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RED EARTH EXPEDITION - Etappe 2

Momente wie Weihnachten und Neujahr zusammen

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    Tag: 59 Etappe Zwei

    Sonnenaufgang:
    06:15

    Sonnenuntergang:
    17:38

    Temperatur - Tag (Maximum):
    35 Grad

Max-Camp — 13.08.2001

Um sechs Uhr hält mich nichts mehr in unserer vom Tau durchnässten Behausung. Müde verlasse ich sie und steige in meine feuchte Hose die über dem Funkgerät liegt und so schmutzig ist, dass ich sie nicht mehr ins Zelt mitnehmen kann. Dann ziehe ich fröstelnd mein ebenso schäbiges Hemd an und rufe nach unserem treuen Hund: „Rufus! Rufus komm wieder nach Hause! Komm schon!“ Erregt vor Freude höre ich ein leichtes Bimmeln was von seinem Herzanhänger und der Kette verursacht wird die er um den Hals trägt. Schwanzwedelnd springt er über einen der größeren Spinifexgrasbüschel und bleibt ebenfalls erregt vor mir stehen. „Bist ein guter Hund Rufus. Du brauchst doch keine Angst zu haben. Das Gewehr hat uns wieder gut verteidigt mein Freund. Ach bin ich froh dich wieder zu sehen,“ sage ich und kraule und liebkose ihn.

Glücklich unser Team wieder vollständig um uns zu wissen laufe ich zum Funkgerät, um mit Jo & Tom und Colin zu sprechen. „Wir brechen gleich auf Denis. Hast du noch irgendwelche Wünsche?“ ,fragt Colin. „Nein danke, wenn ihr euch selbst mitbringt sind alle unsere Wünsche erfüllt.“ „Okay, wenn die Bäckerei fertig gebacken hat kommen wir. Wir freuen uns auch euch wiederzusehen. Lasst euer Funkgerät an damit wir jederzeit mit euch Kontakt aufnehmen können,“ antwortet er und beendet den Funkgespräch.

Tanja und ich sind kurz darauf beschäftigt unser Lager so schön wie nur möglich für den großen Besuch herzurichten. Wir räumen alles auf, stellen unsere Ausrüstung in den Schatten, holen Feuerholz und vieles mehr. Aus dem Lautsprecher des Flying Doctor Radios können wir die Kommunikation von Colin und Tom mitverfolgen und erfahren so das sie bereits im Edgar-Kampf-Camp sind um unsere zurückgelassenen Ausrüstung aufzunehmen. „Ihr seid ja unglaublich schnell. Wir wollten euch doch frischen Damper anbieten. Da muss ich mich aber beeilen,“ sage ich eilig ins Mikrofon. „Ja werfe schon mal Holz aufs Feuer,“ antwortet Colin lachend. Sofort lege ich einen kleinen Spinifexgrasbüschel in die Feuergrube, zünde ihn an und werfe ein paar Äste darauf. Es beginnt zu knistern und wenige Minuten später züngelt das Lagerfeuer. Ich füttere es unaufhörlich mit größeren Ästen um eine gute Glut herzustellen. Dann gibt mir Tanja Mehl und Wasser in einen Topf und weil sie sich bei der Sattelreparatur im letzten Camp mehrere offene Stellen an den Händen geholt hat knete ich den Teig. Kaum ist er fertig lege ich ihn in den Bedourie und stelle diesen in die Glut. Tanja und ich sind wegen dem Besuch so aufgeregt als würde Weihnachten und Silvester auf den gleichen Tag fallen. Ungeduldig warten wir auf die Motorengeräusche die bald zu hören sein werden. Da das Holz hier von schlechter Qualität ist ergibt es keine gute Glut und ehe ich mich versehe ist das Feuer aus. Sofort entzünde ich ein neues, denn mein Ergeiz lässt nicht zu unseren Gästen ein minderwertiges Brot anzubieten. Kurz vor 12 Uhr laufen wir zur Erdpiste und blicken in Richtung Westen. Jeden Augenblick müssen die zwei Fahrzeuge über die Horizontlinie kommen. „Da, da sind sie,“ rufe ich und deute auf das erste Aufblitzen in der grellen Sonne. Tatsächlich kommen die zwei Punkte schnell näher. Sie wirbeln große Staubwolken auf und man könnte meinen, dass es riesige Banner sind die sie zu unserer Begrüßung hinter sich herziehen. Bei dem Anblick bekomme ich eine Gänzehaut, denn es ist für mich immer noch nicht richtig greifbar was diese Menschen für uns tun. Kaum halten die Fahrzeuge an springen die Türen auf und die Wiedersehensfreude nach all den Erlebnissen hier in der Wildnis ist geradezu unbeschreiblich. Wir umarmen und drücken Jo & Tom, Colin und Stephen so herzlich, dass uns die Augen feucht werden. Max, der auf dem Anhänger sitzt, sieht der Szene neugierig zu. Er ist ein hübsches lieb aussehendes Kamel der laut Jo Und Toms Aussage sich während der gesamten Fahrt großartig verhalten hat. Nachdem wir uns ausgiebig begrüßt haben entladen wir ihn. Colin rangiert mit seinem Jeep den Anhänger an den Rand des Weges wo Tom und ich eine Art Rampe schaufeln damit Max sich beim herabsteigen nicht verletzt. Jo klettert in den Tiertransporter und bindet die Beinseile von Max los der sofort aufspringt und mit wackeligen Beinen versucht sein Gleichgewicht zu halten. Nach 2 ½ Tagen auf dem Anhänger muss erst mal wieder Blut in seine langen Beine fließen bis er sich richtig bewegen kann. Tom öffnet die Tür des Hängers und schon führt Jo unser neues Expeditionsmitglied Max in das grüne Buschland. Es dauert nur Sekunden bis er an den frischen Büschen frisst und sich anscheinend wohlfühlt. „Nach all den Mohrrüben, Äpfeln und Heu freut er sich wieder an richtigen Büschen knabbern zu dürfen. Er kommt ursprünglich aus der Gegend um Newman und ihm sind diese Pflanzen hier offensichtlich  nicht unbekannt. Tom und ich haben ihn gleich vom ersten Augenblick gemocht und wenn ihr mit ihm die Ostküste erreicht wollen wir ihn von euch wieder abkaufen. Ich beginne gleich ab heute zu sparen und jede Münze wegzulegen damit wir uns die weite Fahrt zur anderen Seite Australiens leisten können,“ meint Jo lachend die Kamele bald so liebt wie ihren Tom. Wir stellen Max seinen Artgenossen vor, binden ihn dann mit einem langen Seil an einem Busch und begeben uns ins Camp.

Colins Frau Jo hat uns wieder leckere Sandwich eingepackt die wir unter der Aufregung der Wiedersehensfreude und der erfolgreichen Organisation und Transport von Max heißhungrig verdrücken. Dann packen wir all die Kartons aus in denen sich frisches Gemüse, Obst, Leckereien, Fleisch, Briefe und vieles mehr befindet. Es ist wirklich wie Weihnachten nur das es hier im Augenblick ca. 35 Grad im Schatten hat und wir in der Great Sandy Desert unter einer Silbefolie sitzen. Wir unterhalten uns über die Kamelbullenangriffe und zeigen unseren Besuchern die Angreifer der letzten Nacht die nur 20 Meter vor unserem Schlafzelt liegen. „Es sieht so aus als ob diese Angriffe eine fortlaufende Gegebenheit für euch sein wird,“ meint Colin. „Ja, ich hoffe nur das sie bald aus der Brunft kommen und es besser wird. Wir haben schon seit längeren nicht mehr richtig geschlafen. Außerdem tut es mir leid diese schönen Tiere abschießen zu müssen,“ antworte ich nachdenklich. „Du musst dir darüber im klaren sein, das Kamele in Australien wie eine Plage behandelt werden. Die Regierung veranlasst Massenabschüsse aus der Luft und viele der Kamele verenden an ihren Schussverletzungen unter schrecklichen Qualen. Trotzdem sieht es so aus als würde das Kamelproblem wegen der guten Vegetation und der Regenfälle der letzten Jahre überhand nehmen. Nüchtern gesprochen gibt es einfach zu viele davon und wenn ihr ein paar Bullen abschießt dann tut ihr damit der australischen Regierung einen Gefallen. Also mach dir nicht zu viel Gedanken um die Kamele. Das Wichtigste ist das euch und euren Boys nichts geschieht,“ sagt Stephen und entlastet mir somit mein Gewissen.

Colin und Stephen müssen uns leider schon um 14 Uhr verlassen. Ihr Rückweg zum 80 Mile Beach Caravan Park ist weit und sie wollen ihn noch vor Sonnenuntergang erreichen. Wir verabschieden uns von den beiden lieben Menschen und umarmen sie. Wahrscheinlich werden wir sie ab jetzt nicht mehr  wiedersehen, denn wenn alles nach Plan läuft werden wir in spätestens drei Wochen Kunawarritji erreichen. Die Aboriginegemeinschaft befindet sich über 600 Kilometer von Colins Caravan Park entfernt. Uns zu besuchen würde für ihn bald 1300 Kilometer Strecke auf einem Wüstentrack bedeuten. Neben der Zeit und den Benzinkosten ist das für einen Campingplatzbesitzer mit über 250 Stellplätzen ein Ding der Unmöglichkeit. Er kann in der Hauptsaison sein Geschäft nicht lange alleine lassen. Jo und Tom sind der Überzeugung die zwei Afghanpacksättel die sie in den nächsten Wochen für uns fertigen werden über einen anderen Weg in die Wüste zu bringen. Wie ist uns noch nicht klar, aber da die Zwei echte Organisationstalente sind zerbrechen wir uns zu diesem frühen Zeitpunkt nicht den Kopf darüber.

Nachdem Colin und Stephen mit ihrem Jeep am Horizont verschwunden sind zieht mich Jo zur Seite. „Was hältst du davon wenn wir Tanjas Geburtstag vorfeiern? Wir haben Luftballons mitgebracht und könnten euer Lager damit schmücken.“ „Ein wunderbare Gedanke,“ antworte ich von ihrem Ideenreichtum angetan. „Wir sollten den Inhalt der Kartons auf einer Kameldecke dekorieren und wäre es nicht schön ein paar von den wilden Blumen dahinten abzuschneiden und sie außen herum zu legen?“ „Ja mache ich. Wir werden heute Abend eine schöne Feier haben,“ sage ich begeistert. Als dann Tanja die Kamele hütet treten Jo, Tom und ich in Aktion und beginnen das Buschcamp zu einem Ort des Festes umzugestalten. Innerhalb einer Stunde hängen überall Luftballons und der Gabentisch ist auf einer Kameldecke neben dem züngelnden Lagerfeuer ausgebreitet. Kurz vor Sonnenuntergang kommt Tanja zurück und kann nicht glauben was geschehen ist. Sie freut sich wie ein kleines Kind und umarmt uns alle nacheinander. „Das ist ja eine tolle Überraschung. Damit habe ich nicht in meinen kühnsten Träumen gerechnet. Wie kommt ihr denn dazu, ich habe doch erst Ende August Geburtstag,“ sagt sie lachend und wischt sich die Freudentränen von den Wangen.

Kurz danach sitzen Jo, Tom, Tanja, Rufus und ich um ein flackerndes Feuer. Wir grillen in Knoblauch eingelegte Hühnerbrüste die Jo mitgebracht hat, trinken kaltes Bier und essen Kartoffelchips. Danach überreicht Jo einen von ihr gebackenen Bananenkuchen auf dem eine Anzahl Sternchenspeier ihre Funken in den nächtlichen Himmel streuen. „Für das Geburttagskind,“ sagt sie. „Tanja ist wieder sprachlos und hält weit weg von jeglicher menschlicher Zivilisation den Kuchen in ihren Händen. Es dauert nicht lange und das schmackhafte Gebäck hat einen Platz in unseren Mägen gefunden. Kugelrund gegessen sitze ich in meinem Stuhl und fühle mich vollauf befriedigt. Bis um 22 Uhr 30 unterhalten wir uns angeregt doch dann fallen uns allen die Augen vor Müdigkeit zu. Als Tanja dann noch die Knoten der Kamelseile prüft beißt Max leicht in das Batteriefach ihrer Stirnlampe. „Ich weiß nicht ob er es ernst gemeint hat, bin aber tierisch erschrocken,“ sagt sie. „Wir müssen ihn die erste Zeit mit großer Vorsicht behandeln. Es wird einige Wochen dauern bis wir seinen wahren Charakter kennen,“ antworte ich und weiß nicht was ich von dem kleinen Zwischenfall halten soll. Als wir dann im Zelt liegen können wir nicht einschlafen. Die Angst vor den nächtlichen Attacken hält uns wach. Max ist gleich neben unserem Zelt festgebunden und durch die Nahrungsumstellung rumpelt es unaufhörlich in seinem Bauch. Jedes mal wenn sich das tiefe Grollen und Rumoren anbahnt schieße ich in die Höhe. So geht es uns beiden über Stunden und obwohl wir uns in diesem Camp nicht alleine befinden erleben wir eine schlaflose, unruhige Nacht.

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