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Tagebuch-Update macht Schwierigkeiten

Russland/Krasnojarsk — 27.06.2009

Die letzten Vorbereitungen für unseren morgigen Aufbruch laufen. Jenya ist sichtlich traurig. “Bleibt doch bitte noch etwas länger”, bittet er liebevoll. “Wir würden sehr gerne noch bleiben aber langsam wird es wirklich Zeit die Reise zu beginnen. Obwohl die Strecke bis in die Mongolei nur knapp 3.000 Kilometer beträgt, liegen tausend Kilometer Südsibirisches Gebirge vor uns. Wir wissen noch nicht ob und wie wir das mit dem Gepäck schaffen sollen. Außerdem dürfen wir mit unserem Visum nur drei Monate in Russland bleiben. Also ein weiterer Grund für einen Aufbruch”, erkläre ich. “Ach was soll’s, dann fahren wir Euch eben mit dem Auto”, meint Jenya lachend. “Genau. Wir lassen uns einfach doubeln, unterdessen wir hier in der Wohnung deiner Eltern sitzen und uns deine liebe Mama bekocht”, scherze ich.

Während ich an den letzten Aufzeichnungen feile, sehe ich immer wieder nach draußen. Es regnet, windet und das Thermometer steht gerade mal auf 17 Grad. Kein schönes Wetter um loszufahren und irgendwie graust es mich immer mehr davor. Was ist bloß los mit mir? Bin ich in den letzten Monaten wirklich so verweichlicht? Bin ich so bequem geworden? Kann mich das bisschen schlechte Wetter wirklich bremsen aufzubrechen? Welch eine Überwindung ist es doch immer wieder die Komfortzone freiwillig zu verlassen, um nach draußen in die unwirtliche Natur zu gehen. Regen, Kälte, Hitze, Zecken, Moskitos, vielleicht Braunbären, feuchte oder nasse Kleidung, einen feuchten Schlafsack, ständig in gebückter Haltung im Zelt herumkrabbeln, meine täglichen Aufzeichnungen in kauernder Stellung in unserer niedrigen Stoffbehausung in den Laptop tippen weil einem draußen die Insekten auffressen, Verkehr, Anstrengungen, täglich, manchmal sogar minütlich den inneren Schweinhund überwinden. Und doch hat es mir bisher auf jeden unserer Abenteuertrips gefallen. Hat mir jede Reise neue Erkenntnisse gebracht und ich konnte bisher immer sagen, dass ich mit keinem Leben dieser Erde tauschen möchte. Jedoch ist dieses Mal der Aufbruch besonders schwer. Oder bilde ich mir das nur ein? War es schon immer so? Vergesse ich das jedes Mal? Ich sollte mal in meinen alten Aufzeichnungen lesen.

Am Nachmittag habe ich die Ereignisse der letzten 11 Tage im Kasten. Ich packe mein Satellitentelefon aus, klappe es auf und versuche aus der Wohnung einen Empfang zu bekommen. Keine Chance. Ich laufe von Fenster zu Fenster, jedoch zeigt die Antenne keinen Ausschlag. “Ich geh mal nach draußen!”, rufe ich Tanja zu. Jenya lässt es sich nicht nehmen mich zu begleiten. Er zeigt mir einen freien Platz zwischen den hohen Häuserklüften die den Empfang zu einem Satelliten verhindern können. Der Indian Ocean Satellit hat Gott sei Dank vollen Ausschlag. Ich verbinde den Computer mit dem Satellitentelefon und drücke auf senden. Hoffend, dass mein Text gleich in der Webseite ist, kaure ich mit Jenya vor dem Laptop. Es dauert nur wenige Augenblicke und die Übertragung wird abgebrochen. Immer wieder versuche ich es, leider ohne den geringsten Erfolg. Dann bricht die Batterie vom Laptop und fast zeitgleich vom Satphon zusammen. “Das war’s erstmal”, stelle ich enttäuscht fest. Wir packen die Technik wieder ein und gehen in Jenyas Wohnung zurück. “Ob diesmal unsere Liveberichterstattung nicht funktionieren wird? Das wäre wirklich sehr schade. Was werden dann unsere Leser denken?”; geht es mir durch den Kopf.

Nachts um 24:00 Uhr sind die Batterien der Technik wieder voll geladen. Wieder steigen wir auf das Dach des Hauses und versuchen unser Glück. Jetzt ist auch Vladimir mit von der Partie, der sehen möchte wie man ohne Steckdose von jedem Platz der Welt Informationen direkt in eine Webseite einspeisen kann. Aber auch diesmal geht keine Datenübertragung. “Es wird am Satelliten liegen?”; vermute ich und wähle die Telefonnummer meiner Eltern, um den Anschluss zu testen. “Es klingelt”, freut sich Jenya. “Katzer?”, meldet sich meine Mutter. “Oh, hallo Mutti. Ich rufe vom Satellitentelefon an. Teste es gerade. Wie geht es Papi?” “Sehr gut. Bei uns ist alles in Ordnung. Wie geht’s euch?”, fragt sie. Nach einem kurzen Gespräch lege ich wieder auf. “Also die Satverbindung funktioniert. Hm?”, grüble ich. “Vielleicht hat das Verbindungskabel einen Defekt?”, vermutet Jenya. “Glaube ich nicht. Die Tests in Deutschland waren erfolgreich. Denke es könnte am Computer liegen? Oder vielleicht sogar am Provider? Ja das wird es sein”, argwöhne ich mit der Situation unzufrieden. Kurz bevor ich aufgeben möchte starte ich einen letzten Versuch und siehe da, plötzlich loggt sich der Computer ins Satellitennetz ein und die Übertragung funktioniert einwandfrei. “Hurra! Hurra!” Hurra!”, rufe ich und tanze auf dem Dach eine kleinen Freudentanz. Vladimir und Jenya freuen sich mit mir. Wieder packen wir alles zusammen, kraxeln vom Dach, krabbeln unter einen Drahtzaun durch und gehen vergnügt plaudernd zur Wohnung zurück.

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