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Russland/Troizkoje Link zum Tagebuch TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 4

Tanjas Geburtstag

N 52°07'43.2'' E 107°13'58.0''
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    Tag: 76

    Sonnenaufgang:
    06:59 Uhr

    Sonnenuntergang:
    20:44 Uhr

    Luftlinie:
    21.11 Km

    Tageskilometer:
    29.49 Km

    Gesamtkilometer:
    13571.09 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    23 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    15 °C

    Temperatur – Nacht:
    7 °C

    Breitengrad:
    52°07’43.2“

    Längengrad:
    107°13’58.0“

    Maximale Höhe:
    595 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    513 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    11:15 Uhr

    Ankunftszeit:
    17:00 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    11,18 Km/h

Am Morgen wache ich mit einem kräftigen Halsmuskelkater und leichten Bewegungseinschränkungen des Kopfes auf. “Gott sei Dank keine in den Hinterkopf ausstrahlenden Nackenschmerzen”, denke ich, denn das wären die ersten Anzeichen für ein mehr oder weniger schweres Schleudertrauma. Langsam richte ich mich auf und massiere mir vorsichtig den Hals. Mir ist nicht übel, habe kein Ohrsausen, Schwindel und Schluckbeschwerden. “Das ist schon mal eine sehr gute Selbstdiagnose”, schnaufe ich erleichtert und hoffe, dass in den kommenden Stunden und Tagen keine Verschlechterung eintritt. Der einzige Wehrmutstropfen im Augenblick ist mein geschwollenes und schmerzhaftes Knie. Dann fällt mein Blick auf meine liebe Tanja. Ihr langsamer Atem verrät, dass sie noch schläft. “Alles Gute zu deinem Geburtstag. Ich wünsche dir ein langes, glückliches und gesundes Leben an meiner Seite. Ich wünsche dir Harmonie, Freude und Zuversicht, bringe ich heraus, mich bemühend meine Stimme hoffnungsvoll klingen zu lassen. “Danke”, antwortet sie müde. Gerne hätte ich ihr einen besseren Geburtstag gewünscht. Einen Ehrentag unter besseren Voraussetzungen und an einem anderen Ort als in dieser Moskitohölle.

Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir den Schlafplatz und holpern über den Feldweg zur Asphaltpiste zurück. Starker Gegenwind bläst uns ins Gesicht. Wir machen trotz großer Anstrengung nur ca. zehn bis elf km/h. Unsere Stimmung ist angeschlagen. Schon nach wenigen Kilometern beginnt mein Knie derart zu schmerzen, das nicht mal im Traum daran zu denken ist heute noch Ulan-Ude zu erreichen. Ein schönes Geburtstagessen, ein Glas Wein, eine nette Unterkunft, bleiben also unerreichbar. Tanja fährt voraus, um gegen den Wind zu spuren. Doch wegen den Schmerzen kann ich nicht dran bleiben. Dann fahre ich wieder vor. Wegen dem Windschattenfahren beginnen wir zu diskutieren. Schade, denn gerade heute wollten wir einen Tag der Harmonie erleben. “Ich kann nicht mehr”, klage ich als wir nach erst zehn Tageskilometer an dem schon 1690 errichteten Troizko-Selenginsk-Kloster vorbeifahren. Armselige Renovierungsarbeiten versuchen dem damals einzigen Stützpunkt der orthodoxen Kirche zwischen dem Baikal und Pazifik, optisch auf die Beine zu helfen. Unweit von hier befindet sich das Grab eines russischen Botschafters, der auf dem Weg nach China im Jahre 1650 von Mongolen ermordet wurde. “Im Vergleich zu ihm geht es mir wesentlich besser. Ich lebe noch und bin nur von der Deichsel meines Hängers angefallen worden”, geht es mir durch den Kopf.

In dem armseligen Dorf finden wir ein Lebensmittelgeschäft. Kinder lungern um uns herum und bombardieren uns mit Fragen. Einer der Bengel droht den Schwächeren Prügel an. Der nimmt die Beine in die Hand und läuft davon. Im Laden ist das Angebot der Armut des Dorfes entsprechend. Ich kaufe die einzige Tüte mit Schokoladenkekse. “Nur noch drei Kilometer, dann kommt ein Cafe”, erklärt ein freundlicher Mann. “Die schaffe ich noch”, sage ich. Wir passieren ein riesengroßes Schild. “Sieht wie die Werbung eines Sporthotels aus”, meine ich. “Hier in dieser Gegend? Eigenartig.” “Nach der Hinweistafel zu urteilen ist es nur 2 ½ Kilometer entfernt.” “Ob sie das Schild schon mal vor dem Bau des Hotels hingestellt haben?” “Wer weiß. Kann mir eh nicht vorstellen was für einen Sinn es ergibt in dieser dörflichen Gegend ein Sporthotel zu errichten”, grüble ich. Ein Kleinlasterfahrer, der gerade aus der Straße kommt in der auch das Hotel sein soll, schüttelt den Kopf. “Dort gibt es kein Sporthotel”, sagt er. Wir lassen den schönen Gedanken an die vermeintliche Unterkunft fallen und machen uns auf das Straßencafe zu suchen. Wenig später bestellen wir Suppe und Blinys (Pfannkuchen). Zwei Stunden bleiben wir in dem Cafe und sprechen über unsere Gefühle und dem gestrigen Zwischenfall. “Ich glaube ich stand auch unter Schock. War ein erschreckender Anblick dich plötzlich auf der Straße liegen zu sehen”, erklärt Tanja.

Es ist bereits 16:00 Uhr als wir uns entscheiden einen Campplatz zu suchen. “Warum geht ihr nicht in das Sporthotel?”, fragt eine Ladenbesitzerin. “Sporthotel? Gibt es das wirklich?”, möchte Tanja wissen. “Aber ja”, sagt sie und erklärt uns wie wir dorthin kommen. Die Asphaltstraße endet und mündet in eine Erdpiste. Ob der Feldweg wirklich zu einem Hotel führt? Wir fahren weiter. Es geht durch große Mulden und Löcher in einen Wald. “Gibt es dort ein Hotel?”, frage ich eine junge Frau die mich ansieht als wäre ich der heilige Geist persönlich. Ohne uns eine Antwort zu geben läuft sie weiter. “Gibt es dort eine Gastiniza?”, frage ich drei Lausbuben die uns auf ihren Rädern entgegen reiten. “Hi, hi, hi”, antworten sie. “Gastiiiiniza?”, frage ich noch mal. “Hi, hi, hiiiii”, amüsieren sie sich köstlich über meine offensichtlich völlig falsche Aussprache. “Filial?”, “Filiale?”) fragt einer von ihnen plötzlich, ein verständliches Wort formulierend. “Da Filial, (“Ja Filiale”) antworte ich, weil ich im Zusammenhang mit dem Wort Sporthotel öfter Filiale verstanden hatte. Der Bub zeigt in eine Richtung worauf sie sich lachend trollen als hätten sie den besten Witz aller Zeit gehört. Tanja und ich setzen unsere aussichtslos erscheinende Suche fort. Tatsächlich erreichen wir ein viel versprechend aussehendes Gebäude. Mit Sicherheit kein Sporthotel im europäischem Sinn aber immerhin ein einstöckiges nicht zerfallenes Haus. Eine Frau streicht gerade die Treppe. “Haben sie Zimmer?”, frage ich. “Aber ja. Kommen sie herein”, hören wir ihre netten wohltuenden Worte. Wir schieben unsere Räder in den Garten. Dann führt mich die Frau in das einfache Haus. Es riecht nach frischer Farbe und scheint gerade renoviert zu werden. “Hier können sie Sport betreiben”, erklärt sie, die Tür zu einem Raum öffnend, in dem ein paar Handeln herumliegen. “Dort gibt es bei Bedarf Massagen”, sagt sie und deutet auf ein Schildchen an einer anderen Zimmertür. Dann zeigt sie mir im Parterre ein Appartement. Die Betten im Schlafzimmer sind frisch überzogen. Im Vorraum stehen zwei Stühle, ein Tischchen und Kühlschrank und die Toilette ist mit Duschkabine ausgestattet. “Sehr schön. Was kostet das?”, frage ich freudig, denn nicht im Traum hätte ich am Rande eines halbverfallenen Dorfes so eine schöne Unterkunft erwartet. “350,- Rubel (7,95 Euro) pro Person.” “Ich nehme das Zimmer und wir bleiben ein paar Tage”, antworte ich und glaube noch immer zu träumen, denn hier kann ich in der Tat meine Verletzungen auskurieren. Nachdem wir unsere Räder im Haus eingestellt haben präsentiert uns die Verwalterin noch die Gemeinschaftsküche in der es an nichts fehlt.

Ich nutze die Zeit in der Tanja Wein im Dorfladen für ihre kleine Geburtstagsfeier einkauft und trage unsere Ortliebtaschen ins Zimmer und räume sie neben das Bett und in die Schränke. Dann erfreue ich mich über eine heiße Dusche und wickle eine frische Bandage um mein dickes Knie. Als Tanja vom Einkaufen zurück ist setzen wir uns auf eine Bank vors Haus und genießen in der wärmenden Abendsonne ein Glas Wein. “Jetzt ist ja doch noch etwas aus deinem Geburtstag geworden”, sage ich zufrieden. “Hätte ich nie gedacht heute noch so einen schönen Platz zu finden.” “Ja, und so wie es aussieht haben wir das ganze Haus für uns alleine. Wir sind die einzigen Gäste. Ein Sporthotel ganz alleine für deinen Geburtstag”, lache ich heiter.

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