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Stacheln, Dornen & das schönste Wetter meines Lebens

Kamel Feinschmecker-Camp — 29.06.2002

Nach einer bitterkalten Nacht werden wir von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Müde und mit schmerzenden Gliedern liege ich in meinem Schlafsack und beobachte die aufgehende Sonne. Das Bimmeln der Kamelglocken lässt darauf schließen, dass unsere Jungs bereits an den zahlreichen Büschen und Sträuchern naschen. „Uhhaa, ist das schön nicht mitten in der Nacht aufstehen zu müssen,“ gähnt Tanja. „Ja… wunderschön. Ich beginne den Tag erst wenn das Thermometer über Null Grad gestiegen ist,“ antworte ich mich noch mal auf die Seite legend.

Durch die immer kälter werdenden Nächte benutzen wir seit geraumer Zeit zwei Schlafsäcke. Unser Hauptschlafsack mit seiner dicken Polyesterfüllung reicht nicht aus um uns warm zu halten. Zum Glück haben wir einen leichten und dünnen Sommerschlafsack dabei den wir jetzt jede Nacht in den Hauptschlafsack legen. Mit seiner Daunenfüllung ist er angenehm warm und das Zwiebelsystem der beiden Schlafhüllen stellt sich als geradezu genial heraus.

Um 10:00 Uhr hat es erst 9 Grad. Wir sitzen am wärmenden Lagerfeuer und essen unser Müsli. Nur langsam kommen unsere Körper in Schwung. Die Anstrengung der letzten 161 Kilometer und das entsetzliche Gebärden unserer Kamele als wir sie gestern Abend entladen haben, steckt uns in den Knochen. Ohne Zweifel war es ein schneller Start. Unsere Körper hatten kaum die Chance sich an die täglichen Anstrengungen der Expedition zu gewöhnen. Es ist ja nicht nur das Laufen, sondern auch das tägliche Be- und Entladen, Campauf- und Abbau, unvorhergesehene Vorkommnisse und Zwischenfälle, das Navigieren, Kamelehüten und einiges mehr. Wir sind jetzt auf jeden Fall froh ein paar Tage hier in diesem paradiesisch schön gelegenen Rastcamp verbringen zu dürfen. Natürlich bedeutet das für uns nicht unter einem Baum zu liegen und alle Viere von sich zu strecken. Alle unsere bisherigen Rastcamps waren sehr arbeitsreich. Wir sind meist damit beschäftigt irgendwelche Reparaturen an den Sätteln und der Ausrüstung durchzuführen, zu schreiben und unsere Blasen und kleineren Blessuren ordentlich zu verarzten.

Tanja öffnet am Nachmittag einen weiteren Lebensmittelsack von dem wir uns die nächsten zwei Wochen ernähren werden. Das bedeutet zum Beispiel dass sich die Ladung von Jafar und Hardie völlig verändert. Hardie, der die tägliche Küche trägt, bekommt den Inhalt des neuen Sackes links und rechts in seine vorderen Satteltaschen verteilt. Jafar fehlt nun auf der rechten vorderen Seite der 34 Kilogramm schwere Nahrungssack. Auch seine Ladung muss jetzt völlig verändert, neu verteilt und gewogen werden. Die Konsequenz daraus ist, das Tanja einen neuen Ladeplan schreibt der in diesem Fall drei Kamele betrifft. Nachdem sie damit fertig ist näht sie an zwei Sätteln, an dem das Verbindungsseil zum hinteren Kamele das Sackleinen aufgerieben hat, ein Stück Segeltuch darüber. Auf diese Weise vergeht unsere Rastzeit schneller als wir möchten.

Wir genießen unseren Aufenthalt in diesem von Gräsern, Disteln, Grünzeug, dichtem Gestrüpp und Bäumen umgebenem Camp. Die Kamele befinden sich ohne jeglichen Zweifel in einem sagenhaften Fressparadies. Wo sie auch hintreten und schauen wachsen die besten Leckerbissen. Ständig bimmeln ihre Glocken und verraten uns dass sie sich in einem regelrechten Fresswahn befinden. „Ich glaube sie werden bald platzen,“ lache ich auf Hardie deutend der sich eine Distel nach der anderen einverleibt. „Schau mal seinen Bauch an. Bei genauer Betrachtung sieht er aus wie ein Fass auf Beinen,“ meine ich noch, worauf Tanja ebenfalls herzhaft lacht.

Rufus gefällt es in dem Camp hingegen nicht besonders gut. Durch die reiche Vegetation gibt es geradezu unendlich viele Dornen und Stacheln. Er kann kaum einen Meter laufen ohne sich so ein entsetzliches Ding einzutreten. Selbst für uns sind die vielen spitzen Stacheln, Nadeln und Dornen recht qualvoll. Sie bedecken nahezu lückenlos das gesamte Erdreich und wir finden sie nach kurzer Zeit überall in unserer Kleidung. Selbst im Schlafsack piekst es an den verschiedenen Stellen recht unangenehm. Wir müssen höllisch darauf achten keine Socken oder andere Kleidungsstücke auf den Boden fallen zu lassen sonst sind sie nahezu hoffnungslos mit dem kleinen Stachelzeug verseucht.

Feuerholz gibt es hier in Hülle und Fülle. Ganze Bäume, die vor einiger Zeit anscheinend von einem Buschfeuer getötet wurden, liegen herum. Am Abend schleppe ich einige solcher Prachtexemplare heran und entfache für uns ein großes wärmendes Feuer. Tanja hat den Teig für einen Nusskuchen zusammengerührt den ich jetzt im Bedourie in die Glut stelle. (Campofen oder Bedourie ist eine runde, relativ schwerer Blechform mit einem Durchmesser von ca. 30 Zentimeter. Sie ist geeignet, um jegliche Art von Nahrung in der Glut des Lagerfeuers zuzubereiten und soweit ich weiß eine Erfindung der Australier.)

Mittlerweile habe ich eine besondere Methode entwickelt die mir, natürlich unter großer Aufmerksamkeit, gewährt unseren Kuchen nicht mehr anbrennen zu lassen. Dadurch, dass unser Feuer den ganzen Tag leicht vor sich hingezüngelt hat ist der Boden der Feuerstelle wie eine Kochplatte aufgeheizt. Ich schiebe also mit der Schaufel die gesamte Glut auf die Seite, stelle den Bedourie auf den aufgeheizten Boden, schaufle eine dünne Schicht Glut auf den Eisendeckel des Campofens und warte. Alle fünf bis zehn Minuten hebe ich den Campofen aus der Feuerstelle, entferne die Glut vom Deckel und sehe nach ob unser Leckerbissen auch ja nicht Zeichen des dunkel werden zeigt. Insgesamt dauert der Vorgang eine Stunde. „Hmmm, sie dir dieses Prachtexemplar von Kuchen an. Sieht aus als käme er aus Mutters Backofen,“ lobe ich meine eigene Backkunst und freue mich wie ein kleines Kind auf den ersten Bissen.

Bevor wir uns den frischen Kuchen schmecken lassen, genießen wir einen Kartoffeleintopf mit Erbsen den Tanja zubereitet hat. Leise schmatzend sitzen wir dicht am Feuer und freuen uns wie jeden Tag über das Abendessen. Die Sterne über unseren Köpfen gehören mittlerweile schon zum Alltag. Das letzte Mal als wir ein paar Tropfen Regen spürten war vor ca. sechs Wochen. Seitdem ist es durchgehend schön. Ich glaube noch nie in meinem Leben so eine langanhaltende Gutwetterfront erlebt zu haben wie hier in Zentralaustralien.

Bevor ich mich auf mein Campbett verziehe verarzte ich meine Blasen und meine aufgesprungenen Zehen. Dann wasche ich mit ein paar Tropfen Wasser meine Hände. Da wir auf dieser Reise immer unter Wasserknappheit leiden, meist im übriggebliebenen Abspülwasser. Ich muss nur darauf achten, dass mir nicht die restlichen Erbsen zwischen den Fingern hängen bleiben. Danach reibe ich mir mit einem feuchten Handtuch das Gesicht ab und denke sehnsüchtig über eine Dusche nach, denn es ist nun bald einen Monat her als wir die Letzte genießen durften. Nach der mangelhaften Körperwäsche bringe ich Rufus in seinen heißgeliebten Schlafsack. Tanja ist zu dieser Zeit meist schon in ihr wohlig warmes Bett gekuschelt und wenn sie noch wach ist sieht sie mir zu wie ich am Fuße meiner liege eine Kameldecke ausbreite worauf ich die Schlafhülle von Rufus lege. „Komm lass uns ins Bett gehen,“ fordere ich ihn auf was er sich nicht zweimal sagen lässt. Wie ein geölter Blitz schießt er mit viel Routine in den Sack, mummelt sich zusammen und grunzt voller Wohlbehagen wie ein kleines Schweinchen. Um ihm während der kalten Winternächte die ausreichende Wärme zu garantieren schließe ich dann noch den Reißverschluss seines Gemaches. Bis auf ein sich manchmal bewegender Schlafsack vor meiner Liege ist von ihm nichts mehr zu erkennen.

Das ist dann auch meist die Gelegenheit unbemerkt an sein Tagbuch heranzukommen. Obwohl es mich fürchterlich friert suche ich es, denn meine Neugierde nagt fürchterlich an mir. Zu gerne möchte ich wissen was er über die vergangenen Reisetage niedergeschrieben hat. Leise fluchend stolpere ich im Dunkeln über ein paar Äste. Ich kann es diesmal nicht finden. Wahrscheinlich hat der schlaue Kerl wieder einmal Verdacht geschöpft und traut seinem Herrchen nicht. Er wird doch nicht wirklich glauben ich könnte seine Geheimnisse lüften? Ehrlich gesagt fühle ich mich auch nicht wohl dabei in einem fremden Tagebuch zu schnüffeln aber in diesem Fall muss ich meiner Neugierde einfach nachgeben. Wer hat schon die Gelegenheit in einem Hundetagbuch zu lesen? „Hä, hä, hä, ich habe es wieder gefunden,“ kichere ich leise in meinen Bart und ziehe es unter der faltbaren Waschschüssel hervor.

DAS EXPEDITIONSTAGEBUCH EINES EXPEDITIONHUNDES NAMENS RUFUS

Endlich war der schon so lang ersehnte Aufbruch da. Alle waren schon ganz fürchterlich aufgeregt und ich glaube… ich am allermeisten. Mein Futter durfte der Jafar tragen. Dass war gut da er gleich hinter Hardie läuft, auf dem ich reite. Somit habe ich den verfressenen Jafar gut unter Kontrolle. Zu meiner großen Enttäuschung durfte ich nicht reiten sondern das kaum Fassbare geschah. Tanja nahm mich mit den Worten: “Damit du keinen Unfug anstellst,“ an die Leine.

Als ich kurze Zeit später nur noch Kamelbeine, Seile, Taschen und andere Utensilien durch die Luft fliegen sah, war ich sehr froh, dass ich nicht auch noch durch die Luft flog und zwar von Hardies Sattel aus.

Ich liebe es, wieder unterwegs zu sein und auf dem Weg alles erkunden zu dürfen. Neue Gerüche und verschiedene kleine Tiere die ich noch nicht kenne. Jeden Abend ein anderes Camp, das ist ganz nach meinem Geschmack.

Einen fürchterlichen Schrecken bekam ich, als ich mir beim Rennen ganz fürchterlich den Fuß weh getan habe. Ich kann gar nicht sagen, was da passiert ist. Das einzige an was ich mich noch erinnere ist Schmerz und dass ich mich nur noch selbst heulen hörte und dass ich nicht mehr mit meiner Pfote auftreten konnte. Zum Glück haben sich Tanja und Denis um mich gekümmert. Reiten durfte ich ab diesem Zeitpunkt auch. Leider konnte ich es gar nicht so recht genießen, da mein Pfötchen so weh tat. Als ich dann noch von Hardie gestürzt bin, als sich die Karawane absetzte war mir nur noch nach Heulen zu mute und das tat ich dann auch. Hemmungslos weinte und jaulte ich. Wahrscheinlich sollte ich das viel öfter tun, denn Denis wurde wunderbar erfinderisch. Was er mir alles zum fressen brachte…, lange nicht mehr so gut gespeist!

Schon sehr früh am nächsten Morgen hörte ich das Blubbern von wilden Kamelbullen. Doch an diesem Morgen kroch ich lieber noch ein bisschen tiefer in meinen Schlafsack und rührte mich nicht bis zum Sonnenaufgang.

Reiten durfte ich auch, nur als die Camis mit ihren Bocksprüngen anfingen, war alles zu spät und ich fand mich auf dem Boden wieder… Unglaublich, was man als Expeditionshund alles so mitmachen muss.

Bald ging es mir wieder besser und als an einem neuen Morgen uns ein Dingo im Camp besuchte, wollte ich am liebsten den ganzen Tag mit ihm spielen. Denis hat es gar nicht gefallen als der Dingo einen Wassersack stibitzen wollte. Da habe ich ihn auch angeknurrt. Ordnung muss sein. Als der große Dingo aus meiner Schüssel trank und Tanja ihn gewähren ließ, war mein persönliches Maß voll und ich wurde etwas eifersüchtig.

Später rief die Dingofamilie nach ihrem Verwandten. Schnell lief mein Spielgefährde dann weg. Ehrlich gesagt war ich trotzdem erleichtert. Wenn ich mir vorstelle, dass ihn meine Menschen vielleicht mitgenommen hätten…?

Nun liege ich hier im Rastcamp und kann mich kaum bewegen, weil alles so stachelig ist. Na ja, das gibt mir die Zeit um meine Abenteuer aufzuschreiben.

Es ist ein tolles, heldenhaftes Leben als Expeditionshund…

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 44 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 435

Sonnenaufgang:
07:20

Sonnenuntergang:
18:05

Temperatur - Tag (Maximum):
23 Grad / nachts minus 7 Grad

Breitengrad:
22°45’34.6’’

Längengrad:
132°39’06.1’’