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Russland/Priwet

Ein Tag wie ein Geschenk

N 52°39'03.4'' E 049°32'17.1''

Wie das Auf und Ab des Lebens so spielt bekommen wir heute einen Tag wie in einem Bilderbuch präsentiert. Nie hätten wir gedacht, dass sich die Sonne noch mal so gegen den Winter aufbäumen kann. Nichts mehr ist von der tristen Eintönigkeit zu sehen. Als hätte eine Fee ihren Farbpinsel ausgepackt und aus purer Lust und Freude die Erde bemalt, fahren wir durch eine prächtige Welt. Die kleinen Holzhäuser in den Dörfern sehen plötzlich nicht mehr so heruntergekommen und armselig aus. Ihre blauen Fensterrahmen scheinen uns anzulächeln. Die Wellblechdächer strahlen in rot und sogar das Grau glänzt anschaulich im Licht der Sonne. Ein letztes Blumenbeet wirft ein prächtiges Lila in den Topf des Farbengemischs und die wenigen Blätter an den Bäumen runden das Bild mit einem hellen Gelb ab. Bei 15 Grad in der Sonne wölbt sich ein blauer Himmel über uns. Nur wenige Wolken verzieren ihn. Mir kommt es so vor als würde uns Mutter Erde oder “Alles was ist” am Ende unserer Reise noch mal zeigen wollen wie schön es ist unterwegs sein zu dürfen. Vielleicht ist dieser Tag ja tatsächlich ein Geschenk an uns. Ein Abschiedsgeschenk von Russland am ersten November noch mal etwas Wärme und Leben spüren zu dürfen.

Schon nach wenigen Kilometern stoppt uns ein Lastwagefahrer. “Darf ich ein Bild von euch machen?”, fragt er sehr freundlich. “Gerne”, antworten wir uns stellen uns wie gewohnt vor seinem Handy in Pose. “Bitte nehmt”, sagt er und streckt mir einen getrockneten Fisch entgegen. “Vielen Dank”, freue ich mich und lege den steifen Fisch in meine Kiste. Dann reicht uns Nicolai noch eine Orange und ein Glas Erdbeermarmelade. “Von meiner Frau selbst gemacht”, lacht er. “Aber du brauchst doch dein Essen für dich. Du hast noch eine große Strecke vor dir”, versuche ich abzulehnen. “Nein, ich habe genug. Nehmt bitte. Ihr benötigt es viel dringender als ich”, antwortet der nette Mann. Dann steigt er wieder in seinen Lastwagen und fährt winkend davon. Auch wir setzen unsere Reise in Richtung Samara fort. Vergnügt treten wir unsere Rösser über einige Erdrunzeln, die seit wenigen Tagen wieder ihre Rücken aus der Ebene Strecken. Ob das schon die ersten Ausläufer des Uralgebirges sind?

In einem Straßendorf halten wir neben drei Frauen die heißen Tee, Kaffee und selbstgebackene Teigtaschen verkaufen. Hungrig verschlingen wir eine der schmackhaften mit Kraut oder Kartoffeln gefüllten Backwaren. Wir antworten auf die neugierigen Fragen und erklären unsere Reise. Sofort schenkt mir eine der armen Frauen einen Becher heißen Tee. Ablehnen wäre unhöflich, weshalb ich ihn annehme und mich bedanke. Um der Frau zumindest ein kleines Geschäft zu geben trinken wir danach noch mal einen Becher Kaffee und verzehren eine weitere Teigtasche. Ein Lastwagenfahrer gesellt sich zu uns. Mit Gestik und lustiger Mimik will er uns klar machen wie kalt es bald sein wird. “Ihr könnt dann nicht mehr Radfahren. Warum baut ihr euch keinen Motor ein? Oder noch besser, ihr setzt euch in ein Auto mit Heizung. Brrrrrr, viel zu kalt, brrrrrr. Nein, nein, das wäre nichts für mich. Warum macht ihr das nur?”, plappert er. Dann sieht er mich an und fragt mich warum ich mit meiner hübschen Frau nicht nachhause fliege. “Habt ihr viele solch hübsche Frauen in Deutschland? Ich möchte auch eine haben”, scherzt er das Thema wechselnd. “Ins Paket stecken und schicken lassen”, gibt Tanja lachend Antwort. “Ja das ist eine gute Idee. Ich lass mir einfach eine schicken. Aber vielleicht hole ich mir eine aus Prag”, erwidert er und verzieht dabei sein Gesicht derart das die drei Verkäuferinnen sich vor Lachen die Bäuche halten müssen. Dann wünschen wir uns gegenseitig viel Glück und Gesundheit und setzen unser Gepäck auf Rädern wieder in Bewegung. Ein Schild taucht auf. 100 Kilometer bis nach Samara ist darauf zu lesen. “Samara wir kommen!”, rufen Tanja und ich wie aus einem Mund bald freudig erregt.

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