiner Arbeit hat sich Tanja ins Zelt zurückgezogen um zu lesen. Mich fressen hier draußen ganze Armeen von Moskitos. Es ist die reinste Geduldprobe. Um die lästigen Sauger zu vertreiben sprühe ich mich von Kopf bis Fuß mit dem Moskitomittel ein. Trotzdem stechen sie mich in die Finger und den Nacken. “Es klappt”, freue ich mich 30 Minuten später. Wir packen unser Zelt zusammen, klicken die Satteltaschen an die Räder und verlassen den Ort den die Stechmücken zu ihrer Hochburg erklärt haben.

Kaum haben wir unsere Räder auf die Straße geschoben werden wir von einem Straßenarbeiter angesprochen. “Kommt ihr aus Deutschland? Das ist ja wunderbar. Ich bin auch Deutscher. Ein Teil meiner Familie lebt in Deutschland aber ich bin hier geblieben. Wohne dort in einem kleinen Dorf. Darf ich euch etwas zum Essen anbieten?”, erzählt und fragt er freundlich. Da wir gerade gefrühstückt haben lehnen wir dankend ab, schütteln zum Abschied seine Hand und fahren los. Wir treten unsere Rösser auf einen Höhenzug. Schon nach einem Kilometer müssen wir absteigen. Mein Tacho zeigt 15% Steigung. Obwohl die Anzeige zu meinem Ärgernis meist ungenaue Zahlen ausspuckt kaufe ich ihr diesmal die 15% ab. Mit äußerstem Kraftaufwand schieben wir stoisch unsere Roadtrains den Berg hoch. Schritt für Schritt, immer weiter, mit der Zuversicht irgendwann oben anzukommen. Unter keinen Umständen daran denken, dass wir es nicht schaffen könnten und vor allem nicht daran denken das weitere 1000 Km Gebirge vor uns liegen. Dann fällt kaltes Wasser vom Himmel. Wir schlüpfen in die schwere Regenmontur und streifen sogar unsere wasserdichten Gorehüllen über die Schuhe.

Nach acht Kilometer taucht wieder eine der Raststätten auf. Mehrere Frauen sitzen auf einfachen Holzbänken davor. Als sie uns erblicken winken sie freundlich. “Kommt ihr aus Deutschland?”, fragt eine. “Ob man uns das ansieht?”, überlegt Tanja. “Guten Tag”, begrüßt sie uns freundlich auf Deutsch. “Sprechen sie Deutsch?”, wollen wir wissen. “Njet”, (Nein) prustet sie vor lachen. Auch ihre Kolleginnen lachen herzhaft, springen dann aber verlegen auf und laufen zu ihren Verkaufsständen. Die angenehme Atmosphäre hier veranlasst uns schon jetzt eine Teepause einzulegen. Wir stellen die Räder an die Bänke auf denen gerade die Frauen saßen und betreten das Rasthaus. Innen befinden sich auf einer Länge von vielleicht 50 Meter mehrer kleine Verkaufstände nebeneinander. Jede der Frauen hat einen Laden wo sie alles Erdenkliche an Speisen und Getränken anbieten. Vor den kleinen Geschäften befinden sich Bänke und Tische. Wir lassen uns auf einer der Bänke nieder und ziehen unsere Regenklamotten aus. Dann bestellen wir Tee und weil mich eine Torte ganz besonders anlacht auch davon ein Stück. “Und wie schmeckt dir die Torte?”, fragt Tanja. “Leider hat sie den Geschmack von dem gebratenen Huhn, neben dem sie stand, angenommen. Aber wenn ich mir den wegdenke ist sie echt lecker”, schmunzele ich. Draußen beginnt es wieder zu regnen. Die Temperatur fällt damit auf ca. 9 Grad C. Wir bleiben, um auf sein Ende zu warten. “Wo wollt ihr denn hin?”, fragt ein junger Sibirier in gebrochenem Englisch. Wir erklären unsere Route, worauf er und sein Freund wie gewohnt die Köpfe schütteln. “Malazee!”, (Fantastisch) sagen sie. “Ich war erst vor wenigen Tagen am Baikalsee. Es war dort sehr kalt. Vor allem der Wind war echt eisig”, erklärt er.

Als der Regen weniger wird besteigen wir wieder unsere Böcke und spulen weitere Kilometer durch das wunderbar grüne Hügelland Sibiriens. Der Regen wechselt sich, wie im deutschen April, mit der Sonne ab. Um nicht von einem der kalten Schauer überrascht zu werden lassen wir unsere Regenmontur gleich an. Das bedeutet für uns ein Wechselbad der Temperaturen. Nach weiteren 20 Kilometern suchen wir wieder eine Raststätte auf. Diesmal esse ich frische Piroschkis. (In Hefeteig gebratene Eier und Zwiebelschoten) Schmeckt echt lecker. Ist meist aber in minderwertigem Sonnenblumenöl heraus gebraten und liegt wie ein Stein im Magen. Später beneide ich Tanja weil sie keines davon verspeiste. Sie zog in weiser Voraussicht eine Banane vor.

Plötzlich brummt ein schweres Motorrad an uns vorbei. “Sah wie ein deutsches Nummernschild aus!”, ruft Tanja. Nur Augenblicke danach bremst der Fahrer seine Maschine ab, wendet und kommt uns entgegen. “Na so etwas habe ich auf meiner gesamten Reise noch nicht gesehen! Ist ja nicht zu fassen! Einfach unglaublich! Und ihr kommt auch aus Deutschland!”, freut sich der beleibte Mann der sich als Norbert vorstellt. Schnell kommen wir ins Gespräch und tauschen ein paar Erfahrungen aus. “Ich möchte zum Baikalsee. Ist ein Kindertraum von mir den ich mir jetzt endlich erfülle. Ich habe 10 Jahre darauf gespart. Ist nicht einfach als geschiedener Mann das Geld für so eine Reise zusammenzubringen. Aber jetzt bin ich unterwegs. Leider kann ich von dort aus nicht mehr zurückfahren”, erzählt er uns. “Warum? Wird es mit der Zeit knapp?”, frage ich. “Nein, nein. Ich habe sechs Wochen. Das langt völlig. Aber ein Lastwagenfahrer hat mich in der Ukraine gegen die Leitplanke gepresst. Bin da mit meiner Maschine 50 Meter entlang geschlittert. Zum Glück ist mir nichts geschehen. Allerdings hat der Zylinderkopf etwas abbekommen. Jetzt ölt er. Die Ukrainer haben mir meine BMW soweit wieder hergerichtet. Haben alles Geschweißt, den zerbeulten Koffer wieder ausgebeult und wollten dafür nicht mal einen Cent. Trotzdem traue ich der Sache nicht da Öl austritt. Möchte nicht das es mir irgendwo in der Pampa den Motor zerreißt. Das wäre dann wirklich schlecht. Ich werde die Maschine am Baikalsee in die Transsibirische Eisenbahn laden müssen. Aber erst möchte ich meine Zehen in das Wasser des Sees tauchen. Das gehört zu meinem Traum”, plaudert der freundliche Mann. “Meinst du es war Absicht?”, fragt Tanja. “Wie? Du meinst das der Lastwagenfahrer mich bewusst von der Straße gedrückt hat?” “Ja. Könnte doch sein?” “Da bin ich mir ganz sicher. Das war kein Zufall. Der wollte mich hochgehen lassen. Entweder er war betrunken oder er hatte andere Beweggründe”, erklärt Norbert. Wir verabschieden uns dann wieder von Norbert, wünschen uns gegenseitig viel Glück und setzen jeder für sich die Fahrt fort.

Es dauert nicht lange und an meinem Rad beginnt etwas laut zu schleifen. Ich halte an und versuche die Ursache herauszufinden. Ergebnislos fahren wir weiter jedoch wird das Schleifen schlimmer. An einer Leitplanke stoppen wir erneut und lehnen unsere Böcke dagegen. Dicht neben uns rauscht der schwere Verkehr vorbei. Ich entlade das Rad jetzt völlig, um es genauer unter die Lupe zu nehmen. “Es ist die hintere Bremse. Die muss sich durch den vielen Matsch verstellt haben”, sage ich, hole mein Werkzeug, setze mich auf eine Ortliebsatteltasche und stelle das Bremssystem neu ein. Schon nach wenigen Minuten passt es perfekt. “Hätte nicht gedacht die Einstellung von der Magura so schnell hinzubekommen”, äußere ich mich zufrieden, das Rad wieder beladend.

Dann kommt die Sonne heraus. Wir durchqueren eine Bilderbuchlandschaft. Links und rechts der Verkehrsader wölben sich saftig grüne Wiesen, die von Birkenwäldern und Nadelwälder begrenzt werden. Wunderschöne Blumen blühen in unbegrenzter Zahl auf den endlos wirkenden Grünflächen. Kleine Baumgruppen schwimmen wie Inseln in einem Meer von unterschiedlichem Grün. Ab und an säumen satte Äcker unseren Weg. Gewitterwolken betupfen ein hellblaues Firmament. Manchmal werden wir von dem einen oder anderem Flachstück beschenkt und dürfen nur mit geringem Kraftaufwand dahin gleiten. Pilzverkäufer stehen an einem Ortsausgang. Eimerweise bieten sie Steinpilze, Maronen und andere Pilze an. “Wollt ihr keine kaufen? Ist nicht teuer!”, rufen sie. “Danke aber wir haben keinen Platz um sie zu laden”, antworten wir. “Aber ihr habt doch da einen dicken Kühlschrank den ihr durch die Gegend zieht. Da ist doch bestimmt noch ein Fleckchen für unsere leckeren Pilze?”, sagt eine Frau auf meine Zargesbox deutend. “Nein, nein, die Box ist mit Technik und anderer Ausrüstung voll”, antworte ich lachend. Wir verweilen bei den Verkäufern für einige Augenblicke, filmen und fotografieren sie. Autofahrer halten an und feilschen um den Preis. “Also wenn du noch den zweiten Eimer nimmst bekommst du einen Eimer für 60,- Rubel (1,36 Euro). Das heißt beide für 120,- Rubel (2,72 Euro)”, sagt ein junger Mann zu einer modisch gekleideten Käuferin. Die Frau lässt sich das Angebot nicht entgehen und schlägt zu. Freudig nimmt der Pilzsucher das Geld, steckt es in die Hosentasche, schnappt sich seine leeren Eimer und begibt sich augenblicklich wieder in den Wald um eine weitere Füllung zu suchen. Wir winken den Pilzverkäufern zum Abschied und setzen unsere interessante Reise durch Sibirien, nie wissend was hinter der nächsten Kurve auf uns wartet, fort.

Um 18:00 Uhr zeigt uns ein Schild den Weg zum Ort Uyar. Wir müssen die Hauptstraße verlassen und vier Kilometer nach Süden strampeln. Gerade erst sind wir abgebogen gibt es kaum noch Verkehr. “Welch eine Wohltat”, rufe ich erleichtert auf. “Genau so habe ich mir die Radreise durch Sibirien vorgestellt”, meint Tanja. “Denke das kommt noch. Vielleicht wird es hinter der Stadt Kansk ruhiger”, antworte ich als uns schon wieder eine Steigung in Anspruch nimmt. Auf der anderen Seite lassen wir unser Gepäck auf Rädern die Anhöhe in ein Tal rollen. Unten sehen wir wie sich ein Güterzug der Transsibirischen Eisenbahn an einem Hügel vorbei windet. Seit Krasnojarsk haben wir immer wieder einmal Berührung mit der weltberühmten Eisenbahnstrecke die sich, wie wir, ihren Weg bis nach Irkuts bahnt, um dann weiter bis nach Wladiwostok führt. Bis zum Baikal also werden wir uns gegenseitig treu bleiben. Eine weitere Strecke führt allerdings auch durch die gesamte Mongolei bis nach Peking. Ich denke, dass wir diese Eisenbahnstrecke bis zum Ende dieser Etappe noch oft kreuzen. Während unserer großen Reise haben Tanja und ich schon mal die Strecke von Hongkong nach Peking und von Peking durch die gesamte Mongolei bis nach Ulan Bator in dieser Eisenbahn zurückgelegt. Damals reisten wir für viele Tage in dem eisernen Ross, um dann das mongolische Hochland für 1.600 Kilometer mit Pferden zu durchqueren. Immer wenn ich jetzt die Züge der Transsibirischen Bahn sehe denke ich an die damalige aufregende Expedition zurück.

“Da ist eine Werbetafel einer Gastiniza!”, meint Tanja. “Fantastisch! Hat sogar sieben Sterne”, antworte ich wissend die Bewertung nicht ernst nehmen zu können. Langsam holpern wir über die furchtbar schlechte Straße in die Ortschaft. Die Menschen bestaunen uns. Manche versuchen krampfhaft wegzusehen und als wir an ihnen vorbei sind blicken sie regelrecht gebannt hinterher. Ohne Zweifel hat man hier noch nie oder wenn, dann äußerst selten solche bepackten Räder mit Anhänger gesehen. Wir fragen nach dem Weg zur Unterkunft. “Prjama, priama, padom naljewa i padom priama, padom ßwitafora naprawa”, erklärt eine Frau. (Gerade, gerade, danach links und danach geradeaus, danach an der Ampel nach rechts) Während ich die neue Kamerabefestigung ausprobiere und mich aufs Filmen konzentriere, muss Tanja immer wieder nach dem richtigen Weg fragen. Dabei sucht sie sich Menschen aus die vertrauenswürdig aussehen. Hier auf dem Land begegnen wir vielen Betrunkenen die am helllichten Tag Schwierigkeiten besitzen geradeaus zu gehen. Kein Wunder, denn in so einer abgelegnen Ortschaft in Sibirien gibt es für die Bevölkerung kaum Perspektiven. Das Freizeitangebot ist extrem limitiert wenn überhaupt vorhanden. Wir entdecken eine von Hand bemalte Tafel die für einen Kinofilm wirbt. Ob in dem Ort überhaupt ein Kino vorhanden ist dürfte zweifelhaft sein. Es gibt kaum Geschäfte und die Arbeitslosenzahl ist sehr hoch. Auch in Russland, so hat man uns zumindest berichtet, haben wegen der Wirtschaftskrise viele Menschen ihren Job verloren. Für die Betroffenen ist das eine wahre Katastrophe denn sie sind nicht sozial abgesichert wie z. B. bei uns in Deutschland. “Wenn jemand seine Arbeit verliert so muss er von seinen Ersparnissen leben. Arbeitslosengeld gibt es bei uns nicht. Menschen die eine Eigentumswohnung abbezahlen müssen verlieren diese oder werden von der Familie unterstützt. Natürlich nur wenn die Familie unterstützen kann und nicht selbst betroffen ist. Mittlerweile müssen viele Russen auch für geringe Löhne schuften. So manche Arbeitgeber nutzen die schlechten Zeiten der Wirtschaft aus. Ich arbeite als Übersetzerin in einer Mine im nördlichsten Teil Russland und bekomme 150,- Rubel (3,40 Euro) die Stunde. Das ist kein schlechtes Einkommen für Russland”, meinte Katja. Jenya hat ebenfalls studiert und arbeitet als Kunstschmied. Nach seiner Aussage verdient er 15.000 Rubel (340,- Euro) im Monat. Das sind Gehälter die man in einer Stadt verdient. Hier in den Dörfern ist es anders.

“Wo kommt ihr denn her?”, fragt mich ein Mann und haucht mir dabei seine Bierfahne ins Gesicht. Zwei Jungs auf einen Moped beobachten uns interessiert. “Könnt ihr uns bitte sagen wo die Gastiniza ist?” fragt Tanja höflich. “Aber gerne. Wenn ihr wollt fahren wir euch voraus”, bieten sie an. Wir folgen den Jungs über die vielen Hubbel, den aufgerissenen Asphalt, durch die unzähligen Mulden und tiefen Risse der vom extremen Winter gepeinigten Straße. Vor einem aus roten Ziegeln gemauerten Gebäude bleiben wir stehen. “Das ist es”, sagen die jungen Männer und begleiten mich in das Innere. Eine Frau sitzt missmutig hinter einem alten Dresen der vor vielleicht 30 Jahren bessere Zeiten erlebte. “Nein wir haben kein Zimmer”, faucht ihre Stimmer über den Tisch, dass es mir glatt die Haare aufstellt. “Aber wir sind hundemüde. Wir brauchen eine Unterkunft für die Nacht”, bitte ich höflich. “Sagte doch schon, wir haben nichts!”, keift sie mich wieder mit bitterböser Mine an. Ich bin mir sicher, hätte sie ein Schwert, wäre mir der Kopf schon beim Betreten dieser Absteige von den Schultern gerollt. Rührend setzen sich die zwei Mopedfahrer für mich ein. Ihnen ist es sichtlich peinlich dass der Empfangsdrachen so mit mir umgeht. Dann glaube ich zu verstehen für eine Nacht ein Zimmer bekommen zu können. “Ich möchte nur eine Nacht bleiben”, nehme ich einen erneuten Versuch. “Für eine Nacht können sie ein Zimmer haben”, schneidet sich ihre Stimme durch den dunklen Empfangsraum. Dann aber empfiehlt die Dame den Jungs mich zu einer anderen Gastiniza zu schicken, worauf sie sich auf den Weg machen, um diese für uns auszukundschaften. Sichtlich angeschlagen von soviel Unfreundlichkeit verlasse ich erstmal die Gastiniza und berichte Tanja von meinem Erlebnis. Eine etwa 50 Jahre alte Russin kommt auf uns zu und spricht uns direkt an. “Sie wollen in dieser Gastiniza übernachten? “Aber ja”, antworten wir. “Das ist doch kein Problem”, antwortet sie und begleitet mich wieder in die Höhle des Löwen. Es dauert nur Sekunden bis die beiden Damen ein lautes, offensichtlich aggressives Wortgefecht austragen. Die Gewinnerin ist anscheinend die Sibirierin die mich gerade eben wieder in die Unterkunft brachte. “Ob sie auch ein Engel ist? Vielleicht ist sie auch von einem Energiewesen gestreift worden, um uns in diesem Moment zu helfen? Warum kommt sie gerade zu dieser Sekunde wie aus dem Nichts auf uns zu und fragt ob wir hier bleiben wollen? Ob sie die Besitzerin des Ladens hier ist?”, geht es mir durch den Kopf, zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissend, das sie mit der Gastiniza absolut nichts zu tun hat, denn wir treffen sie beim verlassen der Stadt an ihrem kleinen Obststand an der Hauptstraße. Wie auch immer. Unsere sibirische Freundin Katja hat mir in Krasnojarsk noch erzählt, dass uns nichts Negatives geschehen wird weil ich am fünfundzwanzigsten Januar geboren bin. “Das ist der Tag der Engel”, meinte sie gütig lächelnd. Vielleicht ist ja etwas Wahres an dieser Geschichte, denn wenn es auf unseren Reisen und Expeditionen eng geworden ist, kam bisher bald immer jemand der uns aus der Patsche geholfen hat.

“Darf ich das Zimmer erst sehen?”, erlaube ich mich die unangenehme Person zu fragen. Mürrisch begleitet mich die Empfangsfrau in den ersten Stock und zeigt mir das De-luxe-Zimmer. Ich bin überrascht in dem alten Bau eine relativ gut restaurierte Unterkunft mit Dusche, kleinem Wohnzimmer und Schlafzimmer zu erblicken. “Funktioniert das heiße Wasser?”, interessiert es mich, da es bei Jenya in der Wohnung kein Heißwasser gab weil die Heißwasserleitungen der Stadt Krasnojarsk wie jeden Sommer für zwei Wochen überholt wurden. “Klar”, bekomme ich eine trockene Antwort. “Das De-luxe-Zimmer kostet pro Person 1140,- Rubel. (25,90 Euro)”, sagt sie ein wenig den ärgerlichen Ton aus ihrer Stimme nehmend. Über den hohen Preis erschrecke ich im ersten Moment. Weil wir aber sehr anstrengende Tage hinter uns haben und mir das rechte Knie anfängt zu schmerzen entscheiden wir uns trotzdem hier zu bleiben. Vor der Weiterfahrt müssen wir erstmal ein wenig auszuruhen. Jetzt erlaubt uns der Drache auch unsere Räder und das Gepäck in den Empfangsraum zu stellen. Während sich Tanja nun mit dem Ausfüllen der Papiere beschäftigt, sperre ich unsere Räder mit einem Schloss zusammen. Ein weiteres Schloss nutze ich um die Hinterreifen an die nahe Heizung zu ketten. “Das brauchen sie doch nicht zu machen. Ich bin die gesamte Nacht da”, meint die Gastinizaangestellte. “Kann doch nicht schaden”, antworte ich lächelnd und decke die edlen Rösser mit einer Plane ab. Somit kann nicht gleich jeder sehen welch exotische Räder hier im Vorraum geparkt sind.

“Ich kann ihnen nicht passend herausgeben. Sie müssen in das Magazin (Laden) gegenüber gehen. Dort können sie ihren Schein wechseln lassen”, bestimmt die Unfreundliche. “Gut mache ich, aber erst möchten wir unsere Ausrüstung in das Zimmer tragen”, antwortet Tanja sehr freundlich. “Njet! (Nein) Erstmal gehen sie das Geld wechseln und dann dürfen sie ins Zimmer”, höre ich den Drachen fauchen. “Gut, wenn sie es so wünschen”, antwortet Tanja geduldig und macht sich auf den Weg. Obwohl mir bewusst ist das die Grobheit dieser Frau auf ihre eigene Unsicherheit, Angst und Schwäche zurückzuführen ist bekomme ich langsam zuviel. Nachdem die Räder gut verstaut sind gehe ich zum Dresen und sage: “Den Schlüssel bitte.” “Njet, (Nein) erstmal Geld wechseln.” “Jetzt geben sie mir augenblicklich diesen verdammten Schlüssel”, fauche ich zum ersten Mal zurück. Ohne mit der Wimper zu zucken reicht mir der Drache den gewünschten Schlüssel. “Spaßiba”, (Danke) sage ich und beginne unsere Ortliebtaschen nach oben zu schleppen. Nur Minuten später ist auch Tanja vom Wechseln zurück und hilft mir die Anhänger ins Zimmer zu tragen. “Oh Gott schau dir das an”; fährt es mir über die Lippen als mein Blick auf die Steckachse ihres Anhängers fällt. “Was ist denn jetzt schon wieder?”, wundert sich Tanja. “Dein Reifen hat sich gelöst und die Kugellager sind gleich mit herausgekommen”, antworte ich den Hänger im Zimmer abstellend. Obwohl ich nach dem langen Tag hundemüde bin bleibt mir nichts andres übrig als sogleich den Schaden zu untersuchen. Hatten wir schon wieder einen Schutzengel? Kurz vor dem Städtchen sind wir einen Berg hinuntergefahren. Auch hier hätte sich unter keinen Umständen ein Rad des Anhängers selbstständig machen dürfen. Wären wir nur ein paar hundert Meter weiter gefahren wäre der Reifen aber von der Achse gesprungen. Leise fluchend muss ich feststellen, dass sich die Kugellager aus der Achshülse komplett gelöst haben und trotz aller Kraftanstrengung nicht mehr dorthin zurück wollen. Grübelnd sitze ich da und frage mich wie ich die Lager wieder in die Achse bringe ohne sie dabei zu zerstören. Nach etwa 20 Minuten habe ich das Problem gelöst und der Hänger ist wieder fitt. Warum sich die Lager so derart lockerten bleibt mir ein Rätsel. Wir können nur hoffen, dass es sich nicht wiederholt und sind gezwungen ab sofort beide Anhänger ständig zu prüfen.

Nach getaner Arbeit und dem ewig langen Tag sitzen wir nun in unserer moskitofreien sibirischen De-luxe-Unterkunft, trinken ein Bier, essen von Tanja zubereiteten Salat und sind glücklich wie die kleinen Kinder es bis hierher geschafft zu haben. Wir genießen nach zwei Wochen unsere erste heiße Dusche. In einem Land, in dem das Wasser selbst im Sommer kurz vor dem Gefrierpunkt aus der Leitung kommt, eine traumhafte Sache. Selbst der Drache mutiert plötzlich zum Engel und fragt später mit einem echten Lächeln auf den Lippen ob alles zu unserer Zufriedenheit läuft. Was will man mehr.

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