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Enkelin des letzten Kaisers

Mongolei/Darhan — 18.09.2009 - 19.09.2009

Auch am heutigen Morgen fühlen wir uns wie durch den Wolf gedreht. Jeder Zentimeter unserer Körper jammert. Wir entscheiden uns einen Tag auszuruhen. Obwohl es nur noch 230 Kilometer bis zu unserem Etappenziel Ulan Bator sind, müssen wir unsere Kräfte einteilen. Die unerwarteten hohen Berge kosten enorm viel Kraft und fordern alles was in unseren Muskeln steckt. Obwohl auch hier jeder sagt, dass die kommenden Höhenzüge nicht schlimm sind, wissen wir woher diese Aussagen stammen. Aussagen von Autofahrern sind für einen Radler anders zu interpretieren. Dort wo ein Fahrzeuglenker noch nicht mal eine Steigung bemerkt, kann ein Oberschenkelmuskel schon an seine Grenzen kommen. Und wenn ein Fahrzeug für nur 10 Minuten eine 12% oder 13% Steigung überwindet, sind wir meist schon gezwungen abzusteigen und müssen über lange Zeiträume schieben. Nach unseren langjährigen Erfahrungen ist es wichtig bei jeder anstrengenden Reise oder Expedition den Kräftehaushalt unseres Körpers und Psyche nicht bis zum letzten Rest aufzubrauchen. Sind keine Energiereserven mehr vorhanden, können sich durch Konzentrationsmangel und falsche Entscheidungen Unfälle ereignen. Langsam ist meist schneller. Jede Expeditionsreise ist erst dann erfolgreich, wenn währenddessen der Spaßfaktor nicht völlig im Keller landet, sondern die Tage hauptsächlich von Freude und Lebenslust geprägt sind und wenn wir gesund und munter das Ziel erreichen. Natürlich kommt es durch nicht beeinflussbare Umstände vor an oder über unsere psychischen und physischen Grenzen gehen zu müssen. Jedoch versuchen wir eine Überlastung unseres Systems durch das einlegen von rechtzeitige Pausen soweit wie möglich zu vermeiden.

“Ich versuche noch mal Gambold zu erreichen”, sage ich und tippe die Nummer ins Telefon. Gambold ist der langjährige mongolische Freund von unseren deutschen Bekannten. “Wir sagen ihm Bescheid, dass ihr kommt. Ihr könnt bei ihm während eures Deutschlandaufenthaltes die Ausrüstung lagern. Er ist ein zuverlässiger Mann. Bestimmt wird er euch auch eine Wohnung besorgen. Das ist günstiger als ein Hotel. Dort könnt ihr alles für eure Mongoleiexpedition und die Überwinterung bei den Zaatans für das kommende Jahr vorbereiten”, haben sie gesagt. Gott sei Dank meldet sich Gambold. Wir verstehen uns sofort. “Ich warte schon seit längerer Zeit auf euch”, meint er. “Die Berge sind schuld daran. Sie haben uns aufgehalten”, antworte ich und erkläre kurz welche Strecke wir bisher hinter uns gebracht haben. “Klar kümmere ich mich um eine Wohnung. Wenn ihr am Stadtrand von Ulan Bator seid ruft mich an. Ich hole euch ab”, sagt er. Wir freuen uns über den funktionierenden wichtigen Kontakt. Das bedeutet für uns eine große Erleichterung.

Als wir uns am Abend an einem Tisch im Restaurant setzen wollen winkt uns die freundliche Besitzerin Munkchah in ein Separee. Darf ich euch meine Freundin Togtoch vorstellen? Sie spricht perfekt deutsch”, sagt sie auf eine lachende Mongolin deutend. “Ich freue mich sehr euch kennen lernen zu dürfen”, begrüßt uns die freundliche und sympathische Frau. “Setzt euch doch bitte zu uns”, bieten uns die beiden Frauen einen Platz an. Es dauert nicht lange und wir unterhalten uns angeregt. Wir erfahren das Togtoch bei der Regierung beschäftigt ist und daran arbeitet ihren Doktor in Ökologie zu machen. “Ich werde mich auf Wüstenbildung spezialisieren. Das ist ein großes Problem in unserem Land”, erklärt sie.

“Ich stamme übrigens von einem der letzten mongolischen Kaiser aus dem 17. Jh. ab. Unser Stammbaum zeigt die Blutsverbindung genau auf.”, erklärt Togtoch. “Meine Mutter war also eine Adelige und heiratete kurioser Weise einen Mönch. Das ist eine verrückte Geschichte. Während der Stalinistischen Säuberungen in unserem Land wurden 1937/38 etwa 38.000 Mongolen ermordet, darunter fast die gesamte Intelligenz des Landes und ca. 18.000 buddhistische Mönche. Ca. 900 buddhistische Klöster mit ihren wertvollen Kulturgütern und Bibliotheken wurden fast alle unwiederbringlich zerstört. Die einzige Überlebenschance für meine Mutter war es so schnell als möglich einen anderen Namen anzunehmen und zu heiraten. Nur wollte damals keiner eine Adelige heiraten. Das war viel zu gefährlich. Genauso erging es meinem Vater. Auch er konnte dem sicheren Tod nur entrinnen wenn er als Mönch eine Frau ehelichte. Aber auch einen Mönch wollte keine heiraten. So fanden sich meine Mutter und mein Vater und überlebten das Desaster.”

Wir unterhalten uns mit der interessanten Frau noch bis Mitternacht. Als sie erfährt, dass wir nächstes Jahr mit Pferden zu den Rentiernomaden im Norden der Mongolei reiten wollen, um mit ihnen einen kompletten Winter in einem Tipi oder Jurte zu verbringen, möchte sie uns helfen das wichtige Visum zu bekommen. Im Regelfall dürfen sich Touristen nicht länger als einen Monat in der Mongolei aufhalten. Für unsere Expedition benötigen wir aber mindestens 15 Monate. Auch Munkchah ist Feuer und Flamme und sagt das wir die benötigten Pferde und den Pferdewagen von ihren Verwandten kaufen können, die wie bald 50% der Bevölkerung noch immer als Nomaden unterwegs sind.

Wir hätten nicht gedacht schon so frühzeitig solch gute Kontakte knüpfen zu können, wobei uns klar ist noch lange nicht die für uns wichtige Aufenthaltsgenehmigung zu besitzen. Als wir uns zu später Stunde auf die Matratze fallen lassen denke ich noch lange nach. Erstmal wollen wir heile Ulan Bator erreichen. Dann müssen wir uns um Flugtickets, die Einlagerung unserer Anhänger, den Rücktransport unserer riese und müller nach Deutschland, und weiterer Kontakte usw. kümmern. Mir schwirren die Gedanken durch den Kopf als ich den einlullenden Gesang eines Lamas höre, der sich offensichtlich in einem Nebenzimmer befindet und vielleicht gerade im Begriff ist einen Menschen zu heilen.

Tag: 95-96

Sonnenaufgang:
06:35 Uhr

Sonnenuntergang:
19:06 Uhr

Gesamtkilometer:
14032.96 Km

Temperatur - Tag (Maximum):
1 °C

Temperatur - Tag (Minimum):
-1 °C

Temperatur - Nacht:
-5 °C

Breitengrad:
49°28'51.6''

Längengrad:
105°56'33.5''

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