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Mongolei/Ulan Bator Link zum Tagebuch TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 4

Unter erschwerten Bedingungen

N 47°55'30.4'' E 106°55'33.6''
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    Tag: 102

    Sonnenaufgang:
    06:41 Uhr

    Sonnenuntergang:
    18:46 Uhr

    Luftlinie:
    57.24 Km

    Tageskilometer:
    77.24 Km

    Gesamtkilometer:
    14283.01 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    6 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    0 °C

    Temperatur – Nacht:
    -4 °C

    Breitengrad:
    47°55’30.4“

    Längengrad:
    106°55’33.6“

    Maximale Höhe:
    1534 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    1100 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    10.00 Uhr

    Ankunftszeit:
    20.00 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    12,76 Km/h

Wie der Wetterbericht vorhergesagt hat empfängt uns an diesem Morgen ein trüber, vom Meister beherrschter, Tag. Wir frühstücken in unserem Zimmer und tragen heute, vielleicht zum letzten Mal auf dieser Etappe, unsere Räder und Ausrüstung vom ersten Stock ins Parterre. Wir lehnen unsere Böcke gegen das Plumpsklo des Hotels und beladen sie als es zu regnen beginnt. Sofort ziehen wir uns Regenjacke, Regenhose, Handschuhe und Überschuhe an. Dann verlassen wir Ishuuj, um sogleich den nächsten Berg zu erobern. Der erste Höhenzug überrascht uns mit über 1.300 Meter. Der Zweite mit 1.400 Meter. Der Dritte bringt uns auf 1.500 und der Vierte auf knapp 1.600 Meter. Auch wenn die Marathonbesteigungen des Südsibirischen Gebirges, der Höhenzüge auf der Insel Olchon, des Chamar-Daban-Gebirges am Baikalsee und der Mongolischen Berge, eine ständige Herausforderung waren, sieht es so aus als wollten die Berge uns am letzten Tag noch mal richtig einheizen. Der Meister hat seine Zähne auch noch mal geschärft, um unsere überanstrengten Körper zu malträtieren. Auf 1.500 Meter beginnt es zu Hageln. Die Eiskörner treffen uns ins Gesicht und trommeln auf unsere Helme. Das Thermometer schwankt zwischen drei und sechs Grad plus. Je nachdem wie hoch wir gerade sind. Um 13:00 Uhr liegen erst 17 Kilometer hinter uns. Hauptsächlich Steigungen. Wir erreichen ein kleines trostloses Nest. Die Häuser ducken sich in den Wind. Menschen sind kaum zu sehen. Ein verwahrlostes flaches Steingebäude macht auf uns den Eindruck als wäre es so was Ähnliche es wie ein Restaurant. Da unsere Kleidung vom Schwitzen wieder völlig durchnässt ist und wir gotterbärmlich frieren, stoppen wir. Während Tanja draußen wartet, betrete ich das Häuschen, um zu fragen ob wir hier etwas Warmes zu essen bekommen. In dem unbeheizten Raum läuft ein Fernseher über dessen Bildschirm gerade chinesische Soldaten flimmern. Auf den gefliesten Boden verlieren sich ein vereinsamter Holztisch, vier Stühle und zwei Autositze. Im Nebenraum gibt es ein winziges Lebensmittelgeschäft auf dessen Tresen ein frisch geschlachtetes Schaf feilgeboten wird. Es riecht unangenehm. Die Küche ist leer. Keine Aktivität. “Wir haben nichts zu essen”, höre ich enttäuscht. “Können wir einen Tee bekommen?”, frage ich, weil Tanja und ich uns unbedingt ein wenig ausruhen müssen. Die Frau nickt. Sofort eile ich nach draußen und hole Tanja. Wir setzen uns an den Holztisch. “Ist das überhaupt ein Restaurant? Sieht so aus als würden die Menschen hier wohnen”, meint sie. “Ich weiß nicht. Aber wir bekommen einen heißen Tee hat die Frau gesagt.” Es dauert nicht lange und die Ladenbesitzerin schenkt uns den gesalzenen mongolischen Buttertee in die Tassen. Dann reicht sie uns eine Tüte mit Aruul. (getrockneter Quark der aussieht wie Süßgebäck) Da ich während unserer letzten Mongoleiexpedition schlechte Erfahrungen mit dem zwar schmackhaften aber fetten Milchprodukt hatte, und ständig unter Durchfällen litt, nehme ich nur eins. “Nimm doch mehr”, sagt die Frau, worauf Tanja sich noch ein weiteres Aruulstücke greift. Dann trinken wir den fetten gewöhnungsbedürftigen Tee, essen die zuckerlose Quarkkreation und warten darauf, dass wieder ein bisschen Wärme in unsere Körper kommt. “Ich geh mal in den Laden. Vielleicht gibt es ja ein paar richtige Kekse”, sage ich. Weil die Mongolin für den Buttertee und die angebotenen, selbst gemachten und sauer schmeckende Trockenquarkstückchen nichts verlangt, möchte ich ihr ein Geschäft geben und kaufe zwei Tafeln Schokolade und eine Tüte mit russischen Plätzchen ab. Wir bekommen heißes Wasser, hängen unsere eigenen Teebeutel von Sonnentor in die Tassen und verschlingen alles was ich soeben erstanden habe.

Um 14:00 Uhr verlassen wir das seltsame Straßenrestaurant. Draußen empfängt uns wieder der eiskalte Wind aus Sibirien. Mit steifen Gliedern und noch immer schrecklich frierend, beradeln wir den nächsten 1.500 Meter hohen Bergrücken. Weil Tanja für den Anstieg sehr lange benötigt nutze ich die Zeit und fotografiere einstweilen den imposanten Obul. “Ich kann nicht mehr. Mir ist furchtbar schlecht. Ich muss mich erstmal übergeben!”, ruft mir Tanja zu als sie wenig später am Obul ankommt. Tatsächlich hievt Tanja ihr Rad auf den Ständer, stellt sich daneben und bricht. “Kann ich dir helfen?”, frage ich besorgt. “Nein”, höre ich und werde in den nächsten 15 Minuten Zeuge wie sich ihr Inneres nach außen würgt. Wegen dem eiskalten Wind auf der Passhöhe dauert es nicht lange bis unsere Körper vor lauter Zittern kaum noch zu kontrollieren sind. “Geht es wieder? Wir müssen hier weg sonst erfrieren wir noch”, sage ich. “Mir ist noch immer schlecht aber wir können weiterfahren”, antwortet Tanja mit den Zähnen klappernd und sichtlich angeschlagen. “Fahr vorsichtig!”, rufe ich mein Intercontinental die Anhöhe hinunterrollen lassend. Nur 100 Höhenmeter tiefer stoppen wir erneut. Tanja lehnt ihr Gefährd gegen ein Stück Leitplanke und eilt in die Pampa. “Weiter?”, frage ich, als sie kurz darauf wiederkommt. “Ich habe ja keine andere Chance”, sagt sie worauf wir die Talfahrt fortsetzen.

Wieder erreichen wir ein armseliges Dorf. An einem Lebensmittelgeschäft halten wir erneut. “Geh in den Laden und wärm dich auf. Ich stelle dein Rad an den Zaun”, sage ich, um Tanja so schnell es nur geht aus den Fängen des Meisters zu befreien. Als ich ihren Bock hinten hochhebe, um ihn gegen den Metallzaun zu lehnen, fällt der Hinterreifen ein Stück nach unten. Entsetzt bemerke ich, dass sich der Schnellspannverschluss gelöst hat. Ich klicke die Ortliebtaschen vom Rahmen, setze den Reifen wieder richtig ein und ziehe noch immer fassungslos den Schnellspanner fest. “Durch die holprige Straße muss der Anhänger den Schnellspanner gelöst haben. Nicht auszudenken was geschehen wäre hätten wir hier keine Pause eingelegt und hätte ich nicht Tanjas Aluminiumesel hochgehoben, um ihn zu parken. Eine grobe Bodenunebenheit reicht, um bei voller Fahrt den Hinterreifen zu verlieren”, geht es mir durch den Kopf. Eilig flüchte ich mich nun auch in das unbeheizte Lebensmittelgeschäft. Die freundliche Besitzerin spricht einigermaßen gut Deutsch. Sie hat für ein paar Jahre in Berlin gelebt und sich mittlerweile mit Tanja unterhalten. Tanja ist aschfahl im Gesicht und kauert am gesamten Körper zitternd auf einem Holzhocker. “Gibt es in diesem Ort eine Übernachtungsmöglichkeit?”, frage ich, weil Tanja umgehend in ein warmes Bett muss. “Nein. Das nächste ist in Ulan Bator”, antwortet die Frau. “Ich muss raus”, sagt Tanja plötzlich, steht auf und verlässt das Geschäft. Am Straßenrand stehen speit sie wie ein Reiher. Fontänenweise verlassen die offensichtlich verdorbenen Trockenquarkkekse ihren Körper. Besorgt beobachte ich sie. “Was sollen wir nur tun?”, überlege ich. Jetzt, kurz vor unserem Ziel, müssen wir unbedingt vermeiden das irgendetwas schief geht. Wenn wir weiterfahren müssen wir uns konzentrieren. “Keine Fehler machen. Keine Fehlentscheidungen treffen”, geht es mir durchs Gehirn. Als Tanja wieder das ungemütlich kalte Lebensmittelgeschäft betritt, sieht sie noch schwächer aus als vorher. “Wie geht es dir?” “Etwas besser. Ich glaube das Meiste ist draußen.” “Die Frau meint es sind nur noch zwölf Kilometer bis zum Stadtrand. Wenn wir den erreichen hast du es geschafft. Hast du noch genügend Kraft dafür?” “Ja, das schaffe ich.” “Bist du dir sicher? Wir dürfen jetzt nichts mehr riskieren. Ein Unfall kurz vor Ziel ist das Letzte was wir gebrauchen können. Wenn du dein Rad noch unter Kontrolle hast können wir es allerdings versuchen”, sage ich. “Macht keinen Sinn hier noch viel länger zu sitzen und weiter auszukühlen. Ich schaffe das”, versichert Tanja mit klappernden Zähnen. “Okay, dann rufe ich jetzt Gambold an und sage ihm in einer Stunde am Stadtrand von Ulan Bator zu sein”, entscheide ich und wähle die Nummer. “Ah, hallo Denis. Wo seid ihr gerade?” “In einer kleinen Ortschaft vor der Hauptstadt. Wir könnten in einer Stunde da sein.” “Sehr gut. Neben der Polizeistation gibt es ein Restaurant. Ich werde euch dort abholen”, sagt er und legt auf.

Nachdem wir auf dieser Etappe 3.438 Kilometer (ca. 2.900 Kilometer mit dem Rad) und 15.100 Höhenmeter zurückgelegt haben, lassen wir unsere Räder Richtung Ziel hinunterrollen. Als wir um eine große Biegung fahren, sehen wir die Hässlichkeit Ulan Bator. In einem weiten Bergtal erstreckt sich die Millionenstadt die 1649 unter dem Namen Urga, um ein Kloster entstand und ab 1778 ständiger Sitz des Oberhauptes des Lamaismus in der Mongolei war. Smoke liegt über der 1.350 Meter hoch gelegenen Metropole. Kraftwerke spucken übel aussehenden Rauch aus der sich wie eine erstickende Decke auf all die Häuser, Gebäude und Straßen legt. Obwohl wir im Augenblick andere Sorgen haben bin ich vom Anblick des politischen und kulturellen Zentrums der Mongolei entsetzt. Seit 1996, als wir das letzte Mal hier waren, hat sich das einst schlafende und vergessene Städtchen zu einem stinkenden und hektischen Industriestandort entwickelt, in der nahezu alle Abgase ungefiltert in die Atmosphäre und die Lungen der Menschen geblasen und die Abwässer in den Fluss Tuul gepumpt werden, der damit das Zehnfache der zulässigen Schadstoffe erreicht und das Trinkwasser des Hinterlandes verseucht.

Wahrscheinlich liegt es an den erschwerten Bedingungen wie bis zu 1.600 Meter hohen Bergen, Kälte, Hagel, dem bösen Meister, Tanjas Lebensmittelvergiftung und unserer daraus resultierenden Überanstrengung, dass wir kaum etwas empfinden als wir die von Gambold beschriebene Polizeistation von Ulan Bator und damit unser Ziel erreichen. “Wir sind da. Wir haben es geschafft”, sage ich. Tanja steigt von ihrem Rad und kauert am Straßenrand als ich unsere riese und müller am Rande von Ulan Bator für das Abschlussfoto der erfolgreichen Etappe vier unserer Trans-Ost-Expedition aufstelle. Ich klicke die Leica auf das Stativ und frage: “Kannst du?” “Ich versuch’s”, sagt sie. Wir stellen uns vor die Roadtrains und als ich den Funkauslöser drücke lachen wir so triumphierend wie es gerade geht. “Noch eins”, sage ich weil ich nicht weiß ob das erste Bild etwas geworden ist. Dann schicke ich Tanja in das Restaurant und baue das Stativ wieder ab. “Ich würde mich gerne mehr freuen aber mir ist zu schlecht”, meint Tanja etwas später im Restaurant sitzend. “Wir freuen uns später. Dann, wenn wir nicht mehr frieren und dir nicht mehr schlecht ist. Aber trotzdem gratuliere ich dir. Das war eine fantastische, erlebnisreiche Reise und du hast enorm viel geleistet. Meine Gratulation”, antworte ich. “Ich gratuliere dir auch”, sagt sie als wir ein Jeep vorfährt. Obwohl wir Gambold noch nie in unserem Leben gesehen haben erkennen wir ihn sofort. “Hallo. Schön das ihr es bis nach Ulan Bator geschafft habt”, begrüßt uns der freundliche Mann in sehr gutem Deutsch. “Bekommen wir das alles in deinen Jeep?”, zweifle ich auf die zwei voll beladenen Roadtrains deutend. “Kein Problem”, sagt er, doch es dauert nur eine Weile bis wir feststellen müssen beim besten Willen keinen Platz für das zweite Rad zu finden. “Kein Problem”, meint Gambold und möchte mein riese und müller hinterm Ersatzreifen mit einem Riemen festbinden. “Sieht aber gefährlich aus. Ich möchte nicht das mein edles Ross am Ende Schaden nimmt”, weigere ich mich zuzulassen das wertvolle Bike nur mit zwei Riemen frei baumelnd an einem Ersatzreifen zu befestigen. “Kein Problem. Wir sind Nomaden. Wir binden alles fest sogar auf Pferde und Kamele”, wiederholt sich Gambold und fährt unbeeindruckt fort den Rahmen fest zu surren. “Gambold, das mit dem kein Problem kenne ich schon zu genüge. Als wir damals die Wüste Gobi mit Kamelen durchquerten, hat der Kamelmann immer gesagt; “Kein Problem.” Dann ist die Ladung vom Kamelrücken gerutscht und an den Hinterbeinen des Kamels hängen geblieben. Der Bulle kam derart in Panik, dass er den Rucksack mit gesamtem Inhalt zu Schutt und Asche getreten hat. Das Resultat war sehr problematisch. Eine Kamera und einen Laptop konnten wir danach wegwerfen. Also sage mir nicht, dass das kein Problem ist”, versuche ich zu erklären. Als würde Gambold meine Geschichte gar nicht hören zieht er einen Knoten und sagt; “Das müsste halten. Bitte einsteigen.” “Okay, ich gebe auf. Es wird schon in der Göttlichen Ordnung sein”, resigniere ich einen letzten Blick auf mein geliebtes Rad werfend. “Hier kannst du sitzen”, sagt Gambold auf einen winzigen Campinghocker deutend, der zwischen dem Forderreifen von Tanjas Drahtesel und dem ganzen Gepäck hervorspitzt. “Da passt nicht mal ein Liliputaner rein”, entgegne ich. “Aber klar”, erwidert er, klettert wie ein Schlangenmensch über das bis zum Dach reichende Gepäck und zeigt mir wie ich sitzen soll. “Okay”, meine ich und versuche meinen Körper ebenfalls auf das Hockerchen zu platzieren. Als ich mich in völlig verrenkter Stellung hinein gewunden habe hängen meine Füße zum Fenster hinaus. Gambold hebt sie hoch und drückt sie nach innen. Keine Chance. Mit vereinten Kräften drücken jetzt Gambold und Tanja die Tür zu bis mein gesamter Körper in das Gepäck gequetscht ist. “Geht doch”, meint er trocken, worauf Tanja trotz ihres Unwohlseins lachen muss. Dann fahren wir los und befinden uns nur einen Kilometer weiter in einem Verkehrschaos des Wahnsinns. “Bitte langsam fahren. Denk an mein Fahrrad das dort hinten hin- und herbaumelt”, ermahne ich. “Ich kann nicht langsam fahren”, antwortet Gambold amüsiert. “Wusste gar nicht das Ulan Bator so einen irren Verkehr hat. Als wir hier waren gab es kaum Autos auf der Straße”, sage ich durch meine verrenkte Stellung etwas gepresst und von Krämpfen gepeinigt. “Die Zeiten haben sich geändert”, meint Gambold lachend. “Wir sollten mal nach dem Rad sehen”, schlägt Tanja vor, die wegen der Heizung zu schlottern aufgehört hat. “Das Rad haben wir längst verloren. Da brauchen wir nicht mehr nachsehen”, hören wir und versuchen uns an den Humor des Mannes zu gewöhnen. Nach einer halben Stunde bin ich am Ende meiner Kräfte und werde neidisch auf Tanjas Position des Beifahrers. “Wie weit ist es noch?” “Eine halbe oder dreiviertel Stunde.” “Was? Das halte ich nicht aus. Meine Beinmuskeln müssen jeden Augenblick abreißen und mein Hintern hat die Form eines Diskus angenommen.” “Ha, ha, ha. Hi, hi, hi.” Ist die Antwort. Hitzewallungen stürmen durch meinen Körper und wegen den vielen Abgasen wird mir ebenfalls langsam übel. Die Mongolen haben einen Fahrstil das es selbst einer alten Sau schlecht werden kann. Vor allem sind wir über die Gnadenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit, die sie an den Tag legen, überrascht. Zweispurige Straßen werden zu dreispurigen erklärt. Es wird gehupt und geschimpft, geschnitten und in allerletzter Sekunde gebremst. Geht es in einen Kreisverkehr hat man nur die Chance sich mit Gewalt Eintritt zu verschaffen. Keiner gönnt dem anderen nur einen Zentimeter Vorsprung. In all dem nächtlichen Wahnsinn, der mich an den Verkehr von Kairo erinnert, versuchen Polizisten, die im Zentrum der rollenden Blechhaufen stehen, mit ihren Trillerpfeifen und Leuchtstäben den Verkehr zu regeln. “Es kann nicht lange dauern bis so ein Mensch an Lungenkrebs eingeht”, denke ich und schüttle den Kopf. “Ist der Verkehr immer so?” “Ja, jeden Morgen und jeden Abend. Da kann man für zehn Kilometer eine Stunde einrechnen. Am Wochenende und tagsüber ist es besser”, erklärt Gambold, der gerade wie ein Pfeil zwischen eine Autogruppe schießt und somit die ursprüngliche zweispurige Straße zur Vierspurigen erklärt.

Zehn Stunden nach dem Aufbruch heute Morgen erreichen wir um 20:00 Uhr wohlbehalten die völlig überheizte Wohnung die Gambold für uns organisierte. Mit letzter Kraft und der tatkräftigen Unterstützung unsere neuen Freundes schleppen wir unsere gesamte Habe in den fünften Stock. Für 29. 000 Tugrik (14,- Euro) am Tag, ziehen wir in eine modern möblierte nagelneue Dreizimmerluxuswohnung ein, die uns regelrecht die Sprache verschlägt. Ein älterer Herr begrüßt uns freundlich und erklärt wie die Waschmaschine und alles Weitere zu bedienen ist. Er ist Mathematikprofessor und der Chef einer Universität dieser Stadt. Seine Tochter, die Nichte von Gambold, arbeitet fürs Außenministerium. Eine Abbildung der Golden Gate Bridge von San Francisco, der Eifelturm von Paris, eine kleine Gondel von Venedig, die Skyline von Ney York, ein Bild von Prag und das Kolosseum von Rom, zieren den Wandschrank und zeugen von ihren extensiven Auslandsreisen.

“Braucht ihr etwas vom Supermarkt? Ich fahre euch hin”, fragt Gambold nachdem alle Details geklärt sind. “Wir sind müde aber sehr hungrig. Denke wir sollten noch etwas einkaufen. Wie geht es dir Tanja?” “Ich bin zwar körperlich kaputt aber mir ist nicht mehr schlecht. Denke ich habe alle Bakterien in den Wind gespuckt.” “Super, dann auf in den Supermarkt”, meine ich voller Elan. Wir freuen uns hier in Ulan Bator fast alles zu bekommen worauf sich unsere Gaumen sehnen und schnell haben wir uns für die nächsten Tage eingedeckt. Gambold fährt unseren Einkauf wieder zur Wohnung. “Ich komme euch morgen besuchen. Dann können wir uns um euer Flugticket, den Versand eurer Ausrüstung und die Beschaffung der Kartons für eure Räder kümmern”, sagt er lachend und fährt davon. “Ein netter Mann”, meint Tanja. Ja, wirklich fantastisch das wir diesen Kontakt von Getrud und Günter Niederle bekommen haben. Nicht auszudenken wenn wir heute noch durch diesen Verkehrswahnsinn gemusst hätten. Das kann kaum ein Radfahrer überleben”, antworte ich. Obwohl es schon spät ist und unsere Muskeln schmerzen feiern wir unseren Erfolg. Wir lümmeln uns auf die bequeme Couch, genießen einen Salat und weil sich Tanja wieder besser fühlt ein paar Bier. Bis Mitternacht lassen wir den heutigen Tag Revuepassieren und spendet uns der Adrenalinspiegel der Freude positive Energie.

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