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Erlebnisse von Jahrhunderten gespeichert

Russland/Krasnojarsk — 22.06.2009 - 25.06.2009

Schon wieder sind wir bald zwei Wochen in Sibirien obwohl wir doch gefühlsmäßig gesehen erst gestern aufgebrochen sind um diese Reise zu beginnen. Die Zeit fliegt dahin und doch fühlt sie sich durch die vielen neuen Erlebnisse so an als wären wir schon einen Monat unterwegs. Die Relativität von Zeit und wie wir Menschen sie empfinden ist enorm unterschiedlich. Immer wieder stelle ich das, gerade während unseres Reiselebens, fest. Manchmal empfinde ich einen einzigen Moment wie einen Tag, einen Tag wie einen Monat und einen Monat wie ein Jahr. Es kommt darauf an was ich erlebe und wie fremdartig die Situation auf mich wirkt. Das ist vielleicht der Grund warum ich mich an manchen Tagen so fühle als hätte ich die Erlebnisse von Jahrhunderten in mir gespeichert. Nicht das ich mich wie ein hundert Jahre alter Mann fühle. Nein damit hat es überhaupt nichts zu tun. Ganz im Gegenteil meine ich manchmal gerade erst geschlüpft zu sein. Und doch, wenn ich mich im Spiegel betrachte sehe ich ein Gesicht in das sich schon die eine oder andere Falte gegraben hat, ein Gesicht welches mit dem Denis vor vielen Jahren nur wenig zu tun hat. Ich sitze nun hier in der Küche bei unseren Sibirischen Freunden und schreibe diese Zeilen während Mama Sascha schon wieder für das Mittagessen kocht. Tanja sitzt in Jenyas Zimmer und beantwortet die Emails die sich mittlerweile angesammelt haben. So haben wir ständig zu tun und von langer Weile kann nicht die Rede sein.

Jeden Abend wenn Jenya und Anja von der Arbeit kommen haben sie mit uns etwas vor. Einmal besuchen wir in Krasnojarsk am Jenissejfluss eine mongolische Jurte die als Teehaus umfunktioniert wurde und genießen mongolische Teespezialitäten und ethnische Musik. Als wir dann durch das abendliche Krasnojarsk nachhause schlendern erschrecke ich. Zwei Jugendliche, die auf einer Betonbrüstung stehen, stecken sich den Finger in den Hals, um sich gemeinsam zur gleichen Zeit zu übergeben. “Entschuldige Denis”, sagt Jenya sich für den Anblick schämend. “Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Auch in Deutschland ist Komasaufen unter Jugendlichen ein großes Problem”, sage ich und beobachte wie die beiden sich wieder ihrer laut grölenden Gruppe anschließen, eine Flasche mit undefinierbaren Alkohol aus ihren Rucksack nehmen, um sie sofort an die Lippen zu setzen. Wir machen einen großen Bogen um mehrere solche Versammlungen und steigen in den Bus.

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