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Trockene Äste würgen uns wie eine morsche Klammer

Gott sei Dank-Camp — 10.07.2002

Durch einen langen und tiefen Schlaf sind unsere Kraftreserven wieder aufgetankt. Das Lagerfeuer knistert und eine heiße Flamme züngelt sich mindestens 1 ½ Meter in den schwarzen Himmel. Im Osten kündigt eine kaum sichtbare Pastellfärbung den baldigen Sonnenaufgang an. Es ist 6:30 Uhr. Tanja nimmt den Billy mit kochendem Wasser aus der Feuerstelle und füllt unsere Becher auf. Heißer Kakao rinnt mir die Kehle hinunter und wärmt mir den Bauch. Genüsslich löffle ich dann mein Müsli und denke über den heutigen Tag nach. Ich spüre eine unbestimmte innere Unruhe und frage mich ob sie von der uns bevorstehenden Strecke rührt.

Hardie brüllt wieder wie ein ungebändigtes wildes Tier als ihn Tanja holt. Er reißt sein Maul weit auf und zeigt seine langen Zähne. Zwei seiner großen Eckzähne sind abgebrochen und vergilbt. Der tiefe Blick in seinen roten Rachen ist ohne Frage beängstigend. Gott sei Dank kennen wir ihn schon seit drei Jahren und wissen das hinter seinem Gebrüll nicht viel steckt. Trotzdem ist Vorsicht geboten denn wer weiß ob er nicht doch mal ausprobiert wie es ist einen seiner Herren einfach in den Arm oder Kopf zu beißen? Am Ende der letzten Etappe hat er es sich ja auch überlegt mich mal kräftig zu treten. Unabhängig von Hardies wilden Gebärden funktioniert das Laden reibungslos.

„Camis walk up!“ ,rufe ich wie jeden Morgen, um einen weiteren Lauftag zu beginnen. „Also hier sind noch zwei alte Autospuren,“ sage ich auf die rote Erde deutend. „Hm…, es sieht so aus als würden sie in einen Bogen führen und wieder in die gleiche Richtung gehen aus der wir gekommen sind,“ ergänzt Tanja unser gemeinsames Spurenlesen. „Ja…, du hast recht. Aber wo ist der Track? Laut Karte müsste er durch das Flussbett des Allungra Creek gehen. Lass uns die Kamele mal da runter führen. Wer weiß, vielleicht finden wir die Fortsetzung des Weges auf der anderen Uferseite?“ ,äußere ich mich und ziehe Sebastian die Böschung hinunter. „Langsam Denis. Ganz langsam,“ warnt mich Tanja die sich hinter der Karawane befindet, um mir mitzuteilen wie sich der Schwanz des Zuges beim bergabgehen verhält. „Gut so. Ja so sieht es gut aus,“ höre ich sie und freue mich alle Tiere ohne Zwischenfälle die steile Böschung heruntergebracht zu haben. Wir stapfen jetzt über weichen Sand durch das Zentrum des Allungra. Tote Bäume stehen am Ufer und erheben ihr Gerippe wie eine Mahnung in den morgendlichen Himmel. Dann führe ich unsere Lasttiere auf der anderen Seite die leicht ansteigende Böschung hoch und entdecke zu meinem Ärgernis einen Zaun. „Hier geht es nicht weiter!“ verständige ich Tanja die nach vorne kommt. Ich gebe ihr die Führungsleine und kundschafte das Flussbett nach einem Durchgang aus. Der Zaun grenzt an beide Ufer und massive Felsen verwehren uns die Passage durch das Bett. An dieser Stelle bleibt uns nur der Rückzug. Nachdem ich die Karawane wieder durch den Creek zurückgeführt habe finde ich ein großes Loch im Zaun. Ein ausgetretener Rinderweg geht in die von mir gewünschte Richtung. „Ich denke wir sollten da durch und dem Rinderpfad folgen. Keine Ahnung wo sich der in der Karte eingezeichnete Track befindet. Vielleicht gibt es ihn auch nicht mehr? Ich habe vier Kilometer südlich von hier eine Koordinate in das GPS eingegeben. Sie liegt auf dem Weg. Bis dorthin folgen wir der Kompassnadel. Wenn alles gut geht müssen wir spätestens dort auf den Track treffen. Hier in diesem verwundenen Allungra Creek kann es ewig dauern bis wir den Anschluss finden,“ sage ich erwägend und schreite voran.

Der Rinderpfad führt plötzlich in einen dichten Mulgawald. Äste versperren uns den Durchgang worauf ich es vorziehe wieder dem Flussbett zu folgen. Nach wenigen hundert Metern wird der Pfad immer enger, so dass wir gezwungen sind anzuhalten. Abgestorbene Bäume, Äste und Gestrüpp versperren uns den Weg. Mit großer Kraftanstrengung zerre ich einige Baumstämme auf die Seite, breche Äste von den Bäumen, damit auch unsere hochgewachsenen Wüstentiere durch das so geschaffene Tor schreiten können. „Camis walk up,“ rufe ich heute zum x-ten Mal und langsam drücken sich unsere Packtiere durch die von mir geschaffene Öffnung. Krrrchhchckckck! Krrrchhchckckck, schaben sich die Packtaschen an den Ästen vorbei dass es uns in den Ohren weh tut. Kaum haben wir weitere hundert Meter zurückgelegt liegt ein noch größeres Hindernis quer über das jetzt schmale Flussbett. „Camis udu!“ brülle ich. „Tanja ich brauche dich hier vorne.“ Wieder gebe ich Tanja die Führungsleine und wieder beseitige ich die vielen Äste und Baumstämme. Krrrchhchckckck! Krrrchhchckckck, schabt ,kracht und fetzt es an den Satteltaschen und Solarpaddeln.

Die Kamele folgen mir ohne zu murren. Es ist auch für sie sehr anstrengend denn sie müssen unaufhörlich über spitze Baumstümpfe, Steine und Astbarrieren schreiten. Am schwierigsten ist es für die letzten drei Jungs. Denn dadurch das alle mit einem Nackenseil und den Nasenleinen mit ihrem Vordermann verbunden sind bleibt ihnen nichts anderes übrig als genau den gleichen Weg ihres Vorläufers zu folgen. Würde nur einer von ihnen links an einem Baum vorbeigehen während die anderen sich ihren Weg rechts bahnen gäbe es eine Katastrophe. Der Baum würde in diesem Fall wie ein Brückenpfeiler zwischen den weiterschreitenden Tieren und dem Folgenden stehen. Das Nackenseil würde sich um ihn spannen und im Extremfall dem Unglücklichen den Nacken brechen. Am schlimmsten sind die Zickzackläufe. Während Sebastian mir noch locker hinterher steigen kann verkürzt sich nach hinten der Winkel und die anderen sind so gezwungen schneller um die mittlerweile unzähligen Hindernisse zu gehen. Um Unfälle zu vermeiden bewege ich mich jetzt wie eine Schnecke.

„Die Kompassnadel des GPS zeigt uns eine völlig falschen Kurs an. Wir müssen den Creek in südöstliche Richtung verlassen,“ rufe ich nach hinten. Angespannt suche ich das Dickicht zu meiner Rechten nach einem Durchgang ab. Ob ich es wirklich wagen soll die Karawane in dieses fürchterliche Gestrüpp zu führen? Es sieht aus wie ein undurchdringliches Labyrinth. Schon das ausgetrocknete Flussbett grenzt an einen immer schlimmer werdenden Alptraum. Aber dem Allungra weiter in die falsche Richtung folgen grenzt an Schwachsinn. Vor allem werden wir auf diese Weise nie aus diesem Irrsinn herauskommen. „Bleib gelassen Denis. Ganz ruhig und höre auf dein Gefühl,“ flüstere ich mir selbst Mut zu. Auf einmal entdecke ich einen Art Lichtung. Vorsichtig steige ich über die flache Uferböschung und folge der Waldschneise. Termitenhügel stehen wie Türme einer Ritterburg unkoordiniert herum. Wie eine Schlange winden wir uns um die Stadttürme der Bodenbewohner. Satteltaschen schaben über ihre Dächer und so manches gibt unter brechenden Geräuschen nach und fällt auf die Erde. Mir tut es leid um die wunderbare Architektur der Natur doch habe ich in diesem Augenblick in meiner gebeutelten Gefühlswelt nicht viel Spielraum für solche sozialen Gedanken. Mit bangen Blicken bemerke ich wie sich die Schneise mit jedem weiteren Meter nach vorne zuspitzt und immer enger wird. Ehe ich mich versehe legen sich die trockenen Äste eines undurchsichtigen Mulgawaldes wie eine morsche Klammer um uns. Als würde uns jetzt der Irrgarten zeigen wer hier der Herr ist beugen sich dicke Äste über unsere Köpfe, schnörkeln sich junge Triebe um längst verstorbenes Geäst, unterjochen stachliges Gebüsch kleine Pflänzchen und knechtet ein Hindernis das andere. Nackte Angst kriecht mir aus einem tiefen Inneren meines Körpers nach oben, immer höher bis sie die Macht  der Denkzentrale übernehmen will. „Hier geht es nicht mehr weiter!“ ,mache ich mir mit einem sehr ärgerlichen Aufschrei Luft. „Tanja ich brauche dich hier vorne,“ rufe ich, worauf sie sich durch das Gestrüpp einen Weg bahnt und die Führungsleine übernimmt.

Vorsichtig und bedächtig versuche ich meinen Körper durch eine regelrechte Verknotung von jungen, etwa zwei Meter hohen Bäumchen zu winden, um irgendwo eine Möglichkeit zu finden die Karawane durchzubringen. Verzweifelt sehe ich auf mein GPS und stelle fest, dass wir bereits zwei Stunden unterwegs sind und gerade mal zwei Kilometer hinter uns gebracht haben. Oh Gott lass uns hier nicht ins Verderben laufen. „Das kann doch einfach nicht wahr sein! So ein verdammter Dschungel! Und das mitten in Australien! Das gibt es doch niiicht!“ brülle ich meine Verzweiflung heraus. Als ob die vielen morschen Äste der alten Bäume, die ihre Kronen über den jungen Wald ausgebreitet haben, plötzlich zu stählernen Fingern werden, fühle ich mich gewürgt und gemartert. Meine Erregung, hier gegen eine undurchdringliche Wand aus verschlungenem, in alle Richtungen gekrümmtes Geäst anzukämpfen, steigert sich mehr und mehr. Stolpernd und Äste brechend kämpfe ich mich wieder zu Tanja und den Kamelen zurück. „Ich kann es einfach nicht fassen. Wir sitzen fest.“ „Ob wir umkehren sollen?“ ,fragt Tanja in so einer Situation wie immer mit ruhiger Stimme. „Keine Ahnung. Wir sind nur noch zwei Kilometer von dem Koordinatenpunkt entfernt. Ich weiß nicht welchen Weg wir gekommen sind? Wir müssten uns auf die gleiche Weise zurückkämpfen. Es muss doch eine Möglichkeit geben dieses verfilzte Gewirr von rätselhaftem chaotischem Gewächs wieder verlassen zu können? Aber wer weiß? Vielleicht geht es auch hundert Kilometer so weiter? Dann sind wir geliefert,“ schimpfe ich gegen die verzwickte Situation.

In meinem Inneren spüre ich einen stürmischen Kampf. Habe ich uns nach 4228 Kilometer in ein Verderben geführt? Blödsinn wir können ja wieder zurück. Es sind nur zwei Stunden. Aber was ist wenn die unzähligen spitzen Äste unsere Wassersäcke zerstören? Oder sich einer von uns oder ein Kamel hier drin einen Fuß bricht? Dann kann ich mit dem Signalsender einen Notruf in den Himmel schicken. Ob das Pflanzengeflecht die Funkwellen durchlässt? Warum nicht das GPS funktioniert ja auch, fliegen die Gedanken in meinem Gehirn hin und her. „Nur keine Aufregung. Gelassen bleiben. Sehe den Augenblick. Kämpfe Meter für Meter weiter. Irgendwann kommen wir hier raus,“ spreche ich mir selbst zu als ich mich in eine andere Richtung durch die Verworrenheit arbeite. Plötzlich finde ich wieder eine Möglichkeit die sechs Kamele 10 bis 15 Meter weiter zu führen. Krrrchhchckckck! Krrrchhchckckck hämmert es in unseren Ohren als die Tiere durch die vermeintliche Undurchdringlichkeit schreiten. „Camis udu!“ ,rufe ich schon eine Minute später als sich die jungen Stämme eines weiteren Waldstücks wie eine Armee der Unbesiegbaren vor uns aufreihen. „Ich bin dem Verzweifeln nahe und am Ende meiner psychischen Kräfte. Was sollen wir nur tun? Wir kommen nicht mehr weiter,“ sage ich bestürzt. „Stück für Stück Denis. Sehe es Meter für Meter. Du führst uns da schon heraus,“ spendet mir Tanja Mut.

Verzweifelt, unschlüssig und betrübt breche ich viele Äste, trage und zerre Baumstämme auf die Seite, um unseren Zug des Lebens eine Chance zu geben nur fünf Meter voranzustapfen. „Tanja! Hier geht es auch nicht mehr weiter. Warte dort auf mich ich laufe mal ein paar hundert Meter voraus!“ ,rufe ich ihr zu und zwänge mich durch die Verschlingungen der unzerstörten Natur eines Flussdeltas. Mein Knie wimmert und bitte um Ruhe. Die trockene Hitze und die Unklarheit solch einer aussichtlosen Situation schaffen es mich bald in die Knie zu zwingen. Selten in meinem Leben war ich so verzweifelt. Mutlosigkeit und eine Willenslähmung völlig neuer Art gesellen sich zu der in der Gedankenzentrale sitzenden Angst. In der letzten Stunde haben wir es vollbracht uns glatte 200 Meter durch das Wirrwarr der ungezähmten Umschlingungen zu schlagen.

Wieder stehe ich vor der Verknotung eines neuen Irrgarten. Von hier aus zeigt das GPS noch 900 Meter bis zum Koordinatenpunkt. An Umkehren ist jetzt für mich nicht zu denken. Obwohl 900 Meter weitere drei Stunden bedeuten können. Was ist, wenn der Koordinatenpunkt im gleichen Wahnsinn, in der gleichen Sackgasse endet? Soll ich mich dann entscheiden doch umzukehren? Das wäre ein weiterer Tag durch Wirrungen, Irrgänge und Windungen. Ein weiterer Tag durch ein dunkles Mysterium im Zentrum Australiens. Wenn sich dabei keiner verletzt wären wir wieder am Allungra Waterhole. Würden wir es dann mit unseren Wasservorräten zum nächsten Wasserloch noch schaffen? Meine Gedanken knebeln mich. Ich kann sie kaum noch unter Kontrolle halten. Das ist ohne Zweifel der Stoff zum durchdrehen. Aber was außer dem Tod bringt es, wenn man sein Gehirn der Panik freigibt?

„Wo bist du Tanja?“ ,rufe ich. In dem Gemisch aus Grünbraun, aus Grauschwarz und tausend anderen Nuancen der Tarnfarben sehe ich kaum fünf Meter voraus. „Hier! Hier sind wir,“ vernehme ich es rechts von mir. „Ich habe eine Möglichkeit entdeckt die uns mindestens hundert Meter weiterbringen wird,“ sage ich und ziehe Sebastian über einen dicken umgefallenen Baumstamm. Mittlerweile besitze ich kaum noch die Kraft die vielen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Die Kamele verhalten sich wie erstklassige Seiltänzer und setzen ihre Füße vorsichtig über die Baumwurzeln, Stämme und Äste. Krrrchhchckckck! Krrrchhchckckck, schaben die toten Astgerippe über die Solarpaddel, streifen an den Kameras vorbei, peitschen den Kamelen um die Ohren und bohren sich wie Pfeile in die Satteltaschen. Ich habe ein Stadium erreicht in dem mich die Ausrüstung kaum noch interessiert. Hauptsache einige der noch vollen Wassersäcke halten durch. Auch ist es mir völlig egal wie weit wir heute kommen. Nur eins zählt und das ist die Umklammerung des dichten Urwaldes hinter uns zu lassen.

Nach über erreichen wir wieder eine vielversprechende Lichtung. Noch 500 Meter bis zum Koordinatenpunkt spendet mir die Anzeige meines Satellitennavigationscomputers Mut. Das Gelände lässt uns die letzten zweihundert Meter etwas schneller vorankommen. Doch als wir zweihundert Meter über den Koordinatenpunkt hinaus sind und sich noch immer kein Weg zeigt beginnt sich die würgende Klammer von Angst und Verzweiflung erneut zu schließen. Noch dazu baut sich ein weiterer dichter Wald vor uns auf. „Camis udu!“ ,befehle ich und verschnaufe. Mit aller Anstrengung kämpfe ich gegen die Aufkommende Verzweiflung. Nur der Gedanke daran umkehren zu müssen, um unseren Weg wiederholt durch die Hölle zu schlagen, nur um dann am ausgetrockneten Allungra Waterhole zu landen, entmutigt mich. „Was ist Denis? Ist dort der Weg?“ ,fragt Tanja nach vorne kommend. „Ich glaube da ist kein Weg: Vielleicht habe ich auch falsch navigiert,“ sage ich mit hohler Stimme. „Aber da vorne. Das schaut doch wie ein Weg aus,“ antwortet sie und deutet auf eine 20 Meter von uns entfernte Braunfärbung. „Ist bestimmt nur eine unbewachsene Fläche wie es sie oft gibt.“ Tanja hört nicht auf mich, läuft um einen Mulgabaum und beginnt zu lachen: Ha, ha, ha, ha, ha, du hast es geschafft! Du bist der Größte! Du hast uns da raus gebracht! Da ist der Weg! Eindeutig, es ist der Weg! Ha, ha, ha,“ lacht sie ausgelassen. Sofort führe ich die Karawane um den Baum und trete auf den alten, schmalen Track der sich von Nord nach Süd durch das undurchdringliche Buschwerk zieht. Ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung durchströmt meinen Körper. Ein Glücksgefühl der Extraklasse nimmt von meinem System Besitzt und hebt meinen Gemütszustand in die höchsten Höhen. Hätte ich noch die Kraft dazu würde ich glatt einen Freudentanz aufführen der eine Preis gewinnen könnte.

„Was hältst du von Mittagessen?“ ,fragt Tanja über beide Backen grinsend. „Klar, packen wir es aus,“ antworte ich lachend und setze mich für ein paar Minuten auf die rote Erde, um das soeben erlebte verdauen zu können. „Mensch, dachte schon wir müssen wieder zurück.“ „Ich habe gehofft das wir es schaffen,“ antwortet Tanja und beißt in ihren Wanderfladen.

Der Wanderfladen ist eine ihrer Erfindungen. Schon während der zweiten Etappe haben wir uns entschlossen flache Brötchen im Bedourie zu backen. An jedem Rasttag oder besser gesagt Interview, Schreib- und Reparaturtag backen wir seitdem für die vor uns liegenden Lauftage Wanderfladen die Tanja mit dem bestreicht und belegt was die Vorräte bieten. Heute gibt es wieder Pfeffermichel. Pfeffermichel ist ein pflanzlicher Brotaufstrich der ähnlich lecker schmeckt wie Leberwurst. Manchmal, und das ist glücklicherweise heute, hat sie eine Gurke aus der Dose darauf gelegt. Als Nachspeise gibt es einen leckeren Schokoladenriegel von Rapunzel und einen Apfel. Wir haben herausgefunden, dass sich Äpfel recht lange halten, wenn sie in Zeitungspapier gewickelt sind. Sebastian trägt nun auf dem Notsitz eine Kiste mit den leckeren frischen Vitaminspendern. Da wir uns vorgenommen haben während der gesamten Strecke nicht zu reiten ist die Kiste da oben recht gut aufgehoben.

„Wie schmeckt es?“ ,will Tanja wissen. „Hm…, echt lecker,“ antworte ich kauend. Da wir uns zur Mittagsvesper nie setzen, sondern es während des Laufens einnehmen, nutzt Sebastian nach wie vor die Gelegenheit, um auch einen Bissen von unserem schmackhaften Mahl zu ergattern. Öööhhhäää, jammert er wenn ich mit meiner freien Hand seine Schnauze wegschiebe, um das was mein ist zu verteidigen.

Nur eine halbe Stunde später sind wir am nächsten von mir eingetragenen Koordinatenpunkt. Von hier aus soll es über 30 Kilometer querfeldein bis zur Spinifex Bore gehen. „Ich weiß nicht ob wir es wirklich wagen sollen. Das Erlebnis mit dem Mulagdschungel und dem Labyrinth steck mir sehr in den Gliedern,“ sage ich. „Welche Alternative haben wir?“ „Hm, eigentlich keine. Wir könnten vielleicht 20 Kilometer in Richtung Süden laufen bis wir auf den staubigen Sandover Highway treffen. Dann müssten wir ihm wieder 20 Kilometer nach Norden folgen, um spätestens dann 12 Kilometer querbeet bis zur Spinifex Bore laufen.“ „Klingt nicht gut.“ „Ist auch nicht gut.“ „Wir sollten versuchen für 500 Meter nach Osten zu gehen und wenn es zu dicht wird deine Alternative ausprobieren.“ „Gute Idee,“ antworte ich und biege in Richtung Osten ab. Es dauert nicht lange bis uns der Wald wieder umklammert. Ich folge seinen natürlichen Lichtungen und kann auf diese Weise dem zugewachsenem Gestrüpp entgehen. Zum Glück ist er mit dem Alptraum von vorhin nicht zu vergleichen.

Wir laufen auf einem Tierpfad und es dauert nicht lange bis wir offenes Spinifexgrasland erreichen. Ein großes Buschfeuer hat vor wenigen Monaten das Spinfexgras abgebrannt, so dass wir gut vorankommen. Obwohl wir oft über die unzähligen Grasbüschel stolpern ist der jetzige Marsch ein wahres Vergnügen. Unsere Augen stoßen nirgends an, nichts begrenzt unseren Blick. Ich genieße diese Freiheit vor allem wenn ich an den Klammerwald denke. Im Süden wird die ewige Ebene von einem Bergzug begrenzt und im Norden erkennen wir die Linie des Horizontes.

Früher als die letzten Tage beziehen wir unter einem allein stehenden Eukalyptusbaum unser Lager. Nachdem Entladen überprüfen wir unsere Wassersäcke und Ausrüstung auf entstandene Schäden. Es grenzt an ein Wunder. Bis auf ein paar winzige Kleinigkeiten wurde kaum etwas zerstört.

Hardie hat immer noch Schmerzen, worauf ich mich entscheide Stroh aus der Sattelstopfung zu nehmen. Obwohl ich hundemüde bin fange ich gleich mit der Arbeit an. Mit einem Messer schneide ich den Stoff auf und entferne da wo sich Hardies Höcker durch die Sattelöffnung quetscht etwa 10 händevoll Stroh. Tanja näht es dann wieder zu. Noch bevor es dunkel wird probieren wir den Sattel an Hardie aus. Er protestiert lautstark. Offensichtlich hat er Angst jetzt an seinem wohlverdientem Feierabend noch arbeiten zu müssen. „Ist ja nur für kurze Zeit,“ beruhigen wir ihn. „Ich glaube es hat nichts gebracht,“ sage ich enttäuscht. Ärgerlich auf die ständige Sattelarbeit hieven wir das schwere Ding wieder von seinen Rücken und lassen ihn gehen. Beleidigt guckt er uns an und schlurft zu einem Baum an dem er sein Abendfressen schmatzend fortsetzt.Als das Campfeuer in den nächtlichen Himmel züngelt kommt es uns vor als wären zwischen gestern und heute Wochen vergangen. „Mein Gott bin ich froh uns aus diesem Alptraumwald heile herausgeführt zu haben.“ Ich auch,“ antwortet Tanja, nippt den heißen Tee aus der Tasse und schaut nachdenklich in den klaren Sternenhimmel. „Was denkst du?“ ,frage ich sie ansehend. „Ach nichts. Nur…, es ist schön hier draußen. Ein wunderschönes Camp und ein wunderschönes Lagerfeuer,“ antwortet sie. „Ja, es ist wirklich wie ein Geschenk jeden Tag hier draußen sein zu dürfen.“ „Irgendwie weiß ich gar nicht mehr wo ich mich mehr Zuhause fühle. Hier in der Wüste oder in unserem kleinen Haus in Deutschland?“ „Du bist überall Zuhause. Wir laufen auf der Haut der Mutter Erde und es ist egal wo du bist. Dieser Planet ist unsere Heimat. Wir werden ihn noch viele Jahre gemeinsam erforschen. Wir werden noch viele Lagerfeuer haben und unzählige Abenteuer bestehen,“ sage ich leise. „Ein schöner Gedanke,“ antwortet sie und das Knistern des Feuers klingt wie ein wohlvertrautes Lied.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 55 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 446

Sonnenaufgang:
07:15

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
9,6

Tageskilometer:
12

Temperatur - Tag (Maximum):
25 Grad / nachts minus 4 Grad

Breitengrad:
22°44’08.0’’

Längengrad:
133°42’31.5’’