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Ein angenehmer Tag mit unangenehmen Ende

Hennie & Bill Nachschub-Camp — 12.07.2002

„Hurra Volltreffer!“ ,rufe ich freudig aus als ich endlich das sich im Wind drehende Windrad ein paar hundert Meter vor uns entdecke. Mit geflügelten Schritten eilen wir voran, doch noch bevor wir den Wassertank erreichen werde ich ernüchtert. „Da gibt es kein Wasser. Schau die Pumpstange ist gebrochen,“ erkläre ich auf das sich in der Luft sinnlos auf und ab bewegenden Ding deutend welches dafür verantwortlich ist das Wasser aus dem Erdinneren zu befördern. Ein Blick in den großen Wassertank verrät mir, dass hier schon lange kein Wasser mehr aufbewahrt wird. Der Boden des Tanks ist mit einer etwa 30 Zentimeter dicken, rissigen und völlig ausgetrockneten Schlammschicht bedeckt. „Ich bin mir sicher an der Bloodwood Bore auf Wasser zu treffen,“ sage ich zuversichtlich, denn noch besitzen wir Wasser für ca. drei Tage.

Schon weit vor der Bloodwood Bore hören wir wieder ein Motorengeräusch. „Was ist das? Ein Auto?“ ,fragt Tanja. „Hört sich eher wie ein Generator an,“ antworte ich denn ich erkennen den monotonen Klang. Gespannt laufen wir um einen Biegung und erwarten jeden Augenblick den Farmer zu treffen. „Er ist ein bisschen komisch. Es wäre nicht verkehrt ihm aus dem Weg zu gehen,“ hat man uns gewarnt weswegen wir etwas nervös sind.

Als wir endlich das riesige Windrad mit seinem Auffangbecken erreichen ist kein Mensch zu sehen. Der Dieselgenerator knattert vor sich hin und pumpt die kostbare Flüssigkeit an das Tageslicht. „Ich sehe mal nach ob es genießbar ist,“ sage ich und übergebe die Führungsleine. Vorsichtig ziehe ich mich am Beckenrand nach oben, steige auf den brüchigen Betonrand und halte mich an dem Rohr fest aus dem das klare Nass schießt. Dann halte ich mein von der Sonne aufgeheiztes Gesicht darunter und versuche vorsichtig ein paar Schluck, denn manche Wasserstellen befördern mineralienhaltiges, für Menschen ungenießbares Wasser. „Hmm lecker! Es ist gutes Wasser,“ rufe ich Tanja zu und strecke zur Freude meinen Daumen in die Höhe.

Nachdem wir unsere Sourcebeutel aufgefüllt haben tränken wir die Kamele. Vor lauter Durst verhalten sie sich wie die Irren. Als Sebastian seinen Eimer leert scheffeln die anderen aufgeregt nach vorne und ziehen sich dadurch gegenseitig an den Nasenleinen. Auch die vielen Rinder, die an der Wasserstelle herumlungern, lassen Jasper und Edgar in ihre übliche Nervosität ausbrechen. Ich klettere über den eisernen Zaun der Tränke und schöpfe Eimer für Eimer aus dem Trinktrog der Rinder. Da es zu aufwendig ist wegen jeden einzelnen Eimer wieder über den Zaun zu kraxeln muss Tanja alleine insgesamt 32 Mal hin und her laufen, um unseren durstigen Seelen die 320 Liter zu servieren. Es dauert über eine Stunde bis wir mit gestilltem Durst und vollen Wasserbeuteln die Tränke verlassen.

Nur wenig später finden wir einen wunderbaren Flecken Erde, um unser Wochenendcamp zu beziehen. Wir lassen die Kamele absetzte und freuen uns über den reibungslosen Tag als Jasper plötzlich aufspringt und sich mit lautem Getöse in einem abgestorbenen Baum setzt. „Bist du wahnsinnig Jasper!“ rufe ich und rase zu ihm denn in seinen Satteltaschen befinden sich 80 Liter der eben abgefüllten Kostbarkeit. Ehe wir Jasper beruhigen können, wird Edgar von der allgemein entstandenen Nervosität angesteckt und möchte ebenfalls aufspringen. Da seine Vorderbeine zusammengebunden sind klappt es nicht worauf er sich auf die Seite werfen will. Tanja und ich spurten zu ihn und versuchen den in Panik geratenen zu beruhigen. Im Augenwinkel entdecken wir das Übel des Aufstandes. Kühe stehen neugierig kuckend hinter einem Busch und wollen offensichtlich wissen was da für eigenartige Wesen Stellung beziehen. Plötzlich hält es Edgar nicht mehr aus und explodiert nach oben. Die Nasenleine von Jasper wird dadurch so derart gedehnt, dass er jammernd aufbrüllt. Zum gleichen Zeitpunkt beginnt Sebastian den Reigen des Paniktanzes am anderen Ende der Karawane fortzusetzen. „Mein Gott seid ihr jetzt alle verrückt geworden!“ ,brülle ich außer mir vor Wut. „Wie lange wollt ihr dieses Scheißspiel denn noch fortsetzen? Es sind nur Kühe meine Herren! Nur verdammte dumme Kühe! Sie beißen nicht und werden euch auch nicht auffressen. Es sind keine Monster! Hört ihr? Keine wilden gefräßigen Monster!“ ,brülle ich unsere Jungs an. Edgar ist das alles egal. Nach dem Motto einmal in Schrecken versetzt immer in Schrecken versetzt springt er wieder hoch. Das Nackenseil vom brüllendem Jasper zerrt gefährlich an dessen Hals. Sofort rase ich wieder zu Edgar, um ihn am Halfter nach unten zu zerren. Zu meinem Unglück bewegt er seinen Kopf ruckartig nach hinten als es unangenehm im Gelenk meines kleinen Finger knackt. Ein dunkler Schmerz durchfährt mich worauf ich sein Halfter blitzschnell loslasse. „Schnell wir müssen Jasper entladen!“ ,ruft Tanja weshalb ich wieder zu Jasper rase. Unter unangenehmen Schmerzen öffne ich in Windeseile seine Satteltaschen und zerre mit Tanja die Wassersäcke heraus. Während Edgar wieder versucht aufzuspringen und Sebastian vorne zur Seite robbt heben wir Jasper den Sattel vom Rücken. Dann entladen wir in der gleichen Geschwindigkeit Edgar und lassen ihn gehen. Wir atmen kurz durch. „Komm Rufus verjag die blöden Rinder!“ ,rufe ich. Rufus schießt nach vorne, rennt einen Kreis und kommt zurück. „Du sollst die Rinder verjagen,“ sage ich, doch er hat die Viecher, die sich hinter einem Busch versteckt halten, nicht gesehen. Kopfschüttelnd und entnervt entladen wir den Rest der Bagage und lassen uns kraftlos auf die Erde nieder.

Rein zufällig werfe ich einen Blick auf einen Wassersack und will im ersten Moment meinen Augen nicht trauen. Hunderte von Ameisen haben ihn in der kurzen Zeit belagert und knabbern an dem Material. Ich schieße hoch, um den Beutel abzuklopfen als ich das gleiche Dilemma auch an den anderen Wassersäcken entdecke. „Ich kann dir leider nicht helfen Denis. Ich kann mich nicht mehr bewegen!“ „Was?“ Was hast du denn?“ “Mein Rücken schmerzt höllisch. Du musst mich einrenken.“ Ich komme sofort,“ antworte ich befreie noch ein paar Wassersäcke von den elenden Schmarotzern und eile zu Tanja. Ich breite unsere große, massive Plastikfolie aus die wir als Zeltunterlage benutzen und helfe Tanja sich darauf zu legen. „Tief durchatmen. Ja so ist es gut. Eins, zwei drei,“ zähle ich und drücke mit meiner linken Hand ihr linkes angewinkeltes Knie und mit der rechten Hand ihre linke Schulter nach unten. Knack, hören wir es beide, worauf sich die Blockade in einem der Rückenwirbel wieder gelöst hat. „Ah, das war gut. Jetzt geht es wieder,“ bedankt sich Tanja und steht langsam auf. „Ich sehe mal nach unseren Jungs,“ sagt sie nach dem sie sich ein wenig gedehnt hat. „Geht es wirklich schon wieder?“ „Ja, ja,“ antwortet sie zuversichtlich und folgt unseren Kamelen, um sie zu hüten.

Nachdem ich unsere Betten aufgestellt, die Isomatten aufgeblasen und die feuchten Schlafsäcke in die letzten Sonnenstrahlen zum trockenen gelegt habe, kümmere ich mich um den Aufbau unserer Küche. Ich grabe in die harte Erde ein Loch für die Feuerstelle, beseitige mit der Schaufel in einem 10 Quadratmeter großen Umfang das leicht entzündbare Windgras und suche Feuerholz für die bald kommende frostige Nacht. Dann stelle ich den kleinen Klapptisch und die Klappstühle auf und zünde das Feuer an. Als Tanja von ihrer wichtigen Arbeit zurückkommt brennt das Feuer und der Billy dampft. Dann trage ich die Koordinaten unserer Position in das Logbuch ein und mache mir Notizen über die Erlebnisse des heutigen Tages. „Puh,“ fährt es Tanja über die Lippen als sie sich erschöpft in ihren Stuhl sinken lässt. „War ein anstrengender Tag.“ „Ja wirklich.“ „Wie geht es deinem Rücken?“ „Er schmerzt noch etwas aber morgen wird es wieder gut sein. „Was macht dein Finger?“ „Sieht aus als wäre er geprellt. Ich kann ihn kaum bewegen und es klackt etwas komisch im Gelenk.“ „Zeig her. Oh ist ja schon geschwollen.“ „Hm,“ antworte ich verdrießlich, denn heute hatte ich endliche einmal einen Tag ohne Knie- und Rückenschmerzen und ohne weiterer Blasenbildung. „Ist schon eigenartig. Anscheinend muss mir auf diesem Trip immer ein Körperteil weh tun,“ meine ich jetzt über mich selbst lachend.

Nachdem Tanja für uns Nudeln in leckerer Soße und Pinienkerne von Rapunzel für uns zubereitet hat schlagen wir uns den Bauch derart voll, dass wir uns kaum noch bewegen können. „Was hältst du davon einen Kuchen zu backen?“ ,fragt sie dann. „Du könntest mir keinen besseren Vorschlag unterbreiten,“ antworte ich.

Als der Bedourie mit dem Kuchenteig in der Glut steht behandle ich meinen Zehen. „Sie sehen schon wieder recht gut aus,“ sage ich und werfe ein Feuchtpapier in die Glut. Leider landet es mitten auf dem Bedourie. Da der gesamte Boden um uns herum wieder mit unzähligen Dornen und Stacheln verseucht ist und ich gerade keine Schuhe anhabe bitte ich Tanja das Tuch von dem Bedourie zu nehmen. „Mache ich,“ sagt sie und erhebt sich aus ihrem Stuhl. „Oh nein! Nein das darf doch nicht war sein!“ ,schreit sie auf, springt zur Feuerstelle und reißt ihr brennendes Lieblingshemd von Fjällräven heraus. „Wie kommt denn das ins Feuer?“ ,frage ich verwundert. „Ich weiß nicht. Es muss irgendwie an meinem Gürtel hängen geblieben sein,“ sagt sie traurig den verstümmelten Fetzen untersuchend. „Wenn du den verbrannten Stoff unter dem rechten Arm und die unteren Knopflöcher abschneidest kannst du es ja noch tragen. Es wärmt dich zwar nur noch auf einer Seite aber probieren kannst du es ja,“ versuche ich sie zu trösten. „Ach ich weiß nicht. Ich glaube es ist hin,“ sagt sie mit Bedauern.

Es ist bereits nach 22:00 Uhr als ich den Bedourie aus der Glut hebe. Der Kuchen duftet verlockend gut. Trotzdem kann ich mich beherrschen nicht davon zu naschen und flüchte vor der beißenden Kälte in meinen Schlafsack.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 57 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 448

Sonnenaufgang:
07:14

Sonnenuntergang:
18:04

Luftlinie:
18,8

Tageskilometer:
22

Temperatur - Tag (Maximum):
28 Grad / nachts minus 3,5 Grad

Breitengrad:
22°47’43.8’’

Längengrad:
134°04’11.1’’