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Luftblasen steigen gehrend zur Oberfläche

Patty Well-Camp — 02.07.2002

Das Laden dauert heute eine halbe Ewigkeit. Der neue Ladeplan hat mich aus meiner Routine geworfen und so benötige ich länger als gewohnt, um die einzelnen Gepäckstücke und Säcke richtig in den Taschen zu platzieren. Als Tanja Edgar die Nasenleine an seinem Nasenpflock binden möchte gebärdet er sich wie ein Wilder. Er reißt seinen Kopf zurück, nur um ihn Bruchteile von Sekunden später zur Seite zu schleudern. Flink weichen wir seinen gefährlichen und unverhofften Bewegungen aus. „Er hat anscheinend keine Lust auf Laufen,“ meint Tanja. Konzentriert und auf alles gefasst stelle ich mich neben das sitzende und bereits herunter gebundene Kamel, um seinen Nasenrücken zu fassen. Wieder und wieder schafft er es auszuweichen. Plötzlich wirft er seinen mächtigen Kopf in den Nacken und spuckt in einer vulkanartigen Fontäne sein Wiedergekautes in die Luft. Obwohl wir beide wieder schnell zur Seite springen trifft uns der ekelhaft, stinkende Regen. „Und ich habe heute Früh ein frisches Hemd angezogen. Danke Edgar,“ schimpfe ich und lasse jetzt kurz entschlossen meine Hand nach vorne schießen. Diesmal bekomme ich seinen Nasenrücken zu greifen, worauf er uns wieder mit seinem stinkendem Mageninhalt bespukt. Tanja nutz die Gelegenheit und befestigt die dünne Verbindungsschnur an seinem Nasenpflock. „Heute Abend lasse ich die Nasenleine nach dem Entladen dran,“ meint sie verärgert.

Normalerweise entfernen wir die Nasenleinen jeden Abend damit die Tiere ungestört fressen können. In Edgars Fall haben wir bereits auf der letzten Etappe die Nasenleine nach dem Entladen am Pflock gelassen und das andere Ende in das Halfter gesteckt. Da er sich jetzt jeden Morgen vor dem Laden mehr und mehr aufregt entscheiden wir uns wieder die alte Methode anzuwenden. So merkt Edgar beim Beladen gar nicht wie seine Nasenleine mit dem Vordermann verbunden wird.

Edgar und auch Jasper, die wir letztes Jahr trainiert haben, wollen beide nicht an der Nase gefasst werden. Der Farmer, der sie gefangen hat, erzählte uns, dass es ein großer Kraftakt war ihnen die Nasenlöcher zu stechen. „Wir mussten einem von ihnen den Pflock regelrecht in die Nase schlagen. Den anderen haben wir dann auf der linken Seite gestochen, weil es rechts nicht ging,“ erzählte er. Das ist natürlich eine Erklärung warum die beiden jetzt einen Horror davor haben am Nasenpflock angefasst zu werden. Es kann lange dauern und benötigt viel Geduld und Liebe bis Edgar und Jasper über die Erinnerung eines solchen schrecklichen Erlebnisses kommen.

Auf dem heutigen Marsch reißt Jasper zweimal sein Halfterband. Da auch er sich wie eine explodierende Handgranate verhält, wenn wir ihn an seinem Nasenpflock mit dem vor ihm laufendem Kamel befestigen wollen, nutzen wir bei ihm das von Tanja erdachte System. Leider hat er mittlerweile festgestellt wie er es abreißen kann und werden so immer wieder aufgehalten.

Nach drei Kilometern erreichen wir das Grenztor der großen Einzäunung. Tanja öffnet es und unsere Karawane schreitet ruhig und gelassen hindurch. „Ab jetzt wird es keine wilden Kamelbullen mehr geben,“ meine ich. „Das wäre gut. Dann haben wir für die nächsten 2400 Kilometer ruhige Nächte.“ „Kann sein. Vielleicht sehen wir noch ein paar wilde Hengste, wenn wir den Nordbereich der Simpson Wüste durchqueren, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht daran,“ antworte ich und führe unsere Jungs weiter.

„Da vorne ist das Windrad von Patty Well,“ deute ich am Nachmittag auf die, aus der Entfernung grotesk aussehende, Konstruktion. Eine große Rinderherde befindet sich gerade an den Wassertrögen, um ihren Durst zu stillen. Als die Tiere uns sehen kommen sie uns neugierig entgegen. Dann wird dem Rindsvolk unser Anblick doch suspekt und sie rasen in panikartiger Flucht davon. „Die haben bestimmt noch nie in ihrem Leben Kamele gesehen,“ lache ich. „Vor allem welche die beladen sind,“ fügt Tanja hinzu und eilt voraus, um festzustellen wie wir an die zwei großen Wasserauffangbecken kommen können. „Ich denke wir sollten durch das Tor dahinten,“ empfiehlt sie dann. Ich übergebe Tanja die Führungsleine von Sebastian und sehe mir das Tor genauer an. „Verdammt, es ist abgesperrt,“ rufe ich als ich das massive Schloss und die Kette entdecke. „Ich sehe mir mal die Tanks an,“ rufe ich Tanja noch zu und klettere über das Gatter in die Rindergehege. Als ich in den einen Wassertank blicke trifft mich fast der Schlag. Mindestens zwei Meter hohes Schilfgras bedeckt den gesamten Inhalt. Luftblasen steigen gärend zur Oberfläche und ein Gestank von Fäulnis schlägt mir entgegen. Entsetzt hetze ich zum anderen Tank, doch auch da schockt mich der gleiche Anblick. „Das Wasser ist total verdorben. Ich glaube nicht mal das wir es filtern können,“ meine ich niedergeschlagen. Unser Blick fällt auf das stillstehende Windrad. Kein Luftzug regt sich. An einem der Becken befindet sich ein Elektromotor mit dem man bei Windstille das kostbare Nass aus der Erde pumpen kann. Nur leider haben wir keinen Generator in unserer Satteltasche. „Haben die nicht gesagt wir können hier Trinkwasser bekommen?“ äußert sich Tanja ärgerlich. „Ja haben sie. Wahrscheinlich hat keiner daran gedacht dass wir keinen Strom produzieren können,“ antworte ich ebenfalls ärgerlich und ironisch. „Ob sich das Windrad mit den Händen bewegen lässt?“ will Tanja wissen. „Vergiss es. Die Kraft bringen wir nicht auf.“ „Was schlägst du vor?“ „Hm, wie viel Wasser besitzen wir noch?“ „Knapp 30 Liter.“ „Zumindest müssen wir in den nächsten Tagen nicht verdursten. Ich denke wir sollten hier neben der Wasserstelle unsere Tiere entladen und solange warten bis Wind aufkommt. Dann können wir das frisch gepumpte Wasser dort aus dem Rohr in unsere Wassersäcke füllen,“ sage ich nachdenklich.

Kurz entschlossen führen wir die Tiere neben die Wasserstelle und lassen sie auf einem schmalen Rinderpfad nieder huschen. „Ob uns die Rinder, die abends zur Tränke kommen, Schwierigkeiten bereiten werden?“ „Keine Ahnung. Wir haben jetzt sowieso keine andere Wahl,“ stelle ich etwas mürrisch, über die unangenehme Situation, fest.

Plötzlich beginnt Sebastian laut zu brüllen, während sich Edgar versucht auf die Seite zu werfen. „Ruhig Jungs! Nur ruhig!“ rufen wir. „Da vorne,“ sagt Tanja auf Wildpferde deutend die uns in einem Abstand von hundert Metern anstarren als wären wir Geister. „Die wollen zur Tränke,“ stelle ich nervös fest. „Beeil dich, wir müssen die Kamele so schnell entladen wie es nur geht,“ ruft Tanja und wir geben alles was in unseren Körpern steckt. Durch das Auftreten der Wildpferde bis an die Grenzen verängstigt, versucht Edgar unaufhörlich aufzustehen. Seine Satteltaschen knallen dabei hoch und nieder. Jasper, der ebenfalls außer Rand und Band geraten ist tut alles, um die Situation zu verschärfen. Sebastian brüllt wie ein Löwe und scheffelt seinen Körper um 180 Grad herum das Hardie der Hals fast abgedrückt wird. „Kamele! Kamele! Kamele! Warum habt ihr vor allem in der Welt Angst? Warum haben wir uns entschieden mit euch zu reisen?“ ,rufe ich in diesem Augenblick wütend und verzweifelt. Als dann auch noch eine Rinderherde auftaucht, und sich blökend darüber beklagt, dass wir vor ihrer Wasserstelle campen, kocht der Kamelhexenkessel wiedereinmal böse auf.

Irgendwie schaffen wir es die gesamte Ladung unversehrt von unseren Gefährden zu heben und sie gehen zu lassen. Tanja läuft ihnen gleich hinterher damit sie in ihrer Angst nicht davon springen. Auch wenn sie Hoppeln anhaben können sie in Panik beachtliche Geschwindigkeiten entwickeln. Doch kaum dürfen sie an ein paar Büschen fressen, beruhigen sie sich schnell und vergessen ihre Aufregung als wäre sie nie da gewesen. Selbst die Wildpferde und die gesamte Rinderherde sind auf einmal nicht mehr interessant. „Kamele, Kamele, euch soll einer verstehen,“ meine ich kopfschüttelnd.

Während Tanja die Tiere in die Tränke führt baue ich unser Camp auf. Ein Hengst traut sich in der Zwischenzeit immer näher an uns heran. Er schnaubt aufgeregt, sieht mich an und galoppiert zu seinen Artgenossen zurück. Aufgewühlt und getrieben von ihrem Durst galoppieren sie vor unserem Lager auf und ab bis es einer wagt in einem Abstand von ca. 30 Metern an den Sätteln vorbeizutraben. Stolz und kraftvoll betritt er die Wasserstelle und holt sich was ihm gebührt. Es dauert nicht lange, bis ihm auch die anderen Wildpferde folgen. Nur die Rinder haben zuviel Angst, um sich an uns vorbeizuwagen.

Tanja befindet sich mittlerweile im angrenzenden, ausgetrocknetem Flussbett des Day Creek. Dort finden unsere Kamele ausreichend leckeres Grünzeug. Wir stellen fest, dass die vielen Rinder für uns kein Futterproblem darstellen, weil Kamele offensichtlich auch einige der Pflanzen fressen die Rinder verschmähen. Ich sehe Tanja zu wie sie in den goldenen untergehenden Sonnenstrahlen wie eine Silhouette eines Schattenspiels durch das staubige Flussbett läuft und unverständliche Handzeichen in die malerische Abendluft malt. „Was willst du?“ ,rufe ich. „Der Wind! Beeil dich… der Wind!“ ,vernehme ich ein paar Wortfetzen. Wie ein glühender Pfeil durchfährt mich die Erkenntnis. Auf der Stelle drehe ich mich um die eigene Achse und sehe wie sich das Windrad der Wasserstelle bewegt und frisches Wasser aus dem Erdinneren an die Oberfläche pumpt. Sofort greife ich mir die Wasserbeutel und eile zum Windrad, um sie aufzufüllen. Als Tanja mir zu Hilfe kommt habe ich bereist 100 Liter abgefüllt. Eine halbe Stunde später tragen wir 190 Liter überlesnotwendige Flüssigkeit zu unserem Lager. Wir schlichten die Beutel aufeinander und als ich die Verschlüsse auf ihre Dichtigkeit prüfe fällt mein Blick auf das in der Sonne glänzende Windrad. „Es steht. Sieh nur… es steht wieder,“ sage ich. „Mutter Erde hat uns den Wind geschickt,“ antwortet Tanja lachend. „Sieht so aus,“ gebe ich ihr recht und muss ebenfalls lachen. Kakadus kommen plötzlich in Scharen angeflogen und setzen sich kreischend auf den Rand des Wasserauffangbeckens. Neben all den großen Tieren stillen auch sie ihren Durst.

Schnell sind unter diesen glücklichen Umständen die hektischen Geschehnissen des Entladens vergessen. Wir sitzen an unserem wärmenden Feuer und essen wie die ausgehungerten Löwen gleich zwei Reiteressen.

Nachts werde ich von einem leichten Dröhnen geweckt. Verwundert strecke ich meinen Kopf in die kalte Finsternis. Im Licht des abnehmenden Mondes sehe ich sie. Die Rinder wagen sich in größeren Gruppen an uns vorbei, um ihre trockenen Kehlen zu wässern.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 47 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 438

Sonnenaufgang:
07:19

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
19

Tageskilometer:
23

Temperatur - Tag (Maximum):
24 Grad / nachts minus 6,5 Grad

Breitengrad:
22°46’33.9’’

Längengrad:
132°50’10.4’’