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Rumänien/Bukarest

Schwerer Bandscheibenvorfall

N 44°26'48.2'' E 026°03'41,6''

Geschehnisse vom 30.06.2006

Seit vier Tagen ist heute der erste Morgen an dem ich mit Zuversicht und einigermaßen erträglichen Schmerzen erwache. Es war die erste Nacht in der ich Schlaf gefunden habe. Das elektrisch verstellbare Bett bringt mich sogar in eine schräge Sitzposition. Ich kann zwar nicht aus dem Fenster sehen aber zumindest mein Frühstück selbst verzehren.

Dann fährt man mich zu einem anderen Haus und schiebt mich in die Röhre, um endlich die Kernspintomografie zu bekommen. Am späten Nachmittag sucht uns wieder Dr. Baltisanu auf. “Sie haben einen schweren Bandscheibenvorfall. Ich rate ihnen sich so schnell als möglich operieren zu lassen. Wäre dieser Unfall in der mongolischen Steppe geschehen würden sie nie wieder laufen können. Wenn sie Glück haben bringen wir sie mit Medikamenten in eine Transportfähige Lage aber entscheiden müssen sie.” Obwohl er seine Worte sehr bedacht gewählt hat und mich dabei zuversichtlich anlächelt zieht mir seine Aussage regelrecht den Boden unter den Füßen weg. In Rumänien operieren lassen? Das kann doch nicht sein? “Ich möchte nicht operiert werden. Bitte, versuchen wir erstmal die Medikamentenmethode”, antworte ich und spüre wieder diese grässliche Angst in mir aufsteigen.

In den letzten Jahren habe ich schon viel Gutes über Bandscheibenoperationen gehört. Ich habe aber auch schon viel Schlechtes vernommen, viel zu viel Schlechtes, um solch einen Eingriff positiv entgegenzusehen. Plötzlich geht mir unser Lebensprojekt durch den Kopf. Ist es gefährdet? Kann ich vielleicht nie wieder auf einem Rad, Elefant, Kamel oder Pferd sitzen? Wie soll es nur weitergehen? Ist die große Reise zu ende? Mein Gott helfe mir. Ich möchte wieder schmerzfrei gehen können. Ich möchte wieder ein normaler, gesunder Mensch sein. Ich möchte nicht gelähmt sein. Das darf doch alles nicht wahr sein. Womit habe ich das verdient? “Machen sie sich nicht solch schlimmen Gedanken”, unterbricht mich Dr. Baltisanu als könne er tatsächlich lesen was sich in meinen Gehirnwindungen zusammenbraut. “Ich versichere ihnen, solche Operationen sind heutzutage keine große Sache mehr. Ich selbst kenne Spitzensportler die nach einer Bandscheibenoperation wieder Tennis spielen oder wieder in der ersten Bundesliga Fußball spielen. Selbst Boxer gehen nach so einer OP wieder in den Ring. Also bitte, machen sie sich selbst keine Angst. In ein paar Tagen können sie wieder selbstständig gehen und nach Hause fliegen. Ich kann ja verstehen, nicht in einem fremden Land operiert werden zu wollen. Allerdings sind solche Standard-Operationen überall auf der Welt gleich”, verstehe ich seine Worte und bin ihm dafür unendlich dankbar. “Ich komme morgen wieder. Dann können sie mir ja mitteilen wie sie sich entscheiden”, meint er noch und schließt leise die Zimmertür.

Obwohl ich die ganze Zeit wusste in meinem Rücken etwas Abnormales zu spüren trifft mich die Tatsache jetzt mehr als ich geglaubt hätte. “Was meinst du?”, frage ich Tanja mit banger Stimme. “Ich weiß nicht. Ich habe Angst eine falsche Entscheidung zu treffen. Letztendlich musst du entscheiden.” “Ich weiß aber nicht wie ich entscheiden soll. Was ist wenn die hier einen Fehler machen? Nur einen klitzekleinen Fehler? Dann lande ich im Rollstuhl. Ich will aber nicht in einen Rollstuhl.” “Vielleicht warten wir noch ein paar Tage. Wenn es besser wird können wir doch nach Deutschland fliegen. Dort nimmst du dir die Zeit einen Spezialisten deines Vertrauens zu suchen.” “Hm, ich glaube so machen wir es. Klingt nach einer vernünftigen Alternative”, sage ich wieder Zuversicht fassend.

Am Abend sehen wir uns das Fußballspiel Deutschland Argentinien an. Trotz meiner dahinwimmenden Schmerzen zieht mich das Spiel in seinen Bann. Dann sehe ich mir noch eine Sendung mit Steve Erwin (dem heute verstorbenen australischen Krokodiljäger) an. Die Zeit vergeht, draußen wird es dunkel, doch trotz Infusionen ist an Schlaf kaum zu denken. “Ich muss mal!”, rufe ich leise. Tanja ist sofort wach und schiebt mir eine Art Schnabelschüssel unters Gesäß. Für Schamgefühle habe ich keine Energie mehr. Nachts um 12:00 benötige ich eine weitere Schmerzinfusion, die Vierte seit meiner Einlieferung. Ich habe das Gefühl als würden die Schmerzen wieder zu einem Monster mutieren. Die Verzweiflung kommt zurück.

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