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Von der Wohnbox zur Arbeitsbox

Napperby Track-Camp — 03.07.2002

Gott sei gelobt, kommen am Morgen während des Landens keine Rinder und Pferde zur Wasserstelle. Sie haben anscheinend alle zusammen ihren Durst in der Nacht gestillt.

Um 10:00 Uhr verlässt unser Zug mit 190 Liter Wasser aufgetankt die Patty Well. Unter dem Gewicht schnaufend laufen die Kamele durch das hohe Gras, bis wir auf einen Track treffen. Eine halbe Stunde später biegt er in Richtung Norden ab. „Wir könnten hier 22 Kilometer querbeet laufen. Das würde bedeuten, dass wir uns mindestens 14 Kilometer sparen,“ sage ich nachdenklich. „Roy hat aber gemeint wir sollen lieber auf dem Track bleiben. Irgend ein Tor am nächsten Grenzzaun soll abgesperrt sein,“ erinnert mich Tanja. „Mir stinkt es zwar solche Umwege zu gehen aber wer weiß für was es gut ist,“ antworte ich und ziehe Sebastian nach Norden. Immer wieder begegnen wir großen Rinderherden die uns erst neugierig entgegenkommen aber sich dann wie gewohnt davon machen.

Am späten Mittag erreichen wir eine weite Staubpiste die laut Karte die Hauptverbindung von Napperby Homestead zum Stuart Highway ist. Wir verlassen unseren kleinen Track, um dieser ausgebauten Piste mindestens 60 Kilometer zu folgen. Seit der Durchquerung der Great Sandy und Gibson Wüste ist dies wieder die erste Straße der wir laufen. Obwohl sie nicht asphaltiert ist und nur von vier bis fünf Autos am Tag benutzt wird, kommt sie uns vor wie eine böse Wunde die man der Erde zugefügt hat. So weit das Auge reicht zieht sich diese rote Schneise durch das Buschland. Nichts kann darauf wachsen und links und rechts liegen immer wieder Flaschen, Dosen, Zigarettenschachteln und anderer Zivilisationsmüll herum. „Bin froh, wenn wir den Stuart Highway überqueren und diese unangenehme, von Maschinen gezogenen, Schneise wieder verlassen dürfen,“ sage ich.

Irgendwie fühle ich mich auf einen Schlag nicht wohl in meiner Haut. Nur die Berührung zu einer von Menschen gebauten Straßen lässt mein Inneres aufwühlen. Ob ich auf der anderen Seite Australiens den Kontakt zur Zivilisation ertragen werde? Gedanken rasen mir durch die Gehirnwindungen und auf einmal kann ich die Einsiedler verstehen die sich bewusst vom westlichen Lebensstil völlig zurückziehen. Nach so einer langen Strecke durch die Einsamkeit, mit nur gelegentlichen Zusammentreffen der eigenen Rasse, fällt es mir immer schwerer an hektische Städte, stark befahrene Straßen, Einkaufszentren, genervte Menschen, wichtige Geschäftsleute, die Börse, Ampeln, Schilder, Werbespots, Nachrichten, Zeitungen und all die Dinge zu denken die dort draußen so alltäglich sind.

Ich denke daran wie wir Menschen in Boxen leben die wir Häuser nennen. Wie die meisten Bürger jeden Morgen ihre Box verlassen, die Tür hinter sich zuschlagen, um die Tür einer anderen Box zu öffnen, welche wir Auto nennen. Mit einer guten Heizung im Winter und manchmal einer Klimaanlage im Sommer fahren wir Menschen dann in der Box auf Rädern zu der Arbeitstelle die sich für die Meisten wieder in einer Box befindet. Meist bekommen sie nicht einmal zu spüren wie das Wetter ist, werden nicht nass, müssen nicht schwitzen oder frieren. In der Arbeitsbox sehen sie dann den ganzen Tag in einen Kasten der Computer heißt und wenn die Sonne am Abend untergeht schalten sie den Kasten aus, verlassen ihre Arbeitsbox, um in der Box auf Rädern zur heimatlichen Wohnbox zu fahren…

Wahrscheinlich ist es die Einsamkeit die mich solche Gedanken denken lässt aber mit nichts in der Welt möchte ich das Leben hier unter dem freien Himmel mit dem Leben von Boxen und Kästen eintauschen. „Du musst verrückt sein so lange da draußen zu leben,“ hat vor wenigen Tagen ein Moderator zu mir gesagt, worauf ich ihm seine Boxensituation erklärte. (Jeden Freitag geben wir Interviews zu verschiedenen Radiostationen über unser Satellitentelefon) „Meinst du wirklich die Abende am Campfeuer, das Schlafen unter dem Sternenzelt, das Laufen über die Haut unserer wunderbaren Mutter Erde und das Leben mit Tieren ist verrückt?“ ,fragte ich ihn. „Nein du hast recht, ihr lebt ein wunderschönes Leben,“ antwortete er nachdenklich.

Jetzt, nachdem wir auf dieser Staubpiste laufen, geht mir all das durch den Kopf. Am liebsten wäre es mir jeder Mensch könnte unsere Erfahrungen sammeln. Doch viele wollen es gar nicht. Die Meisten können es auch nicht, weil es an Geld mangelt oder tausend andere Gründe dagegen sprechen. Wie intensiv ich auch immer wieder und immer wieder darüber nachdenke, mir fällt es nicht ein wie man mehr Menschen von dem Sackgassenleben unserer entstandenen Zivilisation wegbringen kann? Wie kann man die Menschen wieder mit ihrer Herkunft, mit ihrer wirklichen Identität und der Mutter Erde verbinden?

„Da kommt ein Auto,“ reißt mich Tanjas Warnruf aus meinen Gedanken. Sofort führe ich die Karawane an den Straßenrand. Roy hält mit seinem modernem Jeep neben uns an. „Ah, schön euch noch mal zu treffen. Habt ihr euch immer noch nicht verlaufen?“ ,fragt er lachend. „Bis jetzt noch nicht,“ antworte ich. In dem kurzen Gespräch erfahren wir, dass er gestern mit seinen Jackeroos 1200 Rinder 20 Kilometer zu Fuß von einem Gehege zum anderen getrieben hat. „War ein anstrengender Tag,“ sagt er im Plauderton. „Glaube ich. Ist bestimmt nicht einfach so viele Rinder unter Kontrolle zu halten?“ „Du sagst es.“ „Weißt du ob die Spinifex Bore Trinkwasser hat?“ „Wenn du die Spinifex Bore auf der anderen Seite des Bergzuges meinst? Nein, da ist nur ein Loch im Boden und sonst nichts.“ „Hast du ein paar Sekunden Zeit? Ich hole schnell die Karte. Vielleicht kannst du mir noch zeigen wo es in dieser Gegend hier Trinkwasser gibt?“ „Sorry Mate, bin schon spät dran. Muss dringend zu einem Meeting,“ antwortet er, verabschiedet sich und braust davon.

Ich nehme es ihm nicht übel. Er wird nicht wissen wie wichtig für einen Wanderer Wasser hier draußen ist. Aber sein Meeting ist bestimmt überlebensnotwendig für das Geschäft. Außerdem kann er sich fragen welchen Sinn es macht hier draußen freiwillig mit Kamelen herumzulaufen? Bringt ja nichts ein.

Meine Gedanken überschlagen sich noch mehr als vorher. Schweigend ziehen wir weiter. Um 15:00 Uhr finden wir einen Platz mitten im Spinifexgras, um unser Lager aufzuschlagen. Wegen der hohen Brandgefahr beseitige ich mit der Schaufel auf einer mindesten 10 Quadratmeter großen Fläche das Spinifex. Dann grabe ich ein Loch für die Feuerstelle, suche herumliegendes Holz und koche den Billy. Tanja hütet in der Zwischenzeit wie gewöhnlich unsere Lasttiere. Als es dunkel ist unterhalten wir uns über den Tag und die vielen Eindrücke die wir wieder gewonnen haben.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 48 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 439

Sonnenaufgang:
07:19

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
16,9

Tageskilometer:
22

Temperatur - Tag (Maximum):
24 Grad / nachts minus 8 Grad

Breitengrad:
22°40’44.5’’

Längengrad:
132°57’44.1’’