Skip to content
Abbrechen
image description
Russland/Uralsk Link zum Tagebch: TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 3

Ein traumhaft schöner und interessanter Radtag!

N 51°14'37.5'' E 051°25'43.6''
image description

    Tag: 17

    Sonnenaufgang:
    05:19 Uhr

    Sonnenuntergang:
    21:47 Uhr

    Luftlinie:
    101.62 Km

    Tageskilometer:
    111.91 Km

    Gesamtkilometer:
    7153.37 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    15 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    11 °C

    Breitengrad:
    51°14’37.5“

    Längengrad:
    051°25’43.6“

    Maximale Höhe:
    190 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    32 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    09.00 Uhr

    Ankunftszeit:
    19.00 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    17,68 Km/h

Bei Sonnenschein und Rückenwind lassen wir Bolschaja Tschernigowka hinter uns. Obwohl wir uns schon im Monat Jun befinden zeigt das Thermometer nur 11 Grad. Fröstelnd ziehen wir unsere Windstopper an und lassen uns von dem Wind in Richtung Kasachstan treiben. Da wir auf der letzten Etappe nahezu immer Gegenwind hatten sind wir unter diesen Idealbedingungen bestens gelaunt. “Juhu! Juhuuu! Ist das klasse! Endlich ist der Wind unser Freund!”, rufe ich frohlockend. Mit über 20 Sachen bläst es uns dahin. Das Treten ist kaum anstrengend. Die leichten Hügel nehmen wir ohne große Mühe. Die Vögel zwitschern, die Frösche Quaken und Autos gibt es hier kaum. Dazu ist heute Sonntag also noch weniger Verkehr als sonst. Plötzlich überholt uns ein grüner Jeep. Er hält vor uns an. Die Türen fliegen auf und vier Männer in Uniform springen heraus. Zwei von ihnen sind mit Kalaschnikows bewaffnet. Im ersten Moment rutscht mir fast das Herz in die Hosentasche. Wir halten natürlich sofort an. Lachend erklären wir woher wir kommen. “Papier!?”, fragt einer von ihnen. Da er kein unfreundliches Gesicht auflegt verfliegen meine Bedenken augenblicklich. Einer der Uniformierten checkt Tanjas Pass während der andere meinen ansieht. Bevor ich ihn noch zeigen kann wo sich das Visum befindet klappt er das Dokument wieder zu und gibt es mir zurück. “Dürfen wir ein Foto mit ihnen machen?”, fragt Tanja freundlich. Die Männer sehen sich erst etwas verwundert an, nicken aber dann belustigt. Sie reihen sich links und recht von mir auf während Tanja auf den Auslöser drückt. Dann wünschen sie uns eine gute und sichere Reise, springen wieder in ihren Jeep und brausen davon.

Die Straße ist plötzlich in besten Zustand. Unsere Räder schnurren über den neuen Belag. Links und rechts tauchen Baumaschinen auf. Erde wird von großen Planierraupen verschoben während übergroße Laster sie fortschaffen. Die Männer in ihren Maschinen hupen oder winken uns entgegen. Andere rufen: “Gute Reise! Weiter! Weiter! Viel Glück!” Von den motivierenden Rufen fühlen wir uns wie immer angespornt. Mittlerseile wissen wir, das die Russen den Anblick unserer Räder geradezu fantastisch finden, weshalb das positive Feedback der Bevölkerung für uns nichts mehr Ungewöhnliches ist.

Die russische Grenze

Der Wind hat uns heute auf eine Höhe von ca. 190 Meter getragen. Seit dem Schwarzen und Asowschen Meer haben wir somit den höchsten Punkt erreicht. Dann kommt das Beste was sich ein Radfahrer nur wünschen kann. Die nagelneue Straße neigt sich ganz gemächlich nach unten. Auf dem dunklen Erdpech fliegen wir durch eine traumhaftschöne, von Blumen bewachsene, einsame Steppenlandschaft. Von Menschen ist hier weit und breit nichts zu sehen. Schon seit 50 Kilometern sind wir an keinem Dorf vorbeigekommen. Ohne Zweifel ist das Radfahren in Perfektion. In einem weiten Tal, mitten im endlosen Grün der Unendlichkeit, haben sich ein paar Häuschen unter dem Schäfchenwolkenhimmel versammelt. “Das muss die russische Grenze sein!”, rufe ich. Als wir unten ankommen rauschen wir an wartenden Lastwägen und Pkws vorbei. Tatsächlich geht es hier nicht mehr weiter. “Ist mit Abstand der einsamste gelegene Grenzposten der letzten 7.000 Kilometer”, meine ich und lehne mein Rad an ein Häuschen in dem ein Mann in Uniform sitzt. Wir reichen ihm unsere Pässe durch den Schlitzt in der Scheibe. Er möchte etwas wissen. “Wir verstehen leider nur wenig Russisch”, antworten wir. “Wo ist die Nummer ihrer Fahrzeuge”, erklärt er dann langsam sprechend. “Das sind nur Fahrräder. Die besitzen keine Nummer”, antworten wir. “Warten sie bitte”, sagt er und greift zum Telefon. “Offensichtlich hatten sie hier noch keine oder sehr wenige Radfahrer”, meint Tanja. “Sieht so aus”, antworte ich den Reißverschluss meiner Jacke schließend da mich der kalte Wind frösteln lässt. Etwa 10 Minuten später winkt uns der Beamte wieder zu sich. Er nimmt die Pässe, wirft noch mal einen Blick hinein und reicht sie uns wieder. Dann öffnet er eine Schranke und wir dürfen noch vor den wartenden Autos und Lastwägen passieren. “Dort vorne wartet schon der Zoll auf uns”, vermute ich auf die Männer deutend die uns neugierig entgegensehen. “Haben sie etwas zu verzollen?”, fragt einer von ihnen nicht unfreundlich. “Nein, wir kommen von Deutschland bis hierher mit den Rädern. Ist eine weite Strecke”, antworten wir einfach so, weil es uns unter solchen Umständen sinnvoll erscheint die Aufmerksamkeit der Zöllner auf unsere Reise zu lenken. “Von Deutschland?”, fragt der Mann wirklich verblüfft, worauf wir kräftig mit dem Kopf nicken und die Reiseländer nacheinander aufzählen. Sofort werden wir weiter gewunken. “Geben sie bitte ihre Pässe dort zum stempeln ab”, meint er noch und wünscht uns eine sichere Weitereise nach Burma.

Wir schieben unsere schwer beladenen Roadtrains zu der besagten Hütte. Menschen stehen davor und warten. “Woher kommt ihr?”, fragen sie sichtlich überrascht als wir den wissbegierigen Menschen wie immer unsere Geschichte erzählt haben. “Ihr solltet über Afghanistan reisen”, schlägt ein dicker Mann vor, der bei dieser Kälte mit nackten Füßen in seinen Schlappen steckt. “Afghanistan? Nein danke. Ist doch viel zu gefährlich”, antworte ich und als ich Gewehrschüssen nachahme lachen die Versammelten geschlossen. “Ist nicht gefährlich, für euch bestimmt nicht. Das einzige Problem wird aber sein eure schweren Räder über die Pässe zu bringen. Aber das können wir organisieren. Wir laden sie einfach auf einen Lastwagen. Ist sowieso besser für euch”, verstehe ich. “Nein, nein, wir wollen es schon mit eigener Muskelkraft schaffen”, entgegne ich, worauf er heftig und laut lacht und sich sein überdimensional großer Bauch über den Hosengürtel wie eine Megawelle auf und ab wölbt. “Wir haben gehört dass es auf der anderen Seite der Grenze viele Gastinizas gibt. Stimmt das?”, wechsle ich das Thema. “Da gibt es gar nichts. Erst wieder in Uralsk könnt ihr übernachten. Aber ihr habt doch bestimmt ein Zelt dabei?”, erschreckt uns seine Antwort, denn der Tschetschene, den wir kennen gelernt hatten, schwärmte von den vielen Unterkünften auf dem Weg. Tanja und ich sehen uns an. “Sieht nach einem langen Tag aus”, meint sie. “Stimmt, aber der Wind steht in unserem Rücken. Mit seiner Hilfe schaffen wir es locker.” “Ja, wenn er weiter so bläst schaffen wir die nächsten 50 Kilometer in weniger als drei Stunde”, gibt sie mir Recht.

Während des Wartens wird uns richtig kalt. Wir ziehen uns einen Flies über und setzen eine Mütze auf. “Hoffentlich wird der kommende Winter nicht so wie der jetzige Sommer”, denke ich mir. Dann öffnet sich das Fenster und der Mann in dem Häuschen greift nach unseren Pässen. Das Fenster schließt sich sofort wieder. Kein Wunder, wahrscheinlich möchte der Beamte die Wärme in seiner Hütte nicht an uns abgeben. “Tock! Tock!”, hören wir. “Der Stempel klingt gut”, meint Tanja. “Ja”, antworte ich. Dann geht das Fenster wieder auf und die Hand reicht uns die wertvollen Pässe wieder entgegen.

Nach Kasachstan

“Gute Reise”, wünscht uns der russische Wächter und öffnet die Schranke, die den Weg zur kasachischen Grenze frei gibt. Aus der etwa 40 Meter tief gelegenen Senke treten wir unsere Super Bikes wieder nach oben, einem Land entgegen welches zum größten Teil zu Zentralasien gehört und im Norden durch Russland, im Osten durch China, im Süden durch Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan sowie im Westen durch das Kaspische Meer und Russland begrenzt wird. Mit einer Fläche von 2.717.300 Quadratkilometern ist es etwa 7,6 Mal so groß wie Deutschland und somit der größte Staat Zentralasiens. Mit seinen bald 3.000 Kilometer Länge und 1.600 Kilometer Breite liegt also ein riesiges Land vor uns, welches wir für etwa 2.000 bis 2.500 Kilometer erkunden wollen, um es später, in etwa drei Monaten, wieder nach Russland in Richtung Baikalsee zu verlassen. “Wenn man bedenkt, das dort in Kasachstan nur etwa 15 Millionen Menschen leben, also nur 5,6 Einwohner pro km², sich dagegen bei uns Zuhause 235 Einwohner auf einen km² zusammendrängen müssen, werden wir wahrscheinlich auf wenig Menschen treffen!”, rufe ich Tanja zu die dicht hinter mir radelt. “Stimmt die Einwohnerzahl von 82 Millionen in Deutschland noch?”, möchte sie wissen. “Vielleicht sind es ein paar weniger aber so ungefähr dürfte es stimmen!” “Ich kann es kaum glauben, dass wir mit unseren schwer beladenen Rädern bald die Grenze zwischen Europa und Asien überschreiten”, meine ich. “Weißt du noch wie einige Kritiker vor Beginn unserer Trans-Ost-Expedition prophezeiten”; “Mit dem Gepäck werdet ihr es nie schaffen!”, rufe ich. “Ja, oder die Frau bei uns im Training!”; “Man wir euch erstechen, ausrauben und verscharren”, entgegnet Tanja “Und jetzt, in einem Kilometer, werden wir ein weiteres für uns fremdartiges Land betreten”, beende ich unser Gespräch.

Ein eigenartiges aber nicht unangenehmes Gefühl beschleicht mich. Bis hierher haben wir es schon mal geschafft. Bald ein Drittel der geplanten Strecke. “Ja! Ja! Ja! Asien wir kommen! Wir schaffen es und zwar mit der Ausrüstung, um diese fantastische Reise noch vor Ort dokumentieren zu können”, jubiliere ich verhalten, weil ich nicht weiß was da vorne auf uns wartet.

Lastwägen und Pkws warten wieder vor einer Schranke. “Gute Reise! Viel Glück! Macht weiter so!”, motivieren uns einige Fahrer aus ihren Fenstern. Wir heben die Hand zum Gruß. Es sind Menschen des ehemaligen Nomaden und Reitervolks, Menschen die zum Teil mongolische Gesichtszüge zeigen. Wie bei den Russen stoppt uns auch hier eine Schranke. Tanja hält mein Rad während ich zu dem kleinen Häuschen gehe in dem ein Mensch in Uniform sitzt. “Dobre Djen, (guten Tag) sage ich und reiche dem Herren unsere Pässe. “Please wait”, (bitte warten) antwortet er freundlich als er bemerkt das ich Deutscher bin. “Welche Nummernschilder haben ihre Räder?”, möchte er wie sein russischer Kollege vorhin wissen. “Es sind Fahrräder. Die haben keine Nummern”, antworte ich höflich. Der junge Mann mit seiner großen Dienstmütze greift zum Telefon. Wieder spricht er mit einem Vorgesetzten wie er sich in diesem seltenen Fall verhalten soll. Auch sein Gesicht besitzt asiatische Züge. “Ob er ein Kasache ist? Oder gehört er der russischen, ukrainischen, usbekischen, oder vielleicht sogar der tatarischen Rasse an? Keine Ahnung. Deutscher ist er bestimmt nicht. Obwohl in Kasachstan ca. 300.000 leben”, denke ich ihn unauffällig beobachtend. Er spricht auf jeden Fall Russisch ins Telefon. Soweit ich gelesen habe ist Kasachisch die Amtssprache, eine Turksprache, die jedoch nur von rund 40  Prozent der Bevölkerung gesprochen wird, während über drei Viertel der Einwohner das Russische beherrschen.

Plötzlich verlässt der Wächter sein Häuschen, öffnet die Schranke und lässt zu unserer Enttäuschung einen großen Reisebus ins innere der Grenzstation fahren. Dann schließt er die Schranke wieder während wir im kalten Wind stehen und frieren. Es dauert ca. 20 Minuten bis das Telefon des Wächters klingelt und er die Anweisung bekommt das eiserne Rohr vor uns erneut zu öffnen. “Mister Denis!”, lässt mich seine Stimme überrascht aufschauen. “Bitte, sie dürfen mit ihrer Frau hinein”, verstehen wir als er uns zu sich winkt. Wir bekommen unsere Pässe wieder und radeln etwa 100 Meter zu einem weiteren Haus. Dort geben wir sie wieder ab. Der Mann überprüft unser Visum, nimmt die Emigrationskarte heraus und drückt seinen Stempel auf das Visum. “Wir wünschen ihnen in unserem Land eine gute und sichere Reise”, sagt er aufmunternd lächelnd. “Danke, sehr freundlich”, antworten wir und schieben unsere Drahtesel zur nächsten Station. “Woher kommen sie? Wohin wollen sie? Haben sie etwas zu verzollen?”, möchte jetzt ein großer Mann wissen der mit Sicherheit ein Zöllner ist. Wir antworten brav, worauf wir unsere Räder neben einer Treppe abstellen sollen. Dann besorgt der ebenfalls asiatisch aussehende Zöllner ein paar Papiere die wir ausfüllen müssen. Verdutzt sehe ich nur kyrillische Schriftzeichen. Obwohl wir diese zum großen Teil zwar lesen können wissen wir aber noch lange nicht was sie heißen. “Kommen sie mit”, sagt er und deutet auf ein großes, aus Stein gebautes Haus als er bemerkt, dass wir Schwierigkeiten mit dem Dokument haben. “Ich bleibe bei den Rädern”, entgegnet Tanja. “Hier kein Problem”, meint der Beamte. Tanja jedoch lässt sich nicht überzeugen und darf auf unsere Räder aufpassen, während ich dem Mann in das Haus folge. Dort darf ich mich auf eine alte Couch setzen und die Zollerklärungen ausfüllen. Da ich jetzt aber noch unbeholfener als vor ein paar Minuten auf die Papiere blicke hilft mir ein Kasache. Nun ist auch wieder der Zöllner da und zu dritt bekommen wir es hin unsere beiden Videokameras, die Fotoapparate, Mobiltelefone, Satellitentelefon, Laptop und die Menge des Bargelds zu Papier zu bringen. Zufrieden nimmt der Zöllner die Papiere gibt sie in einem anderen Häuschen seinem Kollegen und wünscht uns eine gute Reise. Wir bedanken uns und schieben unsere Räder zum Ausgang der Grenzstation. Dort öffnet uns diesmal eine Wächterin freundlich dreinschauend die Schranke und ehe wir uns versehen sind wir tatsächlich ohne ein einzige Mal kontrolliert worden zu sein in Kasachstan. “Da soll einer sagen die Russischen und Kasachischen Beamten sind unfreundlich”, meint Tanja. “Ja, verblüffend freundlich sogar”, gebe ich ihr Recht. “Geld können wir hier allerdings keines wechseln”, stellt Tanja fest. “Ja, der Tschetschene war wahrscheinlich niemals hier. So wie es aussieht wollte er mit seinen Informationen nur unsere Sympathie erhaschen”, antworte ich.

Dafür gibt es keine Worte der Erklärung!

Trotzdem gut gelaunt strampeln wir aus der Talsenke weiter nach oben. Die Straße ist nagelneu und führt uns kerzengerade in Richtung Südosten. Links und rechts wachsen gelbe Blumen. Nachdem was ich gelesen habe sind zwei drittel des Landes von Wüsten und Halbwüsten, darunter Stein-, Salz- und Sandwüsten bedeckt. Hier gleicht die Landschaft allerdings eher einer fruchtbaren grünen Steppe. “Welche Tiere gibt es hier?”, möchte Tanja wissen. “ Karakal, Wildkatze, Rotfuchs, Steppen- und Tigeriltis, Dachs, Fischotter und ein bemerkenswertes Huftier, die Saiga-Antilope”, erinnere ich mich. “Wäre toll so eine Antilope zu sehen”, meint Tanja. “Wer weiß, vielleicht haben wir ja das Glück.”

Plötzlich hält ein Auto neben uns an. Drei Männer, davon zwei in Polizeiuniform, steigen aus und freuen sich sichtlich uns zu sehen. Während der eine auf Russisch mit mir spricht und ständig versucht uns zu sich nach Hause einzuladen, packt der eine Polizist 1.000 Tenge aus und reicht sie Tanja. “Das kann ich nicht annehmen”, sagt sie verblüfft. “Doch, unbedingt. Bitte nehme es an und kauft euch etwas zum Essen”, entgegnet der Mann lachend. Tanjas mehrfache Versuche ihm das Geld wieder zu geben schlagen fehl, weshalb wir jetzt auf einmal und völlig unverhofft. Kasachisches Geld besitzen. Die Männer fahren nach einiger Zeit lachend weiter während wir unsere Reise fortsetzen. “Wie viel ist 1.000 Tenge?”, fragt Tanja. “Ich denke so etwa zwischen fünf und sechs Euro”, antworte ich. “Unglaublich.” “Stimmt. Wenn das Volk so ist wie der erste Eindruck dann müssen die Kasachen geradezu unbeschreiblich freundlich sein”, meine ich.

Kaum fünf Kilometer später braust eines der seltenen Autos an uns vorbei. Es wendet vor uns, kommt auf uns zu und hält an. Zwei Männer und eine Frau winken uns aus den Fenstern entgegen. Wir halten an. Sofort steigen die Drei aus und begrüßen uns als wären wir Stars. Von der Grenze wissen sie schon unsere Reiseroute. Ihre Verblüffung ist wie immer groß. Dann verabschieden sie sich von uns sehr herzlich und fahren davon. Kaum eine Minute verstreicht als sie wieder kommen und erneut neben uns halten. “Bitte nehmt”, sagen sie lachend und strecken uns eine Tüte mit 20 Eiern, einen kleinen Topf mit Sauerrahm und ein Pfund Butter entgegen. “Aber das können wir doch nicht annehmen”, versuchen wir freundlich abzulehnen. “Doch, doch, das müsst ihr annehmen. Es sind alles frische Produkte vom Land. Bitte nehmt es. Ihr habt doch bestimmt Platz in eurer Kühlbox da”, meint der eine Kasache laut lachend. “Das ist kein Kühlschrank, das ist eine Box in der wir unser Zelt und andere Ausrüstung transportieren”, kläre ich ihn auf. “Na umso besser. Bitte packt es ein”, fordert er uns erneut auf. Als ich die Box öffne finden sich ein paar Schlitze wo die Butter und der Rahm Stauraum findet. Tanja gibt mir eine Plastiktüte, um die Eier aufzuteilen. Wir hoffen somit 10 Stück zurückgeben zu können. “Auf keinen Fall. Die nehmt ihr auch mit”, sagen sie. “Aber die brechen doch vielleicht”, antworte ich und zeige auf zwei die schon angeknackt sind. Der Kasache greift sich noch immer lachend die zwei Eier und wirft sie im hohen Bogen in den Straßengraben. Dann gibt er mir die zweite Tüte mit Eiern und legt sie in den Hänger. Ablehnen ist also unmöglich. “Bitte nimm, meint jetzt die unbeschreiblich freundliche Frau und steckt Tanja noch zusätzlich 1.000 Tenge in die Hand. “Aber…”, möchte Tanja ablehnen. “Nichts aber, bitte nimm. Kauft euch bitte etwas zum Essen dafür”, empfiehlt sie ebenfalls lachend. “Das ist Kasachstan”, sagt nun der andere Mann und freut sich über die Situation. Dann wünschen sie uns eine gute Reise und verschwinden mit ihrem Audi am Horizont. “Was soll man dazu sagen?”, meint Tanja. “Da kann man nichts mehr sagen”, antworte ich völlig verblüfft.

Wir steigen wieder auf unserer Rösser und lassen uns vom himmlischen Wind dahin treiben bis wieder ein Auto anhält. Der Mann stellt sein kleines Kind auf den Kofferraum und fordert es auf uns zuzuwinken. Wir stoppen. Wieder erzählen wir unter staunenden Augen unsere Geschichte. Wir schießen gegenseitig ein paar Fotos, wünschen uns gegenseitig eine gute und sichere Reise und setzten unsere Fahrt in ein Land fort welches uns schon in den ersten Momenten die Sprache verschlagen hat. Nach ca. 90 Tageskilometern halten wir im Windschatten einer verrosteten Bushaltestelle, um unseren schwindenden Energiehaushalt mit einem Müsliriegel von Rapunzel zu füllen, dann geht es weiter.

Nach 105 Tageskilometern erreichen wir den Randbereich der Stadt Uralsk in der knapp 200.000 Menschen leben. “Schau mal dort drüben!”, rufe ich und deute auf eine gerade entstehende hübsche Reihenhaussiedlung. “Und das soll ein armes Land sein?”, wundert sich Tanja. “Ich weiß auch nicht. Die Straße bis hierher ist perfekt. Die meisten Autos sind VW, Audi, Mercedes und einige teuren japanischen Marken und die Straßenränder sind sehr sauber. Vielleicht liegt das daran weil wir uns hier auf einer Grenzstraße befinden. Auf jeden Fall kann ich mir im Augenblick darauf keinen Reim machen. Ich denke, dass die städtische Bevölkerung eher mehr Geld besitzt als die Menschen auf dem Land. Das ist ja bald überall auf der Welt so. Wir werden sehen was die Zukunft bringt”, sage ich.

Die Zwillinge Maxim und Roman

Wir erreichen einen der Straßenposten die es auch in Russland an jeder Ein- und Ausfallstraße der Städte gibt. Ein Polizist beobachtet unser Näherkommen. Plötzlich hebt er seinen gefürchteten Stock und befiehlt uns stehen zu bleiben. “Woher? Wohin?”, sind seine Fragen. Wir antworten. Er lacht und freut sich. “Nicht weit weg von hier gibt es eine Gastiniza. Ruht euch aus und habt eine angenehme Reise durch unser Land”, sagt er und winkt uns hinterher. Auf einer breiten Straße erreichen wir Uralsk. An der ersten Ampel müssen wir halten. Neben uns öffnet sich die Fensterscheibe eines Autos. “Woher? Wohin?” Wir antworten. Als es grün wird stoppt das Auto gleich vor uns. Zwei junge Männer steigen aus und fragen ob sie uns helfen können. “Mein Gott! Was ist denn das für eine freundliche Bevölkerung?”, wundere ich mich leise und kann nicht glauben was wir da gerade erleben. “Ihr sucht eine Gastiniza? Na dann folgt uns bitte. Wir fahren voraus und zeigen euch den Weg”, hören wir und kommen aus dem Wundern nicht mehr heraus. Während zwei Kilometer später am Straßenrand halten und einer der beiden jungen Männer die Gastiniza aufsucht, um für uns zu fragen was eine Übernachtung kostet, unterhält sich der andere mit uns. Er spricht ein wenig Englisch womit die Kommunikation etwas einfacher ist. Zwischenzeitlich scharen sich ein paar Kinder um unsere Räder und flüstern andächtig. Sie zeigen auf die dicken Taschen und die moderne Radtechnik und tuscheln aufgeregt durcheinander. Als der junge Mann namens Roman ihnen erzählt dass wir aus Deutschland kommen ist die Aufregung groß.

“Das Zimmer kostet ca. 55 Euro”, sagt Maxim, der Zwillingsbruder von Roman nach dem er wieder bei uns ist. “Wow, ganz schön teuer. Gibt es hier auch etwas Günstigeres”, möchte ich wissen. “Im Zentrum wird es wahrscheinlich noch teuerer. Diese Preise sind hier in der Stadt normal. Wir würden euch empfehlen zu bleiben. Außer ihr wollt weiter, dann finden wir bestimmt auch etwas anderes”, sagt Maxim. Nach knapp 112 Tageskilometern sind wir trotz Rückenwind mit unseren Kräften relativ am Ende. Nach dem die Sonne jetzt um ca. 19:00 schon recht tief steht ist es nur noch ca. 9 Grad. Wir frieren und entscheiden uns zu bleiben. Müde aber glücklich schieben wir unsere riese und müller über die belebte Straße zur Gastiniza.

“Nein die Räder dürfen sie nicht bei uns im Haus einstellen”, sagt die Frau an der Rezeption bestimmt. Ernüchtert sehen Tanja und ich uns an. “Was jetzt?”, fragt Tanja. “Keine Ahnung. Bleiben können wir unter diesen Umständen nicht.” Maxim beginnt mit der Frau zu diskutieren. “Die beiden kommen aus Deutschland. Den ganzen weiten Weg durften sie in allen Ländern ihre Räder unterstellen, nur hier nicht. Das kann doch nicht war sein. Denken sie doch an die Werbung die ihr Haus haben wird. Sind sie nicht so hart und lassen sie die Räder rein. Es sind doch nur Fahrräder. Die können doch hier im Gang ohne Problem stehen. Sie stören doch keinen”, sagt er. “Nein, mein Chef mag das bestimmt nicht. Er wird mich nur bestrafen. Ich kann es nicht zulassen. Aber wir haben gegenüber einen bewachten Parkplatz, da dürfen sie rein”, empfiehlt sie. “Ob das sicher ist?”, zweifelt Tanja. “Wer weiß. Ich sehe ihn mir mal an”, sage ich. “Da geschieht euren Rädern garantiert nichts. Der Platz ist 24 Stunden am Tag von zwei Wächtern besetzt. Da könnt ihr Euch darauf verlassen”, beruhigt uns Roman. Tatsächlich machen der Parkplatz und die Wächter einen seriösen Eindruck und wir entscheiden uns nun doch hier zu bleiben. Während Tanja die Ausrüstung in die Gastiniza trägt mache ich die Räder fertig. Plötzlich kommt ein Mann in dicker Lederkleidung auf mich zu und sagt in perfektem Deutsch: “Da gibt es anscheinend noch mehr verrückte!” “Ich glaube es nicht! Ein Deutscher? Woher kommst du denn?”, frage ich. Ach ich bin mit dem Motorrad unterwegs”, antwortet er und deutet auf eine große staubverkrustete BMW deren Seitenwagen voll geladen ist. “Wir waren ursprünglich zu dritt. Einer hat aufgegeben, dem anderen hat es vor 1.500 Kilometer die Maschine zerlegt und ich bin der Survivor”, antwortet er. Verblüfft sehe ich ihn an. Dann erklärt er, dass er erst seit einen Monat unterwegs ist und die Strecke Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan, Kasachstan und Russland bewältigt hat und noch möchte. “Bisschen viel für die kurze Zeit?”, frage ich. “Ja, wir haben uns gewaltig verschätzt. Wollte am Wochenende schon Zuhause sein. Aber jetzt wird es doch eine Woche länger dauern”, erklärt er. Dann verabreden wir uns später zusammen zu Essen und jetzt erstmal zu duschen und ein wenig auszuruhen. Maxim und sein Bruder Roman helfen mir noch die Räder auf den Parkplatz zu bringen und dort an einen eisernen Zaun zu ketten. Da wir nicht genügend kasachisches Geld besitzen, um die Gastiniza zu zahlen und die Frau an der Rezeption uns nur bei Vorrauszahlung einchecken lässt, tauschen die beiden netten Brüder uns ihre Tenge gegen russische Rubel. Dann verabschieden sie sich von uns. “Wenn ihr Hilfe benötigt, ruft bitte eine der beiden Nummern an!”, sagt Maxim noch und reicht mir eine Visitenkarte. Dann sind sie weg.

Müde schleiche ich in unser kleines Zimmer. Wir duschen und gehen in das hauseigene Restaurant. “Ich sollte mal sehen wo der Motorradfahrer bleibt”, sage ich und erhebe mich. Die Frau an der Rezeption verrät mir seine Zimmernummer. Als ich davor stehe höre ich leises Schnarchen durch den Türschlitz dringen. “Und wo ist er?”, möchte Tanja wissen. “Dirk hatte anscheinend auch einen anstrengenden Tag. Er schläft, sage ich, setze mich und falle heißhungrig über das Abendessen her.

Wir freuen uns über Kommentare!

This site is registered on wpml.org as a development site.