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Wer gewinnt das Spiel?

Brotfress-Camp — 16.07.2002

Bevor wir uns von unseren Freunden Bill und Hennie verabschieden wollen sie sich noch die Prozedur des Ladens ansehen. Wegen der schweren Lebensmittellieferung ist das Laden viel anstrengender und ich bin nach 1 ½ Stunden völlige erledigt und bis auf die Haut durchgeschwitzt. Als Tanja Jasper holen möchte haben wir wieder den Status der letzten Etappe erreicht. Jasper möchte sich nicht mehr an der Nase fassen lassen. „Denis ich benötige deine Hilfe,“ höre ich Tanja rufen als ich gerade die 26 Kilogramm schwere Boots- und Tools- Tasche in Edgars vordere Satteltasche rutschen lasse.

Vorsichtig versuche ich dann meine Hand über Jaspers Nacken nach vorne gleiten zu lassen, doch plötzlich schleudert er seinen Kopf wie einen Amboss hin und her. Erschrocken springen wir beide zurück, schnaufen tief durch und starten einen weiteren Versuch. Als meine Hand wieder auf seinem Haupt landet schwingt er seinen massiven Schädel wiederholt hin und her. Diesmal springe ich nicht zurück, sondern trete sogar noch einen Schritt näher an ihn heran und lasse meine Hand auf seinem behaartem großen Kopf. So bringe ich es fertig jeder seiner Bewegungen zu folgen. Bis aufs Äußerste angespannt geht es nun darum wer von uns beiden gewinnt. Wenn er mich mit seinen als Waffe eingesetzten Schädel trifft sind die Folgen fatal. Kein Knochen kann dieser unbeschreiblichen Wucht standhalten. Sollte er mich loswerden steht es noch dazu eins zu null für ihn. Das würde weiterhin bedeuten, dass er beim nächsten Versuch sein Spiel noch aggressiver spielt und es für uns immer gefährlicher oder irgendwann sogar unmöglich wird ihn am Morgen an die anderen Kamele anzudocken.

Jasper hat sich schon auf der letzten Etappe als ungeheuerlich stur gezeigt. Nur mit dem höchsten Einsatz an Kraft, Schnelligkeit und Mut konnten wir ihn Tag für Tag an Edgar binden und beladen. Schon öfter haben wir Berichte über Kamele gehört dessen Handling so schwierig wurde, dass man sie am Schluss erschießen oder freilassen musste. Nun, erschießen kommt für uns natürlich niemals in Frage und freilassen können wir ihn ebenfalls unmöglich. Alle sechs Jungs sind nahezu bis an ihre Grenze beladen. Auf einen Langstreckentrip wie diesen dürfen die Tiere nicht über 200 Kilogramm Gewicht schleppen. Alles darüber hinaus führt nach unserer Erfahrung auf Dauer gesehen zu Druckstellen an ihren Körpern. Druckstellen die nicht rechtzeitig erkannt werden führen zu Entzündungen und Geschwüren. Ist dieses Stadium einmal erreicht fällt das Kamel als Lastenträger komplett aus.

Jasper wird sich über kurz oder lang wie all seine Kollegen an die Nasenleine gewöhnen, davon sind wir überzeugt. Es ist nur die Frage wie lange das Kurz oder Lang dauert und wer von uns den längeren Atem besitzt.

Wütend reißt er sein Maul auf, versucht uns neben den Kopfschwinger unter löwenartigem, angsteinflößendem Gebrüll zu beißen und bespuckt uns über und über mit seinem Wiedergekautem. „Ich hab seinen Nasenrücken!“ ,rufe ich erregt, „schnell die Nasenleine,“ hechle ich nach Luft ringend. Blitzschnell legt Tanja die Nasenleine über den Nasenpflock und als wäre der Kampf gerade ein Traum gewesen zeigt sich Jasper urplötzlich wieder friedlich und lieb. „War ganz schön aufregend,“ schnaufe ich. „Einfach schrecklich,“ antwortet Tanja. „Husch down Jasper,“ befiehlt sie ihm. Jasper setzt sich hinter Edgar und lässt sich ohne weiteres Murren beladen. Bill und Hennie, die Zeuge unseres morgendlichen Ringens geworden sind, stehen staunend da. „Und wir dachten immer Kamele sind so behäbig und friedlich,“ sagen sie.

Nachdem unsere Boys beladen sind verabschieden wir uns. „Ich hoffe wir sehen euch wieder. Wenn ihr nach Südaustralien kommt seid ihr als unsere Gäste herzlich willkommen. Ihr könnt bei uns so lange bleiben wie ihr wollt,“ laden sie uns ein. „Wer weiß, vielleicht schauen wir nach der Expedition auf unserer Rückreise nach Perth bei euch vorbei. Es wäre sehr schön euch wieder zu sehen,“ antworten wir. Dann gebe ich das Kommando zum Aufbruch. Bill und Hennie winken uns noch hinterher bis wir sie aus den Augen verlieren.

Gefährliche Zaunüberquerung!

„Großartige Menschen,“ meint Tanja als wir wie gewohnt nach Osten marschieren. „Ja, schön dass es sie gibt,“ antworte ich auf mein GPS sehend. Vier Kilometer weiter verlassen wir wieder den Track, um nicht einen großen Umweg laufen zu müssen. In einem Zickzacklauf winden wir uns durch einen Mulgawald. An manchen Stellen wird er wieder relativ dicht, so dass ich gezwungen bin unsere Karawane so lange an seinen Grenzen entlang zu führen bis eine weitere Lichtung uns den Durchgang gewehrt. „Da vorne ist er,“ rufe ich als wir auf den Grenzzaun der Bushy Park Station treffen. Dann lasse ich Sebastian absetzen und gehen den Zaun entlang, um irgendwo eine geeignete Stelle zu finden ihn zu überwinden. Alte, schwere Holzpfosten halten das Drahtgeflecht wie eine unüberwindbare Barriere in die Höhe. Der Wald und das Gebüsch ist an dieser Stelle sehr dicht. Seit langer Zeit gab es hier kein Buschfeuer mehr weshalb die massiven Holzpfosten wie Rittertürme unversehrt dastehen. Leider führen die stark gespannten Zaundrähte durch Bohrungen in den Holzpfeilern weswegen ich sie nicht zusammenbinden kann. Nachdenklich wackle ich an vielen dieser beindicken Abstützungen. Es wäre nicht das erste Mal den einen oder anderen zu finden an dem der Zahn der Zeit genagt hat und dessen Ende vermodert ist. „Aha, da haben wir einen,“ freue ich mich. Nur 10 Meter weiter finde ich einen weiteren Pfosten dessen Ende offensichtlich ein Opfer der Termiten wurde. Voller Enthusiasmus hebe ich die beiden Zaunstützen aus der Erde und lege somit das Drahtgeflecht auf einer Länge von mindesten 10 Meter nieder. Leider ist die Drahtspannung so stark, dass der Zaun wie eine Hängebrücke in der Luft schwebt. Schon auf der ersten Etappe wurden wir mit dieser Herausforderung konfrontiert. Damals habe ich unter großem Aufwanden alle über dem Boden schwebende Zaundrähte unter die Erde geschaufelt. Nach unseren späteren Erfahrungen mussten wir feststellen, dass es oftmals genügt nur Äste über die Drähte zu legen. Die Kamele sehen somit die Äste als Hindernis und steigen einfach darüber.

„Es ist soweit,“ atme ich schwer, „du steigst jetzt bitte auf den oberen Zaundraht und drückst ihn mit deinem Körpergewicht soweit auf die Erde wie möglich. Halt dich am besten an dem Pfosten dort fest und lass die Kamele nicht so nah herankommen,“ erkläre ich Tanja damit unsere Jungs nicht aus Versehen zu weit nach links abdriften und über den noch stehenden Pflock stolpern. „Ich kann auf dem wackeligen Draht kaum stehen,“ ruft mir Tanja zu nachdem sie ihre Position eingenommen hat. „Halt dich an dem Pfahl fest, ich laufe jetzt los,“ antworte ich und führe Sebastian vorsichtig an das Hindernis heran. Ohne Schwierigkeiten und wie gewohnt vorsichtig und bedacht hebt er seine Füße über die von mir geschaffene Astbarriere. „Das machst du sehr gut Sebastian. Ja richtig gut,“ lobe ich ihn rückwärts laufend, um die Karawane keine Sekunde aus den Augen zu verlieren. „Ich kann mich nicht mehr halten!“ ,erschreckt mich Tanjas Ruf. „Du musst!“ ,antworte ich entsetzt und sehe wie Hardie in diesem Augenblick direkt auf Tanja und somit auf den noch stehenden Holzpfosten zuläuft. Da die Astbarriere bei Tanja etwas niedriger ist sucht sich Hardie die vermeintlich einfachere Stelle. Leider straffen sich aber die Spanndrähte an dem noch stehenden Pfosten mindestens 30 Zentimeter über dem Boden. Ohne nur das Geringste tun zu können muss ich zusehen wie sich die kommende Katastrophe selbst überholt, um in einem waren Desaster zu enden.

Hardie knallt nun mit seinen Satteltaschen an den Holzpfahl, schleudert Tanja aus ihrem schwer zu haltenden Standpunkt, erschrickt durch den lauten Schlag den die Satteltaschen von sich geben als sie gegen das unverrückbare Hindernis treffen und bricht urplötzlich in Panik aus. Kaum ist er über die Drähte gestolpert rast er nach rechts, um Sebastian zu überholen. Jafar der gerade seinen Weg über den gefährlichen Stacheldraht sucht kann Hardies Flucht unmöglich folgen und wird durch das sich dramatisch straffende Nackenseil nach vorne gerissen. Dabei verliert er die Kontrolle über das Hindernis und bleibt mit seinen Vorderbeinen in dem jetzt tödlichen Draht Hängen. „Oh Gott, er hängt fest!“ ,brülle ich ohne helfen zu können, weil ich Sebastians Führungs- und Nasenleine halten muss. Da Jafar jetzt fest hängt strafft sich das Nackenseil zu Hardie noch mehr. Hardie in seiner Flucht behindert steigert seine Panik und versucht nun mit all seiner Kraft nach vorne zu laufen anstatt stehen zu bleiben. „Ööööhhhhääää! Ööööhhhhääää! Ööööhhhhääää, brüllt Jafar vor Schmerz, denn es kann nur noch Sekunden Dauern bis einer seiner Nackenwirbel unter dem gewaltigen Zug wie ein Ast bricht. Während er mit beiden Vorderbeinen in dem unnachgiebigen Zaun hängt geht er nun in die Knie, um seinen immer länger werdenden Hals noch mehr nach vorne zu strecken und möchte so der schlimmen Folter entgehen. „Das Seil! Das verdammte Seil! Wir müssen es abschneiden!“ ,brülle ich aus Leibeskräften. Noch ehe Tanja mit gezücktem Messer in das Chaos aus brüllenden Kamelleibern springt, bringe ich es irgendwie fertig Sebastian mit der linken Hand herumzureißen und mit der Rechten mein Messer aus der Gürtelschnalle zu reißen. Ich erreiche in einer äußerst grotesken Haltung, noch Sekundenbruchteile vor Tanja, Jafars Hals und schneide das 16 Millimeter starke Seil ab. Augenblicklich ist Jafars Leben außer Gefahr. Jetzt ohne den Nackenzug schafft er es sich aus der Drahtumschlingung zu befreien. Kaum hat er den scheußlichen Draht überwunden stürmt er ebenfalls nach vorne. In seiner wilden Flucht zerrt er, nun völlig führerlos, Istan, Edgar und Jasper über die messerscharfen Drahtschlingen. „Er haut ab. Mein Gott er ist frei und haut ab. Schnapp ihn dir!“ höre ich wie meine eigene Stimme den Wahnsinn durchdringt. „Ich nehme Sebastian!“ hämmert Tanjas Kommando durch meinen Körper. Sofort wechseln die Hände die durch die Luft wirbelnde Führungsleine. Wie ein Panter der seine Beute anspringt hechte ich, jetzt keine Sekunde zu früh, Jafar hinter her, springe an seinen Hals und bekomme das Halfter zu greifen.

Am ganzen Körper zitternd stehe ich sprachlos da und habe ihn unter Kontrolle. Nur der Gedanke, er wäre mit Istan, Edgar und Jasper in den Busch gerast, hätte seine Mates in seiner hoffnungslosen Panik um Bäume und Sträucher gewickelt, lässt mir schlecht werden. Wir hätten eventuell nicht nur unsere überlebensnotwendige Ausrüstung verloren, sondern höchstwahrscheinlich auch das ein oder andere Kamel. Es wäre somit also vorbei mit unserer Reise. Schnaufend stehe ich da und kämpfe gegen eine innere Übelkeit. „Alles klar bei dir?“ ,frage ich Tanja nach einigen Augenblicken der Ewigkeit. „Ja und bei dir?“ „Ist okay,“ bringe ich mit fester Stimme heraus und führe Jafar an seinem Halfter haltend hinter Hardie, den Tanja bereits abgehuscht hat. „War wiedereinmal knapp,“ meine ich. „Mir ist ganz schlecht,“ antwortet Tanja die Knie der Kamele zusammenbindend. „Hm, viel zu knapp. Das hätte Jafar um Haaresbreite seinen Hals gekostet.“ „Ich hatte schon ein komisches Gefühl als du den Zaun niedergelegt hast. Das Hindernis war einfach zu hoch. Vor allem konnte ich mich schlecht auf dem Zaundraht halten.“ „Ohne Zweifel war dieser Zaun eine heftige Warnung. In Zukunft werde ich wieder alles doppelt und dreifach absichern. Ich hätte die Drähte zuschaufeln sollen,“ antworte ich mir das abgeschnittene Seil ansehend. „Meinst du es ist noch lang genug?“ „Wenn wir Glück haben. Aber ich kann es immer noch als Hüterseil benutzen und wenn das auch nicht geht besitzen wir noch das Seil von Max,“ meint Tanja.

Es dauert bald eine Stunde bis ich den Zaun wieder aufgestellt habe und das ausgefranste Ende des teuren Seiles mit dem Feuerzeug soweit erhitze, dass es wieder ein ordentliches Ende besitzt. Dann lasse ich immer noch unter den Nachwirkungen der Zaunüberquerung leidend die Kamele aufstehen und suche den Track der laut Karte genau hier auf den Grenzzaun treffen soll.

Wieder müssen wir unseren Weg durch Spinifex- Windgras und Mulgawälder fortsetzen bis wir wenige Kilometer vor der Musty Well einen seit Jahren unbenutzten Pfad folgen. An dem Windrad nutzen wir die Gelegenheit unsere Tiere zu tränken. Obwohl sie sich erst vor wenigen Tagen ausgiebig vollgesoffen haben trinken sie noch mal 150 Liter.

Wir überqueren dann das ausgetrocknete Flussbett des Mueller Creek und befinden uns plötzlich auf einem sechs Spuren breit geräumten Farmtrack der sich wie mit dem Lineal gezogen nach Nordosten zieht.

Obwohl wir erst eine längere Rast hinter uns haben fühlen wir uns am heutigen Abend wie erschlagen. Bevor wir uns in die Schlafsäcke verziehen schuften wir beide ohne Pause. Wieder müssen, durch den Zwischenfall verursacht, zwei Sättel repariert werden. Auch Tanjas Isomatte sieht nicht gut aus nachdem sie im letzten Camp großen Schaden erlitten hat. Ein Willy Willy oder auch Windhose genannt, zog über unser letztes Camp und blies die Schlafsäcke von den Isolationsmatten. So hatten die heißen Sonnestrahlen die Matten so stark erhitz, dass das Gewebe von Tanjas Matratze geplatzt ist und am Fußende wie ein Ballon aussieht. Da wir wegen der enormen Kälte dringend eine Isolation zum Boden benötigen versuche ich die immer größer werdende Blase mit starkem Isolationsband einzudämmen aber so wie es aussieht ohne großen Erfolg.

Während wir dann unser Reiteressen zu uns nehmen kommt Rufus doch in den Genuss unseren Misserfolg zu fressen. Tanja hat die schwarzen Wände abgeschnitten und reicht ihm das verunglückte Brot. Rufus lässt sich nicht zweimal auffordern und verschlingt in wenigen Minuten unser Mittagessen für mindestens drei Tage.

Als wir dann im Bett liegen fragen wir uns wie wir dieses für uns nicht unerhebliche Problem lösen. „Vielleicht können wir Jo per Funk verständigen eine unserer Ersatz-Isomatten zu einer der kommenden Homestead zu schicken. Wenn wir Glück haben hält deine Isomatte noch zwei Wochen durch und bis dahin haben wir den Ersatz.“ „Wäre gut,“ antwortet Tanja mit schläfriger Stimme. „Hm,“ flüstere ich ebenfalls schläfrig und es dauert nicht lange bis mich der angenehme Nebel der Traumwelt umhüllt.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 61 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 452

Sonnenaufgang:
07:13

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
13,5

Tageskilometer:
20

Temperatur - Tag (Maximum):
23 Grad / nachts minus 8 Grad

Breitengrad:
22°46’33.2’’

Längengrad:
134°11’58.5’’