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Wegelagerer

Russland/Tulun — 16.07.2009

Nach einer sehr angenehmen und friedlichen Nacht setzen wir unsere Fahrt fort. Noch immer ist uns der Asphalt gewogen, noch immer von der schlechten Piste nichts zu sehen. Ohne große Anstrengung geht es über eine Art Plateau. Kaum Höhenzüge und wenig Gegenwind bremsen unsere Fahrt. Nach etwa 15 Kilometer erreichen wir ein Straßencafe. Das erste seit Nishneudinsk. Wir nutzen die positive Gelegenheit und Frühstücken. Wie sooft schließt sich dem Cafe eine Reparaturwerkstatt an, die den angeschlagenen Fahrzeugen Hilfe anbietet. Wir sitzen im Schatten der überdachten Veranda und sehen zu wie zwei Männer der Werkstatt bei einem Roadtrain den platten Reifen wechseln. Es herrscht Betrieb hier. Alle paar Minuten schnaufen weitere Könige der Straße auf den unbefestigten Parkplatz. Der Wind trägt massive Staubfontänen, aufgewirbelt von den Reifen, zu uns herüber. Ein PKW hält ebenfalls an. Die Insassen steigen wankend aus. Ohne Zweifel sind sie angetrunken. Zwei Frauen gehen in das Cafe, um sich drei Flaschen Bier und Zigaretten zu kaufen. Sie sehen wirklich fertig aus. Während der Fahrer hinterm Steuer sitzen bleibt steht der Beifahrer, seine Füße in Frauenschuhen steckend, vor dem Auto und raucht eine Zigarette. Dabei schwankt er beachtlich hin und her. Sein Zustand ist erbärmlich. “Nur gut das er nicht fährt”, stelle ich fest.

Einer der Lastwagenfahrer setzt sich an den Tisch gegenüber. Er berichtet davon, das der Schotter bald wieder beginnt und es in 20 Km ein weiteres Cafe gibt. Gerade befinden wir uns wieder auf der Straße verabschiedet sich der Bitumen. Wir holpern wie gewohnt dahin. Weil es aber kaum Höhenzüge zu bewältigen gibt und auf großen Abschnitten keine Kieselsteine liegen, sondern normaler Schotter oder festgefahrener Untergrund, halten sich die Anstrengungen im Rahmen. Wir kommen trotz allem gut voran. Nach den besagten 20 Kilometern erreichen wir das angekündigte Cafe. Wir nutzen erneut die Gelegenheit, um uns von den letzten drei Stunden Geländefahrt auszuruhen. “Sieh mal, da gibt es auch eine Gastiniza”, meint Tanja. “Sollen wir bleiben?”, frage ich. “Wenn du möchtest.” “Ich weiß nicht, fühle mich eigentlich noch fitt. Ich frage mal den Lastwagenfahrer wie weit es noch bis nach Tulun ist”, antworte ich. “Nach Tulun? Nicht mehr weit. Ca 20 Kilometer”, sagt er. “Aber auf meiner Karte sind es noch 35 Kilometer”, entgegne ich verwundert. “Vergiss die Karte. Es sind nur noch 20 Kilometer”, antwortet er freundlich sich ßto Gramm (Bezeichnung für 100 Gramm Wodka) in den Rachen zu schütten. “Warum wollt ihr heute noch nach Tulun? Hier gibt es eine wunderbare Banja (Sauna) und das Essen schmeckt gut”, sagt er. “Wir überlegen noch ob wir bleiben”, antworte ich und glaube zu fühlen, dass er gerne einen Saunapartner hätte. “Und was meinst du? Sollen wir jetzt bleiben oder fahren?”, frage ich Tanja erneut. “Wir könnten es heute noch bis nach Tulun schaffen?”, fragt sie. “Da bin ich mir ganz sicher. Es sei denn der grobe Kies setzt wieder ein. Angeblich beginnt der Asphalt erst wieder fünf Kilometer vor Tulun. Wir haben also noch 15 Kilometer anstrengenden Untergrund vor uns”, gebe ich zu bedenken. Letztendlich aber entscheiden wir uns es heute bis nach Tulun zu schaffen. Weil wir schon lange von diesem Städtchen sprechen ist Tulun für uns eine Art Etappenziel. Außerdem sind wir danach von guten Straßen beschenkt. So zumindest hat man uns berichtet.

Wir queren ein Dorf. Nett aussehende Holzhäuser veranlassen mich ab und an zu halten, um zu fotografieren. Zwei Jungs stehen vor ihrer Hütte. Sie machen gerade eine Pause vom Sensen. Sie trinken aus einem Wasserbecher und beobachten uns freundlichen Blickes. Ich frage ob ich fotografieren darf worauf sie sich lachend in Pose stellen. “Adkuda? Kuda?”, (“Woher? Wohin?”) höre ich die sich immer und immer wiederholende Frage. Ich antworte, worauf sie meinen ich sollte mir für die Strecke nach Tulun besser eine Schutzmaske besorgen. “Ist recht staubig oder?”, frage ich. “Ha, ha, ha, ja sehr staubig”, antworten sie amüsiert. Dann verabschiede ich mich und wir reiten weiter über die in der Tat sehr staubige Piste. Zum Schutz vor dem Staub ziehen wir unsere Kopftücher vors Gesicht. Auf diese Weise kommt der Dreck gefiltert in unseren Lungen an.

Auf der anderen Seite einer hölzernen Brücke klafft eine graue Wunde im Wald auf. Es ist eine unbefestigte gerade Steigung, deren Anblick alleine uns schon ins schwitzen bringt. Gott sei Dank gibt es eine Alternativpiste die sich in ein paar Serpentinen außen herum zieht und somit Erleichterung für uns und alle Autofahrer schafft. Bevor wir das Steilstück in Angriff nehmen verschnaufen wir kurz. Dorfkinder kommen angerannt und umringen Tanja. Sie schenkt ihnen ein paar Signalstreifen, die man um Arme oder Beine wickeln kann. Da wir sie auf der gesamten bisherigen Trans-Ost-Expedition nicht gebraucht haben, können wir sie freien Herzens hergeben. “Da ßwidanja”, (“Auf wieder sehen”) rufen wir den Kindern zu als wir unsere Intercontinental weiter treten. “Da ßwidanja, Chasliwa Buti!”, (“Auf wieder sehen, gute Reise”) antworten sie ebenfalls rufend.

Wir sind ausgelassener Stimmung und als auch die Umgehungspiste zu steil für uns wird, steigen wir ab und schieben unsere Räder nach oben. Obwohl wir uns bald unaufhörlich in einer dichten Staubwolke bewegen, beginnen wir regelrecht zu scherzen. Auf einmal macht uns der Staub und Dreck nichts mehr aus. Bedeutet für uns kein Hindernis mehr. Wir haben die Straße, so wie sie ist, akzeptiert. Sind mit ihr eins geworden. Ja ich glaube sogar, wir sind selber ein Stückchen Staub geworden. So kann sich alles ändern. Ist immer eine Frage der Sichtweise und Einstellung.

Wir schieben gerade um eine steile Kurve als ich zwei junge Männer erblicke, die uns entgegenlaufen. Im ersten Moment nichts Außergewöhnliches, doch mein Instinkt meldet sich ganz leise. Die Männer beobachtend drücke ich mein Gefährd weiter nach oben. Dann erreicht mich der Erste von ihnen und grinst mich seltsam an. Komme mir vor wie in einem schrägen Film. Skurrile Stimmung ist angesagt. Der etwa 20 Jahre junge Mann läuft nun neben mir, grinst noch immer und fragt mich irgendetwas was ich nicht verstehe. Ich schiebe weiter. Tanja befindet sich zu meiner Linken, leicht versetzt hinter mir. Der Mann lässt sich nun etwas zurückfallen und ist hinter uns während sein Kollege in diesem Augenblick, eine Zigarette rauchend, lässig aber direkt auf mich zuschlendert. Als auch er sich auf Konfrontationskurs mit meinem Rad befindet, klingeln bei mir alle Alarmglocken. Das ist kein Zufall. Das ist kein Spiel. Mein Geist beginnt zu rattern. “Ein Hinterhalt? Eine Falle? Wir befinden uns in einer äußerst verwundbaren Situation. Beide schieben wir einen sehr steilen Berg hoch. Können uns nicht wehren. Einer der Jungs ist hinter uns. Das spricht Bände. Dann ist es soweit. Der Andere erreicht mich. Frech und souverän grinsend. Als wäre er der absoluter Beherrscher der Situation, hebt er seine Zigarette, ist im Begriff sie an meiner Lenkertasche auszudrücken, stellt gleichzeitig seinen Fuß vor mein Vorderrad und bringt mich zum stehen. Durch meine Sonnenbrille sehe ich ihn an. Versuche zu lächeln. Mir ist bewusst, dass er meine Augen und meine Mimik nicht erkennen kann. Das ist ein kleiner Vorteil. “Wir müssen weiter”, sage ich ruhig, während Tanja davon spricht, dass wir auf einer langen Reise sind. Das die Sibirier gute Menschen und wir sehr müde sind. Als Antwort bekommen wir ein noch frecheres Grinsen aus einem Gesicht das die Ähnlichkeit einer Fratze annimmt. Er hebt seine Hand und fasst auf den Radcomputer. “Schto eta?” (“Was ist das?”) möchte er wissen. “Ein Tacho”, sage ich freundlich und mache einen erneuten Versuch meine Rad an seinem Fuß vorbei zu schieben. Wieder stellt er lässige seinen Fuß dagegen und wieder ist mein Versuch, den Moment zu verlassen, fehlgeschlagen. “Schto eta?”, (“Was ist das) fragt er bald aufreizend süffisant auf meinen anderen Tacho deutend. Ich spüre wie sich in mir ein Vulkan aufbaut der sich bereit macht auszubrechen. Alles in meinem Körper stellt sich auf einen Kampf ein. Einen Kampf, da bin ich mir ganz sicher, der für unsere Angreifer im Ernstfall einen fatalen Ausgang hat. Ich atme ruhig durch, spüre wie mein Körper zu vibrieren beginnt, wie er Adrenalin produziert, um zum hoffentlich richtigen Zeitpunkt zuzuschlagen. Wie eine Schlange, mit der Kraft eines Grislybären und der Hinderlistigkeit einer Hyäne. Es wird so schnell geschehen das mein Gegenüber nicht mal bemerkt woher die Lawine kam die ihn gerade überrannt hat. Es ist ein souveränes Gefühl. Keine Angst spüre ich in mir, nur Adrenalin. Als ehemaliger Einzelkämpfer der Bundeswehr hat man mich vor vielen Jahren für solche Momente ausgebildet. Dazu kommen eine Vielzahl von gefährlichen Situationen auf Reisen und Expeditionen, die im Lauf der Jahre, alle Sinne geschärft haben. Die wissen, dass mein Körper in der Lage ist sich auch im Notfall mit Gewalt zu wehr zu setzen. Hierbei geht es nicht nur um mich, sondern auch darum meine liebe Frau zu schützen. Ohne Zweifel würde ich für sie sterben. Das alleine verschafft mir eine ungeheure Kraft. Eine Kraft mit der ein eventueller Gegner, bisher zumindest, nicht zu Recht kam. Aber auf der anderen Seite bin ich überzeugter ausübender Pazifist. Ich lehne jegliche Kämpfe und Gewalt aus ganzem Herzen ab. Meist können Tanja und ich solche Situationen friedlich beenden. Das ist es worauf es ankommt. Entweder friedlich beenden oder ausreißen. Unter allen Umständen dem Konflikt aus dem Weg gehen. Nur was ist wenn man wie im Augenblick nicht fliehen kann? Wenn man nicht weiß wie die Situation sich entwickelt? Ob sie zuschlagen? Ob sie meiner Tanja was antun? Bisher haben sie nichts Konkretem gefragt und Tanja und mir ist völlig bewusst, dass die beiden alles oder nichts haben möchten. Das zeigt zumindest ihr eigenwilliges Verhalten.

Erneut mache ich, noch immer lächelnd, einen Versuch mein Rad an seinen Fuß vorbei zu schieben. Es gelingt. Er war für eine Sekunde nicht aufmerksam und jetzt rollen unsere Reifen wieder durch die Löcher, Staub und über den Kies. Tanja spricht jetzt unaufhörlich etwas auf Deutsch. Eine gute Taktik. Ich bemerke wie sie laut betet. Eine noch bessere Taktik. Ich atme tief durch, spüre wie mein Körper bebt und schiebe langsam und stoisch weiter. Einer der Jungs folgt uns in etwa fünf Meter Abstand. Der Aggressivere von beiden läuft nun neben mir. Er grinst noch immer und fragt was in der Ortliebtasche ist. Ich antworte nicht mehr. “Spürt er denn meine Ausstrahlung nicht? Sie muss spürbar sein? Sie ist extrem gefährlich”, geht es mir durch den Kopf. Ich kann kein Messer oder eine andere Waffe erkennen. Was denken sich die Jungs dabei zwei offensichtlich wehrlose Radfahrer ausrauben zu wollen? Immer wieder fahren Lastwägen und PKWS vorbei. Genau dann tun die beiden Wegelagerer so als würden sie uns nur begleiten. Fatal. Eine fatale Situation. Ähnlich muss es im Himalaja gewesen sein, als die Handelskarawanen auf der Seidenstraße von China über die Pässe nach Indien unterwegs waren. Dort waren es Straßenräuber und Klanchefs, die aus dem Hinterhalt Karawanen angriffen. Es war ihr Beruf und sie haben als Straßenräuber über Generationen vom Geraubten gelebt. Genau an solch einer fiesen Stelle haben uns die beiden hier abgepasst. Sie müssen uns im Dorf gesehen haben als wir die Umgehung wählten und sind auf den Berg gerannt. Das ist kein Zufall. Unmöglich.

Was sollen wir tun um ohne Gewalt da raus zu kommen? Jetzt wird der Aggressive dreister und langt über meinen Radrahmen. Mit festem Griff grabscht er an den Stativkopf, den ich auf dem Lenker befestigt habe. Für den Bruchteil einer Sekunde, genau so lange, um beim Schieben nicht ins Straucheln zu geraten, reiße ich meinen rechten Arm nach oben, um seinen Arm abzuwehren. Ein kurzer Schlag und unsere Unterarme krachen aufeinander. Damit hat er offensichtlich nicht gerechnet. Das Grinsen ist verschwunden. Die Karten liegen klar auf dem Tisch. Habe ich mich jetzt verraten? Hätte ich weiterhin den leicht verwundbaren Radler spielen sollen? Kann ich noch immer der Erste sein der Zuschlägt? Der Junge scheint zu überlegen wann er mein Rad herumreißen kann. Der andere folgt noch immer. “Ich habe den hinter uns im Blick”, sagt Tanja plötzlich. Sie weiß genau was in mir abgeht. Sie kennt mich wie kein anderer Mensch dieser Erde. Sie weiß auch, dass ich versuche die Sache friedlich zu lösen. Aber ich bin mir auch bewusst, dass sie im Notfall für mich sterben würde. Davon kann hier jetzt natürlich nicht die Rede sein. Das ist uns klar. Aber dieser Gedanke gibt auch ihr Kraft. Ich höre an ihrer Stimme, dass sie gefasst ist. Das sie klar denkt und keine Angst verspürt. Im Gegenteil vernehme ich fast körperlich ihre Kampfbereitschaft. Ich spüre, dass auch sie nur auf das Augenzwinkern wartet, der es entscheidet, der Erste zu sein der Zuschlägt. Auch wenn es brutal klingen mag aber genau das macht es aus ob man gewinnt oder verliert. Naivität hat hier nichts mehr zu suchen.

Der freche Wegelagerer läuft plötzlich neben meinem Anhänger. Was hat er vor? Noch immer ist nichts geschehen. Er scheint nicht damit zurecht zu kommen das wir einfach weiterlaufen. Unter großer Kraftanstrengung nutze ich die Gelegenheit das Pfeffergas aus der Lenkertasche zu holen. Plötzlich kommt er wieder nach vorne. Hat er etwas bemerkt? Ich habe meine Hand zurückgezogen. Schiebe weiter. Erneut fällt der Mann zurück und läuft jetzt neben Tanja. Er zieht ihre Handbremse, um ihr Rad zu stoppen. “Bist du irre!”, faucht sie ihn an. Das ist die Gelegenheit. Ich schaffe es an das Gas zu kommen und halte es in meiner linken Hand direkt an den Radgriff gepresst. So kann er es nicht sehen.

Das Ende des Berges ist in Sicht. Mir ist klar, dass es spätestens dort oben geschieht. Wenn wir anhalten, um auf unsere Räder zu steigen, ist für die beiden der beste Augenblick uns anzugreifen. Noch scheinen sie unsicher zu sein. Unser Verfolger fällt weiter zurück. Möchte er aufgeben? Nein so sieht es nicht aus. Hebt er einen Stein vom Boden? Ist das die Waffe? Puhhh so eine Scheißsituation. Bisher ist alles gut gegangen. Alle Russen und Sibirier waren freundlich zu uns und jetzt das. “Sollte ich mich mit meinem Rad einfach mitten in die Straße stellen? Ein Lastwagen müsste daraufhin anhalten. Wir könnten ihn auf die Straßenräuber aufmerksam machen”, geht es mir durch den Kopf. Vielleicht eine bessere Lösung als ihm mit einem gezielter Schlag auf die Nase. Wieder sagt der Bandit etwas zu mir. Kein Spielen mehr, kein Grinsen. Er ist bereit. Es muss jetzt gleich geschehen. Er dreht sich zu seinem Freund um. Sie tauschen Blicke aus. “Wenn wir die Kuppel erreicht haben setzt du dich sofort aufs Rad und fährst los”, befehle ich Tanja. “Was ist mit dir?” “Ich komme sofort hinterher. Ist unsere einzige Chance.” “Okay”, antwortet sie. Jetzt, nur noch wenige Sekunden und Tanja wird ihr Bein über den Rahmen schwingen. Das ist der sensibelste Moment. Die Psyche der Gangster und unsere reiben sichtlich aneinander. Ich bin so angespannt, das schon die Berührung einer Fliege mich zur Explosion bringen kann. Mein Plan steht fest. Sobald Steine fliegen, oder der Mann im kritischen Moment mein Rad greift, werde ich es mit voller Wucht auf ihn fallen lassen. Er kann nicht damit rechnen, dass es mit Ladung 70 Kilogramm wiegt. Unmöglich. Das wird ihn überraschen. Gleichzeitig verpasse ich ihm mit der Linken eine Ladung Pfeffergas und boxe ihm meine Rechte direkt auf die Nase. Das wird alles in allem ein bis zwei Sekunden dauern. Den Überraschungsmoment werde ich nutzen, um mich auf den Anderen zu stürzen. Ein guter Plan. Ja das ist er. Alles nur eine Frage des richtige Timings.

Nun geht alles wie in Trance. Tanja schwingt wie geplant ihr Bein über den Rahmen. Der junge Strauchdieb verfolgt sie mit den Augen. Nachdem Tanja sitzt und aus dem ersten Gefahrenbereich ist, steige ich auf. Das ist der Moment. Sollte er mich in diesem Moment stoßen ist mein Plan hinfällig. Dann stürze ich und er hat die Überhand. Dann wäre es entschieden besser gewesen ihm ohne Vorwarnung aus den latschen zu hauen, um danach loszufahren. Aber ich habe mich für die softe Tour entschieden. Für die Tour die mich das Leben, die netten Menschen und Erfahrungen geprägt haben. Tatsächlich schaffe ich die ersten Meter ohne umzufallen, ohne aufgehalten zu werden, ohne umgerissen zu werden. Ich atme aus und erschrecke als der erste Stein dicht neben meinem Hänger einschlägt. “Noch genug Zeit anzuhalten, vom Rad zu springen und auf die beiden loszustürmen, bevor mich ein weiterer Stein schwer verletzen könnte”, geht es mir durch den Kopf. Ein zweiter Stein landet nun rechts neben meinem Anhänger. Ich entscheide mich für die Flucht und gebe Gas. Im Notfall wird mich mein Helm schützen. Auch mein Source – Trinkrucksack bedeckt mein Rückrad und schützt es somit. Kein weiterer Stein hat die Chance uns zu treffen. Wir sind heraus. Wir haben es geschafft. Ohne Gewalt. Nur ein Kräftespiel der Psyche. Eine große Herausforderung, denn früher hätte ich zweifelsohne den Kampf gesucht. Ich spüre Ruhe in mir aufsteigen. Keine Wut. Nur Ruhe. Noch immer pumpt mein Herz aber die Ruhe überwiegt. Ein Gefühl des Friedens. Nicht des Ärgers. Wir haben es geschafft ohne nur ein einziges Nasenbein zu brechen. Wir haben es geschafft ohne einen Zahn zu verlieren oder vielleicht noch schlimmer, einen Rückschritt unserer spirituellen Entwicklung in Kauf nehmen zu müssen. “Hurrrraaa!”, rufe ich befreit aus, worauf Tanja herzhaft und ebenfalls befreit auflacht.

Die nächsten Kilometer werden wir noch immer von unserem Adrenalin über die schlechte, kaputte Straße getragen. Ihr Zustand ist nun völlig unwichtig, völlig uninteressant geworden. Was ist schon eine schlechte Piste gegen Wegelagerer und Straßenräuber? Ein Witz. Eine Lächerlichkeit. So ist es wie es immer ist. Eine Sache der Betrachtungsweise. Das Glas ist halbvoll oder halbleer. Zwei unterschiedliche Aussagen und trotz allem der gleiche Zustand. So auch die Straße. Bestens gelaunt holpern wir weiter dahin. Zweifelsohne werden wir vom Restadrenalin heute bis nach Tulun getragen. Wieder befinden wir uns in dem Sibirien welches wir so lieben gelernt haben. Die Autofahrer lachen und hupen bei unserem Anblick. Sie wünschen uns eine gute Fahrt. Rufen “Malazee!” (“Fantastisch!”) als hätte es den Beinahüberfall nie gegeben. Alles eine Fiktion? Eine Einbildung? Nein dafür war der Kampf der Psyche zu stark. Wir hatten Glück. Wir hatten Schutz. Wir durften im Schatz der Erfahrungen graben und uns einen Juwel herausfischen. Was kostet die Welt? Sie ist wunderbar. Wir leben das Leben pur. Wie schön kann es sein. Wie schnell kann es sich ändern. Wie wichtig ist es den Augenblick zu leben und sich nicht jeden Tag von irgendjemand ins Boxhorn jagen zu lassen. Keine Angst vor der Zukunft zu haben und das Leben im Jetzt genießen. Das sollte eines jeden Menschen Schlagsatz sein. Das zeigt uns die Situation eben. Auf keinen Fall soll sie uns einschüchtern und dazu bringen unsere Reise abzubrechen. Nein, wie gesagt, es war eine Lernaufgabe. Und wer weiß? Vielleicht wird sich so etwas nie mehr wiederholen.

Tanja

Feuerfisch

Das Erlebnis mit den Passpiraten hat mir unglaublich viel gezeigt und wieder gespiegelt, wie sehr doch die Gedanken miteinander verbunden sind. Und dass wir manchmal Dinge spüren ohne zu wissen, was es eigentlich ist.

Wollte ich doch an diesem Nachmittag schon nach 36 km Camp beziehen. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht müde. Ich hatte mich sogar über mich selbst gewundert, dass ich Denis vorschlug, zu bleiben. Ich bin nicht müde, was ist es dann fragte ich mich? Meine Antwort war, dass ich mich vor den weiteren Anstrengungen scheute und sollte damit ja Recht behalten.

Böse bin ich den beiden Männern nicht, leicht gesagt, es ist ja auch letztendlich nichts passiert. Vielleicht, dass ich ab nun einen derartigen Schock in den Gliedern sitzen habe, dass ich jedes Mal Angst bekomme, wenn einer im Gestreiften Shirt und einer mit einer Zigarette in der Hand auf uns zukommt.

Sehe ich die kleinen Dörfer, kann ich schon verstehen, dass es da Menschen gibt für die der Ausweg in der Vodka Flasche schwimmt. Teilweise sehr trostlos und ohne Perspektive. Da kann der ein oder andere schon mal auf dumme Gedanken kommen. Ich weiß nicht wie der Passpirat aufgewachsen ist, ob seine Eltern ihn geprügelt haben oder ob er überhaupt welche hat? Was wissen wir überhaupt über uns selbst? Wie sollen wir wissen was in unserem Gegenüber passiert? In solchen Situationen geht ja unheimlich viel im Kopf ab. Neben Gebeten ist mir natürlich vieles weitere durch den Geist geflitzt. Auch war ich ärgerlich, glaubte er, weil wir freundlich sind, kann er sich einfach nehmen was er will? Ich muss an den Feuerfisch denken, dieser ist extrem gefährlich und als Taucher kann man ganz nahe an ihn heran schwimmen und ihn sogar berühren.

Vielleicht war es eine Mischung aus beiden Schwingungen, die uns so heil aus der Situation gebracht haben, der Tiefe Wunsch und das Gebet für eine Friedliche Lösung und die Ausstrahlung des Feuerfisches, der sich zu währen weiß wenn es zu eng wird. Sicher bin ich mir allerdings, dass mir das Erlebnis so viel Adrenalin in den Körper gepumpt hat, dass ich die restlichen Kilometer keine Anstrengung mehr gespürt habe.

Ich bin froh über diesen guten Ausgang für beide Seiten: dem Friedvollen Krieger und für die Passpiraten und Danke Gott und seinen Helfern!

Denis

Plötzlich klickt meine Rohloff. “Oh weh, sie wird doch jetzt nicht ihren Geist aufgeben?”. Geht es mir durch den Kopf. “Tanja! Meine Schaltung klackt unaufhörlich. In jedem Gang!”, rufe ich. “Das kling aber nicht gut”, antwortet sie. “Überhaupt nicht. Ich hoffe nicht, dass sich gerade jetzt der Freilauf verabschiedet. Die letzen 300 Kilometer waren für das gesamte Material eine Tortur. Aber die Rohloff hat uns noch nie im stich gelassen. Ich verstehe das nicht”, sage ich und schalte nervös hin und her, um auf die Ursache des lauten Klickens zu kommen. An einer Raststätte stoppen wir. Ein Ehepaar fragt uns ob sie fotografieren dürfen. Es sind Missionare die vor vielen Jahren nach Amerika ausgewanderten und jetzt mit dem Jeep ihre alte Heimat erkunden. Wir erzählen von unserem Zwischenfall. Überraschender Weise nehmen sie kaum Notiz von unserer soeben gemachten Erfahrung und möchten ein weiteres Gruppenbild. Geduldig reihen wir uns mit unseren Rädern vor ihrem Jeep auf und lassen uns ablichten. “Also wenn sie Probleme haben können sie uns jeder Zeit anrufen. Hier sind unsere Visitenkarten”, sagt die freundliche Frau, während ihr Mann einen großen Nagel aus dem Reifen zieht. “Kommt hier bei den schlechten Straßen ständig vor”, meint er und trägt den platten Reifen zur Autowerkstatt, die sich neben dem Cafe befindet. “Nächstes Jahr sieht es wohl besser aus. Dann wird die gesamte Strecke zwischen Krasnojarsk und Irkutsk asphaltiert sein”, meine ich, nachdem der Missionar wieder da ist. “Ach davon sprechen die Behörden schon seit zehn Jahren. Die Straße war noch nie durchgängig asphaltiert und wird es vielleicht auch nie sein. Es sind Baufehler. Man müsste den kompletten Untergrund betonieren. Ansonsten sinkt, wegen dem Permafrost, die Straße bis zu zehn Meter ab”, erklärt er. “Wie soll ich das verstehen?”, interessiert es mich. “Na ja. Man spart beim Straßenbau und baut keinen richtigen Untergrund. Im Sommer taut der Boden auf. An manchen Stellen mehr als an anderen. Das hat zur Folge, dass dort, wo er mehr auftaut, die Straße absinkt und sich der gesamt Asphalt verabschiedet. Genau aus diesem Grund glaube ich nicht das die Straßenbauer es jemals hinbekommen eine durchgängig vernünftige Verbindung bis nach Wladiwostok zu bauen.”

Nach einem weiteren Smalltalk verabschieden wir uns voneinander. Da es noch immer 10 Kilometer bis Tulun sind müssen wir uns ranhalten die Stadt heute noch zu erreichen. Ich nutze die kurze Rast, um meine Rohloff genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber dadurch, dass diese Schaltung in einem geschlossenen Gehäuse wohnt, kann ich nichts Verdächtiges feststellen. Dann bewege ich mit der Hand die Pedale rückwärts und bemerke das Klacken. Ich untersuche die Ritzel des Kettenspanners und siehe da, in einem des völlig verdreckten und mit altem Öl verschmierten Zahnkranzes, sitzt ein kleiner Kieselstein. Ich schnippe ihn mit dem Finger heraus. Die Folge ist fantastisch. Nichts klackt mehr und die Schaltung funktioniert wie eh und je. “Ich kann mich halt doch auf die gute alte Rohloff verlassen”, denke ich als wir uns der Stadt Tulun nähern.

Kurz vor der Stadt beendet Bitumen das ewige Gerüttel. Genüsslich lassen wir unsere Böcke ein lang gezogenes Gefälle hinunter gleiten. Drei schwere Motorräder brausen an uns vorbei. Ihre polnischen Nummernschilder verraten woher sie kommen. Am Ortseingang von Tulun warten sie auf uns. Einer von ihnen spricht perfekt Deutsch. Wir erzählen den interessierten Zuhörern von unserer Reise. Auch sie filmen und fotografieren uns. “Wohin fahrt ihr heute noch?”, frage ich. “Wir versuchen hier in Tulun eine Bleibe zu finden”, antwortet die einzige Frau von ihnen. Nach 20 Minuten trennen sich auch unsere Wege mit den üblichen Glückwünschen wieder.

“Na hoffentlich schnappen sie uns nicht die einzige Unterkunft weg”, meint Tanja. “Stimmt, das wäre echt bitter. Aber es kommt so wie es kommt”, meine ich und lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Zu frisch ist die Erinnerung an die Wegelagerer und zu groß die Freude so gut weggekommen zu sein.

“Dort ist die Gastiniza”, zeigt uns ein Stadtbewohner die Richtung. Ein Einbahnschild macht uns darauf aufmerksam gerade in die falsche Richtung zu radeln. Trotzdem schließen wir uns einigen Autos an, die ebenfalls das Schild ignorieren. Hinter einer Kurve steht eine Polizeistreife. Ich ziehe die Bremse und tue so als ob ich einen Passanten nach dem Weg frage. “Tam prjama”, (“Dort geradeaus”) ruft er. Die Polizisten lachen und rufen auf Deutsch “Guten Tag!” Wir erwidern ihren Gruß und fahren einfach weiter. Es stört keinen. Wir erreichen nach diesem langen Tag die Gastiniza. “Siehst du die Motorräder?”, fragt Tanja. “Nein, vielleicht hatten sie nicht genug Zimmer und die Polen sind weitergefahren?”, vermute ich und hoffe, dass wenigsten für uns noch eines der Zimmer frei ist. “Komnatu jest”, (Zimmer haben wir) vertreibt die nette Frau an der kleinen Rezeption meine Bedenken. Für 2.000 Rubel (45,55 Euro) bekommen wir ein erst vor kurzem renoviertes Zimmer. Nicht billig aber schön. Nachdem wir einen Großteil der Habe in die Bleibe getragen haben, erfahren wir, dass es keine Unterstellmöglichkeit für unsere Räder gibt. Wir sind nun doch am Ende unserer Kräfte. Der Tag hat sie aufgebraucht und das Adrenalin ist auch verpufft. Wir bekommen die Möglichkeit unsere Bikes auf dem Parkplatz des benachbarten Supermarktes zu stellen. Obwohl dort eine Videokamera wacht, keine gute Idee. Dann sollen wir unsere Räder auf einen nahen bewachten Parkplatz unterbringen. Der stellt sich aber als gewöhnlicher Autohändler heraus. Am Ende haben wir doch noch eine Herausforderung zu lösen die uns fast zur Verzweiflung bringt. “Jetzt nur keine übereilten Schlüsse ziehen”, geht es mir durch den Kopf. Tanja spricht mit der Empfangsdame der Gastiniza und erklärt ihr wie wichtig es für uns ist die Räder sicher unterzustellen, weshalb diese sich aufmacht, um mit dem Autohändler zu sprechen. “Er hat gesagt sie dürfen ihre Fahrräder bei ihm abstellen. Er wird sie in seinen, im baubefindlichen Büro, einsperren”, ist ihre positive Nachricht.

Es dauert nicht lange und wir können beruhigt in unser Zimmer. Selten in unserem Leben kam beim Duschen soviel Dreck von unserem Körper. Wir genießen es uns ausgiebig zu waschen, um dabei nicht nur den Schmutz loszuwerden, sondern auch die einer oder andere negative Emotion die uns die Wegelagerer angehaftet haben.

Tag: 31

Sonnenaufgang:
06:01 Uhr

Sonnenuntergang:
22:45 Uhr

Luftlinie:
59.87 Km

Tageskilometer:
68.57 Km

Gesamtkilometer:
11556.43 Km

Bodenbeschaffenheit:
Schotter / Asphalt

Temperatur - Tag (Maximum):
33 °C

Temperatur - Tag (Minimum):
26 °C

Temperatur - Nacht:
15 °C

Breitengrad:
54°33'26.2''

Längengrad:
100°34'43.1''

Maximale Höhe:
678 m über dem Meer

Maximale Tiefe:
520 m über dem Meer

Aufbruchzeit:
09.20 Uhr

Ankunftszeit:
20:05 Uhr

Durchschnittsgeschwindigkeit:
11.01 Km/h

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