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Auf dem Markt

Ukraine/Timashevsk — 28.09.2007

Die Gastinizas gefallen mir! Erinnert mich an unsere ukrainische WG bei Luda in der Nähe von Odessa. Jeder hat seinen Schlafraum. Gekocht wird in einer Gemeinschaftsküche und der Eine lässt den Anderen sein Ding machen… Manchmal ist es laut weil meist der Fernseher auch nicht weit ist. Manchmal wird geraucht. Wie gestern zum Beispiel. Da kommt dann die Empfangsdame und schimpft mit den Männern. Diese stellen sich daraufhin für den Rest der Zigarette schön brav ans Fenster. Bei der nächsten Zigarette haben sie die Ermahnung schon wieder vergessen. Interessant finde ich dann auch immer was die anderen meist einheimischen Gäste so essen und trinken. Oftmals sind wir aber auch ganz alleine und sitzen in der Küche und unterhalten uns.

Und wo gekocht wird muss natürlich auch eingekauft werden. Mit der Ankunft hier in Timashevsk habe ich auch ganz schnell einen schönen Markt gleich um die Ecke gefunden. Es gibt viele kleine Läden und Stände welche nahezu alles zu bieten haben was man so benötigt. So zog ich den ersten Tag durch die Gegend, kaufte verschiedenes wie Obst, Gemüse, Kefir, Fisch und Wein ein. Freundlich und ohne Zwischenfragen werde ich bedient.

Am zweiten Tag ziehe ich wieder los, um die bekannten Stände und Läden aufzusuchen. Egal wo ich hingehe, jeder hat Fragen. “Arbeitest du hier? Was tust du hier? Bist du alleine? Wie findest du die Russen? Wie gefällt es dir in Russland?” Sobald ich antworte und berichte wo ich herkomme und erzähle dass wir zu zweit mit dem Fahrrad hier sind, berichten die Zuhörer das gerade Gehörte sofort ihrem Nebenmann oder der Person an dem Stand gegenüber. Somit hat sich in Kürze wie ein Lauffeuer verbreitet wo wir wohnen und wo wir hingehen.

Am dritten Tag möchte ich an einem Stand eine Zwiebel kaufen. Der Mann lächelt, winkt ab und schenkt sie mir. Eigentlich dachte ich, auf einen Markt wie diesen, aufpassen zu müssen nicht beschummelt zu werden. Doch wie ich es erlebe ist es eher anders herum. Zum Glück hat der Mann auch Tomaten. Somit kann ich ihm zumindest ein kleines Geschäft verschaffen und diese von ihm erwerben.

Alina hatte gestern von mir schon viel wissen wollen weshalb wir uns lange unterhielten. Heute stellt sie sich vor und möchte auch meinen Namen wissen. Das ist mir an diesem Tag übrigens schon öfter widerfahren. Alina ist Geologin und mittlerweile in Rente. Gerne möchte ich auch ihr eine Kleinigkeit abkaufen. Da ich aber nicht rauche, keine Luftballons oder Klebebilder oder Kaugummis benötige, muss ich mich ein wenig orientieren was ihr Stand noch zu bieten hat. Prima, freue ich mich, entdecke Papiertaschentücher und greife zwei Päckchen. Diese darf ich dann nicht bezahlen. Ein Geschenk sagt sie und lächelt dabei.

An dem heutigen dritten Tag gehe ich sodann zu guter Letzt zum Supermarkt, den mir so viele von den Standbesitzern wärmstens empfahlen wann immer sie das von mir Gewünschte nicht hatten. Ich stelle fest, dass diese Uneigennützigkeit mir auf diesem Markt ständig begegnet. Keiner scheut sich mich in den Supermarkt zu senden ohne den Gedanken daran zu verschwenden, dass er selbst dann sein Geschäft verliert! Vor dem Supermarkt sitzen Rentner und verkaufen das Geerntete aus dem eigenen Garten. Unsere Philosophie ist, in größeren Geschäften nur das zu kaufen, was es in einem kleinen Laden nicht gibt. Somit besorge ich das was die Stände nicht anbieten, wir zum Leben aber brauchen, im Supermarkt.

Wieder draußen angekommen kaufe ich Trauben von einem alten Ehepaar. Ob ich ein halbes oder ein Kilogramm möchte? Ich erkläre, dass ich nur wenig Russisch spreche. Die alte Frau fragt wo ich herkomme. Nachdem ich bezahlt habe, meine Tüte mit den Trauben nehme und mich zum gehen wende, sehe ich wie sich der alten Mann zu seiner Frau beugt. “Kommt sie wirklich aus Deutschland?”, fragt er ungläubig. Sehr fühle ich mich in diesem Moment genau im Herzen berührt und wende mich gleich wieder dem Rentnerehepaar zu. “Ja ich komme aus Deutschland. Mein Mann und ich sind mit dem Fahrrad hergekommen”. Als ich die Länder aufzähle durch die wir gereist sind strahlt mich der alte Mann an. Lachend und seinen Kopf ungläubig schüttelnd freut er sich, greift nochmals in die Trauben und gibt mir noch welche als Geschenk in die Tüte. “Gute Reise, Gesundheit und Glück”, sind seine Worte.

Auf dem Rückweg laufe ich nochmals am Stand von Alina vorbei. Voller Freude möchte ich ihr ein paar von den Trauben abgeben. Sie lächelt, lehnt ab und meint sie habe viele davon im eigenen Garten.

Eine Albanerin, welche ihren Laden erst vor vier Monaten eröffnete, fragt mich heute ebenfalls nach meinem Namen. Auch sie sendete mich immer wieder in den Supermarkt. Am Abend gehe ich zu ihr, um von ihr Bier zu kaufen. Sie entschuldigt sich, hat heute nun doch nicht die Bestellung mit dem neuen Bier erhalten. “Egal”, sage ich. “Dann nehme ich eben eine andere Sorte. Warum schickst du mich zum Supermarkt?” “Ich möchte, dass es dir gut geht und du erhältst was du benötigst. Wenn mein Laden besser läuft kann ich mir auch mehr Produkte leisten und diese verkaufen. Solange muss ich meine Kunden noch in den Supermarkt senden.” Stella spricht gut Englisch und wir unterhalten uns noch eine Weile bis ich mich verabschiede. Als ich zurückgehe, kommt mir Denis entgegen. Er hat sich Sorgen gemacht und sich gewundert wo ich so lange geblieben bin. “Ja, ich weiß auch nicht. So viele Gespräche und schöne Erlebnisse haben sich heute auf dem Markt und in den Läden ergeben. Da habe ich gar nicht bemerkt wie die Zeit vergangen ist.”

Tag: 181

Sonnenaufgang:
06:16 Uhr

Sonnenuntergang:
18:14 Uhr

Gesamtkilometer:
5071.57 Km

Temperatur - Tag (Maximum):
21 °C

Breitengrad:
45°36'45.6''

Längengrad:
038°57'31.4''

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