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Tanz mit dem Dingo

Kamel Feinschmecker-Camp — 28.06.2002

Wiederwillig strecke ich meinen Kopf aus der Kapuzenöffnung meines Schlafsacks. Es ist Zeit zum Aufstehen, doch die Nächte werden anscheinend immer kälter. Plötzlich sehe ich etwas um unser Gepäck huschen. War das ein Dingo? Aufmerksam beobachte ich den Punkt an dem ich die Bewegung wahrgenommen habe. Tatsächlich erkenne ich in der Dunkelheit wie der Wildhund absolut lautlos um unsere Ausrüstung schleicht. „Tanja! Tanja… da sind Dingos im Lager,“ flüstere ich worauf auch sie ihren Kopf wie eine kleiner Otter nach oben streckt. Rufus hat ihn noch nicht gesehen und döst in seinem Schlafsack, doch als er uns reden hört kuckt auch er interessiert in die Richtung der seltenen Besucher. Wir können mindestens drei von ihnen erkennen wobei einer besonders neugierig zu sein scheint. „Er kommt näher,“ flüstert Tanja. „Ja, hat anscheinend keine Angst.“ Von unserem bequemen Bett aus beobachten wir jede seiner Bewegung. Hooouuu! Hooouuu! Hooouuu, heult ein entferntes Dingopack worauf zwei unserer drei Besucher in der Dunkelheit verschwinden. „Ob ich ihn fotografieren kann?“ ,frage ich. „Versuche es,“ macht mir Tanja Mut, denn ich habe Bedenken ihn mit meinen Bewegungen zu vertreiben.

Vorsichtig verlasse ich die Campliege und schleiche mich leise zu den Kamerataschen. Der Dingo erschrickt im ersten Augenblick ist aber dann von seiner Neugierde gepackt und sieht mir aufmerksam zu. Das erste Blitzlicht lässt ihn glatt einen Meter zurückspringen aber dann ignoriert er auch meine Kamera. Im Gegenteil gibt er sich regelrecht verspielt. Er springt jetzt vor und zurück, um Rufus aufzufordern mit ihm zu spielen. Rufus sieht mich winselnd an und möchte von seiner Kette. „Ich glaube du solltest ihn nicht gehen lassen. Wer weiß ob er dem Dingo nicht hinterher rast und sich dabei wieder seinen Fuß verletzt,“ meint Tanja.

Als eine Stunde später die Dämmerung beginnt habe ich auch die Möglichkeit unseren jungen, neugierigen Gast zu filmen. Er springt jetzt ebenfalls recht dreist herum und zeigt kaum noch Scheu vor uns. Langsam schleicht er sich an Rufus heran und bringt es fertig ihn, trotz der Kette, in ein Spiel zu verstricken. Erst beschnuppern sich die beiden aber dann toben sie ausgelassen wie Hunde im Park herum. Plötzlich lässt der Wildhund von Rufus ab und verschwindet. Dann ist er auf einen Schlag wieder da. Vorsichtig inspiziert er jetzt unsere Wassersäcke und beißt glatt mal hinein. „Äh… lass das,“ sage ich als er einen der leeren Säcke in seinem Maul davonträgt. „Mensch Tanja der klaut uns glatt die Ausrüstung,“ rufe ich und haste dem Hund hinterher. Erschrocken lässt er seine Beute fallen, nur um in unsere Plastikfolie zu beißen. So geht das eine ganze Weile bis Tanja ihn das eine oder andere Mal daran hindert in irgendwelche Dinge seine Zähne zu treiben. „Ich glaube der will mit dir spielen,“ stelle ich verblüfft fest als er vor Tanja die gleichen Bewegungen veranstaltet wie vorhin bei Rufus. Tanja lässt sich nicht zweimal auffordern und so werde ich Augenzeuge wie sie am frühen Morgen mit einem wilden, jungen Dingo ums Feuer tanzt. „Haaa,“ ruft sie und geht in die Knie worauf der Hund einen Sprung in ihre Richtung hüpft, nur um sich sofort wieder rückwärts zu bewegen. „Haa,“ ruft sie wieder und springt auf und nieder was unseren Besucher veranlasst das Spiel immer weiter und schneller zu treiben. Entzückt und begeistert sehe ich den beiden zu und werde mit diesem Wunder für die gestrige Kamelbegegnung entschädigt.

Hooouuu! Hooouuu! Hooouuu, heult es wieder aus der Ferne. Unser junger Gast hebt seinen Kopf. Hooouuu! Hooouuu, erklingt es noch mal was anscheinend der letzte Ruf war sein Spiel mit dem Menschen zu beenden. Als wäre er ein Spuk gewesen springt der rotbraune, muskulöse Körper in die Büsche und ist verschwunden.

Um kurz nach 10:00 Uhr überqueren wir die Tanami Road. Es ist die Sandpiste auf der wir mit unserem Ford vor vielen Wochen entlanggeschlichen sind. Vergeblich suche ich auf der anderen Seite der Erdpiste die Fortsetzung unseres Tracks. „Ich muss die Koordinaten des Weges aus der Karte messen,“ stelle ich fest und hole das Lineal aus Hardies Satteltasche. „Der Weg muss ca. 350 Meter nördlich von hier auf der anderen Seite der Tanami Road weitergehen,“ sage ich dann und führe die Karawane der breiten Piste entlang. Nervös werde ich als wir uns schon weit über dem herausgemessenem Punkt befinden und immer noch kein Weg in Sicht kommt. Da ich aber weiß, dass es nicht selten drastische Abweichungen der Daten gibt laufen wir weiter in Richtung Norden. Plötzlich fällt mir eine unscheinbare Wagenspur auf. Sie führt von der Tanami Road in Richtung Osten. „Das muss er sein,“ rufe ich und ziehe Sebastian nach rechts. Tatsächlich haben wir unseren Pfad wieder entdeckt.

Es dauert nicht lange bis wir ein Grenztor durchschreiten müssen. „Ich denke wir befinden uns jetzt auf der Napperby Station,“ erwähne ich und zeige Tanja unsere Position auf der Karte. Der Weg, der anfänglich die reine Sandpiste ist, entwickelt sich und wir entdecken mehr und mehr Reifenspuren. An der Clay Pan Bore tränken wir nach sieben Tagen das erste Mal unsere Kamele. Das Wasser ist für uns leider ungenießbar aber für Kamele ein Genuss. Wir sind verblüfft, dass jedes Kamel nur maximal 30 Liter säuft. Aus unserer Erfahrung können sie bei großer Hitze bis zu 80 Liter oder mehr zu sich nehmen. „Die Jahreszeit ist ideal. Auf diese Weise können wir große Strecken zurücklegen ohne das unsere Jungs recht durstig werden,“ sage ich.

Plötzlich hören wir Motorengeräusche. Schnell führe ich die Karawane vom Weg. Eine Ute hält an. Ich begrüße die zwei Männer während Tanja Sebastians Führungsleine hält. „Was? Ihr wollt das Wasser der Cabbage Tree Bore trinken? Das verschafft euch mit Sicherheit Durchfall,“ sagt der junge Jackeroo trocken. „Wo gibt es denn das nächste Trinkwasser?“ frage ich. „Hm, im Tanami Roadhouse,“ erklärt der Ältere von beiden worauf ich glaube einen Scherz gehört zu haben. „Das ist für uns unmöglich. Ersten liegt es in der falschen Richtung und zweitens ist es von hier zu weit entfernt,“ erkläre ich, „wie sieht es denn mit der Patty Well aus?“ „Ja das Wasser könnt ihr trinken,“ antworten beide und erklären mir den Weg. Wir verabschieden uns von den beiden freundlichen Jackeroos und laufen weiter. „Wenn es an der Cabbage Tree Bore kein Wasser für uns gibt, können wir dann trotzdem eine Rast einlegen?“ ,fragt Tanja besorgt. „Ich glaube schon. Wir besitzen noch ca. 70 Liter und wenn wir nicht mehr als 20 Liter pro Tag benötigen langt es uns locker,“ beruhige ich sie.

Eiligen Schrittes laufen wir weiter, um an diesem Nachmittag noch soviel Kilometer wie möglich hinter uns zu bringen. Ein weiteres Motorengeräusch lässt uns stoppen. Ein riesiger Roadtrain donnert uns auf dem schmalen Track entgegen. Wir begrüßen den Fahrer der sich als der Besitzer von Napperby herausstellt. Wir haben von seinen Jackeroos erfahren, dass sich über 19 000 Rinder auf dieser Farm befinden. Roy, der Besitzer, ist also ein sehr reicher Mann und verwaltet eine Farm die nach meiner Schätzung mindesten 15 oder 20 Millionen Dollar schwer ist. „Habt ihr wilde Kamele auf diesem Gelände?“ frage ich den freundlichen Mann. „Ja. Hier in diesem Gebiet dürften es mindestens 15 sein. Zwei unangenehme Bullen laufen ebenfalls herum,“ erklärt er worauf wir beide erschrecken. „Äh… für eine Kamelexpedition können Kamelhengste in der Brunft recht unangenehm werden. Was ist wenn sie uns angreifen? Dürfen wir sie erschießen?“ ,frage ich direkt. „Nein um Gottes willen nicht,“ fährt uns seine Antwort durch die Glieder. „Okay… wir werden uns versuchen mit Steinen und Stöcken zu verteidigen,“ sage ich nachdenklich. „Nun, wenn ihr in eine lebensbedrohliche Situation kommt müsst ihr tun was zu tun ist,“ fügt Roy beim Verabschieden noch hinzu.

Als der Roadtrain, voll beladen mit Rindern, davon fährt haben wir eine neue Herausforderung. „Ob wir bis zum nächsten Gatter laufen sollen? Wir könnten auf diese Weise den hier lebenden Bullen aus dem Weg gehen?“ ,grüble ich. „Ist nur die Frage wann es kommt?“ ,stellt Tanja fest. „Stimmt, ich hätte fragen sollen wie weit es bis dahin noch ist.“ „Hm, wir brauchen alle eine Rast. Vor allem unsere Tiere,“ meint Tanja. „Ich glaube nicht das uns die Wilden Bullen schon wieder Schwierigkeiten bereiten und wenn können wir auch nichts machen. Wir legen hier irgendwo ein paar Rasttage ein und warten darauf was uns der Tag beschert,“ entscheide ich und wir laufen weiter.

Um 16:00 Uhr 45 finden wir direkt am Fuße des Stuart Bluff Range einen Lagerplatz. Da wir uns auf der Südseite des Bergzuges befinden und sich auf der Nordseite eine große ausgetrocknete Seefläche ausbreitet, glauben wir einen idealen Platz gefunden zu haben. Kamele laufen nicht unbedingt freiwillig über einen Bergzug und auch nicht über den Grund eines unfruchtbaren trockenen Sees.

Es ist weit über die Fressenzeit der Kamele als wir sie entladen. Sie gebärden sich wie die Wahnsinnigen. Sie sind erschöpft und vor allem sehr hungrig. Wir haben beide Hände voll zu tun sie zu beruhigen. Als sie dann endlich in dem dichten Buschland zum fressen kommen gehen sie in einer wilden Stampede durch. Wir setzen unsere letzte Kraft ein, um sie wieder einzufangen.

ACHTUNG INFORMATION FÜR UNSERE LESER!

Da unsere Wasserreserven sehr knapp sind kann ich dieses Update nicht zu Ende schreiben. Wir müssen dringend zum Patty Well weiterziehen. Im nächsten Rastcamp werde ich versuchen wieder den gesamten Bericht zu bringen.

Tag: 43 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 434

Sonnenaufgang:
07:20

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
21,5

Tageskilometer:
26

Temperatur - Tag (Maximum):
23 Grad / nachts minus 7 Grad

Breitengrad:
22°43’38.8’’

Längengrad:
131°11’26.9’’

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