Denis Katzer - Biografie

Biografie eines Vollblut-Abenteurers

1960 – Erste Erfahrung

Die ersten Jahre meines Lebens wohnte ich mit meinen Eltern in einer kleinen Holzhütte am Waldrand von Nürnberg. Es gab kein fließend Wasser, keine Zentralheizung und keinen Strom. Im Winter legte meine Mutter die Windeln vor die Hütte. Sobald sie steif gefroren waren, konnte sie diese gegen den Apfelbaum schlagen und grob reinigen. Wegen der knappen finanziellen Mittel waren meine Eltern gezwungen, ganztägig zu arbeiten. Deswegen verbrachte ich schon als Zweieinhalbjähriger die Wochentage in einem katholischen Kindergarten. Um dem Zwangsaufenthalt dort zu entgehen, nutzte ich morgens bald jede Gelegenheit zur Flucht. Ich kletterte auf den Apfelbaum, versteckte mich im Garten oder in der Hütte unseres Hundes. Vielleicht wurde in diesen frühen Lebensjahren meine Abneigung gegen Zwänge, Fremdbestimmung und Unfreiheit geprägt und der spätere Abenteurer in mir geweckt. Nach dem Kindergarten gab es die nächste unangenehme Überraschung: Schule und Kinderhort. Für ein junges, unbeflecktes und freies Abenteurerherz der absolute Albtraum. Erneut war ich dazu verdammt, weitere neun Jahre meines Lebens in einer Gesellschaftsschmiede geformt zu werden.

1967 – Zwang

Wegen großer Prüfungsangst vermasselte ich alle Aufnahmeprüfungen in weiterführende Schulen. Meine Freunde waren nicht von dieser Angst geplagt, schafften den Sprung aufs Gymnasium und ließen mich in der Hauptschule zurück. Im Alter von 16 Jahren bekam ich als Zweitbester der Schule meinen Abschluss. Nun hatte ich das geeignete Zeugnis, um ohne weitere Prüfungen auf eine höhere Schule zu gehen, doch man riet mir davon erst einmal ab. „Du musst eine Lehre machen. Dann hast du etwas in der Hand. Wenn du dann immer noch dein Abitur machen willst, kannst du es nachholen und später vielleicht sogar studieren.“ „Die müssen es wissen“, dachte ich mir und suchte das Arbeitsamt auf, um mich beraten zu lassen, welcher Job für mich geeignet wäre. „Büromaschinenmechaniker ist ein toller Beruf. Der passt zu Ihnen. Sie sind handwerklich begabt und kommen im Außendienst mit Menschen zusammen. Sie sind ein kommunikativer Mensch, dieser Beruf ist ideal für Sie“, sagte der Berater. Ich bewarb mich also als Büromaschinenmechaniker. Während der Aufnahmeprüfung bei der Fa. Olympia sollte ich unter anderem mit einer Zange Draht in einer vorgegebenen Zeit zurechtbiegen. Trotz meiner handwerklichen Begabung habe ich das Ding vor lauter Aufregung verbogen. Geknickt offenbarte ich dem Ausbildungsmeister meine Prüfungsangst. Der wiederum war von meiner Ehrlichkeit so angetan, dass ich unter 130 Bewerbern die Lehrstelle bekam.

1979 – Einzelkämpfer

3 ½ Jahre später, nach dem Abschluss der Gesellenprüfung, stand ich vor der Wahl, den Wehrdienst zu verweigern oder anzutreten. Für mich als jungen, sportlich sehr engagierten Mann war die Versuchung verlockend, bei einer Spezialeinheit der Bundeswehr sportlich gefördert zu werden und dabei noch Geld zu verdienen. Da ich die Musterung in allen Bereichen mit Bestnoten abschloss, hatte ich die Wahl, in welcher Form ich dem Staat dienen wollte. Ich entschied mich für eine Spezialeinheit der Fallschirmjäger. Endlich lagen Abenteuer, Action und Freiheit vor mir. In den folgenden 15 Monaten durchlief ich alle Ausbildungen mit Bravour und wurde zum Unteroffizier und Ausbilder junger Soldaten befördert. Endlich glaubte ich, dort angekommen zu sein, wo ich immer hin wollte, denn als Einzelkämpfer, Elitesoldat und Extremsportler war ich in meinem Element und fühlte zum ersten Mal in meinem Leben Selbstsicherheit. Es war die Zeit des Falklandkrieges 1982, als ich, von einem inneren Gefühl getrieben, meine Soldaten fragte, wer sich von ihnen zum Falklandkrieg freiwillig melden würde, um die Engländer zu unterstützen. Da die Bundeswehr eine reine Verteidigungsarmee war, eine Frage ohne realen Hintergrund. Als ca. 80 Prozent der jungen Männer mit hohem Bildungsniveau die Hand hoben, war ich fassungslos und entsetzt. „Warum?“, fragte ich. „Weil Sie uns ausgebildet haben, um zu töten. Wir wollen nicht mehr auf Pappfiguren schießen, Herr Unteroffizier. Das langweilt. Wir wollen die Realität!“ In diesen Minuten wurde mir bewusst, dass ich selber ein ausgebildeter Killer war mit der Aufgabe, junge Männer ebenfalls zum Profikiller auszubilden. Offensichtlich war mir das gelungen. Für mich der erste dramatische Wendepunkt im Leben. Ich bemerkte, dass ich im Grunde meines Herzens Pazifist bin, und obwohl mir meine Vorgesetzten eine fantastische Karriere versprachen, verlängerte ich meinen Vertrag nicht.

1982 – Veränderung

Als ausgebildeter Elitesoldat saß ich nun wieder in der Werkstatt und reparierte Schreibmaschinen. Welch ein Schock. Durch meinen hohen Fitnessstand bekam ich die Chance, bei einer Ersten-Bundesliga-Mannschaft American Football zu spielen. Innerhalb von sechs Wochen war ich offizielles Mannschaftsmitglied der Nürnberg Rams. Neun Monate später, kurz vor der Prüfung zum Skilehrer, wurde meine Sportkarriere durch einen schweren Sportunfall – doppelter Bänderriss und Meniskusabriss im Knie – abrupt beendet. „Wenn Sie Ihr Leben nicht umstellen, werden Sie mit 30 im Rollstuhl sitzen“, warnte mich der Operateur.

Wieder ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben, denn ich dachte, ohne meinen Sport wäre das Leben sinnlos. Ein Freund empfahl mir, nach Asien zu reisen, um auf andere Gedanken zu kommen. „Was soll ich in Asien?“, sagte ich. „Ich möchte Fallschirmspringen, Starkwindsurfen, Tauchen, Mädels kennenlernen ein schönes Auto fahren.“ Kaum genesen, flog ich trotzdem nach Asien. Als sich die Tür des Jumbos öffnete und mich die tropisch schwüle Luft umarmte, als mein Gaumen Speisen entdeckte, die ich nicht kannte, als ich nette Menschen traf, deren Charme und Kultur mich bezauberten, wusste ich, dass ich das Tor zu einer anderen Welt durchschritten hatte, die mich nicht mehr loslassen sollte und ein wesentlicher Teil meines Lebens werden würde.

Plötzlich ergaben der bisherige Lebensweg und alle Einschnitte einen Sinn. Ab diesem Zeitpunkt reiste ich jedes Jahr für drei Monate nach Asien, um die fernöstlichen Länder mit meinem Rucksack zu erkunden. Noch immer war ich allerdings Büromaschinenmechaniker und musste mein Leben so einrichten, dass ich in den Sommermonaten, während meine Technikerkollegen mit ihren Kindern in den Urlaub gingen, in der Firma anwesend war, um Notdienst zu schieben. Aus Dankbarkeit dafür bekam ich von meinem Chef neben den sechs Wochen Urlaub weitere sechs Wochen unbezahlten Urlaub. Eine ideale Lösung für einen jungen Mann, der die Welt entdecken wollte.

Aus meinen ausgiebigen Reisen wurden Expeditionen und wegen meiner Veranlagung zum Extremsport, der Navigations- und Überlebensausbildung der Bundeswehr und der nützlichen Ausbildung als Mechaniker und Techniker hatte ich bis auf Geld alles, was ein Expeditionsreisender und Entdecker benötigte.

1986 – Karriere

Die Direktion meiner Firma bot mir an, mir eine Vertriebsausbildung zu finanzieren, und stellte bei Erfolg einen Gebietsverkaufsleiterposten in Aussicht. Wow, welch eine Aufstiegsmöglichkeit, denn man konnte in solch einer Position 100.000 DM oder mehr in einem einzigen Jahr verdienen. Ich fasste die Gelegenheit beim Schopf und fuhr das erste Mal mit einem Firmenwagen von Nürnberg ins ferne Wilhelmshaven an der Nordsee. Dort wurden 16 ausgewählte Mitarbeiter einen Monat lang geschult. Ich war gerade von einer Asienreise zurückgekehrt und voller Tatendrang. Allerdings schüchterten mich manche Mitschüler wegen ihres hohen Ausbildungsstandes ein. Neben mir saß zum Beispiel die Sekretärin des damaligen Vorstandsvorsitzenden der AEG, die ebenfalls umschulen wollte. Nach einem Monat bekam mein Direktor ein Schreiben, in dem man mir große Chancen und Talent einräumte. Der Ausbildungsstandort wurde nach Berlin verlegt. Feldtraining war die letzte Hürde. Hoch motiviert beendete ich das Feldtraining mit dem besten Ergebnis in der Geschichte der Firma Olympia und bekam sofort eine Verkaufsleiterstelle im Raum Nordbayern. Innerhalb des ersten Jahres mauserte ich mich zum zweitbesten Verkäufer Deutschlands und gewann eine Incentive-Reise nach New York. Ab diesem Zeitpunkt verdiente ich genügend Geld, um mir meine eigenen Expeditionen zu finanzieren.

1987 – Erste Expedition

Urvölker hatten mich schon mein ganzes Leben interessiert. Durch Zufall lernte ich auf den Galapagosinseln einen Menschen kennen, dessen bester Freund Halbindianer war. Sofort verließ ich die Galapagos und fuhr mit dem Bus in ein abgelegenes Urwaldnest am Amazonas. Dort lernte ich Gallo Sevilla, den Halbindianer, kennen. Obwohl mein Freund und ich nicht genügend Geld in der Tasche hatten, führte uns Gallo zum vom Aussterben bedrohten, kriegerischen Stamm der Auka-Indianer, die nur wenige Wochen vorher vier Ingenieure mit Speeren getötet hatten. Die Begegnung mit den Aukas veränderte mein Leben und öffnete mir die Augen. Ab diesem Zeitpunkt setzte ich mich, so weit es meine Kraft zuließ, für bedrohte Völker ein und machte jedes Jahr eine extreme Expedition zu abgelegenen Völkern dieser Erde. Mein Engagement öffnete mir Kontakte zu den Medien. Die ersten TV-Auftritte, das Schreiben von Artikeln, das erste Buch, die ersten Sponsoren, waren die Folge.

Wegen der damit verbundenen ungeheuren Arbeitsflut musste ich mein Leben erneut überdenken. Ich kam zu dem Schluss, Geld zu sparen, um meine Heimat für ein paar Jahre zu verlassen. Ich wollte bei Völkern leben, in ihre Welt einsteigen, sie verstehen. Ich wollte wissen, was es bedeutet, ohne Zeitdruck reisen zu können, echte Freunde anderer Nationen zu gewinnen, deren Religionen und Anschauungen zu verstehen und vieles mehr. Ab diesem Zeitpunkt legte ich jede Mark auf die Seite, um meinem großen Traum des Reisens Stück für Stück näher zu kommen.

1988 – Tanja

Während eines Skiausflugs lernte ich ein junges, sehr hübsches, sehr sympathisches Mädchen namens Tanja kennen. Ich war zu diesem Zeitpunkt ein 28-jähriger erfolgreicher, weit gereister Vertriebsmann und sie eine 17 Jahre junge Schülerin. Weil ihre Mutter erst wenige Monate vorher gestorben war, wurde Tanja in kurzer Zeit erwachsen. Der große Altersunterschied war also keine Hürde und wir wurden ein Paar. Ohne Tanja würde ich heute nicht mehr leben. Sie hat durch ihren selbstlosen Einsatz während unserer gemeinsamen Expeditionen in verschiedenen Fällen ihr Leben riskiert, um meines zu retten.

1991 – Schnitt

„Sitzt du?“, fragte mich mein Boss am Telefon. „Ja, warum?“, wollte ich wissen und ließ mich in den Sessel sinken. „Ich schaffe meinen Job nicht mehr alleine und brauche eine rechte Hand. Was hältst du davon, Topmanager zu werden? Du wirst mit mir gemeinsam für einen Umsatz von 30 Millionen verantwortlich sein. Ich biete dir im ersten Jahr ein Gehalt von 150.000 und im zweiten Jahr eine Viertelmillion plus Spesen, Umsatzbeteiligung und einen Mercedes als Geschäftswagen. Was meinst du dazu?“, hörte ich es am anderen Ende der Leitung. Es dauerte eine Weile, bis ich meine Sprache wiederfand. Endlich sollte ich wirklich dort sein, wo ich schon immer hin wollte. Ganz oben und die Taschen voller Geld. „Wow“, entfuhr es mir. Als Michael über die Einzelheiten sprach, ließ ich meinen Blick über die Ausrüstung gleiten, die vor mir auf dem Boden lag. Rucksack, Isomatte, Wasserfilter, Zelt, Travellerschecks usw. Die gesamte Ausrüstung, die ein Mensch benötigt, um für mehrere Jahre auszusteigen und um die Welt zu reisen. Eigentlich wollte ich in wenigen Wochen kündigen und mindestens drei Jahre unterwegs sein. Tanja und ich hatten alles akribisch genau vorbereitet und geplant. Meine Ersparnisse machten mich für mindestens fünf Jahre unabhängig und Tanja sollte eine Unterstützung von ihrem Vater bekommen.

31 Jahre jung und nach 29 ½ Jahren Zivilisationsschmiede, Zwängen und Fremdbestimmung war ich das erste Mal kurz davor, wirklich frei zu sein. Und jetzt hatte ich meinen Chef an der Leitung, der mir anbot, in der Karriereleiter ganz nach oben zu klettern. In wenigen Jahren konnte ich ein reicher Mann sein. Was sollte ich nur tun? „Michael. Das ist ein fantastisches Angebot. Tausend Dank für dein Vertrauen. Ich spreche mit Tanja darüber und gebe dir morgen Bescheid“, sagte ich und legte den Hörer auf.

„Ich muss nur zwei Jahre durchhalten. Dann haben wir genügend Geld, um für den Rest des Lebens reisen zu können. Wir müssen nie mehr arbeiten“, erklärte ich Tanja. Sie sah mich an, überlegte eine Weile und sagte: „Wenn du wirklich Topmanager wirst und das große Geld verdienst, kann es sein, dass du nie mehr deinen Traum verwirklichen wirst. Die Gefahr ist sehr groß.“

Am nächsten Morgen rief ich Michael an. „Sitzt du?“, fragte ich. „Ja“, antwortete er. „Nochmals vielen Dank für das beste Angebot, das ich je in meinem Leben bekommen habe, aber ich kann es nicht annehmen. Ich sitze vor meiner Ausrüstung, die ich für einen Trip um die Welt benötige. Ich habe diesen Moment seit Jahren vorbereitet und werde in wenigen Monaten aufbrechen.“ Nach einigen Sekunden der Sprachlosigkeit gratulierte mir mein damaliger Chef zu dieser gewaltigen Entscheidung. „Ich komme vorbei und bringe ein paar Bocksbeutel. Die trinken wir dann, wenn du wieder da bist“, sagte er.

1991 Sommer – Aufbruch in eine andere Lebenswelt

Im Spätsommer kappten wir die letzten Verbindungen zu Deutschland und brachen zu unserer großen Reise auf. Sie dauerte länger als drei Jahre, denn fast zwei Jahrzehnte später sind wir noch immer unterwegs. Mittlerweile ist diese Reise eine lebenslange Reise geworden, die insgesamt 30 Jahre dauern wird und die längste dokumentierte Reise in der Geschichte der Menschheit werden soll. Seit Beginn legten wir mit Kamelen, Pferden, Elefanten, zu Fuß, dem Motorrad, Fahrrad, E-Bike und mit landesüblichen Verkehrsmitteln 410.000 Kilometer ohne Flüge zurück: (Ca. 10 x um die Erde / einmal zum Mond)
„Die große Reise“ – eine Weltexpedition zu Zeugen des Ursprungs der Menschheit, die wir etappenweise ausschließlich auf dem Land- und Seeweg durchführen.

2005 – Unfall! Das Ende meines Lebenstraums?

Auf der zweiten Etappe unserer aktuellen Trans-Ost-Expedition hatte ich nur 500 Meter nach dem Start einen Unfall mit fatalen Folgen: extremer Bandscheibenvorfall mit Lähmungserscheinungen und folgender Notoperation in Bukarest. Die Fortsetzung unseres Expeditions- und Reiselebens war gefährdet. Die Operation ist geglückt und nach einem Jahr Reha setzten wir unsere Reise erfolgreich fort.

Seither hat sich mein Leben wieder einmal geändert. Nach der OP kam es mir so vor, als wäre ich innerlich völlig ausgebrannt. Es ist nur noch Asche übrig geblieben, fruchtbare Asche, in die ein symbolischer Samen fiel und aus der ein anderer Mensch erwuchs. Heute gehe ich viele Dinge im Leben anders und gelassener an. Die Gewichtung hat sich verändert. Im Nachhinein war die Verletzung ein Geschenk. Genauso wie mein damaliger Bänderriss, der mich dazu zwang, mein Leben total zu verändern und mich zu einem Reisenden beförderte.

Resümee

Mein heutiges Leben steht auf den Säulen verschiedener Schicksalsschläge und Entscheidungen: Kindheit, die ich zum Teil als unfrei empfand, unglückliche Schulzeit, Ausbildung zu einem Beruf, der nicht zu meinen Träumen passte, Ausbildung zum Einzelkämpfer einer Spezialeinheit, als geläuterter Pazifist Beendigung der Bundeswehrkarriere, Ende der Sportkarriere durch extreme Knieverletzung, die erste Reise nach Asien, Beförderung zum Verkaufsleiter, Erfolg und Geldverdienen, die Entscheidung, Tanja mit auf die Lebensreise um die Welt zu nehmen, Absage an eine Topmanagement-Karriere, Start zu einer lebenslangen Reise, um Mutter Erde und deren Bewohner zu dokumentieren, das Geschenk, dem Rollstuhl entronnen zu sein und unseren gemeinsamen Lebenstraum weiterführen zu dürfen.