{"id":943,"date":"2014-12-09T07:41:25","date_gmt":"2014-12-09T06:41:25","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.denis-katzer.de\/?p=943"},"modified":"2014-12-09T07:41:25","modified_gmt":"2014-12-09T06:41:25","slug":"werden-wir-in-einem-wuestensee-ertrinken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/werden-wir-in-einem-wuestensee-ertrinken\/","title":{"rendered":"Werden wir in einem W\u00fcstensee ertrinken?"},"content":{"rendered":"<p>Edgar Kampf-Camp \u2014 14.07.2001<\/p>\n<p>Die gesamte Nacht trommelt der Regen auf unser Zelt und l\u00e4sst absolut alles klamm werden. Rufus liegt in dem winzigen Vorzelt (Apside) und zieht sich vor dem hereinflie\u00dfenden Wasser soweit zur\u00fcck, dass er mit seinem Hintern an meinem R\u00fccken liegt. Wir bleiben bis um neun Uhr liegen, denn aufstehen macht keinen Sinn. Als der Regen f\u00fcr wenige Augenblicke kurz nachl\u00e4sst ziehe ich meine feuchten Kleider an und begebe mich zum Funkger\u00e4t das drau\u00dfen neben den nassen K\u00fcchenboxen steht. Schnell funke ich Jo an, um ihr \u00fcber unsere Situation zu berichten. \u201eEs regnet ohne Ende. Ich hoffe es wird nicht schlimmer,\u201c rufe ich in das Handmikrofon. \u201eIch f\u00fchle mit euch, es muss sehr unangenehm sein,\u201c antwortet sie mit besorgter Stimme. \u201eMeinst du die N\u00e4sse macht den Afghanpacks\u00e4tteln etwas aus?\u201c ,m\u00f6chte ich wissen. \u201eWenn sie nicht im Wasser stehen d\u00fcrften sie es ohne Schaden \u00fcberstehen.\u201c \u201eNein, wir haben sie auf das Spinifexgras getragen so liegen sie nicht direkt auf dem Sand.\u201c Auch heute ist das Wetter zu schlecht und wir beenden nach kurzer Zeit den Kontakt. Ich schalte das Ger\u00e4t ab, schlie\u00dfe den Deckel, um es vor den Regen zu sch\u00fctzen und sprinte \u00fcber den nassen Untergrund zum Buschb\u00fcro. Durchn\u00e4sst und fr\u00f6stelnd krieche ich hinein. Schnell ziehe ich meinen Poncho aus der offensichtlich nicht wasserdicht ist und lege ihn auf den sandigen Boden. Um ein wenig Wohnlichkeit zu versp\u00fcren haben wir das bodenlose Zelt mit Kameldecken ausgelegt. Damit wir die Decken nicht v\u00f6llig verdrecken lassen wir unsere schmutzigen Schuhe am Rand stehen. Wir essen M\u00fcsli und trinken hei\u00dfen Tee. \u201eHoffentlich wird der Regen nicht st\u00e4rker,\u201c sage ich und beobachte mit Skeptik die d\u00fcnne Zeltbahn. Das Wasser schie\u00dft in Str\u00f6men hinunter und flie\u00dft dicht neben uns in den Sand. Der starke Wind l\u00e4sst das Zelttuch laut flattern und weht das herunterrinnende Wasser auf unsere Beine. Obwohl es zu dieser Jahreszeit warm sein sollte und keinen Regen geben d\u00fcrfte frieren wir f\u00fcrchterlich. \u201eMein Gott lass es nicht schlimmer werden,\u201c sagt Tanja leise. Gro\u00dfe Pf\u00fctzen bilden sich um das Buschb\u00fcro herum und Tropfen fallen in diesem Augenblick auf die Tastatur meines Laptops. \u201eIch bin froh, dass er wasserabweisend ist,\u201c sage ich und wische mit einem kleinen Handtuch in den Schreibpausen den Bildschirm und Tastatur trocken. W\u00e4hrend Tanja die Nerven hat in ihrem Buch zu lesen unterbreche ich meine T\u00e4tigkeit und sehe wie gebannt auf eine Pf\u00fctze die sich unaufhaltsam zu unseren F\u00fc\u00dfen unter das Zeltdach frisst. Rufus liegt mit seinem Hintern zitternd im Wasser und sieht mich bittend an diese Katastrophe endlich abzustellen. Ich werde von Minute zu Minute nerv\u00f6ser. Die zwei Wassereimer die wir unter je eine ca. 1 \u00bd Meter Zeltbahn unserer nassen Behausung gestellt haben sind bereits bis zum Rand voll. Ein unangenehmes Gef\u00fchl zwingt mich unter der Zeltbahn des Buschb\u00fcros zu blicken. Schnell inspiziere ich unser Schlafzelt. \u201eAch du Schreck! Sieh dir das an, unser Schlafst\u00e4tte schwimmt jeden Augenblick davon!\u201c ,rufe ich, springe auf, ziehe mir die Regenhaut \u00fcber den Kopf und meine Schuhe an und verlasse in panischer Geschwindigkeit unsere ebenfalls gleich untergehende Bastion. Regen peitscht mir ins Gesicht und innerhalb weniger Minuten bin ich bis auf die Haut durchn\u00e4sst. \u201eIch komme!\u201c ,h\u00f6re ich Tanja rufen w\u00e4hrend ich mir die Schaufel greife und in rasender Geschwindigkeit versuche einen Wassergraben um unser Schlafzelt zu ziehen. Kaum habe ich eine Schaufelf\u00fcllung nassen schweren Sand in die Luft geschleudert, flie\u00dft ein Sturzbach in das kleine Loch. Wieder und wieder sto\u00dfe ich die Schaufel in den roten Sand, um den Wassergraben zu vergr\u00f6\u00dfern. Ich arbeite wie ein Irrer, versuche unsere Habseeligkeit vor einer Flut zu retten vor der man sich kaum noch retten kann. Mittlerweile ist Tanja neben mir. \u201eWas soll ich tun?\u201c ,br\u00fcllt sie in das Unwetter. \u201eKein Ahnung!\u201c ,h\u00f6re ich mich antworten und w\u00fcte wie besessen. Da sie im Augenblick nur mit einer weiteren Schaufel helfen k\u00f6nnte und wir keine besitzen rast sie geistesgegenw\u00e4rtig ins Buschb\u00fcro zur\u00fcck und holt die Filmkamera, um einige dieser furchtbaren Momente festzuhalten. Ich blicke ihr in einer Verschnaufpausen hinterher und entdecke mit Entsetzen das wir uns in einem riesigen See befinden der sich \u00fcber das gesamte Land zu erstrecken scheint und von Sekunde zu Sekunde steigt. Ist dass das Ende unseres Seins? Das Ende unserer Expedition? \u201eNein! Nein! Neiiiiin! Das darf doch nicht wahr sein!\u201c ,br\u00fclle ich fassungslos und au\u00dfer Atem. Ein heftiger Windsto\u00df schl\u00e4gt mir wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Wieder blicke ich auf, um mich vor Ersch\u00f6pfung auf den Schaufelstiel zu st\u00fctzen. \u201eAch du Schei\u00dfe, sieh dir das an! Das Buschb\u00fcro ist zusammengebrochen! Um Himmels Willen der Computer ist klatsch nass!\u201c ,schreie ich ersch\u00fcttert. Sofort stelle ich meine Arbeit ein, werfe die Schaufel weg und rase zu unseren Habseligkeiten die nicht nass werden d\u00fcrfen. Tanja jagt mir hinterher. \u201eWo sind denn die verdammten Zeltheringe?\u201c ,rufe ich v\u00f6llig niedergeschmettert. \u201eDa, da unten liegt einer,\u201c antwortet Tanja und reicht ihn mir. Der starke Wind hat die Zeltverspannungen aus dem nassen Sand gerissen und die Zeltheringe durch die Luft geschleudert. Bald mutlos stecke ich drei der Heringe in den labbrigen, haltlosen Boden und das Zelt steht wieder. Ich m\u00f6chte gerade aufatmen als eine weitere starke B\u00f6e das Buschb\u00fcro ein zweites Mal einrei\u00dft und in den matschigen See wirft. Wieder ist der Computer und das dazugeh\u00f6rige Netzteil, die Autobatterie und meine Schreibunterlagen dem peitschenden Regen ausgesetzt. \u201eTanja, schnell, kriech unter die Zelthaut und halte die Stange nach oben. Ich muss irgendwelche Taschen holen und sie auf die Zeltheringe stellen!\u201c br\u00fclle ich in das Get\u00f6se des Wetters. Im rasenden Tempo trage ich die wasserdichte Kabel und Batterietasche, Tiermedizintasche, unseren Medizinkoffer, die zwei Wassereimer und Wassers\u00e4cke herbei, stecke einen Hering nach dem anderen in den absolut aufgeweichten haltlosen Sand und beschwere jeden einzelnen mit den mitgeschleppten Gegenst\u00e4nden. Nach wenigen Minuten steht das Zelt wieder und wird vom Wind gebeutelt. \u201eWie sieht es da drin aus?\u201c ,rufe ich. \u201eAlles klatsch nass,\u201c h\u00f6re ich Tanjas Antwort. \u201eKannst du den Computer retten?\u201c \u201eIch versuche ihn mit einigen der Decken trocken zu bekommen.\u201c \u201eOkay.\u201c Sofort laufe ich wieder zur Schaufel und ziehe einen Graben um das Buschb\u00fcro. Wasser flie\u00dft von der kleinen Erhebung zu uns herab. Das etwa 50 Zentimeter tiefe Loch der Feuerstelle ist bis zum Rand vollgelaufen und nicht mehr als solches zu erkennen. Mit dem Sandauswurf versuche ich die Zufl\u00fcsse zum Camp zu stoppen. Nach einer halben Stunde sieht es aus als h\u00e4tten Soldaten im Kriegseinsatz einen Sch\u00fctzengraben um ihre Stellungen gezogen. Langsam bekomme ich das Gef\u00fchl wieder her der Lage zu werden. Der gro\u00dfe See ist f\u00fcrs erste vom Camp abgeriegelt und das Wasser neben den Zelten in die Gr\u00e4ben geflossen. Bald torkelnd vor \u00dcberanstrengung setze ich meine Grabarbeiten fort bis ich meine nicht mehr tun zu k\u00f6nnen. Kraftlos schl\u00fcpfen wir bis auf die Unterhosen durchn\u00e4sst in das nasse Zelt ohne Boden zur\u00fcck. Der Regen hat ein klein wenig nachgelassen und der riesige See der Ebene ist wie ein Spuk verschunden. Auf meinem Klappstuhl hat sich eine Pf\u00fctze gebildet und alle Decken sind nass. Tanja findet in einem Rucksack noch ein trockenes Thermounterhemd und gibt mir ihren Pullover. Auf den Stuhl lege ich als Isolierung eine feuchte Decke und dann mache ich mich an die Schadenserkennung. Wie durch ein Wunder hat die Technik inklusive das Toughbook von Panasonic, welches uns die Firma <span class=\"caps\">IME<\/span> gesponsert hat, durchgehalten. Mir f\u00e4llt ein Stein vom Herzen. Ich reibe ihn mit dem kleinen Handtuch, was ich sonst immer f\u00fcr meine F\u00fc\u00dfe verwende, trocken und stecke ihn in den Pelicankoffer. Es sch\u00fcttet weiterhin wie aus Eimern und ehrlich gesagt leiden wir unter der Situation f\u00fcrchterlich. \u201eIch hoffe nicht hier in einen der W\u00fcstenseen zu ertrinken,\u201c sage ich niedergeschlagen. \u201eHoffentlich nicht. Wir sollten positiver denken. Aber wie du mir schon mal erz\u00e4hlt hast sterben mehr Menschen in der W\u00fcste durch den Ertrinkungstod als durch verdursten,\u201c meint Tanja gr\u00fcbelnd. \u201eStimmt,\u201c antworte ich schlotternd. \u201eWie es wohl den armen Kamelen ergeht?\u201c \u201eSie werden schrecklich frieren.\u201c \u201eIch glaube sie haben Hunger,\u201c meint Tanja ebenfalls am ganzen K\u00f6rper zitternd.<\/p>\n<p>Am Nachmittag regnet es weiterhin ohne Unterbrechung. Tanja l\u00e4sst es sich nicht nehmen in das unwirtliche Wetter zu gehen, um nach den Kamelen zu sehen. Zwei Stunden sp\u00e4ter kommt sie zur\u00fcck. \u201eUnd wie geht es unseren Jungs?\u201c \u201eAch sie frieren in der Tat schrecklich. Eigentlich wollten sie nichts fressen. Goola, Istan und Jasper sitzen nur apathisch herum. Es ist wirklich schwer sie zum Aufstehen zu bewegen. Abgesehen davon ist es harte Arbeit die Knoten der nassen Beinseile zu \u00f6ffnen. Das Bl\u00f6de Spinifexgras stachelt auch f\u00fcrchterlich wenn ich mich abknien muss, um die Seile an den Str\u00e4uchern wieder festzubinden.\u201c \u201eKomm her,\u201c sage ich. Wir umarmen uns und dr\u00fccken uns lange ganz fest. \u201eWir werden das schon schaffen.\u201c \u201eKlar,\u201c antwortet sie und legt ihren Kopf auf meine Schulter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edgar Kampf-Camp \u2014 14.07.2001 Die gesamte Nacht trommelt der Regen auf unser Zelt und l\u00e4sst absolut alles klamm werden. Rufus liegt in dem winzigen Vorzelt (Apside) und zieht sich vor dem hereinflie\u00dfenden Wasser soweit zur\u00fcck, dass er mit seinem Hintern an meinem R\u00fccken liegt. 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