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Dadscha und russische Banja

Russland/Krasnojarsk — 21.06.2009

Es ist 11:00 Uhr als es wieder an der Tür klingelt. “Seid ihr bereit?”, fragt Vater Vladimir als er die Wohnung betritt. “Klar”, antworten wir, packen unsere Sachen und steigen kurze Zeit darauf in seinen Lada ein. Wir lassen die Stadt Krasnojarsk hinter uns, überqueren ca. 50 Kilometer das Südsibirische Gebirge und halten in einem kleinen Dorf. “Das ist unsere Dadscha”, (Wochenendhaus) meint Vladimir nicht ohne Stolz in der Stimme. Sofort werden wir von einem hübschen kleinen Hund begrüßt der freudig kläffend und mit dem Schwanz wedelnd um den Lada rast. Mama Sascha empfängt uns ebenfalls umarmend. Durch ein hölzernes Türchen betreten wir den Garten. Sascha lässt es sich nicht nehmen uns sogleich herumzuführen, um die einzelnen Bete und Sträucher zu erklären. “Hier pflanzen wir fast alles an was wir an Gemüse und Obst zum Leben benötigen. Viele Sibirier haben eine eigene Dadscha außerhalb der Stadt”, sagt sie auf das Erdbeerfeld, die Kartoffeln, Karotten, Tomaten, Gurken, Preisel- und Brombeeren, Äpfel und Birnbäume deutend. Dann führt sie uns in das hübsche Holzhäuschen. Auf der Veranda ziehen wir, wie es hier in Russland so üblich ist, die Schuhe aus und betreten die geheizte Stube. “Es war heute Morgen so kalt das ich heizen musste”, entschuldigt sich Sascha für die Hitze in dem etwa 15 Quadratmeter großen Zimmer. Kaum sitzen wir wird wieder aufgetischt. “Kuschet, kuschet”, (Esst, esst) fordert sie uns Freude strahlend auf von der selbst zubereiteten Borschtsch (Nationalgericht – Gemüsesuppe) in Teig gebackene Fleisch- und Fischtaschen mit Gemüse, und mit Majonäse angemachter Krautsalat reichlich zu nehmen. “Ich liebe es Gäste zu haben, vor allen wenn es ihnen so gut schmeckt wie euch”, lacht sie. Nachdem essen ruhen wir uns alle miteinander aus. Ich kuschle mich in einen der Sessel und döse vor mich hin. Hier ist das normalna (eine Aussage für viele Situationen z. B. okay, in Ordnung, oder normal)

“Komm, lass uns ein wenig mit dem Luftgewehr schießen”, fordert uns Jenya nach der Siesta auf. Sofort wird ein alter Holzpflock am Ende des Kartoffelbeetes  aufgestellt, ein Papier davor genagelt und ein Kreis gezeichnet. Für den zwölfjährigen Aloscha ist die Abwechslung perfekt, denn die meiste Zeit seiner dreimonatigen Sommerferien verbringt er hier draußen mit seinen Eltern allein. Da das Luftgewehr verrostet und alt ist und die Munitionspfeile ebenfalls schon besserer Tage gesehen haben, gehen viele der Schüsse daneben. Schnell ist das Interesse abgeklungen und die Banja (Sauna) angeheizt.

“Willst du nun in die Banja gehen?”, fragt Jenya. “Gerne”, antworte ich. Wir befinden uns nun neben dem Hauptraum des Häuschens in einer etwa zwei qm kleinen Kammer, ziehen uns aus und hängen die Kleidung an den Haken. Kaum betrete ich die Banja verschlägt es mir vor Hitze fast den Atem. “Komm setzen wir uns auf die Bank”, schlägt Vladimir vor, worauf wir uns wie die Hühner nebeneinander auf die obere Stufe setzen. Nach etwas 5 Minuten ausgiebigen schwitzen denke ich langsam daran das von schweren alten Holzbalken gebaute Räumchen zu verlassen als Vladimir fragt; “Bist du bereit?” “Wie meinst du das?”, möchte ich verwundert wissen. “Na für den Aufguss”, antwortet Jenya. “Na klar”, schwindle ich ein wenig und harre der Dinge. Vladimir fordert uns auf die Bank zu verlassen. Ich setze mich mit Jenya in den hinteren Teil der Banja, soweit wie möglich von dem selbst gemauerten Ofen auf ein Schemelchen. “Magst du den Hut aufsetzen?” “Einen Hut in der Sauna?” wundere ich mich. “Ja, falls es dir am Kopf zu heiß wird”, erklärt er mir den Filzhut gebend der gut in die Südtiroler Berge passen würde. “Setzt du den Hut auf?”, frage ich. “Nein”, lacht Jenja. “Na dann brauche ich auch keinen”, meine ich darauf wartend was jetzt wohl kommen wird. Dann schleudert Vladimir einen Schöpfer mit kaltem Wasser in die Ofenöffnung auf eine Art Eisenplatte. Sofort erhebt sich heißer Dampf der mir nahezu den Atem nimmt. Er brennt sich bald wie gekochtes Öl in meine Luftröhre, das ich augenblicklich den Kopf in meine Hände lege, um mein Gesicht vor dem heißen Atem eines ausbrechenden Vulkanes zu schützen. Es vergehen nur wenige Bruchteile einer Sekunde bis sich der Dampf in jede meiner Poren frisst und ich glaube augenblicklich zu verbrennen. Nur die Tatsache das Jenya lachend neben mir sitzt und Vater Vladimir sich noch dazu auf die obere Stufe neben den Ofen setzt, erklärt mir, das ein menschliches Wesen so etwas offensichtlich ohne gleich zu sterben überleben kann. Ich beiße die Zähne zusammen und harre aus. Lasse mich von dem entsetzlich heißen Dampf quälen bis Jenya mir in die Augen sieht und fragt; “Wenn es dir schwindlig wird”, sag bescheid. Dann müssen wir sofort raus.” “Okay, mir geht es gut”, antworte ich mit dem besten Lächeln welches ich unter diesen Umständen zustande bringe. Nach weiteren fünf Minuten verlassen wir den Hitzeraum und setzen uns in der Vorkammer auf das Sofa. Die vielen Moskitos und Fliegen sind im Vergleich zu der Hitze dort drin eine reine Wohltat. “Im Winter, wenn es draußen 40 Grad minus hat, springen wir nackt in den Schnee”, erklärt Vladimir, was ich ihm ohne zu zögern glaube, denn mein Körper ist derart erhitzt das ich mir nichts sehnlicher vorstellen könnte als ihn mit Eiswasser abzukühlen. “Wie oft wiederholt ihr denn solch einen Saunagang?”, frage ich. “Och, je nachdem wie wir uns fühlen fünf, sechs oder sieben Mal.” “Was? Das kann man doch nicht überleben”, antworte ich worauf die beiden Banjaspezialisten sich vor Lachen die Bäuche halten.

“Und? Bist du wieder bereit?”, fragt Jenya. “Klar”, protze ich nachdem sich mein Körper wieder im normalen Temperaturenbereich befindet. Insgesamt wiederholen wir die bald schmerzhafte Prozedur dreimal bis sie fragen ob es mir jetzt reicht. “Aber durchaus. Wenn ihr möchtet könnt ihr ja noch ein wenig weitermachen um eure sieben Mal voll zu bekommen aber ich für meinen Teil bin durchaus befriedigt”, antworte ich grinsend. “Na dann waschen wir uns jetzt”, schlägt Jenya vor, öffnet die Tür zur Schwitzkammer, lässt mir den Vortritt und schließt sie wieder. Nun die Hitze kaum noch ertragen greife ich sofort zum Schampon, um mir den Kopf zu waschen. “Nein, setzt dich und genieße noch ein wenig. Du musst dich nicht gleich waschen”, sagt Jenya höflich, greift zur Seife und schrubbt seinen Körper. Mittlerweile schütte ich aus einem Eimer unaufhörlich kaltes Wasser über meine Beine und den Kopf. Nur so kann ich es aushalten bis ich mit dem Waschen an der Reihe bin. Dann endlich sitzen wir wieder draußen in der herrlichen Kammer mit den Moskitos. Nichts kann mich in diesem Augenblick mehr schocken. Ich genieße den sich langsam abkühlenden Körper und spüre wie mich eine bleierne, wohltuende Müdigkeit beschleicht. Kaum haben wir uns wieder angezogen wird der Grill angeschürt. Es gibt wieder Essen. Fleisch und Lachs wird auf die glühende Holzkohle gelegt. Dann gibt es wieder von allem reichlich. Kaum habe ich mein Besteck auf die Seite gelegt lasse ich mich in den Sessel sinken und falle in einen Schlaf der Erschöpfung. Eine Stunde später rüttelt mich Tanja wach. “Denis aufstehen. Wir fahren nach Krasnojarsk zurück.”

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