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Platten

Russland/Fliegen-Camp — 11.09.2009

Am Rauch des großen Kohlekraftwerkes, der sich über den wunderschönen 23 Kilometer langen Gusinoos-See zieht, erkenne ich, dass der Meister schon wieder sein Unwesen treibt. Obwohl wir uns die gesamte Nacht im Zimmer der Gastiniza vor ihm versteckt haben und ihn nicht mal hinter geschlossenen Fenster mit seinem Namen erwähnten, weiß er anscheinend in welche Richtung wir heute fahren. Bevor wir die Hässlichkeit Gusinoosersk, die in einem traumhaft schönen Tal des Chamar-Daban-Gebirges liegt, verlassen, suchen wir einen Supermarkt auf, um uns für die Fahrt bis zur Grenze mit Lebensmittel zu versorgen. “Ach ist schon hart hier zu leben. Nach all den Jahren bekomme ich nur 5.000,- Rubel Rente”, erzählt mir ein alter Mann, während ich auf die Räder achte und Tanja im Laden ist. “Was war denn ihr Beruf?” “Ich fuhr mein Leben lang Lastwagen. Habe viel gesehen von unserer ehemaligen Sowjetunion.” “Waren sie auch in der Mongolei?” “Aber ja. Sehr oft.” “Oh, das ist gut. Dann wissen sie bestimmt ob es auf dem Weg dorthin viele Berge gibt?” “Berge?” “Ja. Berge sind für einen Radfahrer sehr anstrengend”, erkläre ich auf unsere schwer beladenen Rösser zeigend. “Na da haben sie Glück. Ab hier gibt es keine Berge mehr”, erleichtert mich seine Aussage.

Kaum haben wir das Städtchen hinter uns führt die Straße auf den höchsten Berg den wir bisher seit Krasnojarsk überwinden mussten. “Das kann doch nicht sein? Das ist wohl kein Berg? Was hat denn der Lastwagenfahrer nur für einen Blödsinn erzählt?”, schimpfe ich, während wir unsere Intercontinental Meter für Meter nach oben schieben. Gerade haben wir den höchsten Punkt erreicht, bläst uns der Meister ins Gesicht. Langsam lassen wir unsere Böcke wieder in eines der schönen ca. 500 Meter hochgelegenen Täler rollen. Dann erreichen wir das Örtchen Novoselenginsk, welches in unserer ungenauen russischen Straßenkarte genauso groß eingezeichnet ist wie die hässliche Stadt Gusinoosersk. “Ist ja nur ein Dorf”, stellt Tanja fest. ”Stimmt, hätte ich nie für möglich gehalten. Gut das wir heute Morgen noch eingekauft haben”, antworte ich. Bei strahlendem Sonnenschein und ca. 22 Grad im Schatten legen wir am Dorfrand eine Rast ein. Wegen dem Meister sind wir schon nach 23 Kilometern ausgelaugt. Ich liege auf unserer Plane und sehe den Kühen beim Grasen zu. Plötzlich fallen mir große Staubfontänen auf, die sich am Horizont mit dem blauen Himmel vereinen. “Dort hinten scheint der Asphalt aufzuhören”, meine ich. “Hoffentlich nur für eine kurze Strecke”, erwidert Tanja. “Ja, viel Spielraum besitzen wir nicht mehr. Bis zur Grenze sind es noch über 100 Kilometer und wir müssen übermorgen dort sein. Bei den jetzigen Bedingungen schaffen wir nicht mehr als 50 Km am Tag. Es darf also nichts mehr dazwischen kommen. Vor allem keine Schotterstraßen die sich bei einem negativen Meister auch noch über 800 Meter hohe Berge ziehen”, grüble ich.

Wenig später holpern wir mit ca. fünf km/h über den groben Schotter. Ab und zu schießen Autos an uns vorbei. Sie nehmen keine Rücksicht, hüllen uns in Staubwolken ein und ihre Räder lassen die Steine durch die Gegend schleudern. Plötzlich beginnt mein Rad zu schlingern. “Muss der schlechte Untergrund sein”, wundere ich mich noch als es auch schon Sekunden später laut und heftig zu schaben beginnt. “Bitte keinen Speichenbruch”, blitzt es mir durchs Gehirn. Ich steige ab und sehe das Dilemma. “Total platt!” “Was hast du gesagt?”, fragt Tanja. “Mein Hinterreifen ist total platt. Ich kann das Rad nicht mal mehr zu einem schützenden Fleck schieben. Das würde den Mantel ruinieren.” “Du meinst, du musst den Platten hier auf der Stelle reparieren?” “Ja”, antworte ich und beginne das Rad abzuladen. Da der Schotterstreifen auf einen künstlich angelegten Damm liegt, um das umliegende Sumpfland zu durchqueren, sind wir nun gezwungen auf dem groben, staubigen Untergrund eine Folie auszubreiten, damit der Dreck und Staub nicht in den Mantel eindringt. Ich zerlege den Hinterbau des Rades, hole den Reifen raus und ziehe einen neuen Schlauch ein. “Jetzt haben wir nur noch einen neuen Ersatzschlauch. Ich sollte die alten zwei Schläuche bei nächster Gelegenheit flicken”, meine ich. Als ich den Mantel aufziehe bemerke ich, dass er völlig ausgeleiert und somit unbrauchbar geworden ist. “Glaube ich nicht. Die kurze Strecke hat ausgereicht, um den Mantel zu zerstören”, erschrecke ich. “Wie?” “Na die groben Steine, die Felge und die Ladung des Rades haben den Mantel zermürbt als die Luft entwich.” “Besitzen wir einen Ersatzmantel?”, fragt Tanja nun etwas nervös. “Haben wir. Schon seit 14.000 Kilometer. Da sieht man mal wie wichtig es ist genügend Ersatzteile mitzunehmen. Auch wenn sie schwer sind. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt wo sie ihren Einsatz finden”, meine ich und packe den Marathon Extreme von Schwalbe aus. Während ich im Staub und Kies kaure, rasen die Autos vorbei. Steine fliegen durch die Luft. Wir hoffen nicht von ihnen getroffen zu werden. Besonders gefährlich sind die schnellen Allradfahrzeuge die mit ihren groben Reifen durch den Kies pflügen. Immer wieder hupen und winken die Fahrer. Keiner von ihnen bleibt stehen, um zu fragen ob wir Hilfe benötigen.

1 ½ Stunden später sitzen wir wieder im Sattel unserer Rösser, um sie über den grauslichen Untergrund zu treiben. Unsere Muskeln pumpen Blut durch die Adern, die Lungen inhalieren feinen Staub. Über eine Behelfsbrücke queren wir die breite Selenga, die sich den Baikal entgegen windet. Dann werden wir wieder mit Asphalt beschenkt. Nach weiteren über 800 Meter hohen Bergen, erreichen wir den Ort Poworot. Auch hier treffen wir nur auf ein kleines Dorf ohne jegliche Übernachtungsmöglichkeit. Als die Sonne schon tief steht entdecke ich, nach über neun Stunden und nur 50 Tageskilometern, einen Campplatz. Schnell schieben wir unsere riese und müller von der Straße über einen sandigen Graben hinter schützende Bäume. Kaum kommen wir zum Stillstand überfallen uns tausende von winzig kleinen Fliegen die einen in kurzer Zeit zum Wahnsinn bringen können. Da sie selbst während des Atmens in den Rachen fliegen verschlucken wir uns unaufhörlich an ihnen. Sie kriechen in sämtliche Löcher und Körperöffnungen und wählen unaufhörlich den Freitod. Selbst in die Augen stürzen sie sich und wenn man zwinkern muss bleiben sie tot auf den Augenliedern hängen. Ein echter Alptraum. Wir erinnern uns an unsere Australienexpedition. An die Millionen von Fliegen die es dort gab und nehmen es so gelassen wie möglich. Um uns zu schützen ziehen wir ein feines Fliegennetz über den Kopf. Das bringt uns ein wenig Erleichterung. “Ich glaube da haben sich auch Stechmücken mit drunter gemischt”, stellt Tanja heftig kratzend fest. “Kann sein. Die benutzen die Minifliegen als Tarnung. Raffiniert, diese Scheißviecher”, sage ich. Schnell errichten wir das Zelt, verstecken wie üblich unsere Räder unter der grünen Plane und flüchten uns in das kleine Vorzelt. Kaum haben sich die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen versteckt, wird es empfindlich kalt. Die letzten Nächte lagen bei ca. minus ein bis null Grad. Auch heute sind wir wieder viel zu erschöpft, um etwas zu essen. Während Tanjas Erkältung abgeklungen ist haben die Viren mich als ihr neues Opfer gewählt. Niesend und schnäuzend sitze ich nun auf dem Schlafsack, reibe mein Knie ein und hoffe bis zur Grenze durchzuhalten.

Tag: 88

Sonnenaufgang:
07:21 Uhr

Sonnenuntergang:
20:20 Uhr

Luftlinie:
42.69 Km

Tageskilometer:
49.87 Km

Gesamtkilometer:
13823.49 Km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt - schlecht - Schotter

Temperatur - Tag (Maximum):
20 °C

Temperatur - Tag (Minimum):
10 °C

Temperatur - Nacht:
1 °C

Breitengrad:
50°54'25.5''

Längengrad:
106°36'16.7''

Maximale Höhe:
840 m über dem Meer

Maximale Tiefe:
550 m über dem Meer

Aufbruchzeit:
09.45 Uhr

Ankunftszeit:
19:00 Uhr

Durchschnittsgeschwindigkeit:
10,17 Km/h

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