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Link zum Tagebuch: TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 1

Nasskalte Schauer

N 47°45'460'' E 018°07'689''
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    Tag: 56

     

    Sonnenaufgang:
    06:29 Uhr

     

    Sonnenuntergang:
    18:59 Uhr

     

    Luftlinie:
    55,29 Km

     

    Tageskilometer:
    76,50 Km

     

    Gesamtkilometer:
    1422,36 Km

     

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

     

    Temperatur – Tag (Maximum):
    22,1 °C

     

    Temperatur – Tag (Minimum):
    15,5 °C

     

    Temperatur – Nacht:
    8,8 °C

     

    Breitengrad:
    47°53’423“

     

    Längengrad:
    017°34’613“

     

    Maximale Höhe:
    124 m über dem Meer

     

    Aufbruchzeit:
    10:00 Uhr

     

    Ankunftszeit:
    18:15 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    15,59 Km/h

Die Drehtkurbeln  kreisen monoton der verlassnen Donaustauung entlang. Der Himmel ist trüb und der Tag kalt. Alle paar Kilometer müssen wir unsere Roadtrains durch einen extra für Räder vorgesehenen Schrankendurchlass manövrieren. Autos und Motorräder sind hier oben nicht erlaubt. “Reise gut?”, fragt uns ein russisches Pärchen die uns mit ihren Rennrädern entgegenkommen. “charascho”, (gut) antworten wir. Erst ein paar Kilometer später wissen wir warum die Russen uns nach der Qualität des Weges gefragt haben. Der bisher so perfekte Asphaltstreifen löst sich in einem von Grasnaben durchsetzten Pfad auf. Zu Füßen des Dammes führt eine brauchbare Schotterpiste entlang. “Wir versuchen es da unten”, entscheide ich. Unsere Reifen versinken im Kies und Schotter. Das Vorankommen ist möglich aber nicht mehr einfach. Der Weg ist feucht. Pfützen haben sich gebildet und unsere Hänger rauschen und rumpeln hindurch. Die gesamte Gegend steht fast bis zum Fahrweg unter dem gestautem Donauwasser. Ein idealer Brutherd für Stechmücken. Stehen bleiben um ein paar Minuten zu verschnaufen ist definitiv unmöglich. Millionen von Moskitos stürzen sich dann über uns, um ihre schrecklichen Stacheln in unsere Haut zu jagen. Selbst während des Fahrens penetrieren sie unseren Nacken, fliegen durch die Schlitze im Helm, um sich an der Kopfhaut zu laben oder jagen ihre Rüssel durch die Radhosen, um sich das Blut aus unseren Beinen zu ziehen. Stunden plagen wir uns unterhalb des Dammes entlang, hoffend nicht gerade jetzt einen Platten zu fahren. Endlich erreichen wir einen Asphaltstreifen der unseren Pfad kreuzt und sich über den Damm windet. Eine alte Frau hütet dort oben ihre Ziegen und sieht mir freundlich entgegen. “Ist das hier Vel`ke Kosihy?”, frage ich oben ankommend, darauf hoffend das sie mich versteht. “Vel`ke Kosihy, ja. Woher kommen?”, fragt sie mich zu meiner Verblüffung in gebrochenem aber verständlichen Deutsch. “Aus Deutschland”, antworte ich wild schnaufend und noch wilder um mich schlagend. “Welche Stadt?”, fragt sie freundlich lachend und fast mit einer Hand meinen Lenker. “Aus Nürnberg”, antworte ich fast verzweifelt denn die Stechmücken fliegen gerade eine volle Attacke. “Nürnberg, ich kennen. Freunde haben aus Deutschland”, sagt sie anscheinend gerade in die Stimmung kommend sich auf ein längeres Gespräch einzulassen. Während die Ziegen neben mir meckern, die alte Dame mir weitere Fragen stellt und meine Beine mit gefräßigen Stechmücken geradezu lückenlos gespickt sind, versuche ich der Ziegenbesitzerin klar zu machen hier nicht mehr bleiben zu können. Tanja kommt gerade heftig schnaufend und schrecklich fluchend über die Dammkuppe als ich mich von der Hand der netten Frau befreit habe und mein Rad in die Befreiung den Damm nach unten rauschen lasse. “Das ist ja der Wahnsinn! Nie mehr will ich an solch einem Weg entlangfahren! Lieber radeln wir auf der Straße als sich diesem Irrsinn auszusetzen! Bin jetzt richtig ärgerlich geworden!”, verschafft sich Tanja laut schimpfend Luft. “Es kann doch keiner etwas dafür wenn es da plötzlich so viele Stechmücken gibt”, antworte ich. “Ich bin ja nicht ärgerlich auf dich sondern auf die Scheißviecher!”, beschwert sie sich heftig kratzend.

Die riesigen Felder die an uns vorbei gleiten vermitteln einen traurigen Eindruck. Nahezu alle sind abgeerntet und die braungraue, umgepflügte Erde erstreckt sich bis zum Horizont. Eine Maschine erntet die letzten dunkel gewordenen Sonnenblumen. Apfelbäume säumen Teile die Straße. Vereinzelte Äpfel hängen noch in den fast Blattlosen Ästen oder faulen auf dem Boten. “Lass uns eine kurze Pause einlegen”, stoppt mich Tanja als wir das Jagdgebiet der Stechmücken hinter uns gelassen haben. Am Straßenrand stehend stärken wir uns mit einem Nussmix von Rapunzel und ein paar Feigen deren Zucker uns wieder Energie für die nächsten Kilometer gibt. Bei Okanikovo begeben wir uns auf die stark befahrene Hauptstraße und folgen ihr auf dem Seitenstreifen bis nach Zlatna. Obwohl wir erst spät losgekommen sind zeigt unser Tacho bereits 52 Kilometer an. Am Straßenrand wirbt ein Restaurant mit gutem Essen. Leider hat es nachmittags geschlossen. In der Stadt Zlatna finden wir ein weitere Gaststätte in der wir uns etwas wärmen und mit einer Mahlzeit stärken wollen. Die Besitzerin bittet uns herein obwohl auch ihr Betrieb seit einer halben Stunde zu ist. “Wollen sie einen Erbseneintopf und etwas Gemüsesuppe?”, fragt die Frau uns auf Englisch. Gerne antworten wir. Als wir Zlatna verlassen hat der Regen zugenommen. Es ist ein Tag an dem man sich fragt was wir hier überhaupt zu suchen haben. Lastwägen und unzählige Autos donnern an uns vorbei. Der Fahrtwind bedeckt uns mit einem nasskalten Schauer. Lichter blenden und als die Industriestadt Komarno auftaucht benötigen wir all unsere Energie um nicht in dem Verkehrswahn unterzugehen. Zielsicher streben wir einen Punkt auf der Karte zu der mit einer Unterkunft gekennzeichnet ist. Ich frage einige Passanten in mehreren Sprachen und als das nicht funktioniert bewährt sich Gott sei Dank die Zeichensprache. Dann geht es über eine Brücke. Auf dem Seitenstreifen parkt ein Auto. Ich möchte es gerade überholen als mich ein lautes Hupen veranlasst die Bremsen ziehen. Gerade noch rechtzeitig komme ich vor dem parkenden Auto zum stehen. Der Lastwagen donnert in schäumender Gischt an mir vorbei, dann lenke ich meinen wackeligen Roadtrain um das Fahrzeug und weiter geht’s. Wieder müssen wir eine Brücke hinauf und hinunter. Mein Rücken beginnt sich zu beklagen. Stechende Schmerzen fahren in immer kürzeren Abständen hinein. Am Stadtrand erfahren wir, dass es die Unterkunft anscheinend nicht mehr gibt. “Zentrum, müssen ins Zentrum”, sagt ein junger Tankwart. Tanja und ich radeln wieder die stark befahrene Brücke hoch. Dann biegen wir links ab, um an einem Seitenarm der jetzt dunkel wirkenden Donau weiterzukommen. “Zumindest fahren hier keine Autos!”, rufe ich Tanja zu. Industrieanlagen äugen uns mit ihrer Hässlichkeit an. Verlassene Gebäude scheinen kurz vor dem Zusammenbruch zu ächzen. Die Löcher im Asphalt sind mit Wasser gefüllt. Aufmerksam lenken wir unsere Räder herum. Die Schmerzen im Rücken nehmen zu. “Da vorne ist eine Pension!”, ruft Tanja. “Wo?” “Da rechts. Ich habe das Hinweisschild gesehen!”, antwortet sie. Wir biegen in eine Nebengasse, stellen unsere Räder vor einem Haus ab und ich frage ob es noch ein Zimmer für uns gibt. “Tut mir leid. Alles voll”, enttäuscht mich die englisch sprechende Stimme der jungen Frau. “Gibt es hier noch eine Pension in der Nähe?”, möchte ich wissen. “Ja, Pension Dunai. Sie ist nicht weit von hier”, höre ich erleichtert. Sofort mache ich mich auf dem Weg um sie zu finden. Kreuz und quer laufe ich durch und über die Straßen dessen Asphalt wie aufgeschobene Eisschollen herumliegen. Offensichtlich wird hier der alte Belag von der Straße gerissen, um irgendwann ersetzt zu werden. Es dauert lange und ich werde erst fündig als mir ein Junger Mann den Weg weist. “Ja wir haben Zimmer”, vernehme ich erfreut. Sofort spurte ich zu Tanja und den Rädern zurück. Als wir dann meinen schweren Anhänger in das schöne, nagelneue Zimmer hinauftragen schießt mir ein heftiger Schmerz in den Rücken und legt mich für den Rest des Abends flach. “Meinst du wir können morgen weiterfahren?”, fragt Tanja besorgt. “Keine Ahnung. Aber so wie es im Augenblick aussieht bin ich erstmal außer Gefecht gesetzt.

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