{"id":933,"date":"2014-12-09T07:39:33","date_gmt":"2014-12-09T06:39:33","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.denis-katzer.de\/?p=933"},"modified":"2014-12-09T07:39:33","modified_gmt":"2014-12-09T06:39:33","slug":"kampf-um-die-vorherrschaft-zwischen-wesen-und-wesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/kampf-um-die-vorherrschaft-zwischen-wesen-und-wesen\/","title":{"rendered":"Kampf um die Vorherrschaft zwischen Wesen und Wesen"},"content":{"rendered":"<p>Edgar Kampf-Camp \u2014 12.07.2001<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Beladens bewundern wir den leicht gl\u00fchenden Sonnenaufgang. Ich halte immer wieder mal inne und blicke in die weite Ebene. Kann ich am Horizont einen Bergzug ausmachen? Konzentriert untersuche ich die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit in der sonst so flachen Landschaft. Nach l\u00e4ngerem Hinsehen stelle ich eine lange, kaum sichtbare Wolkenfront fest. Vielleicht kommen ziehen sie ja in unsere Richtung und spenden uns ein wenig Schatten. Meinen Gedanken nachh\u00e4ngend hebe ich den n\u00e4chsten Ausr\u00fcstungssack in die Satteltaschen als Tanja pl\u00f6tzlich ruft: \u201eOh Gott, Sebastian frisst unser Mittagessen!\u201c Ich kann es im ersten Augenblick nicht glauben. Tats\u00e4chlich zieht unser Leitkamel gerade seinen Kopf aus unserem Vesperbeutel und streckt ihn kauend in die H\u00f6he. Wie von der Tarantel gebissen sprinte ich nach vorne. \u201e\u00c4hhh Sebastian spinnst du!\u201c , br\u00fclle ich und sehe wie er im Begriff ist den gesamten Plastikbeutel mit Rosinenkuchen, den uns Sandy mit auf dem Weg gegeben hat, zu verschlucken. Blitzschnell greife ich ihn an der F\u00fchrungsleine, w\u00e4hrend er vor Schreck den Plastikbeutel nach vorne w\u00fcrgt und mir ins Gesicht spuckt. Aufmerksam untersuche ich den jetzt mit Speichel verklebten Beutel und stelle zu meiner Zufriedenheit fest, dass der Inhalt zwar zu Mus gebissen ist aber das d\u00fcnne Plastik offensichtlich keine L\u00f6cher aufweist. \u201eDen k\u00f6nnen wir zum Gl\u00fcck noch essen,\u201c rufe ich, halte den Beutel triumphierend in die H\u00f6he, um ihn Tanja zu zeigen. Dann sehe ich mir den Vesperbeutel an, um ihn auf weitere Verluste zu inspizieren. Au\u00dfer einem Apfel konnte unser gefr\u00e4\u00dfiger Sebastian nichts ergattern.<\/p>\n<p>Um 8 Uhr 10 befindet sich unser kleiner Zug des Lebens schon auf dem Track. Es ist noch angenehm k\u00fchl zu dieser Tageszeit was uns schnell voranschreiten l\u00e4sst. Gegen Mittag sind wir m\u00fcde und freuen uns auf das Rastcamp. \u201eNur noch zwei Stunden,\u201c sage ich. \u201eAh, ich bin ganz sch\u00f6n kaputt. Ein sch\u00f6ner Gedanke morgen nicht um vier Uhr aufstehen zu m\u00fcssen.\u201c Am fr\u00fchen Nachmittag schreiten wir \u00fcber eine kaum sichtbare Neigung. Auf der rechten Wegseite entdecke ich einen vielleicht zehn Meter hohen kleinen Erdaufwurf mit einem einzigen fetten Busch auf seiner Spitze und ein paar Felsen au\u00dfen herum. Mit dem Fernglas betrachte ich mir das Gel\u00e4nde vor uns, um die Futtersituation f\u00fcr unsere immer hungrigen Kamele zu studieren. \u201eWir nehmen diesen H\u00fcgel als unseren Rastplatz. Dort unten sieht es nicht so gut aus,\u201c meine ich und deute den Weg entlang. Vorsichtig f\u00fchre ich die Karawane \u00fcber das dichte Spinifex in Richtung H\u00fcgel. Viele saftig, gr\u00fcne Pflanzen wachsen hier wonach sich unsere Jungs den Kopf verdrehen. Hinter der Erhebung glaube ich den richtigen Ort f\u00fcrs Wochenende gefunden zu haben und lasse die Tiere absetzen. Sebastian br\u00fcllt wie immer wenn er sich setzen muss und entladen wird. Heute allerdings jammert er ganz besonders schlimm und laut. Es ist so unangenehm, dass ich glaube meine Nerven werden jeden Augenblick in St\u00fccke springen. \u201eHalt die Klappe!\u201c ,br\u00fclle ich ihn an, worauf er noch lauter und schrecklicher jammert. Wenig sp\u00e4ter will ich wie jeden Tag die Nasenleine von Edgars Nase abmachen. Behutsam streichle ich ihn dazu am Hals und lasse meine Hand immer h\u00f6her Richtung Kopf gleiten. Es ist jedes Mal eine ewige Prozedur. Als ich dann meine Hand \u00fcber seinen Kopf auf den Nasenr\u00fccken bewege, br\u00fcllt er unverhofft, rei\u00dft sein Maul weit auf und schwingt seinen massigen Kopf wie eine Kanonenkugel von links nach rechts. Tanja und ich k\u00f6nnen gerade noch rechtzeitig auf die Seite springen bevor uns sein gro\u00dfer Sch\u00e4del die Knochen im K\u00f6rper bersten l\u00e4sst. Wieder versuche ich an seinen Nasenpflock heranzukommen und wieder schleudert er seinen gewaltigen Sch\u00e4del wie verr\u00fcckt gegen mich. Ich springe zur Seite, werde diesmal aber leicht am Schienbein erwischt. Wut kommt in mir hoch und ich schie\u00dfe nach vorne, um diesmal seinen Nasenr\u00fccken ohne das Geduldspiel zu greifen. Edgar weicht aus, trifft mich an der Schulter und als er meinen Kopf bei seinem Versuch aufzuspringen nur um haaresbreite mit seinem zubei\u00dfenden Rachen verfehlt, rufe ich verzweifelt: \u201eDas Plastikrohr, ich brauche das Plastikrohr!\u201c<br \/> Tanja sprintet davon und holt es, doch Edgar nimmt nicht die geringste Notiz davon und geb\u00e4rdet sich wie ein ungeb\u00e4ndigtes Monster. Innerhalb weniger Sekunden bricht ein Kampf zwischen uns aus worum es nur noch darum geht wer hier der Leitbulle ist. W\u00e4hrend Edgar versucht mich zu bei\u00dfen oder mit seinem um sich schleudernden Kopf au\u00dfer Gefecht zu setzen, reagiere ich mit Schnelligkeit. Ich weiche hoch konzentriert jeder seiner Bewegungen aus, um Augenblicke danach nach vorne zu schie\u00dfen um seine Nasenr\u00fccken zu greifen. Immer wieder verfehle ich mein Ziel. Meine Lungen beginnen zu brennen und meine Muskeln schmerzen schrecklich, doch bin ich nicht gewillt diesen Kampf aufzugeben. Jeden Tag haben wir es seit Wochen mit gutem Zureden versucht. So lange wir den Trainingspfosten hatten an den wir ihn\u00a0 binden konnten ging es auch gut, doch hier im Busch hat Edgar bemerkt, dass er durch ein geschicktes Ausweichen gute Chancen hat davon zukommen. Ich kann ihm das unm\u00f6glich durchgehen lassen, sonst wird er fr\u00fcher oder sp\u00e4ter einen von uns beiden schwer verletzen. Er muss trotz seiner Angst merken, dass wir seine Meister sind. Der Kampf zwischen Edgar und mir ist also nicht ein Kampf zwischen Mensch und Tier in dem der Mensch auf jeden Fall die Oberhand beh\u00e4lt, sondern ein Kampf zwischen Wesen und Wesen die beide gleich gute M\u00f6glichkeiten besitzen zu gewinnen. Nat\u00fcrlich ist alleine der Gedanke daran hier drau\u00dfen in der Great Sandy Desert von seinem eigenen Kamel stark verletzt zu werden ein wirklicher Alptraum und kann leicht t\u00f6dliche Konsequenzen haben. Wieder schie\u00dfe ich nach vorne und bekomme diesmal seinen Nasenr\u00fccken zu fassen. Edgar b\u00e4umt sich auf und dreht mir seine Nase aus der Hand. Tanja steht mit dem Stock da und kann in diesem Augenblick unm\u00f6glich eingreifen. Sie beobachtet die schreckliche Situation, um mir im Notfall zur Seite zu springen. Endlich bekomme ich Edgars Nasenr\u00fccken zu fassen. Schnell greife ich auch mit meiner Linken nach und dr\u00fccke auf diese Art mit all meiner Kraft die noch in meinen Knochen steckt den Kopf nach unten. Langsam schaffe ich es seinen Sch\u00e4del auf die rote Erde zu pressen. Ich halte ihn nach unten bis Edgar jammernde T\u00f6ne von sich gibt. \u201eEr gibt auf,\u201c sagt Tanja. \u201eJa, schnaufe ich v\u00f6llig fertig und mit zitternden Gliedern. Langsam lasse ich ihn los. Edgar hebt seinen Kopf und sieht mich mit gro\u00dfen Augen an. Anscheinend hat er nie mit diesem Widerstand gerechnet. Ganz behutsam und bewusst f\u00fchre ich jetzt meine Hand auf seinem Nasenr\u00fccken. Edgar l\u00e4sst mich ohne die geringste Gegenwehr zu zeigen gew\u00e4hren. \u201eIch hoffe es war ihm eine Lektion und wir haben in Zukunft weniger Schwierigkeiten,\u201c sage ich kraftlos. Wir lassen ihn dann aufstehen und zum fressen gehen.<\/p>\n<p>Als wir den Sattel von Jasper abheben, bemerken wir mit entsetzen auf seiner linken und rechten Schulter eine aufgerieben Stelle. Hardie hatte sich durch diesen Sattel auf der letzten Etappe zwei b\u00f6se Wunden zugezogen. Obwohl wir den Sattel neu gestopft haben und er anders als bei Hardie sitzt, bekommt Jasper anscheinend jetzt schon ein \u00e4hnliches Problem. \u201eWir m\u00fcssen die Polster versetzen,\u201c meint Tanja nachdenklich. \u201eJa, aber wie?\u201c \u201eDas sehen wir uns morgen in Ruhe an.\u201c \u201eOkay, du hast recht,\u201c antworte ich und w\u00fcnsche mir einen weiteren Afghanpacksattel, um dieses schreckliche Wundreiben ein f\u00fcr allemal zu beenden. Leider sind wir jetzt schon in der W\u00fcste und f\u00fcr solche Aktionen ist es zu sp\u00e4t. Wir k\u00f6nnen nur hoffen diese Satteldruckstelle durch das Versetzen der Polster zu eliminieren.<\/p>\n<p>Nachdem wir alle Tiere entladen haben bereitet mir Tanja erst Mal einen Vitamingetr\u00e4nk. Schnell st\u00fcrze ich mir die k\u00f6stliche Fl\u00fcssigkeit in die ausgedurstet Kehle. Obwohl ich jetzt am liebsten sitzen bleiben w\u00fcrde, um meinen gepeinigten K\u00f6rper zu erholen, haben wir noch viel zu tun. Tanja geht den Kamelen nach die sich bei der Suche nach Fressen bedenklich weit vom Camp entfernen. Immer noch v\u00f6llig Kraftlos und total verschwitzt schnappe ich mir die Schaufel und beseitige f\u00fcr unsere Campk\u00fcche, das kleine Schlafzelt und unser Buschb\u00fcro die Spinifexgrasb\u00fcschel. Zwei geschlagenen Stunden f\u00fchre ich den Kampf nun gegen das unangenehm stachlige Gras fort bis uns gen\u00fcgend Platz zu Verf\u00fcgung steht. Dann baue ich unser Zelt auf. Tausende von Fliegen umschwirren mich und setzen sich in die Ohren, Augen Nasenl\u00f6cher und auf alle anderen freien Hautstellen. Pr\u00fcfend blicke ich in den Himmel auf eine tats\u00e4chlich herannahende Wolkenfront. Auch die V\u00f6gel fliegen tief und jagen anscheinend sehr erfolgreich der Insektenf\u00fclle hinterher. Es wird doch keinen Regen geben? Ich blicke auf meine Uhr, das Barometer drastisch gefallen. Als Tanja vom H\u00fcten zur\u00fcckkommt erz\u00e4hle ich ihr von meinen Beobachtungen. \u201eMeinst du wir sollten alles f\u00fcr Regen pr\u00e4parieren?\u201c ,fragt sie. \u201eIch wei\u00df nicht,\u201c antworte ich kraftlos und hebe ein tiefes Loch f\u00fcr ein Lagerfeuer aus. Dann sammeln wir Feuerholz und schlichten es neben dem Loch auf. Nur kurz muss ich das Feuerzeug unter einen kleinen B\u00fcschel Spinifexgras halten als es auch schon lichterloh brennt. Schnell z\u00fcngelt unser Feuer aus der Grube. W\u00e4hrend ich meine t\u00e4glichen Aufzeichnungen und Navigationsdaten aufschreibe kocht Tanja Kartoffelp\u00fcree mit Schinken und Bohnen aus der Dose. Es ist finster als wir uns das schmackhafte Abendessen hei\u00dfhungrig munden lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edgar Kampf-Camp \u2014 12.07.2001 W\u00e4hrend des Beladens bewundern wir den leicht gl\u00fchenden Sonnenaufgang. Ich halte immer wieder mal inne und blicke in die weite Ebene. Kann ich am Horizont einen Bergzug ausmachen? Konzentriert untersuche ich die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit in der sonst so flachen Landschaft. Nach l\u00e4ngerem Hinsehen stelle ich eine lange, kaum sichtbare Wolkenfront fest. Vielleicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-933","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-red-earth-expedition-teil-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/933","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=933"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/933\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=933"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/denis-katzer.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}