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Moldawien/Troitcoe

Heiß. Kaputter Kühlschrank

N 46°31'14.9'' E 028°47'01.2''

Um acht Uhr treiben uns die erbarmungslosen Sonnenstrahlen aus unserer Behausung. Sofort suchen wir den Schatten unter dem durstenden Kirschbaum auf. Luda muss nach Cimislia, um Nachschub für ihr Magazin zu besorgen. Ein Bekannter holt sie mit einem völlig verrosteten und klappernden Lada ab. Ein Wunder, wie diese uralten Autos hier überhaupt noch fahren. Sie sind nicht selten mit Draht und allem Möglichen zusammengeflickt. Egal, Hauptsache die Kisten fahren noch. Einen Tüv gibt es in dem Land nicht. Nachdem Luda gegangen ist, haben wir es mit ihrer Tochter zu tun. Sie ist zwar sehr nett, aber geradezu unglaublich faul und langsam von Begriff. Mit Händen und Füßen versucht Tanja ihr klar zu machen, heißes Wasser für die Thermoskanne zu benötigen. Katja reagiert mit Schulterzucken. Tanja zeigt ihr die Thermoskanne, sucht das Wort heiß aus dem Wörterbuch. Doch es hilft alles nichts. Dann möchte Tanja in die Küche gehen, um sich das Wasser selbst zu kochen. Doch die Küche dürfen wir nicht betreten. Katja ist nicht ärgerlich oder böswillig, sie versteht einfach nicht oder will nicht verstehen. Es dauert eine halbe Stunde, bis sie mächtig gequältes Weißbrot, schwitzendes Fleisch und ein paar Tomaten auf den Tisch stellt. Wir würden aber gerne nur heißes Wasser über unsere Fertignahrung kippen. Tanja deutet auf ihren Bauch, um klar zu machen, dass sie das Aufgetischte im Augenblick nicht verträgt. Katja erhebt ihre Quietschstimme und spricht in einem endlosen Wortschwall Russisch. “Wir verstehen nicht”, antworten wir klar auf Russisch. Egal. Katja plappert weiter, jedoch heißes Wasser bleibt für uns unerreichbar. Mit vereinten Kräften und einigen Nerven schaffen wir es letztendlich doch heißes Wasser in die Thermoskanne zu füllen. Dann will sich Tanja waschen. Katja führt sie nun doch in die Küche. Zum Wasser kochen war der Zutritt verboten, aber zum Waschen ist der Zugang erlaubt. Seltsam. Katja holt eine Schüssel aus dem Badezimmer. “Warum darf ich nicht ins Bad?”, möchte Tanja wissen. “Zu heiß dort”, versteht sie. So kommt es, dass sich Tanja an einer Schüssel in der Küche auf dem Teppichboden waschen muss. Katja kommt und setzt sich zu mir an den Tisch. “Puh scharka (heiß)”, jammert sie ausdauernd nicht müde werdend, das Wort Scharka endlos zu wiederholen. “So lernt man auch Russisch”, denke ich laut, denn das Wort frisst sich gerade in meine Gehirnwindungen. Plötzlich kommt ein Kunde. Er ruft über den Zaun. Möchte Bier kaufen. Katja erhebt ihren jungen Körper, verschränkt die Arme vor der Brust und schlurft aufstöhnend zum Laden.

Gegen Mittag besucht uns der Polizist Pavel mit einem Kollegen. “Das ist Serioja”, stellt er seinen Dienstkameraden vor. Die beiden begrüßen uns freundlich, setzen sich in die Plastikstühle und legen eine Wassermelone auf den Tisch. Katja bringt es fertig, ein Messer zu holen. Wir essen zusammen die Melone und werden mit Fragen regelrecht bombardiert. Sie wollen unser Zelt, die Räder, den Anhänger und die Landkarten sehen. Sie fragen nach dem Visa und unseren Papieren. Der jüngere Serioja spricht ein paar Worte Englisch. Wir sollen keine russischen Worte verwenden, da er sein Englisch verbessern möchte. Nach einer Stunde brummt mir der Schädel. Gott sei Dank verabschieden sie sich. “Wir kommen heute Abend nach Dienstschluss wieder. Es macht euch doch nichts aus?” “Nein, nein, es ist uns eine Freude, euch heute Abend begrüßen zu dürfen”, schwindeln wir ein wenig. Die Polizei in Moldawien gilt als durch und durch korrupt. Sie ist von der Bevölkerung regelrecht gehasst. Man hat uns erzählt, dass die Männer eine schlechte Ausbildung bekommen und nur dafür da sind, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. “Ohne ihren Stock, um damit die Autos anzuhalten, sind sie nichts wert. Sie finden immer einen Grund, um Geld abzuschöpfen. Fast immer zu Unrecht. Das meiste Geld fließt in die eigene Tasche”, berichtete uns ein Moldawier. “Ihr Gehalt ist gering. Somit bessern sie sich ihren Lohn auf. Viele von ihnen müssen sogar ihren Sprit für ihre Dienstwagen selber bezahlen. Kein Wunder also, dass sie auf die Straße gehen um Beute zu jagen”, meinte unser Informant noch. Bisher sind wir mit den Rechtshütern gut zu Recht gekommen. Auch der Besuch eben war von freundlicher Gesinnung. Wir gehen davon aus, dass die Polizisten uns bisher nicht als Beute sehen. Eher betrachten sie uns als willkommene Abwechslung.

Am Nachmittag kommt Luda von ihrem Großeinkauf zurück. Sie schwitzt fürchterlich und schlichtet mit einer anderen Frau die Regale im Laden voll. Dann dreht sie einen versteckten Wasserhahn auf und beginnt die Zisterne zu füllen. Ich bin verblüfft, dachte ich doch der Schacht wäre ein Brunnen. Das Wasser kommt also aus einer Leitung und wird für Notfälle in das Loch gefüllt. “Ob Tanja davon solche Bauchschmerzen bekommen hat? Ist das Wasser wirklich in Ordnung?”, frage ich mich. Aber was sollen wir schon tun? Die Alternative wäre hier einfach zu verdursten. Tatsache ist das Luda einen Wasseranschluss besitzt. Damit gehört sie in den Dörfern zu den Privilegierten, denn die meisten der ländlichen Bewohner Moldawiens müssen sich ihr kostbares Nass eimerweise aus dem Dorfbrunnen holen.

Während Katja ihren leidenden Körper im Haus abgelegt hat, rotiert Mutter Luda. Sie beginnt nun mit dem spärlich fließenden Wasserstrahl, ein paar aus gedurstete Weinreben zu bewässern. Um ihr ein wenig unter die Arme zu greifen, nehme ich ihre den vielfach geflickten und undichten Schlauch aus der Hand. “Den musst du gießen und den dahinten”, weist sie mich lachend an und deutet auf die Gewächse. Ab und an halte ich den Schlauch über meinen in der Hitze dampfenden Kopf, um mich auf vernünftige Temperaturen abzukühlen. Ein Job der mir gefällt. “So sieht ein deutscher Gastarbeiter in Moldawien aus!”, rufe scherzend, worauf Tanja herzhaft lacht. So wie es aussieht, hat sie das Gröbste überstanden. Ihr Magen scheint sich beruhigt zu haben.

SalmonellenvergiftungWenig später sitzen wir wieder im Schatten und hören uns das Gejammer der wieder erwachten Katja an. Dann betreten zwei Handwerker den Garten. Sie sollen die Kabel eines Telefons verlegen. Wir sehen ihnen bei der Arbeit zu. Als der eine auf einen wackligen Stuhl steigt und mit dem Schraubenzieher Ludas Fenster von außen aufhebeln will, schreite ich ein. “Warum öffnest du das Fenster nicht von innen? Dann ist es nicht kaputt und du kannst das Kabel leichter durchziehen”, sage ich auf Deutsch, geh in das Haus, um mir die Sache genauer zu betrachten. Alle Verschlüsse sind mit weißer Farbe zugekleistert. Der Handwerker folgt mir. Setzt nun seinen Schraubenzieher erneut an und siehe da der Verschluss gibt nach und das Fenster öffnet sich unbeschadet. Luda bekommt von der Rettungsaktion ihres Fensters nichts mit. Sie ist wieder im Laden beim Schlichten. “Denis kannst du mal kommen?”, höre ich sie rufen. Sofort erhebe ich mich und gehe zum Magazin. “Schau mal. Mein Kühlschrank ist kaputt. Das Kabel hat einen Wackelkontakt. Wenn ich keine kalten Getränke besitze, geht mein Geschäft nicht gut”, erklärt sie mir. Verblüfft sehe ich auf das provisorisch geflickte Kabel am Boden. “Wie lange ist dein Kühlschrank schon defekt?”, möchte ich wissen. “Schon seit Wochen. Mal geht er, mal nicht”, verstehe ich und mir wird bewusst woher Tanja ihre Bauchschmerzen hat. Ohne Frage haben wir Eis gegessen, welches seit Wochen ständig aufgetaut ist. Der beste Brutherd für Salmonellen. Tanja bringt mir Isolierband aus unserer Reparaturbox. Ich ziehe den Stecker und repariere fachmännisch den Kurzschluss. Dann stecke ich den Stecker wieder in die Dose und siehe da der Kühlschrank brummt. Luda ist so erfreut, dass sie mir sofort ein Bier spendiert. Mit einem Gast stoße ich an. Luda öffnet auch eine Flasche für sich und wir feiern die erfolgreiche Rettung ihres Geschäftes und mit Sicherheit auch die Minimierung der Kranken im Dorf.

Sauftour mit korrupter Polizei?Nach dem Abendessen tauchen Pavel und Serioja tatsächlich wieder auf. Luda wird von den Herren gar nicht gefragt, ob sie willkommen sind oder nicht. Wir setzen uns erneut an den Tisch. Diesmal hat Serioja ein Moldawisch-Englisch-Wörterbuch dabei. Erst zurückhaltend, dann aber recht intensiv, beginnt der Englischkurs. Mir raucht schon nach kurzer Zeit die Birne. Immer wieder deutet Serioja auf irgendeinen Satz in seinem Buch, wie zum Beispiel: “Darf ich ihnen den Weg zum Bahnhof zeigen? Das ist sehr freundlich von ihnen aber ich kenne mich hier aus” usw. Die Unterhaltung treibt mir regelrecht die Schweißperlen auf die Stirn. Wären die Zwei keine Staatsdiener, würde ich mich längst verabschieden, so aber müssen wir eben mitspielen. Dann zeige ich ihnen eines der wenigen Bilder, die wir von unserer Australienexpedition dabei haben. “Das ist für mich”, meint der Offizier Pavel mit einem Lachen. Da wir nur zwei davon besitzen bin ich gerade im Begriff nein zu sagen. “Gerne”, höre ich es jedoch aus meinem Munde blubbern. “Aber bitte mit Autogramm”, lächelt er mich freundlich an. “Aber klar”, antworte ich, und wir setzen brav unsere Unterschrift darunter. Dann kommt heraus, dass National Geographik vor ca. 1 ½ Jahren einen Film über unsere Australienexpedition weltweit ausgestrahlt hat. “Das habe ich gesehen. Ich weiß jetzt, woher ich euch kenne. Ein Hund ist auf dem Rücken eines Kamels geritten”, erzählt Serioja plötzlich aufgeregt. “Dürfen wir euch zu einem Drink einladen?”, fragen sie daraufhin. Da Ablehnen eher unhöflich ist, sagen wir zu. “Schnaps? Wodka?”, fragt Serioja. “Bitte nur ein Bier. Wir müssen morgen weiterfahren. “Nein, morgen fahrt ihr nicht weiter. Morgen laden wir euch zu einem Grilltag im Wald ein. Dort ist es luftig, viel besser als hier. Es wird viel Fleisch und Bier geben. Nein, morgen fahrt ihr nicht weiter”, sagen sie mit der Bestimmtheit, die nur Polizisten und Soldaten zu Stande bringen. Tanja und ich sehen uns an. Intensiv denken wir darüber nach, wie wir aus dieser Einladung kommen. “Äh, wir müssen morgen weiter”, sage ich mit einer Sprache die Hände, Gestik, Englisch und etwas Russisch bedarf. “Im gleichen Kauderwelsch antworten die beiden. “Ihr geht morgen mit uns zum Grillen. Das haben wir beschlossen”, sagt Serioja Hauptsprecher, weil er vier bis fünf Worte Englisch beherrscht. “Äh, nein. Wirklich wir müssen morgen weiter”, antworte ich unbeholfen. Die beiden sehen sich kurz an. “Wir nehmen eure Papiere, dann müsst ihr mit”, scherzt der Pavel. Sein Scherz fährt mir unter die Haut. Wenn wir mit Polizisten und deren Kollegen ohne Sprachkenntnisse auf eine Sauftour gehen, kann das kein gutes Ende nehmen. Was ist, wenn als nächstes ihr Chef uns einlädt? Nein wir wollen unter keinen Umständen mitgehen. Außer man lässt uns keinen Ausweg und danach sieht es momentan aus. Leider gibt es ein weiteres Problem. Luda wird morgen für zwei Tage mit ihrer Tochter in die Hauptstadt Chisinau fahren. Wir können unsere Ausrüstung unter keinen Umständen hier alleine lassen. Das wäre eine sehr, sehr schlechte Idee. Noch dazu kommt, dass morgen unser Interviewtag mit unserem örtlichen TV-Sender stattfindet. Wie sollen wir das unseren zwei Gastgebern verständlich machen? Für die beiden ist alles kein Problem, Hauptsache sie können sich mit uns bei ihren Freunden zeigen. Wir sitzen in der Falle und wissen nicht, wie wir da raus kommen. “Wir sagen ihnen einfach, dass wir wegen dem Interview in die Stadt müssen. Das werden sie verstehen. Abgesehen davon bieten wir ihnen an, uns morgen in Causen zu besuchen. Dort laden wir dann sie ein”, schlägt Tanja vor. “Eine gute Idee”, antworte ich erleichtert und erzähle es den beiden Staatsdienern. Sie beraten ein paar Minuten und nehmen zu unserer Erleichterung den Vorschlag an. Die Sonne ist schon lange am Horizont verschwunden, als sich die Pavel und Serioja endlich erheben. Wir umarmen uns, schütteln Hände und erfahren, dass sie wahrscheinlich nicht kommen werden. Plötzlich haben sie wichtige Pflichten zu erledigen. Tanja und ich kombinieren: Erstens besitzen sie kein eigenes Auto. Zweitens dürfen sie nicht mit dem Dienstfahrzeug in einen 40 Kilometer von hier entferntem Distrikt eindringen. Und drittens sind die Spritkosten für solch eine Spritztour viel zu hoch. “Vielleicht kommen wir, wenn wir unsere Pflichten erfüllt haben”, sagt der Serioja noch und steigt in den Polizeiwagen. Wir stehen da, um ihnen zu winken. Der Motor springt nicht an. “Komm lass uns gehen, bevor es ihnen peinlich wird”, meint Tanja. “Okay”, antworte ich und wir gehen in Ludas kleines Geschäft. Sie verdreht die Augen. Wir verstehen, was sie damit sagen möchte. Plötzlich hupt es draußen. Der Polizeiwagen ist angesprungen und rast davon.

Bevor wir uns ins Zelt verkriechen, schenken wir Luda und Katja je einen Ring. Für besondere Fälle haben wir ein paar Kleinigkeiten dabei. Die beiden freuen sich sehr. Vor allem Katja strahlt übers ganze Gesicht und betrachtet mit unverhohlenem Stolz das zierliche Schmuckstück an ihrem Finger. “Brauchst du heißes Wasser?”, fragt sie plötzlich. Tanja lächelt. “Nein, vielen Dank. Für heute haben wir genug.”

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