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Link zum Tagebuch: TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 1

Atemberaubend schöne Uferstraße

N 44°40'482'' E 022°19'441''
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    Tag: 80

     

    Sonnenaufgang:
    06:40 Uhr

     

    Sonnenuntergang:
    17:54 Uhr

     

    Luftlinie:
    51;67 Km

     

    Tageskilometer:
    89,20 Km

     

    Gesamtkilometer:
    2423,69 Km

     

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt, 10% Unbefestigt

     

    Temperatur – Tag (Maximum):
    24 °C

     

    Temperatur – Tag (Minimum):
    15,9 °C

     

    Temperatur – Nacht:
    4,6 °C

     

    Breitengrad:
    44°40’482“

     

    Längengrad:
    022°19’441“

     

    Maximale Höhe:
    160 m über dem Meer

     

    Aufbruchzeit:
    08.45 Uhr

     

    Ankunftszeit:
    18:00 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    14,88 Km/h

“Huuaa ist das kalt”, schüttelt sich Tanja als sie sich aus dem Zelt schält. “4,5° zeigt das Thermometer. Kein Wunder das du frierst. Seit unserem Aufbruch ist das die kälteste Nacht gewesen”, erkläre ich ebenfalls aus dem Zelt kriechend. Beim Packen stört uns eine ganze Schar Truthähne. Sie haben sich unser Zelt und unserer Ausrüstung zu Eigen gemacht und lassen sich nicht vertreiben. “Na jetzt lasst uns endlich in Ruhe!”, rufe ich, worauf sie im Chor mit ihrem eigenartigen Geklucker antworten. Als sich einige von ihnen in unserem Zelt beginnen zu begatten geht es mir zu weit. “Los, haut ab ihr Federvieh!”, rufe ich weshalb Tanja gleich morgens heftig lachen muss. Trotz der ungewöhnlichen Behinderung sitzen wir schon frühzeitig auf unseren Rädern und treten sie in Richtung Osten. Die Donau begleitet ab sofort wieder jeden Meter unserer Reise. Leider bläst uns der Wind wieder entgegen weswegen das Radfahren auch heute anstrengend ist. Doch hinter so mancher Kehre der gut ausgebauten Straße, befinden wir uns ganz unerwartet im Windschatten der Berge. Wir freuen uns über die wohl eindrucksvollste und großartigste Donaulandschaft die uns auf der langen Reise regelrecht in ihren Bann schlägt. Tatsächlich werden die zum Teil schroffen Berge direkt vom mächtigen Fluss begrenzt. Der Asphaltstreifen auf dem wir uns bewegen gräbt sich manchmal in die Felsen und macht es uns möglich das atemberaubend schöne Land für uns zu entdecken. Jeder Kilometer scheint sich an fantastischen Landschaftszenen übertrumpfen zu wollen. Auf der anderen Seite der Donau befindet sich Serbien. Auch dort drüben führt eine atemberaubende Uferstraße über Brücken, durch Tunnels und Röhren entlang. Eine Burg versteckt sich in Tarnfarben zwischen dem Felsmassiv und erinnert auch hier an die Zeiten des Kampfes um die Macht, an die Zeiten des Krieges, um Vormachtstellungen, Besitzerweiterungen, an Mord und Totschlag. Nur wenig weiter überqueren wir eine Brücke. Ein Bach schlängelt sich von den Höhen der Karpaten zu uns hinunter. Entenscharen schnattern, vergnügen sich an seinen Ufern oder nehmen ein kühlendes Bad. Die Sonne scheint und wirft ihr grelles Licht wie ein helles Tuch über uns, den Fluss, den Dörfern und Menschen. Wir erleben einen Tag der Superlative, einen Tag der Schönheit und des Friedens in einem Land das so wirkt als würde es gerade aus dem Jahrhundertschlaf erwachen. Mit offenen Augen und wachen Sinnen nehmen wir alles auf, jede Regung und alles Fremdartige. Ziegen liegen am Straßenrand und dösen im Schatten der Bäume vor sich hin. Ihr Hirte hat es sich nur wenige Meter entfernt von ihnen hinter einem grünen Busch bequem gemacht und schläft. Dann erschrecken uns ein paar menschliche Ansiedlungen mit ihrer Armut und Schmutz. Müll brennt an einem unbewohnten, nie fertig gestellten Rohbau. Beißender Rauch legt sich über die Wohnhäuser und frisst sich in bösartiger Schädlichkeit in jede Ritze, jede menschlich und tierische Lunge. Wir halten den Atem an und strampeln durch, nichts wie weg von dem giftig gelben Zeug. Hässliche, bald zusammenbrechende Wohnblöcke stehen da wie Monopolyhäuser nur mit dem einen Unterschied, dass wir uns hier nicht in einem Spiel befinden. Verlassene Fabriken tauchen auf. Rost, zerbrochene Fenster, aufgeplatzte Leitungen, zerrissene Förderbänder, bröckelnder Beton, Fässer, eingetrocknete Öllachen und vieles mehr entstellen die Natur in höchster Form. Sie wirken wie aufgerissene, nicht heilende Wunden. Wie verwesende Todgeburten. Der Anblick trübt unsere Sinne, stimmt uns traurig und erinnert an ein völlig fehlgeschlagenes Regierungssystem, an das Versagen einiger Führer die ihrem Volk viel Leid gebracht haben.

Wegen der Kälte heute Morgen haben wir auf unser Frühstück verzichtet und sind mit leeren Mägen aufgebrochen. Seit Stunden ernähren wir uns nur von Studentenfutter welches wir uns von Zeit zu Zeit in den hungrigen Rachen werfen. In den kleinen Ortschaften gibt es keine Restaurants. Wir sind also gezwungen weiter und weiter zu radeln bis Tanja rebelliert. “Ich brauche etwas zum Essen und zwar so schnell wie nur möglich!”, ruft sie. “Hier gibt es aber keine Kneipen!”, gebe ich zurück. “Ist mir egal. Dann essen wir eben am Straßenrand unser Travellunch. Wir können doch Wasser kochen!”, entgegnet sie. “Okay, bei der nächst besten Möglichkeit halten wir an”, sage ich. Wegen den Bergzügen die ihre rauen Flanken bis an das Ufer der Donau ausstrecken ist es auf diesem Streckenabschnitt kaum möglich einen geeigneten Rastplatz ausfindig zu machen. Da ich eine hungrige Tanja nicht zu lange warten lassen möchte entscheide ich den Mittagsstopp an einer Brücke einzulegen. “Hier bleiben wir. Wir können den Kocher auf die Betonabsperrung stellen und diese gleichzeitig als Sitze nutzen”, meine ich und lehne mein Rad dagegen. Letztendlich ist der Ort direkt an der Straße gar nicht so übel. Heißhungrig schlichten wir uns das Fertigessen hinter die Kiemen, essen jeder noch eine Tafel Schokolade als Nachspeise und pedalen weiter.

Am Nachmittag meldet sich meine Sehne am rechten Knie. Der Schmerz ist bedenklich und das Potential der Entwicklung beängstigend. Tanjas Oberschenkel ist vom Zeckenbiss geschwollen. Die Rötung ist ca. Handflächengroß. Unsere Bedenken es könnte wirklich Borreliose sein verstärken sich. “Vielleicht reagiere ich aber auch nur allergisch auf den Biss? Könnte doch sein? Dann ist es auf keinem Fall Borreliose”, beruhigt sie die Situation. Nach unserem Wissen werden alleine in Deutschland jedes Jahr zwischen 80.000 und 100.000 Menschen mit dem Bakterium Borrelia burgdorferi infiziert. Nachdem was ich gelesen hab beginnt die Krankheit im Allgemeinen mit grippeartigen Symptomen, manchmal zusammen mit einer sich ringförmig ausbreitenden Rötung um die Einstichstelle. Erfolgt in diesem Frühstadium keine Behandlung mit Antibiotika entwickelt sich in den meisten Fällen zwei Wochen bis zwei Monate nach Auftreten der ersten Krankheitszeichen vor allem an größeren Gelenken wie dem Kniegelenk Arthritis. Diese kann in Schüben auftreten, die wochen- oder monatelang andauern und möglicherweise über Jahre hinweg chronisch wiederkehren. Die Infektion kann zudem Herz und Nervensystem schädigen und Meningitis verursachen. Borrelien werden in der Regel allerdings erst einen Tag, nachdem sich die Zecke festgesetzt hat, übertragen. Da Tanja die Zecke umgehend entfernte ist das Infektionsrisiko stark gemindert. Trotzdem hat sie die rote Schwellung. Uns bleibt im Augenblick nichts anderes übrig als abzuwarten.

“Oh nein, das sieht nach einer gewaltigen Steigung aus!”, stöhne ich als die Straße beginnt sich wieder nach oben zu winden. Mit dem Wiegeschritt versuche ich eine für mich neue Technik und schaffe so eine Alternative meine Muskulatur anders zu belasten. Trotzdem müssen wir immer wieder absteigen und streckenweise unsere Lastenzüge schieben. Weil wir bisher kaum Filmaufnahmen von uns gemeinsam besitzen stelle ich das Stativ auf, um eine Bergauffahrtsequenz festzuhalten. Dann laufe ich wieder zurück, hole die Kamera und folge Tanja. Oben angekommen ruhen wir erstmal aus und genießen den Blick auf das ca. 135 Kilometer lange Donautal. Wie ein Bergsee breitet sich die Donau zwischen den Felswänden aus. Erst 1971 wurde sie durch einen Staudamm auf die Länge von 150 Kilometer aufgestaut. Der Damm war ein Gemeinschaftsprojekt zwischen Rumänien und dem früheren Jugoslawien. “Schau mal!”, rufe ich und deute auf ein Kreuzfahrtschiff welches sich in diesem Augenblick seinen Weg durch den fantastischen Bergeinschnitt bahnt. Etwas neidisch blicken wir herab und wünschen uns zumindest für kurze Zeit mal ein umsorgter Tourist zu sein der bei angenehmer Musik und gutem Essen diese fantastische Landschaft genießen darf. Plötzlich taucht ein weiteres Kreuzfahrtschiff auf. Auf dem Deck befinden sich Gäste die in der Abendsonne ihr Leben genießen. Wir winken ihnen zu. Sofort wird es von ihnen freudig erwidert. Es dauert nicht lange bis alle Touristen uns auf der Bergstraße ausmachen und wie wild mit ihren Händen wedeln. “Hallo! Hallo! Hallo!”, rufen wir ihnen frohen Mutes zu eventuell Landsleute so weit entfernt von unserer Heimat anzutreffen.

Die Sonne steht mittlerweile schon sehr tief. Uns geht das Wasser aus. An wild Zelten ist nicht zu denken da das Tal keine Möglichkeit dafür bietet. Wir sind gezwungen weiterzumachen obzwar wir durch die gestrigen Anstrengungen noch geschwächt sind. 35 Kilometer liegen noch vor uns obschon wir heute bereits 75 Kilometer hinter uns gebracht haben. Im langen Schatten des Bergmassives lassen wir unsere Räder wieder ins Tal sausen. Ohne Sonne ist es unangenehm kalt. Kaum sind wir unten angelangt müssen wir wieder hinauf. Das Dorf Ogradena liegt auf dem Rücken eines Berges. Der Schmerz meiner Kniesehne zwingt mich aus dem Sattel. Schiebend folge ich Tanja. Eine Viper kreuzt den Weg. Ich lege das Rad gegen einen Pfosten, filme sie und schiebe weiter. Die Dokumentation unserer Reise in Bild, Film und Schrift ist ein aufwendiges Unterfangen. Jedes mal müssen wir uns selbst überwinden, selbst motivieren und gegenseitig überzeugen die Kameras in die Hand zu nehmen, auch wenn der Zeitpunkt gerade unpassend ist. Meist gibt es die besten Motive genau dann wenn man völlig kaputt oder müde ist. Die Ausrede, ich hole es morgen nach, funktioniert nicht denn morgen ist die Szene vorbei.

Hinter einer Biegung halten wir wieder, essen Kraftfutter, steigen in die Sättel und machen weiter. Mittlerweile haben wir unsere Positionsleuchten an den Uvexhelmen angebracht. Die Dämmerung geht in Dunkelheit über. Tanja hängt immer weiter ab. Ich halte öfter an. Sie kann nicht mehr. Ihre Kräfte sind am Ende. Der Zeckenbiss fordert auch seinen Tribut. Die Aussicht noch weitere 15 Kilometer zur nächsten Stadt radeln zu müssen ist demoralisierend. Dann taucht das Dorf Eselnita auf. Ein Schild lädt zum Essen und Schlafen ein. Wir sind freudig überrascht. Sofort packen wir die Gelegenheit beim Schopf. “20 Euro”, erschreckt mich die deutsch sprechende Rumänin. “Was soviel?”, frage ich. Wir einigen uns auf 15 Euro pro Nacht ohne Frühstück. Mit letzter Kraft tragen wir unsere Ausrüstung ins sehr modern und neu eingerichtete Zimmer. Wir befinden uns in einer Ferienpension am so genannten Eisernen Tor, dem malerisch schönen Durchbruchstal der Donau zwischen den Südkarpaten in Rumänien und dem Serbischen Erzgebirge in Serbien. Die Unterkunft ist nach besten westlichem Standard gebaut. Es gibt heiße Duschen, ein sauberes Bett und eine fantastische Sicht auf eine Bergseelandschaft die man hier nicht erwartet. Wir sind übermüdet als wir unser Abendessen verzehren. Durch den für Rumänien hohen Preis fühlen wir uns über den Tisch gezogen. “Wenn die Aussage des Mädchens in dem Laden stimmt und man für einen Euro 10 Tafeln Schokolade oder 14 Flaschen Bier bekommt, haben die hier Wucherpreise”, brummle ich. Tanja lässt sich von meiner Unmut anstecken und so kommt es, dass wir einen großen Fehler machen und entscheiden die Unterkunft morgen wieder zu verlassen. Eigentlich wäre sie ideal, um meine sich häufende Schreibarbeit in einem schönen Ambiente zu tätigen aber nicht wenn man sich geneppt fühlt.

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