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Rumänien/Kloster Saon

Bei den Nonnen

N 45°13'00.2'' E 028°32'24.1''

Wie gewohnt standen wir um sechs Uhr auf, hatten unsere Routineprogramm durchgezogen, die Räder beladen und radelten guten Mutes zur Anlegestelle der Fähre. Die Fähre kam auch aber leider die Falsche. “Es tut mir leid. Das ist ein Schnellboot. Da haben wir für ihre Räder keinen Stauraum”, sagte ein in weiß gekleideter Offizier. “Wann kommt denn das große Fährschiff wieder?”, wollten wir wissen. “In zwei Tagen”, erzählte der Mann mitleidig den Kopf schüttelnd. Da Tanja mindestens vier verschieden Personen gefragt hatte ob die große Fähre auch wirklich an diesem Tag in Crisan anlegen wird, ist ihr das auch viermal bestätig worden. Nun, anscheinend haben sich alle Vier getäuscht oder die gravierenden Sprachprobleme hatten uns dieses Missgeschick eingebrockt. Das war der Grund warum wir länger als geplant im Delta geblieben sind.

Heute erwischen wir um 8:00 Uhr den richtigen Kahn. Wir bringen alles auf den verrosteten Pott und machen es uns wieder auf dem Vorschiff bequem. Weil hier nicht so viele Menschen wie in der Großstadt Tulcea auf das Boot stürmen und weil uns Soltan, ein Tourist aus Ungarn, hilft, verläuft der Ladeprozess völlig reibungslos. In Tulcea angekommen legen wir einen kurzen Stopp an einem Restaurant ein. Während Tanja das Internet checkt und ein lang ersehntes Paket abholt, welches hoffentlich im Hotel Delta eingetroffen ist, mache ich die Räder startklar. Es dauert nicht lange und Tanja winkt schon von weitem. Freudig hält sie ein kleines Paket in die Höhe. “Es ist tatsächlich da”, sagt sie etwas außer Atem. Eilig reißen wir die Verpackung auf und siehe da unser Retter grinst uns in grüner Farbe an. Es ist ein Moskitonetz von Brettschneider. Wir hatten es nicht mitgenommen, dachten wir brauchen kein Moskitonetz. Welch ein Gedankenfehler. Fatal. Klar braucht man hier ein Moskitonetz. Die Scheißviecher saugen einen am lebendigen Leib aus. Vor allem in Billigunterkünften gibt es regelrechte Brutstätten in den Zimmern. Nun haben wir der Nahrungsquelle für Stechmücken ein Ende gesetzt und können hoffentlich besser schlafen. Es ist ca. 13:00 Uhr als wir Tulcea bei einer Bullenhitze hinter uns lassen. Kaum erreichen wir den Stadtrand geht es, wie soll es anders sein, nach oben. Wie ich Berge missachte. (Natürlich nur als Radfahrer) Im ersten Gang strampeln wir sogleich dem Kerl auf den Rücken und lassen uns dann wieder nach unten rollen. Natürlich nur, wie soll es anders sein, um gleich wieder nach oben zu strampeln. Da ich heute den ersten Tag meinen Pulsmesser von Suunto ausprobiere sehe ich wie mein Herz rast. Tanja hängt hinterher. Ich warte oben und kühle meinen tropfenden Körper im Wind. “Wie geht’s deinem Knie?”, frage ich besorgt als sie neben mir anhält. “Meinem Knie geht es gut aber wenn du auf der Straße einen ausgekotzten toten Fisch siehst war das mein Mittagessen. “Ist dir schlecht?” “Ja, ich glaube ich habe eine zeitlang genug von Fisch.” “Ich fand ihn auch ganz schön ranzig”, bestätige ich mich wieder in den Sattel schwingend, um den nächsten Hügel in Angriff zu nehmen. Da ich in meinem eigenen Rhythmus den Berg hinauffahren muss, um ihn überhaupt zu schaffen, kann ich während des Anstieges nicht auf Tanja warten. Oben angelangt stoppe ich schwer atmend. Jugendliche laufen vorbei. Manche zeigen lachend mit dem Daumen nach oben. Ein alter angetrunkener Mann kommt auf mich zu und versucht mit mir in seiner Landessprache zu sprechen. Ich verstehe immer wieder Munz, was soviel wie Berg heißt. Das Wort hat sich sogar in Rumänisch in meine Gehirnwindungen gebrannt. Dann sagt er irgendetwas von Barca womit er wohl ein Schiff meint. Ich kombiniere, dass wir doch die Fähre zur Grenzstadt Galati nehmen sollen weil sich vor uns ein Haufen Berge befinden. Der Alte versucht die Jugendlichen zu überzeugen seine Warnung für mich in Englisch zu übersetzen. Gelächter ist die Antwort. Ich bedanke mich bei dem Betrunkenen und als Tanja schwer atmend die Hügelkuppe erreicht rauschen wir gemeinsam die paar Meter wieder runter. “Wir sollten Wasser kaufen!”, ruft sie mir hinterher als wir an einem Magazin vorbeisausen. “Ach was, hier gibt’s doch ständig kleine Läden”, lehne ich ab und trete weiter. Einen Kilometer später stoppen wir. Am Straßenrand scheren Schäfer ihre Schafe. In Rumänien arbeiten die Scherer noch mit einer großen Handschere. Eine hammerharte, sehr anstrengende Arbeit. In Australien hatten wir öfter Scherer bei ihrer Arbeit beobachtet. Dort hängen die Männer mit ihren Oberkörpern in einem elastischen Halteband welches an der Decke montiert ist. Somit wird der Rücken entlastet. Außerdem werden die Schafe mit einem elektrischen überdimensional großen Rasierer geschoren. Innerhalb weniger Minuten ist das Schaf dann nackt. Hier sieht es anders aus. Es dauert eine kleine Ewigkeit bis ein Schaf die Prozedur hinter sich gebracht hat. Wir fotografieren und filmen. Plötzlich kommt der Chef mit seinem klapprigen Dacia angerumpelt. “Alles meine Schafe hier! Filmt mich! Filmt mich!”, ruft er laut, breitet seine Arme aus und lacht. Dann packt er eine Zweiliterflasche Bier aus, öffnet sie und bietet uns einen Schluck an. “Wir müssen noch Rad fahren”, lehnen wir dankend ab. Als Becher dient der abgeschnittene Flaschenhals aus Plastik. Die Schäfer die in der Sonne ihrer schweren Arbeit nachgehen freuen sich über ein Schluck Bier. Die Stimmung ist heiter. Am liebsten würden wir hier einige Zeit ausruhen, doch wir wollen unser Tagesziel, das Kloster Saon, erreichen.

Am Straßenrand taucht ein schreckliches Schild auf. 10 Prozent Steigung ist darauf zu lesen. Als sich mein Puls auf 166 hochschraubt und meine Oberschenkel nicht mehr die Kraft aufbringen meinen Roadtrain weiter nach oben zu treiben, steige ich ab, um zu schieben. Bei einem Blick nach hinten bemerke ich erst jetzt, dass auch Tanja schon einige Zeit ihr Rad nach oben drückt. Spätestens alle hundert Meter müssen wir beide innehalten, um unseren Lungen eine Chance zu geben den hechelnden Körper mit genügend Luft zu versorgen. Es ist kaum machbar. 10 Prozent ist mehr als wir schaffen können. Sollten Steigungen mit 11 Prozent auf uns zukommen können wir nicht mal mehr schieben. Unsere Wasservorräte gehen dem Ende zu. Viel schneller als ich gedacht hatte. Leise schimpfe ich über mich selbst. “Hätte ich nur auf Tanja gehört. Was ist wenn das so weiter geht? Wir benötigen dringend Wasser.” Konzentriert und mit großer Willenkraft kommen wir Stück für Stück höher bis wir lächerliche 164 Höhenmeter erreichen. Ohne Zweifel eine demoralisierende Tatsache, diese Berge. Anschließend verjubeln wir wie gewohnt die hart erkämpften Höhenmeter. Ein Schild weißt auf das Kloster Saon. Wir stoppen und sehen in etwa drei bis vier Kilometer die Kuppel der Klosterkirche aus einer Senke vorlugen. “Bis zur nächsten Stadt sind es noch 15 Kilometer. Vielleicht geht es ja geradeaus. Wenn wir zum Kloster fahren geht’s bergab und morgen müssen wir wieder rauf. Was willst du tun?”, frage ich Tanja. “Entscheide du”, sagt sie. Ich überlege noch eine Weile und verspüre den Impuls Saon einen Besuch abzustatten. “Wir fahren”, entscheide ich und wieder lassen wir uns nach unten gleiten. Der Asphalt verschwindet und mindestens 11 bis 12 Prozent Steigung recken sich vor uns in die Höhe. Wir legen ein Rad in den Straßengraben und schieben jetzt zu zweit meines und dann Tanjas nach oben. Für kleine Erhebungen funktioniert die Technik. Es ist später Nachmittag als wir in das Klostergelände radeln. Einige Nonnen unterhalten sich mit einem Besucher. Wir lehnen die Bikes an den Zaun und ich frage ob sie einen Ort für uns haben wo wir unser Zelt aufschlagen dürfen. “Gerne, unten am Fluss ist es kein Problem”, hören wir die angenehme Stimme der Nonne. “Sie können aber auch ein Zimmer haben. Wenn sie wollen?”, bietet sie uns an. Wir lehnen dankend ab und freuen uns endlich mal wieder in unseren eigenen vier Wänden zu nächtigen. Eine englisch sprechende Nonne namens Gabriela bietet uns an das Kloster zu zeigen. Obwohl wir beide absolut alle sind nehmen wir das Angebot gerne an. Gabriela zeigt uns die im Jahre 1884 erbaute alte Kirche und erklärt, dass die neuere im Jahre 1904 errichtet wurde. Wir dürfen filmen und fotografieren. “Es ist ein schöner ruhiger Ort hier den ich sehr mag”, sagt sie. “Wie lange sind sie schon Nonne in diesem Kloster?”, will Tanja wissen. “Zehn Jahre. Es ist ein schönes Leben bei uns. Wir sind 40 Nonnen und jede hat ihre Aufgaben. Ich zum Beispiel kümmere mich um die Gäste. Wir beten jeden Morgen von sechs bis um acht Uhr und abends von 19:00 bis 22:00 Uhr. Wir müssen aber nicht beten. Es ist freiwillig. Wenn wir Anderes zu erledigen haben tun wir das”, erklärt sie. “Kommen sie, ich zeige ihnen unsere Strauße.” “Sie haben Strauße?”, frage ich verblüfft. “Ja, seit einiger Zeit. Augenblicke später beobachten wir Strauße in einem rumänischen Nonnenkloster. “Sie müssen ein wenig acht geben. Der Macho ist sehr aggressiv”, warnt sie uns. Tatsächlich reckt der Riesenvogel seinen Schlangenhals über den Zaun und verdreht ganz wild seine Kulleraugen. Erschrocken treten wir einen Schritt zurück. Gabriela und wir müssen heftig lachen. Nachdem wir Straußenjunge, den Speisesaal und andere Gebäude bewundern durften, zeigt sie uns den Campplatz direkt neben einem von Seerosen zugewachsenen Seitenarm der Donau. “Sie müssen ein bisschen auf die Sinti achten. Ein Junge hat vor kurzen einem deutschen Pärchen, die hier die Donau untersuchten, bestohlen”, warnt sie. “Aber trotzdem, hier sind sie sicher”, beruhigt sie uns gleich darauf. Während Tanja mit Gabriela Wasser aus den Brunnen besorgt lasse ich mich völlig erschöpft in meinen Klappstuhl sinken. Ohne Zweifel bin ich nach so einem ereignisreichen Tag völlig marode. Dann, nach ein paar Verschnaufminuten, beginne ich Kurznotizen über den Tag in den Laptop zu tippen. Tanja kommt mit fünf Liter frischem Brunnenwasser, frischen Eiern, ein paar Äpfeln und selbst gemachten Käse wieder. “Das haben uns die Nonnen geschenkt. Sie sind wirklich sehr freundlich zu uns. Ich habe Gabriela auch gefragt ob wir eine Spende fürs Kloster geben dürfen. Nein, hat sie gesagt. Behaltet euer Geld. Uns geht es hier sehr gut und ihr habt noch eine lange Reise vor euch. Spart euch euer Geld, meinte sie und hat mich angelächelt.” “Ist ein guter Platz zum Campen”, antworte ich und baue mit Tanja unsere Stoffbehausung auf. Danach geht Tanja sich in der Donau den Staub des heißen Tages vom Körper waschen. “War es gut?”, frage ich als sie wieder zurückkommt. “Ein Traum”, antwortet sie sichtbar erfrischt. Als ich dann am See stehe frage ich mich wo Tanja ins Wasser gegangen ist. Die Schlammbrühe ist überall maximal 30 Zentimeter tief und sobald ich hineinwate versinke ich bis zu den Knien im Morast. Ich suche einige Zeit das Ufer nach einer geeigneten Stelle ab, kann aber nichts finden. Dann entscheide ich mich wie eine Qualquappe auf den Händen laufend in das Schlammloch zu robben. Eine Schar Enten neben mir hat mit der Wassertiefe kein Problem. Sie schwimmen vergnügt herum und schnäbeln in der Luftblasen werfenden Brühe nach Fressbaren. Ich schaffe es dann meinen Körper mit Nässe zu benetzen. Nicht gerade erquicklich. Unbefriedigt laufe ich etwas nach Sumpf riechend zum Lager zurück. Tanja prustet vor lachen als ich ihr mein Badeerlebnis erzähle. Ich schaffe es mit Gelassenheit zu reagieren.

Dann gibt es ein leckeres Mahl von Travellunch. Für die harten Tage haben wir diese schmackhafte gefriergetrocknete Fertignahrung dabei. Tanja schneidet noch den Schafskäse und ein paar Eier hinein und die Götterspeise ist fertig. Um 22:00 Uhr werden wir von einer unbarmherzigen Moskitoarmee attackiert. Tanja ist schon im Schlafsack als ich die Räder noch absperre und dann fluchtartig ins Zelt hechte. Es ist angenehm in den eigenen Wänden zu nächtigen. Draußen quaken die Frösche um die Wette. Wie im Chor erheben sie ihre Stimmen mal mehr und mal weniger. Keine Stechmücke kann in unser Reich eindringen. Vor der Zeltwand surrt es böse herum während wir hier drin in einen tiefen Schlaf fallen.

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