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Zweiter Geburtstag

Rumänien/Bukarest — 10.12.2006

Geschehnisse vom 07.07.2006

“Sie dürfen aufstehen”, fordert mich die Stationsärztin Dr. Vladulescu um 7:00 Uhr am Morgen auf. “Was? Meinen sie das im ernst?”, frage ich unsicher. “Ja, versuchen sie es.” Im Gedanken an die Höllenqualen der letzten 10 Tage, die sich in meinen Gedächtnis sicherlich für immer eingebrannt haben, graut es mich davor meinem Körper den Impuls zu geben sich zu erheben. “Ich weiß nicht. Soll ich wirklich?” “Ja, versuchen sie es”, lächelt die Ärztin mir Mut machend zu. Vorsichtig richte ich meinen Oberkörper auf und lasse ganz behutsam die Beine aus dem Bett baumeln. Gebannt warte ich auf das Grauen des Schmerzes doch es tut sich nichts. Nur ein leichtes Ziehen der Narbe aber sonst bleibt der gnadenlose Schwertschlag aus. “Ich kann es nicht glauben. Die Schmerzen sind weg”, freue ich mich und lache erleichtert. Dann wird mir schwindelig und ich lege mich wieder hin. Tanja sieht mich mit strahlenden Augen an. “Es war eine gute Entscheidung”, sage ich.

Später bringt mir Schwester Bianca, die sich die ganze Nacht vorbildlich um mich gekümmert hat, einen Rollstuhl, um mich aus dem Aufwachraum zu transportieren. “Glauben sie ich kann sitzen?”, frage ich. “Klar, versuchen sie es”, fordert sie mich auf. Mit ihrer und Tanjas Hilfe richte ich mich wieder auf. Diesmal wird mir nicht schwindelig. Langsam setzte ich einen Fuß auf den Boden und wackle zwei unsichere Schritte auf den Rollstuhl zu. Die Schmerzattacke bleibt aus. Behutsam, mich mit den Armen abstützend, lasse ich mich darin nieder. “Keine Schmerzen”, lache ich befreit.

Schwester Bianca fährt mich nun durch die Station. “Wie geht es ihnen?”, fragt Catalin, einer der Pfleger. “Blendend!”, rufe ich aus meinem Rollstuhl. Er lacht. “Ich freue mich auf den Tag an dem ich sie Tanzen sehe”, antwortet er vergnügt. Mirela, Adina, Laura und viele andere strahlen übers ganze Gesicht als sie den über viele Tage gelähmten Abenteurer plötzlich wieder sitzen sehen. “Fantastisch sie in aufrechter Position zu sehen, Mister Denis! Schön sie lachen zu sehen, Mister Denis! Na, dann kann es ja bald wieder weiter gehen, Mister Denis! Wenn sie auf ihren Fahrrad nach Russland radeln nehmen sie mich dann mit?”, rufen die freudigen Stimmen und ich fühle mich als hätte ein neues Leben begonnen. Ich fühle mich als hätte ich die Gold Medaille gewonnen und freue mich über das größte Geschenk was ich je in meinem Leben bekommen habe. Das Geschenk weiterleben zu dürfen, weiterleben als gesunder Mensch. Nicht gebunden an den Rollstuhl, obwohl ich alleine darüber, wieder ohne Schmerzen sitzen zu dürfen, unendlich dankbar bin. Vor allem bin ich unendlich dankbar, dass der teuflische Schmerz aus meinem Körper gekrochen ist, das Dr. Baltateanu und sein Kollege Dr. Sandu mit ihren göttlich begnadeten Händen mir meine Leben wiedergeschenkt haben. Tausend Dank ihr Engel die mir zur richtigen Stunde zur Seite standen. Tausend Dank an alle die daran beteiligt waren und sind mein Leben zu retten und Tanja und mir unsere große Reise erhalten haben.

Als ich den Rollstuhl verlasse und den Meter zu meinem Bett selbstständig gehe, um mich wieder hinzulegen, bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Nachdem die Ärzte und Schwestern unser Zimmer verlassen haben strahle ich Tanja an. “Weißt du was mit mir geschehen ist?”, frage ich sie. “Wie soll ich die Frage verstehen?” “Nun, ich hatte heute Morgen einen Tagtraum. Es war so etwas Ähnliches wie eine Vision. Es war so als wäre der grausame Schmerz durch meinen gesamten Körper gebrannt wie ein Feuer. Ein Feuer das alles was ich einmal war völlig vernichtet hat. Völlig verbrannt. Verstehst du? Dieses Feuer hat nichts hinderlassen, nur Asche. Aber es ist keine tote Asche, sondern eine Asche voller Energie. Eine Asche die sehr nährreich ist. Letztendlich ist diese Asche nichts anderes als ein Dünger, ein Dünger der den Boden noch fruchtbarer macht. Ich fühle als wäre in mir alles klar, alles rein. Ich fühle als hätte ich jetzt die einmalige Gelegenheit in meinem Leben neue, junge Samen in meine frisch gedüngte Erde zu setzen. Samen für eine Veränderung. Samen für neue Ideen. Samen des Glücks und der Harmonie. Obwohl ich glaube schon immer auf dem richtigen Weg gewesen zu sein habe ich für meine Begriffe zu viel gearbeitet. Jetzt besitze ich die neue Chance Dinge die sich im Laufe der Jahre in mir eingenistet haben zu ändern, denn der alte Denis ist in den letzten Tagen restlos verbrannt. Es ist ein fantastisches Gefühl, eine fantastische Chance, die ich nutzen möchte. Ich möchte etwas verändern. Ich möchte noch mehr Glückseeligkeit, noch mehr innere Freiheit, um die Details im Leben zu erkennen, um zu erkennen welcher Schatz dieses Leben bedeutet”, plaudere ich dahin ohne Punkt und Komma. “Das klingt sehr schön Denis. Es ist gut zu sehen wie viel Positives du aus dem Drama der vergangenen Tage ziehst. Ich bin so erleichtert dein jetzt entspanntes Gesicht sehen zu dürfen und ich bin erleichtert, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben uns hier in Rumänien den Ärzten anzuvertrauen.”

Tag: 18

Gesamtkilometer:
3047,6 Km

Breitengrad:
44°26'48.2''

Längengrad:
026°03'41,6''

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