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Exkursion in die Taiga

Russland/Krasnojarsk — 19.06.2009 - 20.06.2009

Wir sitzen in einem städtischen Bus und befinden uns auf dem Weg zu einem Naturschutzgebiet am Rande von Krasnojarsk. Ich blicke aus dem Fenster und bemühe mich von dem anhaltenden schlechten Wetter nicht meine Laune verderben zu lassen. “Ob das der Sibirische Sommer ist? Werden wir die kommenden Monate unaufhörlich durch diese Regensuppe fahren müssen?” Ich denke an die verregneten Wochen letztes Jahr in denen wir nie mehr trocken wurden und immerzu gefroren hatten. “Das wird sich doch nicht wiederholen?”, brummle ich vor mich hin und habe eigentlich nicht die geringste Lust auf die vor uns liegende Wanderung. “Tanja, Denis, wir sind da!”, fordert uns Jenya auf den Bus zu verlassen. An einem noch im Bau befindlichen Restaurant warten wir auf Katja die uns ebenfalls in das Naturschutzgebiet begleiten möchte. “So ein Mist. Der Wetterbericht hat doch Sonnenschein vorhergesagt”, schimpft Jenya immer wieder. “Schaut so der Sibirische Sommer aus?”, interessiert es mich. “Nein, das Wetter ist für diese Jahreszeit ungewöhnlich. Letzte Woche hatten wir noch 25 Grad. Aber jetzt ist es schlecht. Normalerweise haben wir einen heißen Sommer mit Temperaturen bis zu 35 Grad im Schatten. Allerdings nur einen oder Maximum zwei Monate. Dann wird es wieder kalt. “Hallo!” unterbricht uns der Begrüßungsruf von Katja die gerade aus einem Bus ausgestiegen ist und winkend auf uns zukommt. “Seid ihr bereit?”, fragt sie gut gelaunt wie eine echte Sibirierin der das Wetter nichts anhaben kann. “Klar”, antworten wir und marschieren los. Bei leichtem Nieselregen folgen wir erstmal einer asphaltierten Straße die sich leicht den bergauf windet. Immer wieder begegnen wir anderen Wanderern die sich zum Schutz vor der Nässe einfache Plastikumhänge übergestülpt haben. Nach etwa acht Kilometern liegt der Asphalt schon lange hinter uns und der Weg führt steil in die Berge. Bizarre zum Teil mit Moos überwachsene Felsen säumen den glitschigen Pfad. Blumen strecken ihre Blüten in den dämmrig wirkenden Wald. Vögel zwitschern vereinzelnd. Über einem kleinen Bach liegen grob behauene Stämme die als provisorischer Übergang gedacht sind. “In dieser Höhle haben sich früher Aktivisten der Revolution getroffen”, erklärt Katja. “Gibt es hier auch Braunbären?”, interessiert es mich. “Aber klar.” “Und habt ihr keine Angst wenn ihr durch die Wälder wandert?” “Wir denken nicht darüber nach. Ich bin bisher noch nie einem begegnet. Nur einmal, vor ungefähr zwei Jahren, beim Zelten haben wir einen gehört. Ich sage dir, wir hatten alle zusammen ungeheure Angst.” “Und was ist geschehen?” “Einige von uns haben so furcht erregend geschrieen das der Bär abgehauen ist.”

Weiter geht der Marsch durch die tropfende Taiga. Wir klettern über Felsen, Vorsprünge und durch Spalten. “Hätte nicht gedacht, dass sie mit uns eine waschechte Wanderung durchführen”, meint Tanja. “Ich auch nicht”, schnaufe ich verwundert, da man uns als Gäste in den vergangenen Jahren vorwiegend nur zu Sonntagsausflügen mitgenommen hat und die meisten unserer Gastgeber keine Sportler waren. Katja, Anja und Jenya hingegen sind sportlich sehr aktiv und in ihrer Freizeit viel unterwegs. Am Gipfel der etwa 640 Meter hohen Hügelkette genießen wir eine fantastische Aussicht auf die endlos wirkende Taiga, dem größten Nadelwalgebiet unserer Erde. Nachdenklich blicke ich in die Ferne. Selbst dort am Horizont, wo sich Mutter Erde zu krümmen scheint, kann ich nichts anderes entdecken als einen sich auf und ab wellenden Grünstreifen. Auf einer Steinplatte bereiten unsere Freunde ein Picknick für uns vor. Gemeinsam sitzen wir nun da und vertilgen heißhungrig Käse, Brot, Obst, Kekse, Schokolade und trinken heißen Tee aus der Thermoskanne dazu. Wären da nicht die vielen berüchtigten Sibirischen Moskitos und der immer wieder einsetzende Nieselregen, könnte man sich richtig wohl fühlen.

Abgestürzt

Unweit von uns freut sich eine Klettergruppe über den vor ihnen liegen Aufstieg auf einige etwa 25 bis 30 Meter hohe Felstürme. “Sie klettern hier ohne Seil und Sicherungen”, erklärt Jenya. “Trotz des Nieselregens? Ist das nicht recht gefährlich?”, frage ich. “Du meinst weil es glatt sein könnte?” “Ja.” “Nun, wir nutzen dazu besondere Schuhe. Die geben dem Kletterer einen guten Halt. Aber du hast Recht, bei solch einem Wetter hätte ich auch keine Lust da hinauf zu steigen. Erst vor einigen Jahren ist hier einer unserer besten Kletterer abgestürzt. Er hat diese Felstürme tausende von Male bestiegen, um sich zu trainieren. Einmal hat er nicht aufgepasst und ist tödlich abgestürzt. Siehst du das Schildchen dort an der Felswand? Man hat es dort angebracht um sich an den tragischen Unfall zu erinnern”, erklärt er. “Hurra! Hurra! Hurra!”, ruft eine junge Freikletterin im Angesicht der Felsdome. Ausgelassen springt sie herum und scheint außer sich vor Freude und Adrenalinausschüttung zu sein. Wir sehen zu wie die Sportler nacheinander in die Wand steigen und hinter einem Felsvorsprung aus unserem Gesichtsfeld verschwinden. Ich springe auf, um einige Fotos von ihnen zu schießen als ein gellender Schrei mir durch die Glieder fährt. “Ist jetzt jemand abgestürzt?”, frage ich Jenya der dicht hinter mir steht. “Keine Ahnung”, antwortet er mit der Schulter zuckend. Dann hören wir lautes Schluchzen und Weinen. “Zumindest ist die Person noch am Leben”, denke ich. Dann eilen einige der Kletterkollegen in die Wand. “Bitte können sie uns helfen?”, fragt einer der zurückkommt Katja weil er erfahren hat dass sie eine Medizinstudentin ist. Katja macht sich sofort auf, klettert auf das erste Podest des Felsen und leistet erste Hilfe. Wenig später tragen sie die Verunglückte auf den Schultern von der Felsplattform. Sie lacht und weint zu gleich. “Sie hat einen Schock”, erklärt Katja. “Was ist geschehen?”, wollen wir wissen. “Sie ist irgendwie ausgerutscht und ihr Knie ist verkehrt herum durch gekracht. Gott sei Dank ist es gleich wieder in die natürliche Position gesprungen. Aber sie wird sich mit Sicherheit mehrer Bänder gerissen haben”, erklärt die angehende Medizinerin.

“Kannst du mir die Bilder zuschicken?”, bittet mich eine junge Kletterin die gerade von der Tour zurückkommt und gesehen hat wie ich sie in der Wand fotografierte. “Klar”, antworte ich und möchte wissen wie oft sie hier zum Klettern geht. “Fast jedes Wochenende und manchmal sogar im Winter.” “Im Winter? Macht euch es denn nichts aus wenn es hier minus 20 oder 30 Grad hat?” “Mit der richtigen Ausrüstung ist das schon okay”, antwortet sie lächelnd. “Und wie ist das mit der Gefahr abzustürzen?” “Ach es passiert fast jedes Wochenende etwas. Hier stürzen viele ab. Manche haben die falsche Ausrüstung, viele sind unerfahren und einige werden leichtsinnig”, erfahre ich. Als die Klettergruppe den Abtransport der Verletzten organisieren verlassen wir die Sportler und setzen unsere Wanderung durch die nassen mit Moskitos und Zecken verseuchten Wälder fort. Trotz der unangenehmen Feuchtigkeit werden wir von einer eigenwilligen Natur entschädigt. “Verlasst den Weg nicht. Dort lauern die Zecken!”, warnt uns Katja immer wieder. “Wie sollen wir in den kommenden Monaten den Weg nicht verlassen wenn wir gezwungen sind in den Wäldern zu Campen?”, frage ich. “Das ist eben keine gute Idee. Unsere Zecken sind super gefährlich. Ständig sterben Menschen daran. Ständig werden unsere Bürger davor gewarnt zu dieser Jahreszeit nicht in die Wälder zu gehen. Am besten ihr schließt eine Versicherung gegen Zeckenbisse ab. Wir haben ein Serum das innerhalb von 48 Stunden nach dem Bis gespritzt werden muss. Ist normalerweise sehr teuer aber mit der Versicherung für 200,- Rubel (4,50- Euro) oder 300 Rubel (6,81- Euro) kein Problem.” “Wir haben auch ein Zeckenproblem in Deutschland, trotzdem gehen die Menschen in die Wälder”, versuche ich ihre Aussagen etwas abzuschwächen. “Das kann man mit Sibirien nicht vergleichen. Bei uns ist es eine richtige Seuche. Viele sprechen sogar von einer biologischen Waffe. Ihr müsst euch wirklich vorsehen und ständig gegenseitig untersuchen. Die Zecken sind viel gefährlicher als unser größtes heute noch lebendes Landraubtier, der Braunbär. Den werdet ihr hoffentlich nicht über den Weg laufen.” “Na du machst einem ja richtig Mut”, versuche ich zu scherzen. “Na ich würde niemals mit euch auf die Tour gehen wollen. Wäre mir zu anstrengend und gefährlich.” “Hm, meist klingt es schlimmer als es in Wirklichkeit ist”, antworte ich nachdenklich.

Gefährliche Zecken

Nach etwa 20 Kilometern Bergwanderung erreichen wir am Abend wieder den Asphaltstreifen. “Wir müssen uns sofort gegenseitig auf Zecken untersuchen”, ordnet Katja an. Kaum haben wir unsere Hemden ausgezogen und Hosenbeine hochgekrempelt werden wir von unzähligen Stechmücken überfallen. Aufmerksam untersuche ich jetzt meine freien Hautstellen nach Zecken die zur Familie relativ großer Milben gehören und sich von Reptilien-, Vogel- und Säugerblut ernähren. Sie leben meist in Wäldern oder dichter Vegetation und lauern dort auf vorbeistreifende Tiere oder Menschen. Sie nehmen mit Hilfe ihrer empfindlichen Sinnesorgane an den Vorderbeinen ihren Wirt wahr und warten mit vorgestrecktem erstem Beinpaar darauf, dass ein potentieller Wirt sie berührt. Zecken können aber durchaus auch auf ein Opfer in ihrer unmittelbaren Nähe zulaufen ? etwa auf einen Menschen der im Wald oder der Wiese sitzt. Das sie sich auf ihr Opfer fallen lassen ist eine nicht korrekte Aussage. Angezogen werden sie durch bestimmte Gerüche, reagieren auf Erschütterungen, Körperwärme, auf Fettsäuren aus dem Schweiß und auf Kohlendioxid. Mit ihren Krallen halten sie sich im Fell oder auf der Haut fest und durchstechen mit ihren Mundwerkzeugen, aus stechend-saugenden Organen bestehend, die Haut, um Blut zu saugen. Dabei werden gefährliche Krankheitserreger wie Lyme-Arthritis; Rickettsien; Enzephalitis; Rückfallfieber auf den Menschen übertragen. Der Grund dafür ist ein Protein im Zeckenspeichel, welches das Immunsystem des Opfers vorübergehend schwächt. In der Folge unterbleibt die Aktivierung von Abwehrzellen des Immunsystems, wenn von der Zecke übertragene Krankheitserreger in die Blutbahn gelangen. Warum die Zecken hier in Sibirien den harten Winter überleben ist mir ein Rätsel, denn nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Freien Universität in Berlin ertragen nur manche Zeckenarten extrem tiefe Temperaturen von -17 bis -23 Grad C. Hier in Sibirien sind hingegen Temperaturen von minus 45 Grad und darunter keine Seltenheit. “Da ist eine!”, ruft Anja. Tatsächlich krabbelt eine der harmlos aussehenden Gliederfüßler an Anjas Bein hoch. Sofort ergreift sie Jenya und verbrennt sie in der Flamme seines Feuerzeugs. Ich habe mich bereits wieder angezogen als mir der Gedanke kommt die Aktion der Zeckensuche zu filmen. Sofort ziehe ich noch mal mein Hemd aus und kremple die Hosenbeine hoch, alles filmisch festzuhalten. “Da ist auch eine!”, ruft Jenya der mich untersucht. “Was? Kann doch nicht sein! Ich habe mindestens dreimal hingesehen”, wundere ich mich. “Kann sein das die Zecke in einer Naht steckte und erst jetzt raus kam”, vermutet er, worauf uns bewusst wird wie schwer es sein kann wirklich alle dieser Schmarotzer auf dem Körper zu entdecken.

Abends sitzen wir von der Exkursion geschafft in der Küche und essen zusammen. Wir unterhalten uns über die Erlebnisse des Tages und vor allem über das Zeckenproblem. Obwohl es bereits 23:00 Uhr ist fällt durch die Fenster dämmriges Licht. “Zu dieser Jahreszeit wird es bei uns nur dann ganz dunkel wenn der Himmel total bewölkt ist”, erklärt Jenya.

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