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Russland/Nishneudinsk Link zum Tagebuch TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 4

Gnadenloser Schotter und Berge

N 54°54'35.6'' E 099°02'08.4''
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    Tag: 29

    Sonnenaufgang:
    06:03 Uhr

    Sonnenuntergang:
    22:56 Uhr

    Luftlinie:
    76.45 Km

    Tageskilometer:
    91 Km

    Gesamtkilometer:
    11433.83 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Kieselsteine / Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    31 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    24 °C

    Temperatur – Nacht:
    16 °C

    Breitengrad:
    54°54’35.6“

    Längengrad:
    099°02’08.4“

    Maximale Höhe:
    611 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    410 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    11:20 Uhr

    Ankunftszeit:
    20:15 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    12.96 Km/h

Als das Piepen meines Suunto Armcomputers ertönt glaube ich einem schweren Irrtum zu unterliegen. Gerädert sehe ich mit zusammengekniffenen Augen auf das Zifferblatt. Kein Irrtum. Es ist 8:30 Uhr. “Wir müssen raus”, rufe ich verhalten, um Tanja ebenfalls zum Aufstehen zu bewegen. Obwohl wir erst um 1:00 Uhr ins Bett gekommen sind müssen wir schon um 9:00 Uhr unser Zimmer verlassen. In diesem Motel wird das Zimmer pro Stunde verrechnet. Ab 9:00 Uhr müssen wir wieder bezahlen. Schnell räumen wir unsere Sachen nach draußen. Dann hole ich unsere Räder, die in einer großen Garage nebenan über Nacht versperrt wurden. Wie immer ist es ein wohltuender Anblick, wenn unsere Aluminiumesel am nächsten Morgen noch unversehrt in der jeweiligen Kammer stehen und ich sie befreien darf. Bevor wir heute aufbrechen setzen wir uns in die sehr gut gehende Truckerkneipe des Motels und frühstücken ausgiebig. Danach beschrifte ich noch die restlichen Bilder die ich gestern Nacht nicht mehr geschafft habe.

Wieder kommen wir erst um 11:30 Uhr los. Aber da die Sonne zurzeit erst um kurz vor 23:00 Uhr untergeht ist das kein Problem. Unser Tagesrhythmus hat sich in Sibirien nur verschoben. Später Aufbruch bedeutet spät zu Bett zu gehen. Durch die langen Tage absolut in Ordnung. Auch die Sibirier haben sich dem Rhythmus angepasst. In den Dörfern und Kleinstädten herrscht bis Mitternacht oftmals Betriebsamkeit.

“Moschna fotografirowat?”, (“Darf ich fotografieren?”) fragen uns einige russische Touristen wieder als wir mit unseren Böcken fertig geladen vor dem Motel stehen. “Moschna”, (“Dürfen sie”) antworten wir, worauf wir wie bald täglich von mehreren Seiten abgelichtet werden. Da wir uns auf der einzigen möglichen Hauptroute zum Baikalsee befinden, und das noch während der schönsten Zeit des Jahres, begegnen wir vielen Russen, die sich vorgenommen haben ihre Ferien am Baikalsee zu verbringen. Irgendwie kommt es uns so vor als gehöre es für einen Russen, wie bei einer Pilgerreise dazu, wenigstens einmal im Leben den größten Süßwasser See unserer Erde aufgesucht zu haben. Ein Grund für die teilweise belebte Straße denn neben den vielen Lastwägen kommt zu dieser Jahreszeit das Verkehrsaufkommen der Urlauber hinzu. “Könnte mir vorstellen, dass wir auf der Strecke bis zum Baikal nur noch auf schöne, moderne Unterkünfte wie diese treffen. Der Baikal hat anscheinend die gleiche Bedeutung wie der Eifelturm für die Franzosen oder die Pyramiden für die Ägypter. Menschen aus aller Welt wollen dorthin. Ich habe mir das einsamer und exotischer vorgestellt. Aber auf der anderen Seite ist das ja nicht schlecht für uns”, sage ich als wir uns von unseren Räder wieder eine leichte Steigung nach oben tragen lassen. “Wie meinst du das?”, fragt Tanja. “Hm, na ja, wenn ich mir die Straße so betrachte ist sie heute ja fantastisch ausgebaut. Bald wie eine Autobahn. Könnte sein, dass sie so bleibt. Alles für den Fernverkehr und die Touristen gemacht. Dann gibt es die wunderbaren Unterkünfte mit netten geschulten Menschen. Ist doch bald wie in einem westlichen Land”, antworte ich sinnierend. “Das du dich da mal nicht täuscht. Ich weiß nicht durch welche Brille du im Augenblick kuckst aber ich sehe nur Wald um uns herum. Kein Cafe, keine Notrufsäule, im Augenblick kein einziges Auto und Georgio hat uns doch davon berichtet auf den kommenden 300 Kilometern auf Schotter, Kiesel und Schlaglöcher zu treffen”, ernüchtert mich Tanja. “Hm, hast wahrscheinlich Recht”, antworte ich und weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht wie sehr sie Recht hat.

Entscheidung

Der Tacho zeigt 17 Tageskilometer an als sich ein Alptraum unter unseren Rädern manifestiert. Schon von weitem haben wir die heftigen Staubfahnen in den mit leichten Schäfchenwolken betupften Himmel aufsteigen sehen. Kaum rollen unsere Reifen vom letzten Zentimeter des glatten Bitumens, beginnt es kräftig zu holpern. Es dauert nicht lange und unsere Nacken und Schultern verspannen sich. Nach fünf Kilometern und über einer Stunde später, beginnen meine Ellebogen Signale zu senden. Und das obwohl wir voll gefederte Räder besitzen. Unsere Taschen, die Kameras, Laptop und Satphon werden so gewaltig durchgerüttelt, das es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis irgendetwas davon den Geist aufgibt. Unerklärlicherweise herrscht gerade auf diesem Abschnitt extrem viel Verkehr. Vielleicht liegt es an den Lastwägen die sich mit maximal 10 Km/h pro Stunde über den Acker quälen und die PKWS aufhalten. Alle paar Kilometer bleibt ein Fahrzeug am Straßenrand liegen. Reifen werden gewechselt, die den zum Teil spitzen Steinen nicht Stand halten konnten. Der feine, aufgewirbelte Staub vermindert die Sicht. Fast alle der PKWS rattern in unverminderter Geschwindigkeit an uns vorbei. Steine werden durch die Reifen aufgewirbelt und schlagen gegen unseren Rahmen oder Felgen. Wir husten und spucken. Trinken ständig Wasser. Das Thermometer zeigt 31 Grad, in der Sonne 54 Grad. Wir schwitzen und konzentrieren uns. Dürfen keinen Fehler machen denn schnell kommt man bei nur vier bis fünf Stundekilometer Geschwindigkeit ins Wanken. Die Rohloffschaltung wird bis zum Äußerten gefordert. Meine rechte Hand dreht ständig am Schaltgriff. Erster Gang, zweiter Gang, dritter Gang, dann wieder in den Ersten. So geht es rauf und runter. Würde uns die zuverlässige Schaltung hier im Stich lassen wäre die Reise zu Ende. Ohne eine Schaltmöglichkeit gäbe es keine Sibiriendurchquerung. Wieder geht es den Berg hoch. Wir malträtieren erneut die Rohloff. Es klackt zuverlässig und ich bin im Ersten. Dann geht nichts mehr. Der Hinterreifen dreht durch. Schnell absteigen bevor mein schweres Ross kippt. Die Lungen atmen den vielen Staub und funktionieren trotzdem prächtig. Mein Herz pumpt wie wild. “Wie schön ist es einen gesunden, leistungsfähigen Körper zu besitzen”, geht es mir durch den Kopf. Hochleistung pur ist angesagt. Ein Ende ist zu dieser Sekunde nicht in Sicht. Weiter geht’s, immer weiter. In den Sattel, ein paar Meter kurbeln und wieder runter. Die Füße in den Staub und auf die Steine. Die Beinmuskulatur pumpt sich auf. Wie so oft auf dem Trip glaube ich zwei mächtige Brückenpfeiler unter mir zu spüren. Meine Beine sind meine Freunde. Man bin ich ihnen dankbar mich durch diese Alptraumpiste zu tragen. Jedes Körperteil ist wichtig, nichts darf versagen. Die Arme und Hände schieben und drücken, der Atem rasselt, der Kopf ist leer. Gott sei Dank beendet diese Anstrengung das ewige Denken. Ruhe herrscht in der Birne. Absolute Stille. Es kommt nur darauf an weiterzukommen. Es kann ja nicht ewig dauern. Irgendwann einmal hört der schlimmste Alptraum auf. Irgendwann einmal, vielleicht schon heute Abend schenke ich diesen tollen Körper ein kühles Bier. Wer weiß was der Tag noch bringen wird? Wie soll ich wissen was auf mich noch zukommt? Es geht weiter. “Poch, poch, poch”, höre ich es in meiner Brust klopfen. Die Pumpe arbeitet zuverlässig. Es rattert und schabt an uns vorbei. Tanja ist teilweise vor oder hinter mir. Auch sie denkt oder denkt nicht in diesem Moment. Auch sie schiebt und tritt ihr Intercontinental. Auch sie lässt die Rohloff die Gänge rauf und runter surren. Ihre Waden blasen sich ebenfalls auf und ihr Atem hechelt neben mir. Wir sehen uns durch den Staub kurz an. Genug Kraft für ein kurzes zuversichtliches Lächeln. Das Leben ist schön. Wir leben es pur. Auch wenn es ab und an anstrengend ist, jedoch werden wir dafür immer und ohne Ausnahme belohnt. Augenblicke wie diese gehören dazu. Sind wichtig. Erden uns. Zeigen uns was wir leisten können und was das Wort Abenteuer bedeute. Ein Wort welches mit Romantik kaum etwas zu tun hat, sondern eher mit einer nackten unausweichlichen Realität.

Die Transsibirisch Eisenbahn fährt am Rande eines Höhenzuges durch unser Tal. “Sieht malerisch aus!”, hat Tanja noch die Kraft die Schönheit des Augenblicks zu erkennen. “Sollte ich filmen aber das würde die Kamera vernichten. Zuviel Staub. Wir behalten den Moment in unserer Erinnerung”, antworte ich.

Unaufhörlich versuchen wir in dem groben Kiesel die für uns beste Bahn zu wählen. Einige Steine sind kleiner als andere. Am Rand der Piste ist Staub der viel versprechend ist und auf weniger Geholper schließen lässt. Doch ein Trugschluss, da die Reifen in dem feinen Staub versinken und das Lenken zur Unmöglichkeit werden lässt. “Tuuuhhhhht! Tuuuhhhhht! Tuuuhhhhht!”, reißt mich das laute Horn eines Lastwagen vor Schreck fast aus dem Sattel. Der Mann hinterm Steuer lacht und hält seinen Daumen nach oben gestreckt aus dem Fenster. “Malazee!”, (“Fantastisch!”) ruft er uns anspornend zu. Ein Beifahrer schießt regelrecht durch das Schiebedach des Autos und ruft uns Glückwünsche zu. Hände winken unaufhörlich, täglich, stündlich und ohne Übertreibung bald jede Minute. Sportler haben in Russland einen hohen Stellenrang. Das ist vielleicht der Grund warum uns jeden Tag unzählige von Fahrern Saluthupen, den nach oben gestreckten Daumen zeigen, Malazee grölen, lachen, bei unserem Anblick die Arme nach oben reißen, dabei die linke Hand in die Rechte legen und somit ihre Anteilnahme an unserer Reise ausdrücken. Ein Langstreckenradfahrer ist in Russland ein Held, zumindest kommt es uns so vor. Trotzdem knallen viele an uns vorbei und begraben uns zu dieser Sekunde im Dreck. Wir fühlen uns kaputt und ich bekomme von Minute zu Minute mehr bedenken um unsere Räder. “Das können sie nicht aushalten. Dafür ist nichts in der Welt gebaut”, geht es mir durch den Kopf. Ein verlorenes Pärchen wackelt auf der Piste dahin. Ich frage mich nicht woher die Beiden kommen. Ihr Schwanken verrät, dass sie schwer angetrunken sind. Trotz allem ziehe ich die Magura. “Wissen sie wie lange die furchtbare Piste noch so weitergeht?” “30 Kilometer”, lallt der Mann. “30 Kilometer!?”, rufe ich fast entsetzt. Aber das kann nicht sein. Es muss doch bald wieder Asphalt beginnen”, entgegne ich, da man uns berichtet hat, dass sich Bitumen und Schlaglöcher abwechseln. “In 1 ½ Kilometer kommt Asphalt”, antwortet der Russe und torkelt weiter. “Na was jetzt?”, frage ich mich. “Asphalt oder Kiesel? Na was soll’s. Der Mann war betrunken”, denke ich noch und trete meinen Bock weiter über das Minenfeld. Im Augenwinkel erblicke ich ein Gesicht. Es beobachtet uns beim Vorbeifahren. Ich erkenne nur eine fette Sonnenbrille, eine Zahnlücke und ein Handy welches am Ohr hängt. Nur wenige Meter vor uns hält der Kleinlaster an. Der Fahrer mit seinem Ohrhandy kommt auf uns zu und spricht etwas auf Russisch. “Gawarit medlennwie paschalusta”, (“Sprechen sie bitte langsam”), antworte ich, da ich besondere Verständigungsschwierigkeiten habe wenn die Russen schnell sprechen. “Wollen sie mitfahren? Die Straße ist doch furchtbar. Kommen sie. Wir laden ihre Räder auf meinen Kleinlaster. Das ist überhaupt kein Problem”, verstehen wir. Tanja und ich sehen uns an. “Muss einer der Engel sein”, geht es mir durch den Kopf. “Wie viel Kilometer ist die Piste noch in diesem Zustand?”, möchte ich wissen. “Noch mindestens 25 bis 30 Kilometer. “Oh weh”, stöhne ich. “Was meinst du?”, fragt Tanja, da sie meine Einstellung zu Mitfahrgelegenheiten kennt.

Grundsätzlich bin ich dafür alle Herausforderungen, die während einer Expedition oder Expeditionsreise auf uns zukommen, selbst zu meistern. Da wir Menschen dazu neigen unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen, kann es schnell geschehen, bei der erst besten Gelegenheit zu kneifen und wie in unserem Fall die Räder kurz mal auf einen Lastwagen zu laden. Am Ende hat man die Reise dann doch nicht aus eigener Kraft geschafft. Im Laufe meines Expeditionslebens habe ich schon öfter erfahren, dass so mancher Expeditionist sich mit Leistungen rühmt die er letztendlich nicht wirklich vollbrachte. Oder zumindest nicht vollständig geschafft hat. In der späteren Berichterstattung lässt man schnell mal unter den Tisch fallen, einige hundert Kilometer einer Wüstenetappe mit einem Lastwagen überbrückt zu haben. Immer wieder wird davon berichtet, dass der eine oder andere Gipfel im Alleingang bezwungen wurde. Die vielen Träger, die hunderte von Kilogramm an Ausrüstung ins Basislager geschleppt haben, finden manchmal keine Erwähnung. Während unseres 7.000 Kilometer langen Fußmarsches durch Australien gab es Schwierigkeiten das Zentrum zu durchlaufen. Wir brauchten eine Genehmigung die wir von den Behörden nicht bekamen. Eine andere Expedition hat ihre Kamele einfach auf einen Lastwagen verladen und 1.000 Kilometer durch das besagte Gebiet gefahren. Danach aber von einer Durchquerung gesprochen. Wir bekamen am Ende eine Genehmigung von den Aborigineführern die nicht von den Behörden anerkannt wurde. Obwohl es riskant war, von den Behörden erwischt und bestraft zu werden, sind wir trotzdem durch dieses Gebiet gelaufen. Haben unsere Expedition dann aus eigener Kraft geschafft. Und doch stelle ich fest, dass es Hilfen gibt die durchaus sinnvoll sind. Manchmal ist es sogar ein Fehler sie nicht anzunehmen. Alles im Leben ergibt einen Sinn, auch wenn man ihn im Augenblick nicht versteht. Wer weiß? Vielleicht bricht eines unserer Räder auf den kommenden 30 Kilometer zusammen? Oder unser Laptop oder Kamera geht hops? Das wäre ein Jammer, denn ein Rahmenbruch würde die Reise beenden und ein defekter Laptop würde die augenblickliche Berichterstattung und das spätere Buch gefährden. Es ist aber auch möglich von einem hoch geschleuderten Stein getroffen zu werden. Die Möglichkeiten sind geradezu endlos. “Wir fahren mit”, entscheide ich und fühle mich dabei wohl. Denn ich weiß, dass ich darüber schreiben werde und uns nicht mit falschen Lorbeeren schmücke.

Im Handumdrehen haben Iwan, Tanja und ich alles auf dem kleinen Transporter geladen. Um die Räder zu schützen lege ich noch zwei Ortliebtaschen dazwischen. So verringert sich das Risiko, dass sie sich während der holprigen Fahrt gegenseitig aufscheuern. Iwan verspannt sie am Ende noch mit einem Seil. Dann bekommen wir auf der Rückbank des Kleinlasters einen Sitzplatz und los geht’s. Iwan stellt uns seine Frau Ludmilla vor die uns freundlich begrüßt. Beide sprechen nur Russisch und berichten nach Bratsk zu fahren. Eine Stadt 250 bis 300 Kilometer nördlich von uns. “Puh schau dir die Straße an. Ich denke es war eine gute Entscheidung mitzufahren”, meint Tanja. “War es”, antworte ich etwas wortkarg, noch immer im Gedanken ob ich jetzt gekniffen habe oder nicht. “War bestimmt eine gute Entscheidung. Oder nicht? Was meinst du?”, plaudert Tanja durch das Fenster einen liegen gebliebenen Lastwagen fotografierend. “War es bestimmt”, antworte ich. “Warum bist du so schweigsam? Meinst du wir hätten fahren sollen?” “Nein, war eine gute Entscheidung.” “Hm, ich weiß nicht. Vielleicht hätten wir doch radeln sollen?”, plaudert Tanja weiter vor sich hin. “Bist du unsicher?”, frage ich. “Ich weiß einfach nicht”, entgegnet sie, da auch sie bald alle bisherigen Herausforderungen unseres Reiselebens aus eigener Kraft bewältigt hat.

Plötzlich hört der Schotter und Kiesuntergrund auf und löst sich mit einer wunderbaren Asphaltstraße ab. Iwan blättert jetzt mit hoher Geschwindigkeit darüber hinweg. Tanja und ich sehen uns an. “Das waren in der Tat nur 1 ½ Kilometer. Der Betrunkene hatte Recht”, meine ich aus dem Fenster sehend. “Wir sollten Iwan anhalten lassen. Hier können wir auch radeln”, entgegnet Tanja. “Stimmt”, sage ich und tippe unseren Helfer auf die Schulter. “Ähm, die Straße ist gut. Wir können jetzt selber weiter fahren”, versuche ich zu erklären. “Njet, Daroga otschin plocho tam”, (“Nein, die Straße ist da vorne sehr schlecht”) antwortet er und braust lachend weiter. Wir fahren in eine steile Kurve und als wir rauskommen glauben wir unseren Augen nicht zu trauen. Wenn wir die Piste vorher als schlecht befahrbar bezeichneten, ist das hier für uns definitiv unbefahrbar. Große Räummaschinen schieben groben Kies vor sich her über den sich die Lastwägen im Schritttempo quälen. Erdaufhäufungen, Staub, und raues Gestein wechseln sich ab. Iwan bremst sein Gefährd auf ca. 30 Km/h herunter und rattert und kracht darüber. Immer wieder blicke ich nach hinten auf die Ladefläche, um mich zu versichern, ob unsere Intercontinental nicht über Bord gegangen sind. Tanjas Frontgepäckträger schabt unentwegt an meinen Felgen und Rahmen. Apathisch beobachte ich den aufkommenden Schaden. “Ich denke wir sollten mal kurz anhalten”, meine ich, worauf Iwan sofort bremst. Ich klettere auf die Ladefläche und schiebe zum Schutz eine weitere Ortliebsatteltasche zwischen die Räder. Dann geht die holprige Fahrt weiter. “War eine absolut gute Entscheidung”, sage ich. “Absolut”, antwortet Tanja. “Gut, dass wir nicht vor der Kurve ausgestiegen sind. Da hätten wir uns grün und blau geärgert”, setze ich noch nach. “Manchmal ist es wirklich gut die Sache fließen zu lassen”, höre ich. “Stimmt”, gebe ich Tanja Recht, den groben Untergrund beobachtend.

Nach ca. 27 Kilometer hat der Alptraum ein Ende und wird von einer neu gebauten, breiten Bundesstraße abgelöst. Iwan der Freundliche, so haben wir ihn getauft, weil es in der Russischen Geschichte auch Iwan den Schrecklichen gab, saust gut gelaunt über den Teer. “Wir sollten aussteigen”, meine ich. “Denke auch. Möchte die Taiga genießen”, antwortet Tanja. Wir fragen Iwan ob er weiß wann es wieder schlecht wird. “Ya nje ßnaio”, (“Weiß ich nicht”) antwortet er mit der Schulter zuckend. “Ich fahre euch bis nach Tulun, ab dort ist die Straße auf jeden Fall wieder gut”, erklärt er, worauf ich die Karte studiere. “Bis Tulun sind es von hieraus noch ca. 150 Kilometer. Die sollten wir uns unter keinen Umständen fahren lassen. Dafür gibt es keinen Grund mehr”, stell ich fest. “Bin deiner Meinung. Wir sind nicht hier um Auto zu fahren”, antwortet Tanja. “Iwan, bitte lass uns hier raus. Wir wollen weiterradeln”, erkläre ich. Iwan der Gute sieht uns an. “Aber die Straße wird garantiert wieder schlecht”, verstehen wir und werden unsicher. “Und doch wollen wir wieder auf unsere Räder steigen”, antworte ich nach einer kurzen Denkpause. Iwan der Freundliche erfüllt umgehende unseren Wunsch. Kopfschüttelnd aber lachend hält er auf dem Seitenstreifen an. Nachdem wir wieder alles abgeladen haben schenken wir ihm eine Zigarre die wir für solche speziellen Momente extra mitradeln. Er freut sich sichtbar und zeigt uns seine Zahnlücken. Danach bedanken wir uns bei ihm und seiner Frau, schütteln uns die Hände und wünschen uns eine gute und sichere Fahrt. Dann braust er davon. Und als wäre alles nur ein Spuk gewesen sind wir wieder allein in der Taiga. “Hoffe nicht das hinter der nächsten Biegung Schotter auftaucht”, sage ich noch immer etwas verunsichert ob es eine gute oder schlechte Entscheidung war hier auszusteigen. “Wenn die Straße gut bleibt hätten wir uns maßlos geärgert”, meint Tanja. “Und wenn sie wieder schlecht wird haben wir soeben 27 Kilometer davon geschenkt bekommen”, stimme ich in ihre Fröhlichkeit mit ein.

Der erste Berg kostet uns schon wieder alle Kraft. Es geht rauf und runter. Der Asphalt bleibt. Vorerst zumindest. Wir strampeln bis auf 631 Höhenmeter. Mittlerweile haben wir laut Höhenmesser knapp 4.000 Höhenmeter seit Krasnojarsk hinter uns. Nicht besonders viel und doch stecken sie in unseren Knochen. Endlich taucht ein Straßencafe auf. Wir lassen uns auf der Veranda der betagten Holzhütte nieder und essen eine Borschtsch, (Nationalgericht ? Gemüsesuppe) Spiegeleier, Brot und Tee. In einem Schwalbennest direkt über unserem Tisch herrscht Hochbetrieb. Durch unserer Anwesenheit verschüchtert fliegen die Eltern der Vogelbabys aufgeregt hin und her. “Wie weit noch bis zum nächsten Ort?”, möchte Tanja wissen als sie mich sieht wie ich die Karte studiere. “Ca. 40 Kilometer”, antworte ich müde. “Oh weh, noch sehr weit. Wenn wir es nicht bis dorthin schaffen müssen wir uns eventuell doch wieder ein Camp mit den Moskitos teilen.” “Vielleicht.”

Auf der weiteren Fahrt durch den endlosen Wald werden wir trotz unserer Müdigkeit von der Einmaligkeit der schönen Natur entlohnt. Neben Bauern, die am Straßenrand Heu ernten, halten wir für ein kurzes Gespräch. Dann greifen wir die nächste Steigung an. Der Meister meint es zurzeit gut mit uns. Er bläst uns nur schwach entgegen. Ganz im Gegenteil sorgt er etwas für Kühlung. Der Bitumen bleibt uns tatsächlich den gesamten Nachmittag treu. Bis jetzt haben wir die richtige Entscheidung getroffen.

Es ist bereits 20:00 Uhr als wir nach 91 Tageskilometer, davon selbst geradelten 64 Kilometern, die Kleinstadt Nishneudinsk erreichen. Schon am Ortseingang sind sie wieder da, der Schotter, Kiesel, Staub und Schlaglöcher. Im Berufsverkehr dieses verlorenen Kaffs schleppen wir uns mit letzter Kraft durch die Löcher. Trostlosigkeit strahlen die verstaubten Häuser und Wohnbunker aus. “Gibt es hier eine Gastiniza?”, frage ich eine Frau am Straßenrand. “Njet”, (“Nein”) antwortet sie. “Was, das kann doch nicht sein?”, entgegne ich schon damit rechnend weitere 10 Kilometer radeln zu müssen, um irgendwo hinter diesem hässlichen Nest ein Waldcamp zu finden. Tanja und ich stehen etwas betreten da. Plötzlich kommt die Frau wieder zurück. “Wie konnte ich das vergessen. Es gibt eine Gastiniza. Sie ist in einem Bürogebäude im zweiten Stock”, erklärt sie. Ein Autofahrer bietet uns an ihm zu folgen. Wir holpern über die grottenschlechte Straße, vorbei an schmuddeligen Ostblockwohnhäusern. “Ihr seid hier falsch. Da geht es nicht nach Irkutsk!”, ruft uns ein Mann entgegen. “Wir suchen eine Gastiniza”, antworten wir und folgen weiterhin dem Jeep. Unerwartet überholt uns ein PKW. “Da ist keine Gastiniza!”, ruft der Fahrer und erklärt uns in die falsche Richtung zu strampeln. “Folgt mir, ich führe euch hin”, bietet er uns an. Wir überlegen kurz wie wir jetzt mit dem Herren verfahren sollen der uns mit seinem Jeep vorausfährt und entschließen uns wieder umzukehren. Nur hundert Meter zurück zeigt uns der junge Mann einen angegrauten Bürokomplex. “Dort ist sie”, sagt er und verschwindet. “Und das soll eine Gastiniza sein?”, wundert sich Tanja. “Ich gehe mal rein und checke den Laden”, antworte ich, lehne meinen völlig verstaubten Bock gegen eine ebenfalls hässliche Betonmauer und schleppe mich bei ca. 50 Grad in der Sonne die Stufen hoch. “Woher kommen sie? Ich brauche ihren Pass. Ja, Zimmer haben wir. Das Doppelzimmer 1150,- Rubel, (26,- Euro) Delux 2.500,- Rubel”, (57,- Euro) leiert die Frau hinter ihrer Glasscheibe recht angelascht herunter. Ich strenge mich an sehr freundlich zu sein und erkläre das wir zwei Fahrräder haben die über Nacht ins Haus müssen. “Geht nicht”, ernüchtert mich die Grauhaarige. “Aber bitte. Wir sind sehr müde und unsere Räder können wir unter keinen Umständen draußen lassen”, entgegne ich. “Na dann dürfen sie ihre Fahrräder dort, wo das Baumaterial liegt, abstellen”, erleichtert sie mich, auf ein Haufen mit Gipsplatten und anderem Zeugs deutend. “Kostet 100 Rubel extra”, fügt sie noch hinzu. “Aber warum? In ganz Russland mussten wir für unsere Räder nicht bezahlen”, versuche ich zu argumentieren. “Hier schon”, lächelt sie mich an. Dann zeigt mir die Putzfrau des Hotels das Zimmer. Ich brauche all meine Kraft, um mich in den dritten Stock des superhässlichen Treppenhauses zu hieven. “Oh, das wird Tanja gar nicht gefallen unser ganzes Zeug hier rauf tragen zu müssen”, geht es mir durch den Kopf. “Bitte folgen sie mir”, meint die Sibirierin, in einen Gang abbiegend, der gerade restauriert wird. Hinter Gipsplatten verstecken sich Stroh und Putz. So wie man hier vor 30 oder vielleicht auch 60 Jahren gebaut hat. Der gesamte Schrott wird einfach mit Gipsplatten verkleidet. “Da kann man nur hoffen, dass der Bunker nicht irgendwann einmal einfach zusammenbricht”, denke ich. Am Ende des langen Ganges öffnet die Dame eine Tür und ich stehe in unserer bescheidenen Kammer. Die untergehende Sonne hämmert mit voller Wucht hinein. Geschätzte Temperatur 38 bis 40 Grad. Zwei bescheidene Betten, ein ebenfalls bescheidener aber alter Tisch, ein noch bescheidenerer Stuhl und ein verlorener Schrank, dessen wacklige Türen mit zwei Nägeln zugehalten werden. “Und ich dachte die Unterkünfte sind auf der Haupttouristenroute zum Baikal ein Traum. Selten so ein Fehleinschätzung von mir gegeben”, flüstere ich. “Otschin scharka”, (“Sehr heiß”) meine ich mit leidender Miene. “Da, scharka”, (“Ja, heiß”) gibt die Frau mir Recht und macht sich wieder auf den Weg nach unten. Ich folge ihr und erkläre den Damen an der Rezeption das Zimmer zu nehmen.

Tanja die unterdessen in der abendliche Hitze fast weggeschmolzen ist freut sich nicht weiter zu müssen. “Das wäre echt hart geworden”, meint sie. Wir bringen unsere Räder und Ausrüstung von der Straße in den Vorraum des Bürogebäudes. Während ich unsere Räder absperre, mit der grünen Folie abdecke und schon mal einen Teil der Satteltaschen nach oben trage, kümmert sich Tanja um den Papierkram. Als wir endlich im Zimmer sind ist es 22:30 Uhr. “Jetzt noch Bilder archivieren, Loggdaten in den Laptop eintragen, Kurzaufzeichnungen über den heutigen Tag schreiben, Essen und ein Bier”, sage ich. “Okay, fang du schon mal damit an. Ich sehe mal ob ich im Supermarkt neben an etwas zum Abendessen finde”, antwortet Tanja und verlässt erneut unsere Bleibe.

Tanja

Wir haben die Wahl

Während wir im Wagen von Iwan sitzen fühle ich mich ganz komisch. Deshalb komisch, weil wir uns in gesundem Zustand und mit funktionierender Ausrüstung tatsächlich ein Stück mitnehmen lassen. So was wäre mir vor ein paar Jahren nie passiert. Da hätte ich es mir und uns beweisen wollen, aus eigener Kraft diese Strecke zu überwinden. “Dem Himmel sei Dank entwickeln wir Menschen uns weiter und heute konnte ich dieses Angebot annehmen”, ziehen mir die Gedanken durch den Kopf. “Wahrscheinlich wären wir nach diesem Horrorstück gezwungen gewesen, dass uns Jemand mitnimmt”, geht es mir weiter durch den Kopf… ”Weil dann etwas zu Bruch gegangen wäre… Sei es drum, nun könnten wir es uns gemütlich machen bis wir in Tulun angekommen sind. Doch auch das fühlt sich nicht richtig an.” Gerade als ich aus dem Fenster blicke steigt ein weiteres Gefühl in mir auf, das Gefühl der Freude am radeln, am Reisen und am Sammeln der Erlebnisse. Wie großartig es sich anfühlt am Ende eines Radtages entspannt vor dem Zelt zu sitzen, die Räder lässig vor uns geparkt und romantisch in den Sonnenuntergang zu blicken. Eine Tasse Tee in der Hand und mit Denis das Erlebte Revue passieren zu lassen und den Moment zu leben. “Eine Dusche macht auch mindestens doppelt so viel Spaß, wenn wir so richtig verstaubt sind”, muss ich bei dem Gedanken grinsen. Ebenso schmeckt ein kaltes Bier am Ende eines anstrengenden Radtags auch mindestens doppelt so gut. Danke Ivan für deine großartige Hilfe und die Möglichkeit zu wählen.

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