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Eisregen

Russland/Moskito Camp — 29.06.2009

“Kein Regen”, flüstere ich gut gelaunt als wir am nächsten Morgen, vom tiefen Schlaf erholt, aufwachen. Wir krabbeln aus unserem Zelt in die freie Natur. Nur eine schmale Buschreihe trennt uns von der sehr stark frequentierten Bundesstraße. Wäre da nicht das unaufhörliche Brummen und Kreischen der Autos und Lastwägen, die sich den Berg hocharbeiten, könnten wir die Taiga genießen. Nie hätten wir gedacht, hier am vermeintlichen Ende der Welt, auf solch ein geradezu unbeschreibliches Verkehrsaufkommen zu treffen. Von dem Zwitschern der Vögel und dem Summen der Insekten bekommen wir zu dieser Stunde nur wenig mit. Nach einem kräftigen Frühstück brechen wir erst um 11:30 Uhr auf. Wir lassen uns Zeit. Nichts treibt uns voran. Endlich keine Termine mehr. Endlich dürfen wir auf unsere innere Uhr hören. Als wir unsere Aluminium-Rösser durch das hohe Gras bis zur Straße gedrückt haben beginnt es zu nieseln. Die Sonne hat sich augenblicklich hinter eine undurchdringliche Wolkenfront geschoben. Schnell ziehen wir einen leichte Jacke über und beginnen den Tag damit unser Gepäck den Berg hinauf zu radeln. Oben angekommen werden wir vom Anblick einer Raststätte überrascht. “Schau mal. Da gibt es sogar eine Gastiniza”, stelle ich fest. (Gastiniza ist eine einfache Unterkunft manchmal aber auch die Bezeichnung für ein richtiges Hotel). “Aber im Zelt war es viel schöner”, entgegnet Tanja. “Stimmt. Unter anderem vermieten die hier nur vier Quadratmeter kleine Hütten in denen nur ein Bett steht”, antworte ich nach einer kurzen Erkundung des Ortes. Wir kaufen sechs Liter Wasser, füllen diese in unsere Source Trinkrucksäcke und unsere Bestardflaschen am Rad. Dann setzen wir unsere Fahrt fort. Aus Sicherheitsgründen lassen wir unsere Bikes leicht gebremst den Berg hinunterrollen.

Gibt es Engel?

Ein Auto hat am Straßenrand gehalten. Eine sportlich aussehende Frau im mittleren Alter steht davor und wartet auf uns. “Wo kommt ihr denn her? Was aus Deutschland? Und mit dem vielen Gepäck? Auf dieser Strecke warten noch viele steile Berge auf euch. Ein beachtlicher Teil besteht sogar nur aus Schotter. Ich fahre selber gerne mit dem Rad aber wie ihr das mit den Anhängern schaffen wollt ist mir ein Rätsel?”, fragt sie und deutet auf meine große Zargesbox die auf einen Anhänger von Used montiert ist. Da die Frau meinen Trailer so genau fixiert fühle ich mich veranlasst ihn ebenfalls in den Augenschein zu nehmen. Als mein Blick auf die linke Achse fällt fährt mir ein gewaltiger Schreck in die Glieder. Die Steckachse hat sich zur Hälfte aus der Verankerung gearbeitet. Sobald die Sibirierin sich verabschiedet hat stelle ich mein Rad auf dem Ständer, um mir das Mysterium anzusehen. “Ich glaube es nicht. Nur noch ein paar hundert Meter weiter und der Reifen hätte sich gelöst. Das wäre während einer Talfahrt und bei diesem irren Verkehr ein echter Supergau”, erkläre ich aufgeregt und schiebe die Steckachse wieder hinein bis sie einrastet. “Wie meinst du das mit dem Supergau?”, möchte Tanja erschrocken wissen. “Na wenn sich aus welchem Grund auch immer ein Reifen löst ist der Anhänger ja noch mit dem Rahmen das Rades verbunden. Das würde bedeuten, dass er zur Seite kippt, das Fahrrad herumreißt und der Fahrer durch die Luft fliegt. Unabhängig das ich mir dabei eventuell den Hals gebrochen hätte, wäre der Rahmen und Anhänger garantiert hin”, stelle ich im Angesicht des soeben gehabten Glücks bald andächtig fest. “Na gut das du es bemerkt hast.” “Ja, schon verblüffend wie schnell und unverhofft etwas geschehen kann”, denke ich laut. “Wahrscheinlich hat sich die Steckachse gelöst als du das Rad durch das Gebüsch geschoben hast”, überlegt Tanja. “Hm. Ist während der letzten 11.000 Km noch nie geschehen aber es gibt immer ein erstes Mal. Könnte schon sein das der Druckstift, der die Radverbindung zum Anhänger frei macht, auf einen Gegenstand gestoßen ist. In Zukunft müssen wir immer wieder einmal die Steckachsen prüfen”, sage ich und steige wieder auf mein Intercontinental.

Noch lange sinniere ich darüber nach wieso gerade in diesem Augenblick die Frau unsere Fahrt gestoppt hat? Ob das ein Zufall war? Aber Tanja und ich sind im Laufe unserer Reisejahre zu dem für uns überzeugenden Ergebnis gekommen, dass es keine Zufälle gibt. Dass uns Ereignisse widerfahren die wir, aus einen für uns Menschen zu diesem Zeitpunkt nicht ersichtlichem Grund, erleben müssen. Nicht selten lehren sie uns etwas. Manchmal, wie in diesem Fall, helfen sie auch Schlimmeres zu verhindern. Meist bemerkt man ihren Sinn erst später, nämlich dann, wenn wir in der Lage sind die verschiedenen Puzzlestückchen eines Lebens zusammenzusetzen. Erst dann, wenn das Lebenspuzzle ein sichtbares Bild ergibt, fällt uns Menschen auf warum wir den einen oder anderen Unfall hatten, warum wir den Job verloren, jemanden kennen lernten usw. Die Ereignisse und Geschehnisse unseres Lebens hängen in irgendeiner Form zusammen. Sie sind miteinander verlinkt und führen uns durch unser Leben, auch wenn wir das oft nicht für Wahr haben wollen.

“Ob diese Frau ein Engel wahr?”, frage ich mich. “Gibt es Engel überhaupt? Wer sind sie? Was sind sie? Energiewesen einer anderen Dimension des Universums? Warum hat sich die Frau dazu veranlasst gesehen so auf meinen Anhänger zu sehen? So sehr, dass ich mich gezwungen fühlte mich umzudrehen. Aber vielleicht sind die Menschen, die jemanden bewusst oder unbewusst helfen, keine Engel? Vielleicht werden sie auf für uns unerklärliche Weise einfach nur von einer Gefühlsregung berührt? Aber was sind solche Gefühlsregungen und wo kommen sie her? Sind es wiederum unsichtbare Wesen die wir Menschen schlicht und einfach als Engel bezeichnen dafür verantwortlich? Sind es solche Wesen die uns mit einem Gefühl berühren damit wir so oder so reagieren? Man oh man, welch ein komplexes Thema das doch ist. Engel hin, Engel her. Glück oder Zufall. Ohne Zweifel zeigt mir dieser Augenblick das es Ereignisse in unserem Leben gibt über die es Sinn macht nachzudenken. Die man unter keinen Umständen mit einer einfachen Handbewegung abtun sollte. Solche Erlebnisse haben eine Botschaft und wenn sie mich nur veranlassen über ihre Ursachen nachzudenken. In unserem bewegten Leben in Deutschland habe ich kaum die Gelegenheit mir darüber Gedanken zu machen. Zu schnell ist diese Welt. Zu eilige sind wir Menschen dort unterwegs. Zu viele Punkte haben wir auf unserer täglichen Agenda, um einfach mal über Sinn und Unsinn nachzudenken. Um uns über Botschaften, eventuellen Engeln und vieles mehr, was uns überall auf der Welt widerfährt, Gedanken zu machen.”

Schleifende Bremsen und Unfälle

Heftiger Donner reißt mich aus meinen Gedanken. “Wir sollten uns die Regensachen anziehen”, ruft Tanja. “Okay”, antworte ich die Magurabremsen ziehend. Da ich dem aufkommenden Gewitter nicht all zu viel Kraft beimesse, streife ich mir nur eine Regenjacke über während Tanja auch noch in eine Regenhosen schlüpft. Nur Minuten später öffnen sich die Himmelspforten. Eisiger Regen prasselt auf uns hernieder, so das mein Unterkörper in kurzer Zeit völlig durchnässt ist. Plötzlich beginnt es zu hageln. Die Temperaturen stürzen um 10 Grad auf 9 Grad ab. Sibirien zeigt uns selbst im Sommer zu welchen Extremen sein Wetter in der Lage ist. Die Hände werden zu Eisklumpen, das Eiswasser schießt in die Schuhe, nur um dann von der zusehend schwindenden Körperwärme etwas temperiert auf die Straße zu plätschern. “Ich hätte mir doch eine Regenhose anziehen sollen”, schälte ich mich. Für meine Bequemlichkeit augenblicklich bestraft beginne ich am gesamten Körper zu bibbern. “Dort ist ein Bushäuschen! Da können wir uns unterstellen!”, rufe ich auf eine hässliche, vom Zahn der Zeit zerfressene Betonröhre, deutend. Wir lehnen unsere Räder an die Betonwand und flüchten in das tunnelähnliche Ding. Sofort ziehe ich meine klatschnasse Hose aus und steige in die Regenhose. “Ah, tut das gut”, sage ich als mir langsam wieder wärmer wird. Tanja packt derweilen die Thermoskanne aus und bereitet uns zwei heiße Tassen Tee. Dazu lassen wir uns ein paar Piraschki (Mit Eier und Schnittlauch gefüllte Teigtaschen) von Sascha munden. Als Nachspeise vertilgen wir Piranikiplätzchen. (Russische Kekse die ein bisschen wie Weihnachtsgebäck schmecken) Während wir uns die leckere Nahrung auf dem Gaumen zergehen lassen brausen dicht an uns die Autos und Lastwägen durch große Pfützen. Riesige Wasserfontänen werden meterweit durch die feuchte Luft geschleudert. “Kein Wetter für eine Radreise”, meine ich leicht fröstelnd. “Ob es mal besser wird?”, fragt Tanja. “Wer weiß? Irgendwann muss es doch auch in Sibirien eine Art Sommer geben. So habe ich es mir auf jeden Fall nicht vorgestellt. Man könnte meinen der Winter steht vor der Tür”, seufze ich.

Als der Regen nachlässt wollen wir weiter. “So ein Misst”, fluche ich. “Was denn?” “Die Vorderbremse schleift”, antworte ich und stelle fest, dass sie mit schwerem Schlamm versetzt ist. Ich nehme einen Schluck Wasser aus den am Rahmen befestigten Bestardflaschen und pruste es in einem dünnen Strahl über das Bremssystem. Auf diese Weise kann ich es von dem vielen Schlamm befreien. Nachdem der Schmutz und kleine Steinchen entfernt sind funktioniert die zuverlässige Bremse wieder und die Reise durch die kalten Südsibirischen Berge kann weitergehen. Die meisten Autos und Lastwägen behandeln uns mit Rücksicht und überholen uns mit angemessenem Abstand. Trotzdem fahren viele wie die Verrückten. An einer Steigung geschieht direkt hinter uns ein Auffahrunfall. Ein Motorradfahrer wird vor unseren Augen beinahe von einem Achtunddreißigtonner mit Anhänger überwalzt, als er ohne sich umzusehen aus einem Bushaltestelle auf die Bundesstraße fährt. Ein BMW muss seinen aggressiven Überholvorgang in einer Kurve abbrechen. Nur in letzter Sekunde kann er durch das ruckartige herumreißen seines Lenkrades einen Frontalzusammenstoß mit einem entgegenkommenden Lastwagen vermeiden. Wir hoffen darauf dass der Verkehr nach der kommenden Stadt Kansk abnimmt und sehnen uns nach den kaum befahrenen Straßen Kasachstans zurück.

Nach sieben Stunden, ca. 600 Höhenmetern und lächerlichen 27 Kilometern entdecke ich um 18:30 Uhr eine Buschreihe hinter der wir uns für die Nacht verstecken können. Bevor ich aber den Platz untersuche, ob er für uns geeignet ist, sprühe ich mich wie auch schon gestern mit Moskitomittel ein. Somit fühle ich mich zumindest einigermaßen vor den bösen Zecken geschützt. “Ist ein guter Ort”, meine ich nach fünf Minuten wieder zur Straße zurückkehrend. Wir schieben unsere Räder durch das hohe, grüne und saftige Gras hinter die Büsche und errichten unser Camp. Kaum steht das Zelt, ziehen wir unsere nasse Kleidung aus und legen sie über die Räder zum trocknen. Ein entferntes Grollen in den bedrohlich vorbeiziehenden Wolken kündigt weitere Regenschauer an. Tausende von Moskitos scheinen sich in dieser Gewitterstimmung richtig wohl zu fühlen. Sie überfallen uns, um sich auch aus der letzten unbedeckten Stelle unseres Körpers Blut zu stehlen.

Während Tanja Wasser für Tee kocht logge ich unsere Koordinaten wie Tagestemperatur, zurückgelegte Kilometer, Sonnenauf- und Untergangszeiten und Höhenmeter usw. ein. Dann essen wir den Rest von Mama Saschas Piraschkis, einen Hühnerschlegel und etwas gebratenen Fisch. Wegen den immer penetranter werdenden berüchtigten sibirischen Moskitos verziehen wir uns schon um 20:00 Uhr ins Zelt. Tanja schläft bereits als ich unsere Bilder des Tages in den Laptop spiele und beschrifte. Neben dem festhalten der Loggdaten, eine wichtige tägliche Aufgabe. Obwohl ich zu diesem Augenblick im niedrigen Zelt kaure, bin ich zu dieser Disziplin gezwungen. Würde ich nicht täglich die Fotos in einem Programm archivieren würde ich schon nach wenigen Tagen den Überblick verlieren. Auf früheren Reisen, zu Zeiten der analogen Fotografie, benötigten wir nach jeder Reise viele Monate, um unsere Bilder einigermaßen brauchbar zu ordnen. Heute habe ich die Möglichkeit diese Arbeit direkt und vor Ort zu tätigen. Das hat den großen Vorteil nach einer Expeditionsreise sofort brauchbares Material zu Verfügung zu haben und vor allem die Bilder noch während der Reise in unser Webtagebuch einpflegen zu können. Es hat aber auch den Nachteil jeden Abend, und wenn ich noch so müde bin, hier am Laptop zu sitzen. Gerade eben schleicht sich die Kälte der aufkommenden Nacht durch den dünnen Stoff des Zeltes. Ich ziehe mir zum Schutz vor ihr den Schlafsack über die Beine, setze mit zunehmender Dämmerung die Stirnlampe auf, damit ich die Tasten des Computers noch sehe und bin froh wenn ich um 23:30 Uhr meine Arbeit für heute beenden kann. Dann stecke ich den Itronix wieder in seine wasserdichte Ortliebtasche, verpacke die Leica in eine ebenfalls wasserdichte Ortliebkameratasche, setze mir eine Fliesmütze gegen die Kälte auf und schlüpfe zufrieden mit mir in den Schlafsack.

Müde denke ich noch über die bereits zurückgelegte Strecke nach. In den ersten zwei Tagen unserer Etappe 4 legten wir wegen den Bergen und dem schlechten Wetter erst 49 Kilometer zurück. Das ist nach meiner Kalkulation entschieden zu wenig. 50 Kilometer pro Tag sollten es mindestens sein. Aber zu diesem frühen Stadium der Fortsetzung unserer Trans-Ost-Expedition besitzen wir noch den Beginnerbonus. Auch dieser ist einkalkuliert. Uns ist bewusst gerade am Anfang einer Etappe unsere Körper nicht überstrapazieren zu dürfen. Das wäre ein grober Fehler, denn schnell kann man sich unter solchen Bedingungen ein Gelenk, Muskel oder Sehne überreizen. Diese anfänglich kleinen Verletzungen können sich schnell zu chronischen Entzündungen entwickeln. Vor allem wenn man kaum eine Chance hat solche richtig auszukurieren.

Tag: 14

Sonnenaufgang:
05:02 Uhr

Sonnenuntergang:
22:35 Uhr

Luftlinie:
24.08 Km

Tageskilometer:
27.16 Km

Gesamtkilometer:
10913.96 Km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Temperatur - Tag (Maximum):
33 °C

Temperatur - Tag (Minimum):
10 °C

Temperatur - Nacht:
9 °C

Breitengrad:
55°55'45.4''

Längengrad:
093°38'29.3''

Maximale Höhe:
500 m über dem Meer

Maximale Tiefe:
280 m über dem Meer

Aufbruchzeit:
11:30 Uhr

Ankunftszeit:
18:30 Uhr

Durchschnittsgeschwindigkeit:
10.6 Km/h

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