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Zerstörte Daten und Glück des Lebens

Russland/Krasnojarsk — 18.06.2009

Erst um 11:00 Uhr quälen wir uns aus den Betten. Die sechs Stunden Zeitverschiebung fordern doch wieder ihren Tribut. Langsam tapse ich ins Badezimmer. “Alle ausgeflogen!”, rufe ich. “Wie? Sind wir alleine?”, fragt Tanja. “So wie es aussieht. Die Eltern sind mit Aloscha auf ihrer Dadscha und Anja und Jenya sind wahrscheinlich beim Arbeiten. Jetzt haben wir die gesamte Wohnung für uns alleine”, erkläre ich. “Schon irre welches Vertrauen diese netten Menschen uns entgegen bringen. Sie kennen uns doch kaum”, sagt Tanja.

Gut gelaunt sitzen wir kurz darauf am Küchentisch und frühstücken das leckere Gebäck von Sascha, toasten uns frisches Brot und trinken Tee. Plötzlich klingelt das Telefon. “Ob ich rangehen soll?”, frage ich. “Könnte für uns sein”, meint Tanja. “Ja, hier spricht der deutsche Gast Denis”, melde ich mich in englischer Sprache. “Denis, ah gut das du ans Telefon gehst”, antwortet Katja. “Seid ihr damit einverstanden heute um 14:00 Uhr von einem Fernsehteam gefilmt und interviewt zu werden?” “Warum nicht. Das machen wir gerne.” “Oh schön. Ich denke nämlich, dass die Menschen wissen sollten was ihr so vorhabt. Also dann bis später. Ich werde da sein um zu übersetzen. Jenya kommt auch kurz vorbei. Er unterbricht seine Arbeit”, erklärt Katja und legt auf.

Um 14:00 Uhr klingelt es tatsächlich an der Haustür. Ein Kameramann, die Redakteurin, Katja und Jenya betreten die Wohnung. Schnell ist alles aufgebaut und wir berichten von unserem Reiseleben, von unserer Philosophie der lebenden Mutter Erde, wie schützenswert sie schon allein für unsere Nachkommen ist, der russischen Gastfreundschaft und wie sehr es uns in Russland gefällt. “Habt ihr Bilder in eurem Computer?”, möchte die Redakteurin wissen. “Klar.” “Können wir ein Paar haben?” “Aber natürlich”, antworte ich und schließe meine neue 500 Gigabyte große Festplatte an. Plötzlich erscheint ein Popupfenster mit dem Hinweis Überspannung am USB-Anschluss. Sofort schalte ich den Computer aus und wir verbinden die Externe Festplatte an Jenyas Computer. “Hast du überhaupt Daten auf der Festplatte?”, fährt mir Jenyas Frage in die Glieder. “Aber klar, habe doch alles was ich für die Reise brauche extra drauf gespielt. Vor allem ist das Ding nagelneu. Es wird doch während des Transports keinen Schaden erlitten haben?” “Keine Ahnung aber soweit ich sehen kann ist nichts drauf. Probier es doch noch mal auf deinem Laptop”, meint Jenya. Auch diesmal kommt der Warnhinweis; Überspannung. “Vielleicht sind die Daten beim röntgen der Ausrüstung gelöscht worden?”, meint der Kameramann. Mir wird es heiß und kalt. Auf dieser stoßsicheren Festplatte ist wirklich alles was ich benötige. Vieles davon für die Live-Bericht-Erstattung in unsere Website. In der Eile der letzten Vorbereitungen habe ich die Daten nicht noch mal auf dem Laptop gesichert. “So ein verdammter Mist!”, fluche ich. Dann stelle ich mit Entsetzen fest, dass ich in der Eile des Gefechtes anstatt ein 6 Volt das 12 Volt Netzteil an der Festplatte angeschlossen habe. “Ich glaube ich habe gerade die Festplatte nachhaltig getötet”, erkläre ich, meine Aussage selbst kaum glaubend. “Das bekommen wir bestimmt wieder hin. Ein Freund ist Softwarespezialist. Wir können deine Daten bestimmt retten”, beruhigt mich Jenya während der Kameramann ein paar Bilder aus unserem neuem Buch “Land des Windes” abfilmt. (Das Buch “Land des Windes” dritte Etappe der Trans-Ost-Expedition, werden wir wegen Verzögerungen im Druck erst kurz vor Weihnachten veröffentlichen) “Das wird für unsere Sendung schon ausreichen. Tut mir Leid um deine Daten”, sagt der Kameramann tröstend. Nur wenig später haben alle wieder die Wohnung verlassen. Ich sitze wie vor dem Kopf geschlagen auf dem Sofa in unserem Zimmer und kann noch immer nicht glauben soeben meine Daten vernichtet zu haben. Für einen Reisenden der über seine Erlebnisse berichtet eigentlich ein Supergau. “Mach dir nicht zu viel Gedanken. Du hattest doch früher auch keine externe Festplatte dabei. Es wird auch diesmal ohne gehen”, beruhigt mich Tanja. “Wahrscheinlich”, antworte ich und versuche meine Gedanken auf den positiven Aufenthalt hier zu fokussieren. Welchen Sinn macht es schon sich die schönen Momente des Lebens zu versauen nur weil mir Daten einer dämlichen Festplatte fehlen?

Die negativen Gedanken auf die Seite schiebend verlassen wir die Wohnung, um ein wenig die Gegend zu erkunden. Wir entdecken ein großes Einkaufszentrum am Rande der Siedlung. Obwohl wir solche riesigen Einkaufszentren nicht unbedingt mögen suchen wir es auf. Wenn wir nicht wüsste in welchem Land wir sind könnte sich diese Einkaufsoase auch in Amerika, Australien oder Europa befinden. In einer gigantischen Aula lassen wir uns in einem Cafe nieder und genießen den Augenblick nicht ans Telefon zu müssen, keine Emails abzurufen, keine Briefe zu schreiben, keine Post zu beantworten, Rechnungen zu prüfen, Showtermine zu vereinbaren, Computerprobleme zu lösen, Bilder zu archivieren oder was es sonst noch alles in unserem Leben jeden Tag zu tun gibt. Wieder wird uns bewusst wie privilegiert wir sind solche Weltensprünge machen zu dürfen. Welch fantastischer Luxus es ist sich einfach mal in ein Einkaufszentrum zu setzen und für Stunden über Gott und die Welt zu philosophieren. Einfach mal wieder Beobachter zu sein. Die Menschen zu studieren wie sie auch hier in Sibirien von Termin zu Termin hetzen, in die Arbeit hecheln, hinter den Theken oder an den Kassen stehen und ihre Kunden bedienen. Wieder wird uns bewusst welch schwacher Sinn dahinter steckt für ein paar Luxusgüter einen Großteil seines Lebens mit zu viel Arbeit zu verschwenden. Womit ich natürlich nicht meine das arbeiten schädlich für uns Menschen ist. Nein, das gewiss nicht. Nur bemerken wir in unserer Welt, in der wir leben, oftmals nicht wie die meist negativen Nachrichten unser Leben negativ beeinflussen. Wie die Werbung in Magazinen, Zeitungen, Prospekten, Radio und Fernsehen unseren Geist zumüllt, um uns zu suggerieren was wir alles zum Leben brauchen. Das Schlimme an der ganzen Sache ist, das es funktioniert und wir Menschen letztendlich dann nichts anderes sind als dumme Schafe die in einer großen unübersichtlichen Masse kerzengerade auf einen Abgrund zulaufen ohne es zu bemerken. Ein echter Alptraum. “Alleine dafür bin ich meinem Herrgott dankbar hier sitzen zu dürfen, um uns dessen allen wieder bewusst zu werden”, meine ich nachdenklich. “Ja, stimmt. Und das verblüffende daran ist wie schnell es geht”, entgegnet Tanja. “Wie meinst du das?” “Na ja, jetzt verweilen wir meist nur wenige Monate in Deutschland und es dauert nur ein paar Wochen bis uns die Konsummaschinerie in sich eingesaugt hat.” “Stimmt, aber auf der anderen Seite ist das gut so, denn so bleiben wir ein Teil des Systems. Nur so verstehen wir es und nur so können wir seine Schwächen erkennen”, grüble ich. “Da hast du Recht.” “Das Leben ist ein Auf und ein Ab, ein Hin und Her. Hauptsache es bereitet im Großen und Ganzen Freude. Hauptsache der Mensch kann auf dem Sterbebett sagen; “Ich habe ein fantastisches Leben gelebt und nichts versäumt”, antworte ich. “Und ich habe bisher nichts versäumt. Ich bin glücklich”, antwortet Tanja. “Ja, ich bin auch glücklich mit dir und unserem Leben. Ich würde es jeder Zeit wieder so leben wollen”, schließe ich worauf wir die Aula verlassen, um in dem Megasupermarkt etwas für unser Abendessen einzukaufen.

“Da seid ihr ja. Wir haben uns schon Gedanken gemacht als die Wohnung leer war!”, ruft Anja lachend als sie uns an der Supermarktkasse entdeckt. “Bist du extra um uns zu suchen in das Einkaufszentrum gegangen?”, frage ich. “Ja, Jenya hat mir erzählt euch hier eventuell zu finden”, bestätigt sie und hilft uns den Einkauf in den Rucksack zu verstauen.

Wenig später kochen wir gemeinsam in Mama Saschas Küche unsere Abendmalzeit. Es ist eine unbeschwerte Zeit des Kulturaustausches in der wir unsere gegenseitige Gesellschaft genießen.

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