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Russland/Moskitohochburg Link zum Tagebuch TRANS-OST-EXPEDITION - Etappe 4

An unseren Grenzen

N 56°08'41.1'' E 097°17'48.0''
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    Tag: 25

    Sonnenaufgang:
    04:56 Uhr

    Sonnenuntergang:
    22:15 Uhr

    Luftlinie:
    47.17 Km

    Tageskilometer:
    55.81 Km

    Gesamtkilometer:
    11219.22 Km

    Bodenbeschaffenheit:
    Schotter / Kiesel / Asphalt

    Temperatur – Tag (Maximum):
    30 °C

    Temperatur – Tag (Minimum):
    23 °C

    Temperatur – Nacht:
    14 °C

    Breitengrad:
    56°08’41.1“

    Längengrad:
    097°17’48.0“

    Maximale Höhe:
    393 m über dem Meer

    Maximale Tiefe:
    230 m über dem Meer

    Aufbruchzeit:
    12.00 Uhr

    Ankunftszeit:
    20.00 Uhr

    Durchschnittsgeschwindigkeit:
    11,26 Km/h

Am heutigen Radtag bläst uns nur eine leichte Brise entgegen. Der Meister hat anscheinend einen Ruhetag eingelegt. Wir sind gut gelaunt und haben uns 100 Tageskilometer vorgenommen. Das ist durchaus machbar weil in der Landkarte keine Berge zu entdecken sind die unsere Fahrt verlangsamen könnten. Es dauert jedoch nicht lange und die Straße wird zusehend schlechter. Immer größere Löcher im Asphalt veranlassen uns unaufhörliche Bögen zu fahren. “Na da haben wir schon schlechtere Straßen gehabt”, meine ich noch immer gut gelaunt, da man uns schon seit Tagen eine schlimme Straße vorausgesagt hat. Plötzlich verabschiedet sich für etwa 500 Meter der Asphalt völlig. Zu diesem Zeitpunkt noch Euphorisch fotografieren wir unser Vorankommen eifrig. Dann erreichen wir wieder Bitumen und lachen über das kleine Hindernis. Es dauert jedoch nicht lange und das auf den Waldboden gepresste schwarze Öl ist erneut verschwunden. Diesmal bilden bis zu faustgroße Kieselsteine den Untergrund. Nur im Schritttempo und mit äußerster Konzentration holpern wir darüber. Selbst Lastwägen fahren nicht viel schneller als wir, so das sie uns nur langsam überholen. Das Staubaufkommen ist dabei derart hoch, das die Sicht an manchen Stellen nicht weiter als 15 bis 20 Meter ist. Luftanhalten ergibt keinen Sinn, denn bis der Staub sich gelegt hat, wären wir erstickt. “Ist ja unglaublich. So etwas haben wir auf der gesamten Strecke von Deutschland bis hierher noch nie erlebt”, meine ich hustend. Manche Fahrer nehmen keine Rücksicht auf ihre Autos und donnern krachend vorbei. Sie überholen uns rechts und links. Das uns dabei keine Steine um die Ohren fliegen ist reine Glückssache. “Seltsam, manche Menschen sind tatsächlich in der Lage jegliches menschliche Verhalten aus ihrem Hirn zu löschen”, denke ich mir und versuche den Staub in meinem Mund mit einem Schluck Wasser aus meinem Sourcetrinkrucksack hinunterzuspülen.

An einer altertümlichen Tankstelle, aus längst vergangener Zeit, halten wir an, um unser zu Ende gehenden Kraftreserven mit einer Fertignahrung von Travellunch wieder zu beleben. Dann geht es weiter. Auf einmal erhebt sich vor uns eine Steigung mit etwa 15 %. Radfahren ist unmöglich geworden. Wir steigen ab und schieben. Bei ca. 33 Grad in der Sonne rinnt uns der Schweiß in Strömen herunter. Der Staub der Lastwägen und Autos vermischt sich mit der Sonnenkreme und dem Schweiß zu einer unangenehmen Pampe. Dazu gesellen sich seit geraumer Zeit Pferdebremsen, die sich frech auf unsere freien Hautstellen setzen, um uns zu stechen wo sie gerade stechen können. Es sind ganz besonderst große Pferdebremsen die es anscheinend nur in Sibirien gibt. Zumindest kommt es mir so vor. Sie wechseln sich ab mit Geschwadern von Mücken die zeitweise wie wild um uns herumsurren. Manchmal aber sind Pferdebremsen, normale Bremsen und Mücken zur gleichen Zeit am selben Ort und machen uns den Tag nicht leichter. Um sie uns vom Leib zu halten, sprühen wir uns mit Insektenmittel ein. Jedoch hält sie das nur für kurze Zeit davon ab uns zu beißen, zu stechen oder zu nerven.

“Wenn ihr glaubt das ist ein Berg dann habt ihr euch getäuscht! Da wartet noch viel Schlimmeres und Höheres auf euch”, grölt uns ein vorbeiholpernder Autofahrer zu. Auch wenn wir versuchen uns nicht negativ beeinflussen zu lassen nagt die Aussage an unserem Gemüt. Schneller als wir dachten hat uns das Sibirien eine weitere Karte ausgespielt. Wir haben zwar davon gehört, dass diese Strecke zum Teil nicht asphaltiert ist, aber dass es so schlimm wird, damit rechneten wir niemals. “Wenn die Berge noch höher werden halte ich einfach einen Lastwagen an und fahre mit!”, ruft Tanja. “Und ich fahre weiter!”, entgegne ich. “Nein, dich nehme ich mit”, antwortet sie.

Dann geht es durch eine Ortschaft. Der aufgewirbelte Staub liegt auf den Dächern der Häuser, klebt an den Fenstern, legt sich über alle Pflanzen in den Gärten. Es ist einfach schrecklich was die Menschen hier ertragen müssen. Neben dem extremen Acker, was einmal eine Straße war oder werden soll, befindet sich ein Fußweg. Wir verlassen den wahr gewordenen Alptraum und schieben unsere Böcke auf den Pfad. Dort kommen wir zumindest besser voran als auf dem Untergrund, welches mit einem ausgetrockneten Flussbett absolut vergleichbar ist. “Ist nur eine Frage der Zeit bis irgendetwas von der Radtechnik nachgibt”, meine ich kurz verschnaufend. “Hält das unser Laptop aus?”, fragt Tanja. Wer weiß? Kann mir nicht vorstellen das dieses Gerüttel überhaupt von etwas ausgehalten wird”, grüble ich laut. Dann kommt wieder ein Berg, dessen sich hochziehende Fahrbahn schon von weitem durch helle Staubfarbe auffällt. Selbst im ersten Gang drehen unsere Hinterreifen durch. Wir steigen ab und schieben. “Durchhalten, durchhalten, durchhalten”, sage ich mir immer wieder denke plötzlich darüber nach was wir hier in Sibirien überhaupt wollen. “Radfahren durch Sibirien. So eine schwachsinnige Idee”, brummle ich vor mich hin.

Ein Motorradfahrer kommt uns aus einer weißen Staubwolke, wie eine Fata Morgana, entgegen. Ich erkenne im ersten Augenblick nur seine strahlend weißen Zähne. Er hält seine schwer beladene Maschine direkt neben uns. “Wo kommt ihr denn her?”, fragt er in gebrochenem Englisch. Wir erklären woher wir kommen, wohin wir wollen und fragen wie die Straße vor uns aussieht. “Für ca. 200 bis 300 Kilometer sehr schlecht. Aber dann ist wieder durchgehend Asphalt”, meint er. “Woher kommst du denn?”, möchte ich wissen. “Ich bin aus Wladiwostok. Fahre ins Altaigebirge zum wandern”, antwortet er auf seinen großen Rucksack deutend der auf dem Beifahrersitz fest gesurrt ist. Nach einem kurzen Gespräch verabschieden wir uns voneinander und wünschen uns gegenseitig eine gute und sichere Reise mit sehr guten Straßen und Wind im Rücken. Als ich im Begriff bin meinen Roadtrain wieder Meter für Meter nach oben zu pressen, läuft mir der Motorradfahrer hinterher, legt seine Hände an den Hänger und schiebt mich lachend nach oben. “Vielen Dank”, sage ich als wir Tanja erreichen, die während unseres Gespräches die Zeit genutzt hat, um ihr Rad weiter nach ob zu drücken.

Es ist 19:00 Uhr als wir zischen Fahren und Schieben ein Tal erreichen durch das sich der Schotter- und Kiesweg einen Weg durch den dichten Wald bahnt. Wir sind mittlerweile am Ende unserer Kräfte. Beherrscht schieben wir unsere Intercontinental wieder nach oben. Wir müssen unser gesamtes Körpergewicht gegen den Lenker pressen, um überhaupt Höhenmeter zu machen. Die Moskitos werden wegen der schwächer werden Sonne von Sekunde zu Sekunde schlimmer und scheinen uns am lebendigen Leib bis zum letzten Tropfen aussaugen zu wollen. “Komm schnell! Wir müssen uns die langen Hosen und Windjacken anziehen!”, sage ich. Sofort holen wir die Kleidung aus unseren Satteltaschen. Zum Schluss streifen wir uns noch ein Moskitonetz über den Helm. So vor den Insekten besser geschützt, ist die Arbeit die Räder die Steigung hoch zu drücken zwar noch schweißtreibender als vorher aber zumindest werden wir nun nicht mehr an bald jeder Stelle unseres Körper gestochen. Das ist also Sibirien. Davon hat man uns gewarnt. “Ihr werdet sehen, der Winter und die Kälte sind angenehmer als unsere stechenden Insekten”, sagte Katja. Jetzt wissen wir was sie gemeint hat. Ist schon seltsam, dass man fast alles im Leben erst selbst erfahren muss, um zu wissen wie die Realität ist. Das ist eben der Unterschied zwischen Glauben und Wissen. Ich weiß nun dass der Sibirische Sommer grausam sein kann. “Und wie viel Kilometer sind es noch bis zum Baikal?”, fragt Tanja sichtlich genervt von der Situation. “Von hieraus 700 Km”, antworte ich wortkarg nach einer Bleibe für die Nacht Ausschau haltend. “Wie sieht es dort aus?”, fragt Tanja schnaufend und deutet auf ein Wiesenstück hinter einem Waldstreifen. “Nicht gut”, antworte ich nachdem ich den Ort ausgekundschaftet habe. “Er liegt in einem Sumpfgebiet. Dort geben uns die Moskitos den Rest”, sage ich noch und schiebe weiter.

Bisher haben wir schon viel auf der Trans-Ost-Expedition erlebt. Meist Schönes und manchmal auch nicht so Schönes. In diesem Augenblick befinden wir uns im Zentrum des Nichtschönen. Gerne würden wir beide flüchten, doch hier gibt es kein Flüchten. Hier ist der Augenblick nackte Realität. Wir können keine Tür verschließen, uns verstecken oder davonlaufen. Wir müssen diesen Augenblick so nehmen wie er ist. Er fordert unsere gesamte Aufmerksamkeit. Lässt keine Sekunde Spielraum, um an irgendetwas Anderes zu denken. Nein, wir sind da und müssen da wieder raus. Ärgern, Streiten und Aufgeben bringt nichts. Meine Blicke schweifen durch meine angelaufene, vom Schweiß verschmutzte Sonnenbrille. Die Sicht ist dadurch sehr getrübt. Doch anhalten und die Brille putzen? Bin ich irre? Nein, den gefallen tu ich den Stechmücken nicht.

Dort oben ist vielleicht eine Möglichkeit”, sage ich um 20:00 Uhr, zwei Autospuren von der Schotterpiste wegführend sehend. Hoffnungsvoll lassen wir unsere Räder nach 55 hart erarbeiteten Kilometern von der Böschung rollen und mit Schwung schieben wir sie auf der anderen Seite wieder hoch. Es klappt. Nun laufen wir durch hüfthohes Gras. Immer an die Zecken denkend, die auf jeden Halm sitzen können, um uns anzufallen. Doch auch dieser Gedanke hat in diesem Moment seine Bedeutung verloren. Wir sind nur noch müde. Geschafft von diesem Horror. Wer kam nur auf die Idee Sibirien mit dem Rad erkunden zu wollen? Dann entdecke ich eine kleine Lichtung. Wir schieben unsere Räder darauf. Ich trete das hohe Gras nieder und checke den Boden ob er geeignet ist dort zu schlafen. Manche Untergründe in der Taiga sind so bucklig, dass man nicht darüber nachdenken möchte sie als Schlafplatz zu nutzen. “Passt”, meine ich. In Windeseile entladen wir die Räder, legen eine große Plane auf das niedergetretene Gras und errichten unser Zelt. Sofort reicht mir Tanja eine Ortliebsatteltasche nach der anderen in die Apside. Immer wieder das Moskitonetz öffnend und schließend. Auf diese Weise vermindern wir die Menge an Moskitos im kleinen Vorzelt. Dann schlüpft Tanja hinein, während ich wieder raus gehe und unsere Räder absperre. Falls doch mal ein verrückter Sibirier hier vorbeikommt, um eines der wertvollen Drahtrösser zu klauen. Denn, wir haben festgestellt, dass wir selbst in den entlegenen Camps hier in Sibirien auf Pilzsammler, Hirten, Straßenarbeiter und andere Menschen treffen. Also keine übertrieben Vorsichtsmaßname. Nachdem ich auch noch eine grüne, dünne Plane über die Räder gezogen habe, schlüpfe ich bald aufschreiend vor dem Inferno da draußen in die Apside und verschnaufe erstmal für einige Minuten.

Obwohl wir sonst in bald jeder Lage nur selten unsern Humor verlieren ist zu dieser Sekunde nichts davon übrig. Hunderte von kleinen schwarzen Fliegen haben den Weg ebenfalls in die Apside geschafft und sausen wie die Irren am Zelthimmel hin und her. Da diese Sorte aber nicht sticht kümmert uns das wenig. Als wir uns nach einer Weile einigermaßen ausgeruht haben holt mir Tanja Brot, das letzte Sesammuss von Rapunzel, eine Tomate und eine Gurke aus der Küchentasche. Genüsslich und mit Heißhunger vertilge ich mein Essen während Tanja vor Erschöpfung keinen Hunger hat. “Das surrt ja schrecklich da draußen”, meine ich auf das helle, unangenehme tönen der ausgehungerten Stechmücken, vor der Zeltbahn lauschend. “Schon fantastisch, das so ein dünner Stoff uns diese Flugarmee vom Leib hält”, antwortet Tanja.

Dann machen wir uns fertig, um in die Schlafkammer des Zeltes zu schlüpfen. Während ich die Isomatten aufblase, reicht Tanja den Laptop, die Kameras und weitere Technik hinein, die ich brauche, um die heutigen Fotos zu archivieren. Dann, als Tanja schon den Schlaf der Erschöpften schläft, tippe ich noch bis nachts um 1:00 Uhr meine Aufzeichnungen in den Laptop und archiviere Bilder. Ohne Durchhaltewillen und der Zuversicht, dass es auch wieder einfacher sein wird, ist so eine Arbeit nach so einem Tag kaum zu bewältigen. Endlich klappe ich den heißgelaufenen Computer zu und frage mich wie ich es fertig bringen soll jetzt noch mal in die Hölle da raus zu gehen, um zu pinkeln. “Egal, es muss sein”, sage ich mir, öffne den Reißverschluss und stürze mich nach draußen. Kaum bin ich in der wehrlosen Position, spüre ich regelrecht wie sich eine zweite bewegliche Haut auf meinem Körper bildet. Es sind tausende und abertausende von Stechmücken, die fast gleichzeitig ihre Rüssel in mein Fleisch hauen. “Aaaaahhhhh!”, schrei ich, fuchtle wie wild mit den Armen, ziehe meine Hose wieder hoch und rette mich mit einem weiteren Sprung ins Zeltinnere. Ohne Zweifel. Was auch immer ich vorher dachte. Es lebe der Fortschritt und die Zivilisation.

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