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Rumänien/Isaccea

Unfreiwilliges Abendessen

N 45°16'24.6'' E 028°27'35.3''

Ich sitze im ersten Stock des Americano, blicke auf ein belebtes Storchennest und haue in die Tasten. Hätte nicht gedacht das wir in diesem Kaff soviel erleben. Tanjas Knie geht es schon wieder viel besser. Sie verbringt ihre Zeit mit Yoga, Dehnungsübungen, der Meditation und einigen Stunden in einem speckigen Internetladen. Ein Wunder das es hier so etwas überhaupt gibt. Obwohl ich in meinem tollen Klappstuhl hocke werde ich bei 31 Grad etwas angeschwitzt. Fühle mich nach einem Neun-Stunden-Schreibtag regelrecht gegart und sehe doppelt. Um 19:30 Uhr machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. Wir müssen an Mama Maria vorbei. Sie möchte uns sofort zum Essen einladen aber ihr Mann Christi weigert sich stöhnend etwas zu kochen. Bevor die beiden sich in die Haare bekommen können wir sie überzeugen später wiederzukommen. Am Ortsende finden wir das einzige Restaurant von Isaccea. Kein Mensch weit und breit. Nichts Neues in Rumänien. Die Tische sind gedeckt. Auf einem befindet sich sogar ein Reservierungsschildchen. Wir hören Stimmen. Dann kommt eine junge Frau. Sie gibt uns zu verstehen, dass die Gaststätte geschlossen ist. Wenn wir essen möchten müssen wir nach Tulcea fahren. Welch eine Ironie. Zurück wollen wir unter keinen Umständen. Schon gleich nicht mit dem Rad. Wir laufen wieder in den Ort. Wollen uns in einem Magazin etwas zum Abendessen kaufen. Vielleicht auch ein Weißbrot welches nicht so furchtbar gequält wurde. Vorsichtig schleichen wir uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite an Mama Marias Kaschemme vorbei. Sie steht davor und fegt die Straße. Wir haben es fast geschafft als sie uns plötzlich erspäht. “Denis! Tanja! Kommt rüber!”, ruft sie lautstark. Erschrocken fahren wir beide zusammen. Wir haben nicht die geringste Chance ihrer Aufforderung nicht nachzukommen. “Setzt euch. Christi wird für uns kochen.” Ich verspüre nicht die geringste Lust von Christi bekocht zu werden. Durch seine Fettleibigkeit, seine schmuddeligen im Schritt vergrößerten Hosen und der offensichtlichen Ablehnung uns gegenüber, ist mir der Gedanke einfach zuwider. “Setzt euch! Christi ist gleich fertig!”, befiehlt sie. “Nein, nein, wir müssen weiter. Wir kommen gleich wieder. Wir kaufen uns nur schnell etwas im Magazin”, antwortet Tanja. “Setzt euch endlich. Das Essen kommt in fünf Minuten auf dem Tisch”, donnert es etwas bedrohlich. Tanja und ich gehorchen. Wir bekommen die Ehrenplätze. Es sind durchgesessene Wohnzimmersessel. Kaum haben wir unsere Körper in die quietschende Federung der Sessel versenkt steht ein Bier auf dem Tisch. Gläser werden in einem Waschbecken gewaschen und kommen nass auf dem Tisch. Ich sehe die vielen Lippen die sich innerhalb der letzten Jahre darauf eingegerbt haben und muss mich beherrschen. Gestern war ich wohl zu müde um das zu registrieren aber heute fällt mir einfach jedes Detail auf. “Ich habe keine Lust hier zu essen aber wer fragt mich schon”, sage ich leise. “Meinst du ich? Bleib einfach locker”, antwortet Tanja. “Ich bin verdammt locker aber so locker kann kaum ein menschliches Wesen sein”, entgegne ich etwas trotzig. Mama Maria legt zur Feier des Tages eine nette und saubere Tischdecke auf die Holzplatte. Vorher hat sie den Tisch allerdings mit dem dunklen Lappen gereinigt. Ich denke gerade über das Alter des Lappens nach als die Tür zur Behausung der Beiden aufgedrückt wird und Christi sich laut ächzend hindurch zwängt. Christi stellt eine Schüssel auf dem Tisch, legt ein wohl gequälte Weißbrot daneben und lässt sich laut schnaufend auf einen ächzenden Hocker nieder. Mitsch oder so ähnlich heißen die schwarzen Fleischbällchen die mich aus einer Schüssel angrinsen. “Siehe da. Das Essen hat nicht länger als fünf Minuten gedauert. Buna. Greift zu”, höre ich Marias Stimme. Sofort habe ich zwei der triefenden, angeschwärzten Mitsch-Dinger auf dem Teller. Tanja sieht mich verschmitzt an. Sie hat ja klar gemacht das sie Vegetarierin ist und muss sich mit so etwas nicht auseinander setzten. Ich greife nach der Gabel und quetsche ein Stück davon ab. Ich kann nicht glauben als ich bemerke das die Mitsch innen roh sind. Keine Ahnung ob man die hier so konsumiert aber rohes Hackfleisch bei der Hitze? Alarmglocken klingeln in meinem Kopf. “Buna?”, fragt Maria hoffnungsvoll lächelnd. “Buna”, schwindle ich und beiße zum Beweiß heftig in den Klops. Tanja sieht mich an und muss sich regelrecht beherrschen. “Das nächste Mal sage ich auch das ich Vegetarier bin. Ist ein guter Trick”, flüstere ich. “Ich bin aber Vegetarier”, antwortet sie. “Bin ich in Zukunft eben auch. Und wenn das Essen gut aussieht mache ich halt eine Ausnahme”, entgegne ich. “Du wirst das schon überstehen”, macht sie mir Mut. “Ich kann nur hoffen. Am Ende ist dein Knie topp fitt und ich habe die Scheißerei”, flüstere ich über mich selbst lachend. Tanja bekommt ungewürzten Tomatensalat mit Gurken. Auch wird extra ein Glas mit Yoghurt aufgemacht. Ich stochere in meinen Mitsch-Dingern herum. Flachsen und anderes Undefinierbares wird von meinen Zähnen zermalmt. Als ich aus Versehen zu Christi rüberblicke bekomme ich zuviel. Er haut sich die Klopse im Ganzen in seinen großen Mund. So wie es aussieht hat er keine Zähne mehr und als er zu sprechen beginnt legt sich alles unter die Oberlippen und Backen. “Was bin ich nur für ein Weichei?”, geht es mir durchs Gehirn. Christi schmatz. Von den 20 Katzen die unsere beiden Gastgeber besitzen lungern mindesten 12 direkt am Tisch herum. Eine hat völlig vereiterte Augen. Eine Andere einen offenen Rücken. Gott sei Dank sieht der Rest gesund aus. Als eine besonders Freche mir auf den Teller springen möchte zieht ihr Maria eine Plastikflasche über. Christi, ein echter Katzenliebhaber, beschwert sich. Die beiden fechten für wenige Augenblicke mit Worten hin und her während Christi Unverdautes über den Tisch spuckt. Oh weh, womit habe ich das nur verdient? Ich greife zur Senfflasche, um etwas davon auf die Mitsch-Dinger zu quetschen. Die Flasche ist fettig und schmutzig. Wie war das? Bleib locker hat Tanja gerade gesagt. Nun gut, ich versuche es zumindest. Doch irgendwie erinnert mich die gesamte Szene an eine Essenseinladung bei einer mongolischen Familie. Da gab es Arterien in Blutsuppe ohne Gewürze. Eine Besonderheit für spezielle Gäste. Tanja konnte sich damals erfolgreich drücken indem sie sich ganz schnell die Filmkamera schnappte, um alles zu dokumentieren. Seltsam das ihre Arbeit so lange gedauert hat bis der Aterien-Blutsuppentopf lehr war. “Greif doch zu”, fordert mich Maria energisch auf. “Puh, Ich bin total satt. Habe heute den gesamten Tag im Stuhl gesessen und geschrieben. Da verbraucht man kaum Kalorien. Ehrlich, ich bin absolut voll”, schwindle ich. Christi nutzt die Gelegenheit um sich fünf weitere Mitsch-Dinger hinter die Kiemen zu hauen. Dann stöhnt er erfolgreich, spült seinen großen Mund mit Bier aus und das Essen ist vorerst geschafft. Wir trinken noch zwei Bier und versuchen rudimentäre Kommunikation. Heute lässt sich der Politiker nicht blicken. “Wollt ihr Wodka, Cognac, Schnaps oder einen Likör?”, reißt uns Maria aus unserer verträumten Stimmung. “Nein danke”, lehnen wir freundlich ab, doch wer fragt uns schon. Sekunden später drückt mir Maria eine noch ungeöffnete Schoko-Likör-Flasche in die Hand. “Aufmachen”, höre ich. Gehorsam drehe ich den Verschluss. Maria zaubert Gläser auf den Tisch, nimmt mir die Flasche aus der Hand und schenkt ein. Wir können sie überzeugen nur einen Schluck probieren zu wollen, während Christi sich die Flasche schnappt und sein Glas bis zum Rand füllt. “Kein Wunder das sein Körper solche Ausmaße erreicht hat”, denke ich. Schon wieder will Maria unsere Gläser füllen. Wir können uns durch einen überraschenden Müdigkeitsanfall und der Erklärung morgen wieder schreiben zu müssen aus der Affäre ziehen. Wir umarmen Mama Maria, müssen ihr versprechen morgen wiederzukommen, drücken Christis große und weiche Hände und schlendern zum Americano zurück. In der Nacht brauche ich nur zwei Bullrichsalztabletten um meinen Magen wieder einzurenken. Glück gehabt.

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