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Wasser und Zeit entscheiden im Outback über Leben und Tod

Allungra Waterhole-Camp — 09.07.2002

Heute klappt der Start ohne Aufregung und ohne wilde Bocksprünge von Jasper und Edgar. Jasper haben wir gestern wieder eine Nasenleine verpasst. Er mag sie zwar gar nicht aber dadurch, dass sein Halfterband mit dem Sattel von Edgar verbunden ist hat er den Packsattel mit seinen Bocksprüngen regelrecht nach hinten gezogen. Das bedeutet letztendlich Druckstellen für Edgar, denn wenn der Sattel nicht da sitzt wo er soll drückt er. Jasper der heute wie alle anderen auch von seiner Nasenleine gezogen wird läuft nun etwas missmutig hinter Edgar her.

Seit einer Stunde folgen wir einem halb verfallenen Zaun. So wie es aussieht wird die Aileron Station nicht mehr so gepflegt wie es vor Jahren mal gewesen sein muss, denn viele der Zäune und Gatter sind kaputt. Wir durchqueren ein weiteres Gatter welches seit unserem Aufbruch von New Haven mindestens das Zehnte ist.

„Das muss Harrys Einzäunung sein,“ sage ich nach rechts deutend als wir später an einer verlassenen, seit langem unbenutzten, Koppel vorbeikommen. Unser schmaler nicht befahrener Pfad mündet in einen benutzten Track. „Da sind erst vor kurzem einige Fahrzeuge gefahren,“ sage ich auf die Spuren im Sand deutend. Der schöne Weg windet sich durch eine immer noch traumhafte Landschaft. Kängurus und Emus sehen uns neugierig entgegen, recken ihre Hälse und springen dann davon. Ein weiterer Zaun zwingt uns in eine völlig falsche Richtung. Wir überschreiten einen leichten Hügel und wissen warum. In einer weiten Ebene entdecken wir ein halb ausgetrocknetes Wasserloch von gigantischem Ausmaß. Hunderte von Rinder ziehen blökend über die eingezäunte Wasserstelle. So weit das Auge reicht ist der Boden von unzähligen Rinderhufen zur unfruchtbaren Wüste zerstampft worden. Es sieht zwar ungemein interessant aus, zeigt uns aber welchen Schaden zu viele Rinder einem Land antun können.

Ein einzelner großer Baum steht abseits des Wasserlochs. In seinen Kronen breitet sich ein Adlernest aus. Der König der Lüfte sitzt in seinem Schloss und wirft uns misstrauische Blicke entgegen. Als ich die Kamera zücke hebt er sich elegant in den ewig blauen Himmel und zieht seine weiten Kreise über die beeindruckende Wüstenlandschaft. Es ist mit 38 Grad in der Sonne ein heißer Tag für uns. Wir schwitzen, genießen aber die Freiheit und vor allem die Einsamkeit und die Verbindung zur Mutter Erde. Die Satteltaschen ächzen leise baumelnd hin und her und verraten mir dass die Ladung perfekt sitzt. Der gleichmäßige wiegende Schritt unserer Lastentiere ist hingegen lautlos. Wie Perlen auf der Schnur folgen sie ihren Vordermann und tragen unsere überlebensnotwendigen Güter durch eine anscheinend niemals endende Abgeschiedenheit. Einer Isolierten Welt die in dieser Form nur wenige zu sehen bekommen.

Ganz unerwartet werde ich aus meinem Tagtraum gerissen. Rufus schießt wie eine Rakete los, um ein kleines Känguru zu jagen. „Rufus! Bist du irre geworden? Komm zurück! Komm sofort zurück!“ ,rufen wir uns die Kehlen heißer, doch er möchte nicht hören. Seinem Jagdeifer verfallen rast er dem armen Ding hinterher. Mit Entsetzen sehen wir wie der kleine Springer strauchelt und Rufus ihn erwischt. Wütend schieße ich los, fliege wie eine Gazelle über das Spinifexgras, um dem Känguru zu Hilfe zu eilen. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Hää?“ ,brülle ich und verpasse ihm eine mit der Leine, dass es ihm hoffentlich eine Lehre sein wird. Das Känguru neben mir rappelt sich ascheinend unversehrt wieder auf und setzt seine panische Flucht fort. Rufus, gerade noch Jäger und jetzt gejagter, flieht vor mir in großer Angst und sucht Schutz bei Tanja. Doch auch dort bekommt er eine Tracht Prügel die sich gewaschen hat. „Du wirst sofort reiten,“ schimpfe ich und hebe ihn auf Hardies Sattel. Da Hardie sich in diesem Augenblick aber keinen Reiter wünscht weicht er laut brüllend zur Seite aus worauf er die gesamte Karawane mit sich zieht. „Komm her Hardie. Mach mich nicht wahnsinnig,“ fluche ich mit dem winselnden Rufus im Arm. Endlich schaffe ich es dem Kamel den Hund zu verpassen und weiter geht unsere Wanderung.

Zu meiner Erleichterung scheinen die neuen Meindl-Schuhe der gleichen Größe das Blasenwachstum nicht zu fördern. Jedoch setzen am Nachmittag die Knieschmerzen wieder ein. „Ich kann bald nicht mehr weiter. Ich glaube wir sollten uns hier einen Lagerplatz suchen,“ sage ich. „Das Knie?“ ,fragt Tanja mitfühlend. „Hm, macht mich fertig dieses verdammte Knie. Ich denke es ist eine überreizte Sehne die plötzlich über einen Knochen rutscht. Wenn das geschieht habe ich das Gefühl als würde etwas das Gelenk total blockieren. Es ist in jedem Fall sehr schmerzhaft. Seltsamerweise funktioniert es eine Zeitlang wunderbar. Manchmal spüre ich gar nichts und wenn du es mit dem Kristall behandelst tritt eine Linderung ein.“ „Ich werde es mir heute Abend noch mal ansehen.“ „Ja, ich hoffe wir haben noch die Zeit und Kraft dafür.

“Da in der gesamten Gegend kaum Futter für unsere Kamele wächst laufen wir auf der Suche nach dem Grünzeug weiter und weiter, bis wir nach 30 Kilometern letztendlich das Allungra Waterhole erreichen. „Ich glaube nicht, dass es hier Wasser gibt,“ stelle ich während des Abladens fest. „Warum?“ „Es gibt kaum Tierspuren und vor allem keinen frischen Kuhmist,“ meine ich auf die Fläche deutend. „Haben wir noch genug Wasser bis zum nächsten Wasserloch?“ „Bis zur Spinifex Bore sind es noch zwei Tage. Das ist für uns keine Schwierigkeit. Selbst wenn es dort kein Wasser geben sollte werden wir in drei Tagen die Bloodwood Bore erreichen. Irgendwo wird es schon Wasser geben,“ beruhige ich Tanja.

Als wir den Sattel von Hardie heben brüllt er wie ein Löwe. Ich untersuche ihn genau und stelle an seinem Höcker verschiedene Druckstellen fest. „Der hat sich auf New Haven so derart herausgefressen, dass ihm jetzt der Sattel zu eng ist,“ erwähne ich nachdenklich. „Kannst du ihn größer machen?“ „Ich könnte ein längeres Mittelstück einsetzen. Heute ist es zu spät aber morgen werde ich es versuchen. Auf jeden Fall sollten wir ihm eine Medizin verabreichen. Was glaubst du?“ „Ich denke das ist eine gute Idee,“ antwortet Tanja und lässt Hardie zu seinem wohlverdienten Fressen gehen.

Während Tanja die Kamele hütet suche ich das Flussbett des Allungra Creek auf, um nach dem Wasserloch zu suchen. Humpelnd vor Schmerz laufe ich es auf und ab, durchquere es, um einem zweiten Wasserarm aufzuspüren. Leider bleibt meine Suche erfolglos. Ich finde nur verkrustete Tierspuren im betonharten, getrockneten Matsch. Würden wir unter akuten Wassermangel leiden würde ich hier graben aber so kann ich mir diese Arbeit sparen. Auf Grund unserer Erfahrungen der letzten zwei Jahre und 4000 Kilometer durch das Outback glauben wir nicht mehr was man uns über die Wasserstellen berichtet. Egal wer was erzählt. Es sieht so aus als wüsste heutzutage keiner mehr was es bedeutet zu Fuß in dieser Einöde unterwegs zu sein und plötzlich mit trockenen Wasserbeuteln dazustehen. Zu leichtherzig und natürlich nicht böse gemeint werden falsche Aussagen über vorhandenes Wasser an Wasserlöchern, Bore Löchern, Windrädern und Dämmen gemacht. Auf der kurzen Etappe von New Haven bis hierher ist Allungra nun schon die zweite Fehlinformation. Hätten wir keinen Wind an Patty Well gehabt wären wir schon lange trocken. Auf der ersten Etappe kamen wir in eine äußerst gefährliche Lage als unser Wasservorrat durch eine Fehlinformation nur noch für 1 ½ Tage ausreichte. (Tagebuchgesamtübersicht vom 20.09.00 Tag 132 Etappe Eins) Diesmal besitzen wir noch genügend von der kostbaren Flüssigkeit, um weitere vier Tage überleben zu können. Wichtig ist dabei zu erwähnen das nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommen darf, denn Wasser und Zeit entscheiden im Outback über Leben und Tod.

Da wir unsere Kamele vor fünf Tagen ausreichend getränkt haben werden sie noch durchhalten. Klar sind sie durstig aber zu dieser Jahreszeit können sie mindestens zwei Wochen und länger ohne Wasser auskommen. Aber auch da ist es von Kamel zu Kamel unterschiedlich. Einige benötigen, wie wir Menschen, mehr Flüssigkeit als der andere. Auch ist zu erwähnen, dass sie jeden Tag schwer arbeiten müssen und wenig Zeit zum Fressen besitzen.

Trotz der Wassersituation sind wir guter Dinge. Am Campfeuer studiere ich lange die Landkarten, um einen guten Weg für die uns bevorstehende Durchquerung zu finden. Ich messe für die nächsten 30 Kilometer gleich sieben Koordinaten heraus und programmiere sie in das GPS. Damit ich keinen Zahlendreher hineinbringe überprüfe ich sie noch mal.

„Ich bin gespannt was uns der morgige Tag bringen wird. Nach der Karte zu schließen kann es abenteuerlich werden. Ich habe vorhin versucht den Track zu finden der von hier in Richtung Süden führt, konnte ihn aber nicht entdecken. Wir werden ihn morgen Früh, bei besserem Tageslicht, ausmachen. Ich denke wir folgen ihn bis wir ihn nach ca. sechs Kilometer verlassen und durch das Buschland nach Osten gehen. Nach ca., 15 Kilometer treffen wir auf eine eingezeichnete Linie. Könnte ein Zaun sein. Wir werden an ihm entlang laufen bis wir auf den Sandover Highway treffen den wir wie den Stuart Highway überqueren. Von da geht es weiter durch den Busch bis zur Spinifex Bore,“ erkläre ich Tanja am wärmenden Campfeuer.

Tag: 54 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 445

Sonnenaufgang:
07:16

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
23,7

Tageskilometer:
30

Temperatur - Tag (Maximum):
26 Grad / nachts minus 5,5 Grad

Breitengrad:
22°41’28.6’’

Längengrad:
133°37’42.6’’

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