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Sprung in die andere Welt

Russland/Nürnberg — 16.06.2009

Erneut klickt das Rad der Zeit um einen Zahn weiter. Diesmal jedoch ist es wieder ein Zeitklick der uns wie so oft während unseres Reiselebens in eine andere Welt springen lässt. Die umfangreichen Vorbereitungen sind abgeschlossen. Der kleine Transporter, mit dem wir während der Deutschlandaufenthalte die Showausrüstung für unsere Bild und Filmvorführungen durch die Lande fahren, rauscht über die Autobahn in Richtung Frankfurt. Da mein Freund Pfleidi am Steuer sitzt, kann ich meinen Gedanken hinterher hängen. Die Bäume flitzen vorbei und machen mich schläfrig. Aus scheinbar weiter Entfernung höre ich wie sich Tanja mit unserem Freund angeregt unterhält. Es dauert nicht lange und meine Nackenmuskeln versagen ihren Dienst, lassen meinen Kopf hin und her baumeln, ungefähr so als würde er auf dem langen Hals eines Truthahnes sitzen. Gesprächsfetzen kreuzen meine Gehirnwindungen, vermischen sich mit der Außenwelt und dem dahin fließenden Straßenverkehr. “Wenn ihr Visum erst ab dem 16.06. gültig ist und sie schon am 15.06. am Schalter stehen wird man sie eventuell nicht mitfliegen lassen”, sagt ein Mitarbeiter der Cibt Visumzentrale. “Wieso das denn? Die Maschine landet um 23:55 Uhr. Bis wir das Flugzeug verlassen haben und vor der Passkontrolle stehen ist es bereits weit nach Mitternacht und somit der 16.06.”, antworte ich. “Also ich an ihrer Stelle würde mal bei der Aeroflot anrufen und mich vergewissern ob das Bodenpersonal sie in diesem Fall mitnimmt”, höre ich worauf ich sofort am Frankfurter Flughafen anrufe. “Es tut mir wirklich Leid aber unter diesen Umständen können wir sie nicht mitfliegen lassen. Sie benötigen zum Zeitpunkt des Einchecken ein für diesen Tag gültiges Visum.” “Aber es ist doch gültig sobald wir gelandet sind”, entgegne ich etwas genervt. “Es kann sein das die Maschine früher als geplant ankommt. Solche Fälle hatten wir schon. Wenn sie mitfliegen wollen müssen sie ihr Ticket umbuchen.” “Was kostet das?” “Etwa 100,- Euro pro Ticket.” “Aber ich habe doch erst vor fünf Minuten gebucht.” “Trotzdem, wenn sie nach Russland möchten müssen sie umbuchen oder ihr Visum ändern. Bitte verstehen sie mich nicht falsch aber wenn wir sie mit diesem Visum einreisen lassen können die Strafen bis zu 50,000- Euro sein”, höre ich entsetzt, denn eigentlich wollen wir mit unseren Rädern nur durch Sibirien fahren und nicht wegen einem falschen Visum im Gefängnis landen, um dann auch noch für viele Jahre eine schwachsinnige Strafgebühr abzubezahlen. Sofort buche ich das Ticket auf den 16.06. um und hoffe, dass uns der Bürokratismus dieser Welt nicht weiter zu schaffen macht.

Als mein Kopf auf dem schlafenden Truthahnhals gegen die Seitenscheibe stößt fahre ich erschrocken hoch. Nichts geschehen, beruhige ich mich. Durch meinen Traum aufgebracht krame ich noch mal die Flugtickets hervor. “Gut, das Datum passt”, brummle ich vor mich hin und werfe einen Blick über die in Kartons verpackten Bikes, die zwei großen Ortliebsäcke und die Kameraausrüstung. Alles da, nichts vergessen. Hoffentlich. Da wir nach der letzten Etappe unsere Räder wegen einer Generalüberholung und einigen Reparaturen nach Deutschland mitgebracht hatten müssen wir sie jetzt wieder nach Sibirien schaffen. Ein nicht unerheblicher und eventuell kostspieliger Aufwand. Meine Bewerbung bei der Aeroflott, unser Übergepäck zu sponsoren, ist abgelehnt worden. Ärgerlich aber nicht hoffnungslos. Ein leitender Mitarbeiter der Airline hat mir am Telefon seine Unterstützung angeboten. Ob schon hier in Deutschland die russische Hilfsbereitschaft und legendäre Gastfreundschaft ihre schützenden Arme um uns legt? Wer weiß.

“Wir sind da”, sagt Pfleidi gut gelaunt. Direkt vor der Abflughalle bekommen wir einen passenden Parkplatz. “Läuft ja prima”, meine ich ebenfalls gut gelaunt. Schnell sind unsere Monsterkartons und Ausrüstung auf zwei Gepäckwägen verladen. Viel zu früh stehen wir am Schalter. Wir nutzen die Zeit, um den leckeren Kartoffelsalat und Nürnberger Bratwürste mit Senf und Meerrettich zu verspeisen, die meine Mutter extra für uns zubereitet hat. Für dieses Jahr das letzte gemeinsame Essen mit unserem Freund. Wenig später sehe ich auf der Straße eine Kamelkarawane vorbei sausen. Es ist unser mit Expeditionsfotos beklebter Bus der seinen Weg wieder Richtung Heimat antritt.

“Ich erreiche meinen Vorgesetzten nicht aber sie können schon mal ihr Gepäck einchecken”, meint dann ein Mitarbeiter der Aeroflot. Die schweren Kartons mit unseren Rädern werden auf ein Förderband gelegt und machen sich auf im Bauch des Flugzeuges verladen zu werden. Hoffend, das sie die lange Reise gut überstehen und beim umladen in Moskau nicht verloren gehen, blicken wir ihnen hinterher. “Also, ich habe jetzt mit meinem Chef gesprochen”, sagt der Mann hinter seinem Schalter. “Und, was hat er gesagt?”, frage ich. “Nun wir verstehen nicht warum Moskau ihre Anfrage nach Freigepäck abgelehnt hat. Das ist nicht üblich. Im Normalfall bekommen wir fast immer Übergepäck durch, besonders wenn es sich, wie in ihrem Fall, um eine ungewöhnliche Reisesituation handelt. Aber sie wissen ja, die Wirtschaftskrise. Auch die Aeroflot muss anscheinend sparen.” “Aber ihr Chef hat mir trotz dieser dummen Krise seine Hilfe angeboten”, entgegne ich. “Ja hat er. Ist auch kein Problem. Sie besitzen 110 Kg. Minus 40 Kg Reisegepäck sind 70 Kg. Leider können wir ihnen nicht das gesamte Gepäck einfach so durchchecken. Dann bekommen wir bei einer eventuellen Kontrolle in Moskau Probleme und müssen eine Strafe bezahlen. Was halten sie davon wenn wir ihnen nur 20 Kg ihres Übergepäcks verrechnen?” “Eine gute Idee. Vielen Dank”, antworten Tanja und ich erleichtert. “Ich muss sie allerdings darüber aufklären, dass im Falle eines Verlustes sie nur die angegebenen Kilogramm ersetzt bekommen. Aber darüber brauchen sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Bei uns geschieht es selten das etwas abhanden kommt”, meint er beruhigend. Tanja und ich sehen uns etwas erschrocken an. “Was zahlt einem die Airline für ein Kilo verloren gegangenes Gepäck?”, fragt Tanja. “Nicht viel”, meine ich. “Na dann sollte wir locker bleiben. Ich bin außerdem fest davon überzeugt das alles gut ankommt”, antwortet sie zuversichtlich. Als wir gerade gehen wollten gibt uns der nette Herr noch einen Rat. “Wenn sie in Moskau ankommen müssen sie vom Internationalen Flughafen zum Nationalen Flughafen. Man wird sie mit einem Transitbus dorthin bringen. Lassen sie sich deswegen nicht all zu viel Zeit sonst ist eventuell ihr Flieger weg.” “Vielen Dank für den Tipp”, antworten wir, zahlen unsere 220,- Euro Übergepäck und schlendern gut gelaunt zum Check-in.

Nachdem man von meinem Computer eine Pinselprobe entnommen hat und diese auf speziellen Sprengstoff untersucht, entdeckt ein Sicherheitsmann in Tanjas Handgepäck ein verdächtiges Glas. “Was ist das?”, möchte er wissen. “Das ist Sesammuss von Rapunzel. Sehr lecker. Eine echte Kraftnahrung für Radreisende”, erklärt sie gelassen. “Das dürfen sie nicht mitnehmen. Die Füllmenge des Glases ist um das Dreifache überschritten”, meint er freundlich aber bestimmt. “Aber das brauchen wir. Ist eine Art Notreserve für anstrengende Tage”, versucht Tanja zu argumentieren und erklärt dem Mann das wir mit unseren Fahrrädern 3.000 Kilometer durch Sibirien bis zur Mongolei radeln wollen. “Tut mir leid. Ich bin selber Marathonläufer und weiß wie man solch eine Kraftnahrung gebrauchen kann. Trotzdem dürfen sie ihr Rapunzelglas da nicht mit hinein nehmen. Vorschriften, wenn sie verstehen was ich meine.” Tanja tut sich beim Verstehen mit dieser eigenwilligen Vorschrift nicht leicht und lässt nicht locker. “Und wenn ich das Sesammuss in drei kleinere Behältnisse verpacke?”, fragt sie und sieht den netten Herren lächelnd an. “Dann dürfen sie es mitnehmen”, meint er. Während ich mich vor dem Schalter der Aeroflot setze und auf Tanja warte, geht sie noch mal durch die Sicherheitskontrolle und sucht nach den passenden Gläsern. Es dauert nicht lange und sie kommt wie ein Honigkuchen strahlend zurück. “Wie ich sehe warst du erfolgreich.” “Ja, Sesammuss gerettet. Ich habe in einer Sushibar drei kleine Plastikdosen bekommen und alles umgefüllt.” “Wirklich eine eigenwillige Bestimmung. Jetzt könnten wir wieder das gesamte Muss in den leeren Glasbehälter tun und wir wären da wo wir vorhin waren”, stelle ich amüsiert fest.

Am Moskauer Flughafen

Kaum ist die Maschine in Moskau gelandet muss jeder Fluggast noch mal ein Formular ausfüllen in dem nach dem Woher und Wohin gefragt wird. Obwohl wir bereits eine Zollerklärung ausgefüllt haben setzen wir, ohne dumme, mit Sicherheit ungewünschte Fragen zu stellen, die passenden Buchstaben in die leeren Felder. Verwundert Blicke ich auf als mir eine Beamtin eine sehr eigenwillige aussehende Kamera vors Gesicht hält. Erst jetzt bemerke ich, dass jeder Reisende mit diesem Ding gespeichert wird. “Totale Überwachung und Kontrolle der Kontrolle”, geht es mir durch den Kopf, während die Passagiere wie gewohnt zum Ausgang hetzen. “Wir müssen uns beeilen”, ermahne ich uns. Trotzdem sind wir mit all den Kamerataschen und weiterem Handgepäck die Letzen. “Da ßwidanja i putascheswiee ” (Auf Wiedersehen und eine gute Reise) verabschiedet uns die hübsche Stewardess. Allein eilen wir die Gangway in Richtung Flughafengebäude. Es ist 24:00 Uhr der 16.06.09. Also noch ein paar Sekunden bis die Datumsanzeige auf den 17.06.09 springt. “Gut das wir umgebucht haben”, geht es mir durch den Kopf. Als uns die Gangway ausspuckt stehen zwei uniformierte Frauen vor uns. Eine von ihnen hält ein Schild in der Hand und streckt es uns entgegen. Da wir sehr selten in unserem Reiseleben an einem Flughafen mit solch einem Schild empfangen wurden achten wir nicht darauf und eilen einen weiteren Gang nach rechts. Wir folgen einer Treppe ins Untergeschoss und werden von mehreren verschlossenen Türen gestoppt. “Geht es dahinten weiter?”, fragt Tanja auf einen Durchgang deutend. “Auch zu”, meine ich auf die Uhr sehend. “Wie viel Zeit bis zum Anschlussflug?”, fragt Tanja. “Noch 1 ½ Stunden”, beruhige ich uns die Treppe wieder nach oben eilend. “Warum haben sie nicht auf das Schild geachtet?”, ermahnt uns oben angekommen die Frau in Uniform. “Keine Ahnung”, antworten wir. “Sie sollten auf die Schilder achten. Wir standen da extra für sie. Kommen sie bitte mit”, meint sie und schleicht uns im echten Schneckentempo voraus. Diesmal folgen wir für etwa 100 Meter einer gläsernen Röhre die an einigen Kontrollschaltern endet. Außer uns ist kein Mensch weit und breit zu sehen. “Wo sind denn die ganzen Fluggäste?”, wundert sich Tanja. “Wer weiß, vielleicht wollen die nicht nach Krasnojarsk”, überlege ich. “Zeigen sie mir ihre Gepäckbelege”, fordert uns die Frau jetzt auf. Ich reiche ihr die kleinen Papierstücke welche sie sofort im Detail untersucht. Es dauert weitere fünf Minuten bis sie aufsieht und sagt: “Wie sieht ihr Gepäck denn aus?” “Es sind zwei große Kartons mit Fahrrädern und zwei Schwarzrote Seesäcke”, antworte ich. Die Beamtin greift zum Telefon und gibt unsere Beschreibung weiter. “Sie haben mehr Gepäck als erlaubt”, meint sie, worauf ich ihr die Quittung reiche die man uns in Frankfurt für das bezahlte Übergepäck gegeben hat. “Aber auf den Belegen ist vermerkt das sie 110 Kg eingecheckt haben. Bezahlt sind allerdings nur 20 Kg. Warum?” “Keine Ahnung. Wir wissen nur, dass mit unserem Gepäck alles in Ordnung ist und unser Anschlussflug bald weitergeht.” “Geben sie mir mal ihr Flugticket”, fordert mich die Dame auf worauf ich ihr das elektronisch gebuchte Ticket zeige. “Sehen sie, hier steht auch das sie nur 20 Kg pro Person mitnehmen dürfen. Jedes Kg darüber kostet 11,- Euro pro Kg.” “In Frankfurt lief alles korrekt. Man hat uns mit dem Gepäck geholfen”, versuchen wir uns zu rechtfertigen. “Kein Problem. Bleiben sie gelassen. Setzen sie sich dort auf die Bank und warten sie. Ich rufe meinen Chef an. Die Papiere stimmen nicht. Sie haben eindeutig zu wenig bezahlt”, hören wir und hoffen jetzt nicht noch mal 700,- Euro berappen zu müssen. Während die Frau immer wieder eine Nummer wählt sehe ich nervös auf die Uhr. Noch 40 Minuten bis Abflug. “Wird knapp”, meine ich. “Ja”, sagt Tanja. “Bitte lassen sie uns doch gehen, ansonsten ist unser Gepäck ohne uns in Krasnojarsk”, flehe ich beherrscht. “Warten sie, mein Chef ruft gleich zurück. Gestern hatten wir Fluggäste die es auch in 20 Minuten bis zum Nationalen Flughafen geschafft haben”, versucht sie in aller Gelassenheit uns zu beruhigen. Ich halte es nicht mehr aus, laufe den langen Glasgang auf und ab und sende einige Stoßgebete in den Himmel.

Noch 35 Minuten bis Take-off. “Die Hilfe in Frankfurt hat anscheinend nicht viel gebracht”, geht es mir durch den Kopf als plötzlich Bewegung in die Sache kommt. Ohne weitere Fragen zu stellen erhalten wir von der Flughafenbeamtin unsere Anschlussflugtickets. Das Übergepäck wird von ihr einfach nicht mehr erwähnt. Wir bedanken uns, steigen wieder eine Treppe nach unten und befinden uns erneut in einem nach allen Seiten abgeschlossenen Raum. “Warten sie dort unten!”, ruft die Frau von oben herunter. Nach fünf Minuten geht eine Tür auf und ein Zollbeamter kommt lachend herein. “Wo wollen sie hin?”, möchte er wissen. “Nach Krasnojarsk”, erklären wir und erzählen von unserem Radtrip von Deutschland bis nach Sibirien. “Fantastisch, dann seid ihr ja richtige Helden”, meint er und tut so als würde er uns mit seinem Handy fotografieren. Dann möchte er meine Kamera sehen, lächelt wieder und berichtet von seinem letzten Urlaub. “Ich war mit einem Kreuzfahrtschiff in Norwegen. Ich sage ihnen, es war ein riesiges Schiff. Unglaublich das so etwas schwimmt”, erzählt er während mir langsam die Schweißperlen von der Stirn kullern. Endlich schüttelt uns der freundliche Mann die Hand und sagt wir sollen auf den Transitbus warten. “Noch 25 Minuten bis Abflug”, flüstere ich. “Schaffen wir schon”, meint Tanja. “Hoffentlich.” Plötzlich geht die Tür auf und eine junge Frau bittet uns nach draußen. Tatsächlich steht dort ein Kleinbus. Wir steigen ein und lassen uns erleichtert in die Sitze fallen. Ob das mit dem Übergepäck jetzt vorbei ist?”, zweifle ich. “Glaube schon”, antwortet Tanja. “Eigenartig. Vielleicht hat zu dieser Uhrzeit keiner Lust gehabt sich um uns zu kümmern?” “Vielleicht hat ihr Boss mit seinen Freunden einen über den Durst getrunken und wir waren ihm völlig egal”, entgegnet Tanja. “Vielleicht. Hauptsache wir bekommen unser Gepäck durch und es kommt vollständig an.”

20 Minuten vor Abflug erreichen wir den Nationalen Flughafen. Wieder werden wir kontrolliert und wieder wird unser Gepäck durchleuchtet. Dann stehen wir vor dem Schalter. Wir erkennen die richtige Flugnummer und sind erneut erleichtert. Pünktlich hebt die Maschine in Richtung Sibirien ab. Hinter uns befinden sich zwei unbesetzte Sitzreihen. Wir dürfen uns darauf ausbreiten und können uns somit den Luxus erlauben die meiste Zeit des langen Fluges in der Horizontalen zu verbringen.

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