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/Ordzhonikidze Link zum Tagebch: TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 3

Der Wolgadeutsche Ivan

N 52°27'12.3'' E 061°44'39.1''
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    Tag: 45

    Sonnenaufgang:
    04:39 Uhr

    Sonnenuntergang:
    21:16 Uhr

    Luftlinie:
    74.80 Km

    Tageskilometer:
    83.10 Km

    Gesamtkilometer:
    8303.88 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt / Lehmpiste

    Temperatur – Tag (Maximum):
    42 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    18 °C

    Breitengrad:
    52°27’12.3“

    Längengrad:
    061°44’39.1“

    Maximale Höhe:
    332 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    223 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    08.00 Uhr

    Ankunftszeit:
    16.00 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    14.02 Km/h

Weil wir seit Aktöbe, also seit einer knappen Woche, nahezu jeden Tag 100 Kilometer zurückgelegt haben, fühlen wir uns morgens als hätte man unseren Körper gefoltert. Nur langsam kommen wir in die Gänge, nur langsam kommen unsere Muskeln in Schwung. Das ist der Grund warum wir es uns gönnen erst um 6:00 Uhr aufzustehen. Es ist 8:00 Uhr als sich unsere Oberschenkel wieder im Rhythmus des ständigen Auf und Ab bewegen. Die Aussicht in etwa 80 Kilometern auf eine Gastiniza zu stoßen, in der wir uns auch duschen können, ist motivierend. Wir hängen unseren Gedanken nach und spüren schon in den Morgenstunden den Planeten der uns mit 40 Grad Hitze zusammen brennt. “Da schleift doch etwas”, sagt Tanja. “Was denn?” “Weiß nicht.” “Halt mal, ich sehe es mir an”, sage ich die Bremse ziehend. Während Tanja mein Tretross hält untersuche ich die Ursache des Geräusches. Ich schwinge mich für eine Testfahrt in den Sattel und bin überrascht wie auf einem bequemen Sofa zu sitzen. “Ist ja unglaublich wie angenehm dein Sattel ist! Da könnte man glatt neidisch werden!”, rufe ich verblüfft. “Ja, habe ihn halt gut eingefahren!” “Ach komm, daran kann es nicht liegen.” “Doch, doch, was soll es denn sonst sein?”, antwortet Tanja lachend. “Wenn ich das wüsste”, grüble ich und gebe ihr das Intercontinental zurück. “Schleift nicht mehr. Was war es denn?” “Nur Dreck auf den Bremsbacken”, erkläre ich jetzt zähneknirschend da mir mein Po wie immer sehr weh tut. “Nachdem ich nun weiß, dass man auf deinem Sattel so super gut sitzt, komme ich mit meinem gar nicht mehr klar. Dachte du hattest die ganze Zeit die gleichen Probleme. Habe mich gefragt wie du das aushältst und jetzt muss ich gestehen bin ich richtig unzufrieden. Woran das wohl liegen kann?” “Habe offensichtlich einen anderen Po als du.” “Bestimmt aber das kann es einfach nicht sein. Halt mal bitte an. Lass uns die beiden Sättel genau vergleichen”, sage ich wieder die Bremse ziehend. “Komisch, optisch ist da nicht das Geringste zu sehen”, rätsle ich. “Was steht denn auf deinem?” “Brooks B 17 Standard.” “Hm, steht bei mir auch. Oder? Nein schau! Da steht Brooks B17 Narrow (schmal). Na das ist es. Deiner ist etwas breiter als meiner. Wer will denn schon auf einen Narrow Sattel sitzen. Ist ja die reinste Folter!”, rufe ich jetzt noch ärgerlicher weil ich den feinen aber wesentlichen Unterschied erst jetzt, nach 1.400 Kilometern feststelle. “Und was wollen wir jetzt machen?”, fragt Tanja mit fürsorglichem Tonfall in der Stimme. “Weiß nicht.” “Wir können ja mal tauschen.” “Das ist lieb von dir aber die Druckstellen an meinem Hintern brauchst du nicht. Außerdem hast du schon genug mit deiner Achillessehne zu tun”, antworte ich nach einer Lösung suchend. Dann packe ich das Werkzeug aus und verstelle den Neigungswinkel des Sattels mehr in die Waagrechte. Schon nach wenigen Kilometern verspüre ich eine Erleichterung. “Und ist es besser?” “Ja, schon etwas. Aber nicht optimal”, antworte ich noch immer nach einer besser Lösung suchend. “Wir könnten doch riese und müller anrufen. Vielleicht schicken sie uns einen neuen Sattel?” “Ein neuer Sattel? Gott bewahre. Den muss ich doch erst wieder einreiten.” “Na bis zum Baikalsee sind es noch über 4.000 Kilometer. Das rentiert sich. Außerdem fährst du nächstes Jahr damit durch die Mongolei. Da gibt es wenig Asphalt. Da rentiert sich das Einreiten in jedem Fall”, überlegt Tanja. “Da hast du Recht. Wenn es bis Kustanai nicht wesentlich besser wird rufen wir Heiko Müller an. Er wird uns bestimmt helfen”, plaudere ich durch den Lösungsansatz wieder besser gelaunt.

Wenig später bekomme ich plötzlich Hüftschmerzen und es dauert nicht lange als sich dazu auch noch mein rechtes Knie meldet. “Ob es davon kommt weil ich den Neigungswinkel meines Sattels verstellt habe?”, wundere ich mich. “Kann schon sein”, meint Tanja. Wieder halten wir an, um diesmal die Sattelhöhe um zwei Millimeter zu reduzieren. Resultat: Die Schmerzen verringern sich schon nach wenigen Kilometern. “Es ist schon verblüffend wie millimetergenau die Einstellungen der Sattelhöhe, Sattelneigung, Lenkerhöhe, Lenkerneigung und auch die Weite der Fußschlaufen sein müssen, um der Anatomie des Körpers gerecht zu werden”, sinniere ich.

Einladung

Durch die Nähe einer größeren Siedlung nimmt der Verkehr langsam etwas zu. Wir werden von einem teuren, nagelneuen Landcruiser überholt. Er hält an. “Hallo wie geht es euch?”, sagt der Mann der ausgestiegen ist, um uns zu begrüßen. “Ach hallo Nurlan. Das ist aber schön dich noch mal zu sehen”, freuen wir uns. “Habt ihr im Gemeindehaus gut geschlafen?” “Sehr gut. Noch mal vielen Dank.” “Keine Ursache. Wenn ihr nach Kustanai kommt braucht ihr euch keine Gastiniza zu suchen. Ihr könnt gerne bei mir Zuhause übernachten”, lädt er uns ein. Tanja und ich sehen uns verblüfft an. Da wir aber für eine Woche in Kustanai verweilen wollen, um alles zu erledigen was zu erledigen ist, können wir die Einladung nicht annehmen. “Äh, vielen Dank aber wir müssen mindesten sechs Tage bleiben. Ich habe viel zu schreiben und wir müssen uns ein wenig ausruhen”, lehne ich ab. “Kein Problem. Kommt doch bitte zu mir”, meint er, zückt sein Handy und ruft jemanden an. “Hier bitte”, sagt er dann und reicht mir sein Telefon. Eine deutsch sprechende Frauenstimme scheppert durch den Lautsprecher. “Sie sprechen ja deutsch?” “Ja, ich war die Hochschullehrerin von Nurlan. Er hat mir gesagt ich soll ihnen mitteilen dass sie unter keinen Umständen in ein Hotel gehen sollen. Er würde sie gerne einladen”, wiederholt sie Nurlans Worte. “Weiß er dass wir eine Woche bleiben müssen?” “Keine Ahnung. Ich werde es ihm übersetzen”, sagt die Stimme und ich reiche Nurlan wieder das Mobiltelefon. Nachdem er die Verbindung beendet hat tauschen wir noch ein paar Sätze und vereinbaren ihn anzurufen sobald wir Kustanai erreichen. Dann verschwindet der Landcruiser in einer Staubwolke.

Wir sind gerade wieder im Begriff uns in die Sättel zu schwingen als ein Kleinbus neben uns hält und seine Fahrgäste auf die unbefestigte Piste spuckt. “Dürfen wir sie fotografieren?”, fragen einige von ihnen. “Aber gerne”, freuen wir uns den Menschen ein für sie interessantes Motiv bieten zu können. “Kennen sie Bortsek?”, fragt eine Frau. “Hm köstlich die Bortseks. Ja die kennen wir”, antwortet Tanja. “Na dann guten Appetit”, sagt sie und reicht Tanja eine Tüte voll mit kleinen krapfenähnlichen geformten Hefeteigkugeln die in Fett ausgebacken wurden. “Wie heißt denn dein Rad”, fragt ein junger Mann in gebrochenem Englisch. “Weil es so stark ist wie ein Sumoringer nennen wir es Sumobike”, antwortet Tanja. “Ha! Ha! Das ist ein guter Name”, amüsiert er sich. “Haben sie keine Angst alleine durch die Steppe und vor allem durch Kasachstan zu radeln?”, möchte ein anderer wissen. “Nein, die Kasachen sind ein freundliches Volk.” “Aber nicht alle.” “Auch in Deutschland sind nicht alle freundlich”, antwortet Tanja. Dann verabschiedet sich die lustige Truppe von uns und ihr Bus verschwindet ebenfalls in einer Staubwolke. Wieder wollen wir gerade auf unsere Roadtrains steigen als ein Lastwagenfahrer seine große Maschine neben uns zum halten bringt. “Braucht ihr Hilfe?”, fragt er. “Nein danke. Das ist nett aber bei uns ist alles in Ordnung”, antworte ich. “Gut zu hören”, sagt er, legt den ersten Gang ein und hinterlässt uns eine große Staubwolke. “Jetzt aber nichts wie weg von hier”, meint Tanja, doch schon hält erneut ein Auto an. “Wir kommen aus Armenien”, erzählen die drei jungen Männer hinter ihren dunklen Sonnebrillen mit breitem Lachen. “Warum fahrt ihr denn nicht mit dem Auto? Ihr habt doch fantastische Autos in Deutschland.” “Wir erkunden das Land lieber mit dem Rad”, antworte ich, worauf sich die Männer lachend verabschieden und uns mit ihrem dicken, sehr teuren BMW eine weitere Staubwolke hinterlassen.

Um 16:00 Uhr, nach anstrengenden 83 Kilometern, rollen wir in den Ort Ordzhonikidze. Eine Brücke führt uns über den Fluss Tobol. Menschen liegen an einem kleinen Strand in der heißen Sonne oder springen johlend in die kühlen Fluten. Sie genießen ihren Sonntag. Etwas neidisch kucke ich von der Brücke auf sie herab. Bei 44 Grad treten wir unser Gepäck wieder einen Hügel hoch und landen im Zentrum der von Hitze wabernden Ortschaft. “Dort ist die Gastiniza”, sage ich auf einen hässlichen Kastenbau deutend. “Gastiniza Auto-Bahnhof”, übersetzt Tanja das Werbeschild am Haus. “Ob wir hier bleiben sollen?” “Sieht nicht gerade einladend aus”, bestätigt Tanja. “Wo kommen sie denn her? Was aus Deutschland? Der Besitzer des Hotels ist auch Deutscher. Ivan komm mal her! Da sind Landsleute von dir!”, ruft ein Taxifahrer. Ein Mann in weißem Hemd gekleidet schlurft langsam herbei. “Sie kommen also aus Deutschland?” “Ja, ist kaum zu fassen wieder einmal unsere Muttersprache zu hören. Und sie? Sie sind auch Deutscher?” “Ja. Ich bin Wolgadeutscher.” “Was machen sie denn hier?” “Ich betreibe mein Geschäft. Der Busbahnhof und das Hotel gehören mir.” “Aha. Fantastisch. Haben sie noch ein Zimmer frei?” “Kommen sie mit. Ich spreche gleich mit meiner Managerin”, meint Ivan und läuft uns voraus. “Ihre Räder dürfen sie in der Wartehalle unterstellen. Wir sperren diese um 20:00 Uhr ab. Außerdem ist 24 Stunden am Tag jemand da. Dort sind sie also sicher”, beruhigt er uns und führt mich in den ersten Stock. Wir bekommen ein Zimmer in dem es außer vier Betten keine Einrichtungsgegenstände gibt. “Was kostet denn die Bleibe?”, frage ich. “Nichts, das ist ein Geschenk von mir”, höre ich überrascht. “Vielen Dank aber das können wir nicht annehmen”, entgegne ich, worauf Ivan eingeht und von uns 1.400 Tenge pro Nacht. (? 7,60-) nimmt. “Gibt es eine Dusche?” “Nein die befindet sich gerade im Bau. Aber wenn sie möchten bringe ich sie dann in die örtliche Sauna. Dort können sie duschen und sich waschen.” “Ein gute Idee”, meinen wir, tragen unsere Sachen ins Zimmer, versperren unsere Sumobikes, ziehen uns um und treffen Ivan wieder auf dem Vorplatz seines Busbahnhofes.

Busse aus Deutschland

“Erkennen sie den Bus?” “Ähm irgendwie schon”, versuche ich mich zu erinnern. “Na das ist ein deutscher Mannschaftswagen der Polizei. Ich kaufe die ausrangierten Autos und Busse in Deutschland und fahre sie nach Kasachstan. Dann bauen wir sie um und richten sie als Linienbusse her. Schauen sie ruhig mal rein”, sagt er die Tür des Busses öffnend. Im Inneren sieht der ehemalige Mannschaftswagen wirklich wie ein Bus aus. “Gute Arbeit”, lobe ich. “Ja, ich habe bisher 12 Busse von Deutschland nach Kasachstan gefahren. Immer selber und alleine. Ist eine große Strecke. Etwa 8.000 Kilometer hin und zurück. Den Busbahnhof haben wir ebenfalls hergerichtet. War ein uraltes, zusammengefallenes Gebäude. Der Bürgermeister hat es meinem Bruder und mir geschenkt. Aber nur unter der Bedingung das wir den alten Laden wieder auf Fordermann bringen. Hat uns viel Geld und Zeit gekostet. Drinnen hängen noch die Bilder wie es vorher ausgesehen hat. Müssen sie sich mal ansehen. Jetzt ist er wieder brauchbar und der Ort hat wieder einen echten Linienbusverkehr.” “Gab es denn keinen Busverkehr hier?” “Nein. Die Menschen mussten auf die Busse von Kustanei warten. Wenn Platzt war konnten sie mitfahren, wenn er voll war mussten sie für Stunden auf den nächsten warten. So ging das über viele Jahre. Nach der Unabhängigkeit von Russland als wir am 25. Oktober 1990 unsere Souveränität innerhalb der UdSSR erklärten, ging es bergab. Alles ist komplett zusammengebrochen. Die Kriminalität ist gestiegen. Es wurde geklaut was nicht angeschweißt war und wenn es doch fest geschweißt war hat man es in der Nacht einfach herausgesägt. Man konnte alles gebrauchen, selbst Gullydeckel, Brückengeländer, einfach alles wurde geklaut. Ein Auto durfte man nie draußen stehen lassen. Es konnte passieren, dass es nach kurzer Zeit schon auf Backsteinen gestellt wurde und alle vier Reifen fehlten. Nein das war keine gute Zeit. Die Russen haben nichts mehr in Kasachstan investiert, hatten ja ihre eigenen Probleme. Aber jetzt wird es langsam wieder, ganz langsam erholt sich das Land von dem Schock.” “Hm, bin froh solch Zeiten nicht miterlebt haben zu müssen.” “Können sie auch. Das war mit einer der Gründe warum wir Wolgadeutsche alle nach Deutschland ausgewandert sind. Obwohl es uns eigentlich gut ging. Wir hatten unsere Kühe, unsere Pferde, Schafe, kleine Felder. Wir konnten uns gut selbst ernähren. Aber dann durften wir plötzlich auswandern und nahezu jeder hat die Chance genutzt. Aber kommen sie. Ich fahre sie in die Sauna. Dort können wir noch ein wenig quatschen wenn sie Lust haben.” “Aber gerne”, antworte ich beeindruckt über die Geschichten und die jüngste Vergangenheit des Landes.

Heiße Sauna und Birkenzweige

Tanja und ich steigen in einen VW-Bus von Ivan. Dann fahren wir zu dem Haus seiner Freundin. “Ich habe Lena angerufen das sie Tanja in die Sauna begleiten soll. Sie kann ihnen dann zeigen wie es bei uns in einem Badehaus zugeht”, erklärt er sich Tanja zuwendend. Wenig später sitzt Lena, eine ca. 45 Jahre alte adrette Frau, neben Tanja im Bus und Ivan fährt uns die paar hundert Meter zu einem heruntergekommenen Haus. “Ist das die Sauna?”, frage ich. “Ja, kommen sie”, fordert er uns auf das Gebäude zu betreten. Während Tanja und Lena in den Frauentrakt gehen betreten Ivan und ich die Männerabteilung. Uralte, mit dicker Farbe bestrichene Spinde reihen sich an der Wand. Ihre wackeligen, uns angähnenden Türen, sind nicht abschließbar. “Was mache ich mit unseren Wertsachen?” “Haben sie die nicht im Hotel gelassen?” “Nein die Papiere lassen wir nie im Zimmer.” “Ist viel Geld drin?” “Genug, außerdem unsere Pässe usw.” “Das sperren wir am besten ins Auto.” “Und Tanja? Sie hat auch ihre Wertsachen dabei.” “Okay”, meint Ivan. Wir verlassen wieder den Männerraum, stellen uns vor den Frauentrakt und rufen. Die Tür geht auf und ein nackter Arm kommt heraus, um mir die Papiere zu reichen. Mit ungutem Gefühl sperren wir die wichtigen Dokumente ins Auto. “Ist es dort sicher?” “Denke schon”, antwortet Ivan.

Wieder in der Sauna beobachte ich Ivan, um ihm alles nachzumachen. Ich hänge meine Radklamotten in den offenen Spind und hoffe, dass sie danach noch da sind. Dann betreten wir das Innere des Dampfhauses. Auch hier sieht es so aus als wäre seit seiner Entstehung vor vielleicht 40, 50 oder mehr Jahren nichts mehr gemacht worden. Große blecherner Schüsseln stapeln sich in der Ecke. Ein nackter Mann hat einen der Behälter vor sich auf einem glitschigen hölzernen Potest stehen. Mit den Händen schöpft er das Wasser heraus und wäscht sich. Ivan schnappt sich auch eine der Schüsseln und füllt sie an einem altertümlichen Hahn mit Wasser. “Nehmen sie sich auch eine”, fordert er mich auf. “Sie müssen die Schüssel erst reinigen”, meint er noch und zeigt mir wie es geht. Dann schütte ich das Nass über meinen ausgelaugten Körper und spüre wie wieder Energie durch die Adern fliest. Unter uns hat sich eine große, tiefe Pfütze gebildet. “Den Boden haben wir erst letztes Jahr gefliest und sehen sie? Die Fliesen sind schon wieder alle heraus gebrochen”, erklärte er mit den Schultern zuckend auf das Loch deutend. “Kommen sie”, fordert mich Ivan auf und öffnet nun endgültig die letzte Tür zur eigentlichen Sauna. Heißer Dampf schlägt uns entgegen. Wir sind die einzigen Gäste die sich in diesem Augenblick in dem Raum befinden. “Achten sie auf die untere Bank. Sie wackelt”, warnt er mich über drei Stufen nach oben kletternd und sich mit bloßen Hintern auf die alten, durchgeschwitzten Holzdielen sinken zu lassen. Leider habe ich kein Handtuch dabei und tue es ihm nach. “Werde mir schon nicht gleich einen Pilz einfangen”, geht es mir durch den Kopf. Ivan nimmt nun ein Bündel mit getrockneten Birkenzweigen aus einer mit Wasser gefüllten Schüssel und haut sich das Kraut kräftig um den Körper. “Für sie”, sagt er und gibt mir nach der Selbstgeißelung die Zweige damit auch ich mich kräftig durchpeitschen kann.

Es vergehen nur Augenblicke als mir die Hitze durch alle Poren dringt und meinen aufgeheizten Radkörper fast zum explodieren bringt. Noch nie in meinem Leben habe ich eine Sauna aufgesucht wenn es draußen 44 Grad hatte aber hier in Kasachstan scheint das anders zu sein. Nach etwa 10 Minuten glaube ich wie ein angeschlagener Vogel von der Stange zu fallen und bitte Ivan nach draußen gehen zu dürfen. “Gerne”, sagt er die feuchten, vom Schweiß der Generationen durchtränkten Holzbänke nach unten kletternd, um die Tür in den rettenden Vorraum zu öffnen. Dort waschen wir uns noch mal kräftig. “Wollen sie wieder rein?” “Nein danke. Für heute habe ich genug. Ich brauche jetzt eher ein kühles Bier”, antworte ich weshalb wir die Badeanstalt der Siedlung wieder verlassen.

“Gehen denn alle Einwohner hierher um sich zu waschen?” “Nur die die keine eigene Sauna haben. Die anderen bleiben Zuhause”, erklärt Ivan als wir wieder im Bus sitzen und zu Lenas Haus fahren. Tanja und Lena sind bereits da. Sie sind die kurze Strecke Nachhause gelaufen. “Kommen sie rein”, sagt Ivan. Das Haus von Lena ist mit viel Liebe gepflegt und geputzt. Alles ist blitzblank. Auch in dem Vorgarten gibt es akkurat angereihte Kartoffel- Tomaten und Gurkenstauden. Wir setzen uns zu Tanja und Lena an den Tisch. Lena hat Kartoffeln, Wurst, Spiegeleier, Gurken aus dem Glas, frische Tomaten und Brot aufgetischt. Sie entschuldigt sich für das spärliche Mahl da sie nicht damit gerechnet hat heute Gäste zu bekommen. “Oh sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Das schmeckt alles echt prima”, loben wir und essen heißhungrig. “Trinken wir einen Kleinen?”, fragt Ivan. “Aber gerne”, antworte ich höflich, worauf er eine Flasche teuren Cognac auf den Tisch stellt und uns je ein Gläschen einschenkt. Dazu gibt es ein Becher mit leckeren Pflaumensaft. Wie trockene Schwämme saugen wir die Nahrung und Flüssigkeit in uns auf. Wir trinken viele Tassen Tee und vernichten einen gesamten Leib des gängigen Weißbrotes, kosten Waffeln, russische Schokolade, Piranikiplätzchen, Johannisbeer-Gele und eingelegte Kirschen, bis wir endlich einen kleinen Sättigungsgrad verspüren. “Wollen wir weiter?”, fragt Ivan nach dem köstlichen Essen. “Gerne”, antworten wir, bedanken und verabschieden uns von Lena und verlassen das gastliche Haus. Dann bringt uns Ivan zu einem Magazin wo er Trockenfisch und Bier kauft. “Diesmal bezahle ich”, sage ich und packe den Einkauf in eine große Tüte.

Traurige Vergangenheit

Bei Bier und Trockenfisch sitzen wir nun in unserem einfachen Zimmer auf wackeligen Stühlen und setzen unsere Unterhaltung fort. “Wie war das eigentlich damals? Warum genau wurden die Wolgadeutschen vertrieben?”, möchte ich wissen. “Als Adolf mit seiner Armee so schnell nach Russland eingedrungen ist und direkt auf Stalingrad marschierte, bekam es Stalin mit der Angst zu tun. Er hatte Bedenken das die dort lebenden Wolgadeutschen mit Hitler kollaborieren und seine Lage noch aussichtsloser werden könnte. Etwa 600.000 Einwohner, wovon zwei Drittel deutscher Abstammung waren, lebten dort in ca. 100 Dörfern. 400.000 von uns wurden zwangsweise nach Sibirien und Mittelasien umgesiedelt. Es war eine schreckliche Zeit für meine Eltern. Sie hatten nur 24 Stunden, um das zu packen was sie tragen konnten. Mehr durften sie nicht mitnehmen. Dann mussten sie ihren gesamten Besitz, ihr Haus, Garten, Einrichtung, einfach alles zurücklassen was ihnen lieb war und wurden ohne Nahrung und Wasser in Züge gepfercht. Als der Zug losfuhr haben sie ihre Tiere in den Ställen brüllen hören. Das hat mein Großvater besonders getroffen. Sie wollten fressen oder die Kühe mussten gemolken werden, sagte er. Es war einfach schrecklich. Einen Monat ist der Zug von der Wolga bei Saratow bis nach Kasachstan gefahren. Immer wieder hat er für unbestimmte Zeit gehalten. Diese Stopps nutzten die Vertriebenen, um vor den Waggongs zu kochen. Viele von ihnen haben etwas zu Essen mitgenommen. Mein Großvater hat nachts noch ein Schwein geschlachtet und das Fleisch eingesalzt. Ich denke das hat meine Familie gerettet obwohl sie mit denen geteilt haben die nichts mehr hatten. Viele Menschen, vor allem Kinder und Alte sind schon während der Fahrt gestorben. Als der Zug in Kasachstan ankam wurden die Wolgadeutschen Familie für Familie auf die kasachischen Dörfer verteilt. Manchmal lebten 30 oder 40 Familien in Erdlöchern. Sie hatten nichts zu essen und kaum Kleidung. Mein Vater hat mir selbst erzählt, dass in manchen Nächten zwei oder drei Familien gestorben sind. Es war eine Tragödie ungeheueren Ausmaßes. Vor allem wenn man bedenkt, dass diese Mensche mit Hitlers Krieg nichts zu tun hatten. Stalin war mit Sicherheit genauso ein Verbrecher wie Hitler. Gott sei Dank waren die Kasachen gut zu uns. Ohne ihre Hilfe wären noch viel mehr gestorben”, erzählt er und seine Stimme hallt in dem einfachen Zimmer nach. Tanja und ich sitzen da und sehen uns an. Ich bin den Tränen nahe. Obwohl ich schon einiges über das damalige Verbrechen gehört hatte ist die Erzählung Ivans ergreifend. Sie hat eine ganz andere Gewichtung wenn sie von einem Betroffenen berichtet wird.

War es ein Fehler nach Deutschland auszuwandern?

“Und warum bist du nach Deutschland zurück?”, möchte ich nach einer langen Redepause wissen. “Mir ging es wie vielen von uns. Jeder ist plötzlich gegangen. Es war eine Euphorie. Wir haben alles was wir besaßen zurückgelassen, um in das reiche Deutschland zu gehen. Deutsche und auch viele Russen sind wieder ausgewandert. Millionen. Das war für Kasachstan wirtschaftlich eine weitere Katastrophe. Alle Facharbeiter und Handwerker haben das Land von heute auf morgen verlassen. Wenn ich heute jemanden brauche bekomme ich keinen. Das hat sich noch immer nicht erholt.” “Ist das der Grund warum wir seit der russischen Grenze durch unzählige Geistersiedlungen gefahren sind? Waren das bis 1990 noch die Dörfer der Wolgadeutschen?” “Genau. Dort haben wir gelebt und heute sind die Dörfer entvölkert. Unsere Häuser konnten wir damals nicht verkaufen. Sie waren zu der Zeit nichts wert. Dann, nachdem wir weg waren, sind armenische Familien eingezogen. Sie hatten den Krieg mit Aserbaidschan im eigenen Land und waren ebenfalls Flüchtlinge. Leider haben sie unsere Häuser und unseren Besitz heruntergewirtschaftet. Heute sind viele von ihnen auch wieder in ihrem Heimatland.” “War es ein Fehler nach Deutschland auszuwandern? Bereust du es?” “Zweifelsohne, ein großer Fehler. Nur wenige von uns sind dort wirklich glücklich geworden. Anfänglich waren wir wie gesagt alle euphorisch aber nur wenige von uns sprachen noch Deutsch. Wir mussten erstmal die Sprache lernen. Es war alles anders. Eine uns völlig fremde Kultur mit der wir kaum noch etwas gemein hatten. Aber wir wollten etwas schaffen und arbeiten. Ich eröffnete einen russischen Laden. Der lief zu Beginn ganz gut. Dann kaufte ich drei Mercedes Sprinter. Ich setzte sie als Imbisswägen ein. Dann kam der Euro. Die Menschen hatten plötzlich nicht mehr soviel Geld und mein Geschäft ging in kurzer Zeit Pleite. Ich gründete eine Abbruchgesellschaft. Lief auch nicht schlecht. Hatte fünf Mitarbeiter. Dann bekam ich einen großen Auftrag. Mein Auftrageber hat uns immer schlechter bezahlt. Nach einem Jahr stoppte ich die Arbeiten. Das Geld habe ich bis heute nicht bekommen und ich war wieder Pleite. Jetzt bin ich arbeitslos und bekommen 200,- Euro im Monat. Wenn das Arbeitsamt mir einen Job vermittelt muss ich ihn annehmen. Aber jetzt mit 57 Jahren möchte ich nicht mehr auf den Bau. Mein Rücken und meine Knie sind von der schweren Arbeit kaputt. Ich lebe hauptsächlich von meinem Geschäft in Kasachstan. Früher war ich hier bei der Polizei. Die gehen alle mit 45 in den Ruhestand und haben 300,- Euro Rente. Da würde es mir heute besser gehen. Könnte nebenbei noch mein Geschäft betreiben.” “Kannst du ja trotzdem.” “Ja, kann ich.” “Möchtest du wieder ganz nach Kasachstan ziehen?” “Ich denke darüber nach. Irgendwie fühle ich mich mittlerweile aber in Deutschland Zuhause.”

Lieber Leser unseres Tagebuches!!!

Gerne schreiben wir unsere Erlebnisse hier nieder. Gerne teilen wir mit Euch unsere Erfahrungen. Jedoch hat unsere Reise für uns auch eine Bedeutung, einen tieferen Sinn. Nur für die Lust und Laune setzen wir uns solchen Anstrengungen nicht mehr aus. Dafür haben wir zuviel erlebt. Natürlich ist es noch immer unsere Motivation Völker, Kulturen, deren Sitten und Gebräuche zu erleben. Noch immer erforschen wir mit ungestilltem Wissensdurst die für uns unbekannten Winkel unserer Mutter Erde. Es gibt uns Energie und Lebensinhalt. Jedoch haben wir bei all dem Positiven auch viele Schattenseiten der menschlichen Zivilisation erlebt und erfahren. Wir haben mit eigenen Augen ungeheuer viel menschliches Leid und Umweltvernichtung gesehen. Es schmerzt uns als würde ein Messer tief in unsere eigene Haut eindringen. Unsere Lebensprojekt “Die große Reise” hat für uns schon seit Jahren eine andere Dimension erreicht. Es geht uns während der Reise, während unseres Reiselebens auch darum etwas Ausgleichendes zu tun. Etwas an den geplagten Planeten zurückzugeben. Nicht aus Egoismus oder Befriedigung oder Selbstverherrlichung, sondern um wirklich nachhaltig etwas zu tun. Etwas für uns Menschen zu tun. Für unsere Kinder. Damit auch sie morgen noch frische Luft atmen können. Damit auch sie unter freiem Himmel im Sandkasten spielen können, in sauberen Flüssen baden können. Wir wünschen uns für alle Wesenheiten dieses wunderbaren, fantastischen Planeten eine lebenswerten Zukunft. Also bitte wir sie dringend vielleicht einmal im Monat wenigstens einen Baum für die Grüne Ader zu pflanzen. Infos dazu findet ihr auf unserer Webseite. (Ein Baum 5,- Euro) Wir allein können es nicht schaffen. Wir haben nicht die finanziellen Mittel dazu. Noch nicht. Nur wir gemeinsam können etwas bewegen. Unsere Motivation liegt nicht nur darin zu wissen dass unsere Texte von im Augenblick zwischen 40.000 und 50.000 (vierzigtausend und fünfzigtausend) Menschen im Monat gelesen werden. Unsere Motivation liegt darin gemeinsam etwas Nachhaltiges für unsere Menschenzukunft zu schaffen. Gemeinsam heißt mit Euch allen zusammen. Dafür schreiben wir, dafür könnt ihr die Texte ohne finanziellen Einsatz lesen. Also bitten wir um eine Spende an das Bergwaldprojekt. Ein Projekt das ohne Profit arbeitet. Ein Projekt nachdem wir Jahre gesucht haben, um unseren Namen dafür zu geben. Ein Projekt dem wir vertrauen. Wir bitten Euch darum Bäume zu spenden. Bäume die uns Luft zum Amten schenken. Lebensraum für Insekten und Vögel. Lebensraum für die Erdbevölkerung in den zukünftigen Jahren. Von den Spenden haben wir nicht den geringsten finanziellen Vorteil. Alles was ihr gebt kommt Mutter Erde zu Gute!!! Dafür garantieren wir mit unserem Lebensprojekt und unserem Namen.

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