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RED EARTH EXPEDITION - Etappe 2

Ich falle in ein tiefes Loch der Depression

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    Tag: 40 Etappe Zwei

    Sonnenaufgang:
    06:27

    Sonnenuntergang:
    17:34

    Temperatur - Tag (Maximum):
    30 Grad

Edgar Kampf-Camp — 25.07.2001

Der Zustand von Istan hat sich auf einmal stark verschlechtert. Er hat wieder eine Art Durchfall, sitzt völlig apathisch herum und verweigert sogar einen Apfel den Tanja ihm anbietet. Auch Goolas Zustand kommt einem Rückschritt gleich und lässt uns in ein tiefes Loch der Depression fallen. Was ist wenn sie hier wirklich sterben? Wie soll es dann, neben dem schrecklichen Verlust unserer Reisegefährden und Jungs, weitergehen?. Ist die Expedition wieder an einem Scheidepunkt? War all die Vorbereitung umsonst? Zerfällt an diesem Ort mein Traum dieses Land zu erforschen, zu durchqueren, zu erleben und zu atmen in seine Einzelteile? Was sollen wir nur tun? Wer kann uns helfen? Warum ist es wieder so unendlich schwer? Warum bekommen wir so scheinbar unlösbare Aufgaben gestellt? Fragen über Fragen stürmen auf mich herein und verpesten meine Gedanken. Meine Laune ist in einen tiefen Keller gerutscht und die Sinnfrage nach dem Sein, nach dem Warum, nach dem inneren Antrieb der mich veranlasst uns immer wieder in solche, bald nicht mehr verdauliche Situationen zu bringen, nach den eigenen Wurzeln, dem eigenem Ich, nach dem Weltgefüge, den Menschen die ihre eigene Lebensplattform jeden Tag mehr vernichten und jeden Tag mit dem eigenen Finger auf andere deuten ohne bemerken zu wollen, das sie es selbst sind die sich langsam aber sicher die eigenen Glieder abschneiden und den zukünftigen Generationen die Zukunft nehmen, das wir es sind die alles zerstören. Das wir mit unserem Konsumverhalten und dem ständigen mehr und mehr haben wollen in unser eigenes Verderben rasen. Die Fragen hämmern auf mich herein und ich wundere mich was all das mit meiner, unserer augenblicklichen Situation zu tun hat. Gibt es eine Verbindung zu unserem Reise und Expeditionsleben und der Vernichtung der eigenen Rasse, der Oberfläche unserer Mutter Erde? Und wenn ja warum kreuzen gerade jetzt solche destruktiven Gedanken meine eh schon überbeanspruchte Psyche? Ich blicke auf und sehe auf die unendliche Ebene die mich stumm anzulächeln scheint. Der Wind säuselt durch die grünen Büsche mit seinen wunderschönen Blüten. Die Sonne brennt auf das Land und trocknet den vom Regen gesättigten Boden. Keine Wolke ist am stahlblauen Himmel auszumachen. Vögel zwitschern ungestört und flattern in großen Gruppen über unserem kleinen Hügel. Wo ist die Antwort auf all die Fragen? Wo ist ein Ende dieser Fragen? Kannst du mir die Antwort geben? Rufe ich stumm in die endlose Wüste. Ich lausche und höre die Geräusche der unverdorbenen, von Menschen kaum berührten Natur, doch ich bekomme keine Antwort. Ich warte auf eine innere Stimme, doch auch sie bleibt stumm. Wieder säuselt der Wind durch den wilden Feigenbaum auf unserer Erhöhung. Gefühle von Heimweh kommen auf und plötzlich wird mir Angst, Angst vor der eigenen Courage sich in diese Endlosigkeit vorzuwagen. Was ist wenn wir hier sterben? Was ist wenn einem von uns etwas zustößt? Was ist? Was ist? Was ist? Quälen mich Gedanken die mich selbst so klein werden lassen, dass ich mich in diesem Augenblick am liebsten unter den elterlichen Tisch verkriechen würde.

Friedlich liegt die Ebene da und lächelt mich an. Nichts mehr ist von ihrer Gnadenlosigkeit, dem Sturm, dem Wasser oder der Hitze zu spüren, nur das Säuseln des Windes klingt wie ein Lied in meinen Ohren. Konzentriert sehe ich in die Ferne, bemerke das Grün der Pflanzen, das Leben, das Wachsen und Gedeihen, das Summen der Insekten und das Zwitschern der Vögel. Lieblich liegt das Land da und scheint seine unsichtbaren Arme auszubreiten, immer weiter bis ich mich angenehm umarmt fühle. Nichts mehr wirkt in diesem Moment feindlich, nichts mehr wirkt in diesem Moment unheimlich. Ganz im Gegenteil glaube ich Zuversicht zu spüren. Zuversicht die aus meinem Inneren zu wachsen scheint und sich mit dem Land, der Mutter Erde vereint. Wie weggeblasen sind meine negativen Gedanken und ich fühle mich befreit. Ja, ja natürlich werden wir weiter machen. Natürlich wird sich auch für diese Herausforderung eine Lösung finden. Aufmerksam höre ich auf den Wind. Hat er mir nun eine Antwort gegeben? War er es? Oder war es die Ebene, das unendliche Land? Wer war es? Vielleicht ich selbst? Gedankenversunken aber erleichtert steige ich durch das stachelige Gras zu unserem Lagerplatz hinunter. Tanja kommt gerade vom Hüten der Kamele zurück. „Alles klar? Was machen unsere Jungs?“ ,frage ich. „Es geht ihnen unverändert. Sie wollen nichts fressen,“ antwortet sie, doch irgendwie fühle ich bei ihren Worten nicht den gleichen Schmerz wie heute Morgen.

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