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In Sibirien

Russland/Krasnojarsk — 17.06.2009

Um 10:30 Uhr landen wir am Flughafen von Krasnojarsk. Einer Großstadt mit über 900.000 Einwohner die bereits 1628 als Kosakenfestung gegründet wurde. Nach der Entdeckung von nahe gelegenen Goldvorkommen sowie dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn wuchs die im 19.Jahrhundert noch kleine Stadt schnell an. Heute ist Krasnojarsk die Hauptstadt der Region und das Hafen und Eisenbahnzentrum am Ufer des Jenissei. Sie hat sich zu einem der größten Industriezentren Sibiriens mit Schiffswerften, einem großen Wasserkraftwerk sowie Fabriken, die landwirtschaftliches Gerät, chemische Produkte, Aluminium, Zement und Textilien herstellen entwickelt.

Wir folgen den Fluggästen in eine bescheidene Empfangshalle. Kaum haben wir die Förderbänder der Gepäckausgabe erreicht, stürmen Katja und Jenya auf uns zu. “Hallo! Hallo! Schön das ihr da seid! Hattet ihr einen guten Flug?”, rufen sie und umarmen uns lachend. Sofort läuft Jenya mit mir zum Transportband, um auf die Ausrüstung zu warten die hoffentlich gleich zum Vorschein kommen wird. Ich bin gespannt und etwas nervös. Haben die Russen in Moskau auch alles in die richtige Maschine geladen? Man hat uns davon berichtet, dass beim Umladen des Gepäcks nicht selten eines oder sogar alles vergessen wird. Das wäre für uns eine kleine Katastrophe. Ohne Fahrräder kämen wir auf unseren Radtrip nicht weit. Auch ist jeder einzelne Ausrüstungsgegenstand nahezu unersetzlich und zum Teil hier nicht zu beschaffen. Ich sehe die lachenden und zufriedenen Gesichter als die dahinter steckenden Menschen ihr Reisegepäck vom Förderband ziehen. Wo bleiben nur die großen Kartons? “Werdet ihr bei mir wohnen?”, lenkt mich Jenyas Frage ab.

Zu Beginn des Winters vor einem halben Jahr hat uns nach einem Deichselbruch in der sibirischen Pampa der Lastwagenfahrer Sergei aufgegabelt. Es regnete in Strömen als wir abends um 21:00 Uhr in Krasnojarsk ankamen. Sergei konnte mit seinem großen LKW nicht in die Innenstadt fahren. Deswegen sprach er an einer Tankstelle einen jungen Mann an ob er den zwei deutschen Radfahrern helfen würde. “Mache ich gerne”, hatte dieser geantwortet, seine Pläne für diesen Abend über den Haufen geworfen und uns zu einem Kloster in die Innenstadt gefahren, wo wir Unterkunft fanden. Am nächsten Morgen stellte uns Jenya seine Freundin Katja vor, die als Dolmetscherin perfekt Englisch und Deutsch spricht. In den darauf folgenden Tagen haben die Beiden sich um uns aufopfernd gekümmert. Sie zeigten uns die Stadt, besorgten uns Flugtickets nach Deutschland, organisierten die wichtige Registrierung, luden uns in ein Kaffee ein, brachten uns mit gesamter Ausrüstung zum Flughafen und lagerten bis zum heutigen Tag die zwei Anhänger mit Ausrüstung in ihren Wohnungen. Seitdem blieben wir per Email in Kontakt. “Schau da hinten kommt ein großer Karton. Ist das eins eurer Räder?”, sagt Jenya auf den riese und müller Karton deutend. “Aber ja. Fantastisch!”, rufe ich erfreut. Es dauert nicht lange und das schwarze, abgearbeitete Förderband bringt rumpelnd die gesamte Ausrüstung zum Vorschein. Schnell greifen viele helfenden Hände zu und tragen unser gesamte Habe auf den Parkplatz vor der Abfertigungshalle. Sibirien empfängt uns heute am 17. Juni mit ca. 13 Grad und unangenehmen Regen. “Ist ja echt kalt bei euch. Seltsam, erst gestern hat mich unser russischer Freund Michael aus Samara angerufen und berichtet das es dort 35 Grad im Schatten hat”, meine ich. “Samara ist ja auch 3000 Kilometer entfernt von hier”, antwortet Katja lachend. “Russland ist groß”, heute habe ich in den Nachrichten gehört das in Omsk ein Wirbelsturm sein Unwesen treibt”, entgegnet Jenya während er die Kartons aufreißt, um die Räder im Auto von Katjas Vater zu verladen. “Priviet”, (Hallo) begrüßt uns dieser freundlich lachend. Auch er hat sich extra frei genommen, um uns heute mit seinem kleinen Transporter vom Flughafen abholen zu können. “Wir haben Glück. So viele Menschen helfen uns. Ein fantastischer Empfang in diesem Land”, freut sich Tanja.

Ich bin wirklich glücklich das ihr bei mir in der Wohnung bleiben werdet”, sagt Jenya lachend. “Wir werden euch unsere Stadt zeigen, wandern gehen und wenn ihr wollt ein echte russische Banja (Sauna) genießen. Ich hoffe ihr bleibt ein paar Tage?”, plaudert er aufgeregt. “Nicht so schnell sprechen bitte. Unser Russisch ist eingeschlafen”, antworte ich. “Okay, aber ihr bleibt doch ein paar Tage?” “Klar, wir werden uns erst mal von den Anstrengungen der Vorbereitung erholen”. “Fantastisch. Am besten ihr bleibt ein paar Wochen.” Eine halbe Stunde später erreichen wir ein typisches russisches Wohnviertel einer Großstadt. Katjas Vater parkt sein Auto vor einem 10 stockigen Wohnblock. Schnell ist alles in den sechsten Stock getragen. Kaum haben wir die große Wohnung betreten wird aus Sicherheitsgründen hinter uns die Tür abgesperrt. “Das machen wir immer so”, erklärt Jenya freundlich zwinkernd und zeigt uns noch welchen Zahlencode wir am Haupteingang im Parterre eingeben müssen das wir jeder Zeit das Haus betreten können. “Das ist euer Zimmer”, sagt er dann und öffnet die Tür zu einem ca. 20 Quadratmeter großen Wohnzimmer. “Hier dürfen wir bleiben?”, fragen wir etwas ungläubig, denn soviel Räumlichkeit haben wir niemals erwartet. “Aber klar, fühlt euch wie zuhause”, antwortet er freudig strahlend. Es dauert nur Minuten und der großzügige Raum ist mit den Rädern, Seesäcken, Anhängern und Kameraausrüstung voll geschlichtet.

“Das ist meine Mama Sascha, mein Vater Vladimir und mein kleiner Bruder Aloscha”, stellt uns Jenya anschließend seine Familie vor, die das ganze Treiben in ihrer Wohnung mit sanftem Lächeln über sich ergehen lassen. “Otschin prijatna”, (sehr angenehm) sagen wir höflich. Sofort zieht Mama Sascha das Sofa aus, bereitet uns das Bett und schenkt Tanja ein paar selbst gestrickte Hausschuhe. Dann geht sie in die Küche, um für uns alle zu kochen. Katja verabschiedet sich für heute. Sie arbeitet zurzeit auf einem neuen Ölfeld in Nordsibirien und ist rein Zufällig hier, um eine Prüfung ihres Medizinstudiums abzulegen, welches sie parallel zu ihrer Arbeit betreibt. “Ich sehe euch morgen. Habe in der kurzen Zeit die ich hier bin viel zu tun. Ich muss unbedingt noch für meine morgige Prüfung lernen”, erklärt sie, drückt uns herzlich und eilt davon. Da Katja für uns eine perfekte Dolmetscherin ist und wir uns mit der russischen Sprache noch schwer tun, fragen wir uns nun wie wir die weitere Kommunikation mit Jenya und seiner lieben Familie aufrechterhalten sollen? Doch schon wenig später verflüchtigen sich die Bedenken. Während des Mittagessens lachen wir alle zusammen herzhaft über den einen oder anderen Witz, erzählen radebrechend und mit Zeichensprache wie es uns die letzten Monate ergangen ist, hören von Jenya und seiner Familie und erfreuen uns über die fantastischen Kochkünste von Mama Sascha.

Gegen Mittag ziehen wir uns für ein paar Stunden zurück, um uns von der langen Reise zu erholen. Dann klingelt es an der Tür. “Das ist meine Freundin Anja”, stellt Jenya eine hübsche, sehr freundliche junge Frau vor. Es klärt sich auf, dass Katja mit Jenya befreundet ist, Anja hingegen ist seine Freundin. “Lasst uns essen”, fordert uns Mama Sacha erneut auf. Wieder setzen wir uns zusammen an den sich bald biegenden Küchentisch. Es gibt Reis, gebratenen Fisch, russischen Krautsalat, leckere Fleischklopse, Brot, frische Tomaten und Gurken und zum Nachtisch eine Art gebackene Krapfen mit Füllung. Kaum haben wir uns erneut die Bäuche voll geschlagen verabschieden sich Sascha, Vladimir und Sohn Aloscha. Sie leben während den dreimonatigen Sommerferien von Aloscha in ihrer Dadscha (Ferienhaus). “Ich hoffe ihr findet die Zeit während eures Aufenthaltes hier uns mal in unserer Dadscha zu besuchen. Es wird euch dort draußen bestimmt gefallen. Es ist ruhig, gibt keine Autos und Abgase und wir haben eine wunderbare Banja (Sauna)”, lädt uns Mama Sascha und Vater Vladimir ein.

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