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Ob ein Kristall die Kraft zum Heilen hat?

Mount Wedge-Camp — 24.06.2002

Als uns an diesem bitterkalten Morgen das Piepen der Armbanduhren zum Weitermarschieren auffordert verspüren wir beide kaum Lust dazu. „Ich stehe erst auf wenn du deine Rückengymnastik gemacht hast,“ höre ich es kleinlaut durch die Stoffhülle neben mir. Nach meiner täglichen Rückengymnastik entfache ich schnell ein Feuer und breche das Eis in der Hundeschüssel damit Rufus seinen morgendlichen Durst stillen kann.

4 ½ Stunden danach bewegt sich die Karawane über den schmalen, unbenutzten Weg durch die gleiche Traumlandschaft wie gestern. Mein Knie hat sich über Nacht etwas erholt und wir kommen die ersten zwei Stunden gut voran. Das Wetter ist nun schon seit Wochen ideal. Jeden Tag werden wir mit strahlend blauem Himmel und angenehmen Temperaturen beschenkt. Selbst wenn es nachts relativ kalt ist sind sie in unseren Schlafsäcken sehr angenehm. In der Vergangenheit mussten wir nicht selten nächtliche Temperaturen über 30 Grad plus ertragen und tagsüber war es im Sommer manchmal bis zu 48 oder 49 Grad im Schatten. Da es während des Laufens und in den Wüstencamps kaum Schatten gibt erlitten wir manchmal bis zu 70 Grad in der Sonne. Wir fühlen uns im Augenblick also wie im Paradies. An das Laufen müssen sich unsere Körper nach der Sommerpause erst wieder gewöhnen aber ich hoffe das wir in spätestens zwei Wochen wieder topp fitt sind.

Gegen Mittag meldet sich allerdings erneut mein Knie. Mit jedem Kilometer weiter wird der Schmerz unerträglicher, so dass ich mich nicht mal mehr über das Wetter und die schöne Landschaft freuen kann. Wir befinden uns mittlerweile auf der Mount Wedge Station. Sie gehört den Aborigines und obwohl es ein vielversprechendes, fruchtbares Rinderland zu sein scheint ist die Farm verlassen. Unzählige von Känguru, Kamel, Dingo und Emuspuren haben den Weg vor uns regelrecht umgepflügt. Das von Menschen verlassene Land ist ein Paradies für die Tiere. Ungestört und kaum bejagt leben sie hier ein freies Leben. Für Rufus bedeutet das ebenfalls die volle Freiheit, denn auf einer verlassenen Station gibt es keine vergifteten Köder die den Dingos, Wildkatzen und Füchsen den Gar ausmachen sollen. Rufus ist also unser Scout und rennt immer hundert Meter vor der Karawane. Wenn der Weg vor uns frei ist und nichts besonderes für ihn zu bieten hat, trabt er wieder zu uns zurück, natürlich nur um kurz Hallo zu sagen. Auf diese Weise legt er ein unglaubliches Laufpensum hin. „Ahhh!“ ,rufe ich plötzlich von einem stechenden Schmerz gewürgt. „Was ist?“ ,fragt Tanja besorgt. „Das verdammte Knie. Irgendwie hat es richtig geschnackelt und jetzt geht nichts mehr. Ich kann nicht mehr laufen,“ antworte ich gepeinigt. Nach ein paar Verschnaufminuten humple ich weiter, jedoch ist es mir unmöglich das Knie abzuwinkeln. Da der Busch um uns herum vielversprechend aussieht schlagen wir gleich hier nur unweit vom Track unser Camp auf.

Es fällt mir schwer die Kamele zu entladen und ich bin froh mich dann endlich in den Klappstuhl sinken zu lassen. Panikartige Angst befällt mich die Expedition schon aufgeben zu müssen. Der Schmerz ist so frappierend wie ich es vorher noch nie erlebt habe. „Jetzt ruh dich erst mal ein bisschen aus. Morgen geht es dir bestimmt besser,“ tröstet mich Tanja und ich frage mich woher sie in diesem Fall ihre Zuversicht nimmt. Eine Stunde später hat sich diese Art Verklemmung wieder gelöst worauf ich in der Lage bin wieder hin und herzuhumpeln. „Du sollt dich doch ausruhen!“ ,ermahnt mich Tanja als sie vom Hüten zurückkommt. „Ich versuche nur ein paar Sättel mit der Methode von Alex zu verbessern,“ antworte ich mich entschuldigend und biege den Draht um den vorderen Teil des Rahmens. „Verdammt.“ „Was ist denn?“ „Ach der blöde Draht bricht bevor ich überhaupt Zug auf die Gepäckstangen bringen kann,“ antworte ich ärgerlich. Wieder und wieder bricht mir der Zaundraht beim festdrehen einfach ab bis ich bemerke das Alex mir zwei verschieden Sorten Draht mitgegeben hat. Mit dem anderen Zaundraht geht es besser jedoch muss man auch ihn sehr vorsichtig biegen.

Bevor es dunkel wird behandelt Tanja mein Knie mit einem Kristall. Ich glaube nicht so recht an diese Methode, lasse es aber gewähren. „Und du meinst das wird helfen?“ „Da bin ich mir ganz sicher,“ antwortet sie und ich frage mich wiederholt woher sie nur die Sicherheit nimmt. Als der Vollmond sein kaltes und prächtiges Licht über die Unendlichkeit des Outback wirft liegen wir wieder eingemummelt in unseren Schlafsäcken. Mit ungebrochenem Interesse betrachten wir dieses wunderschöne Naturphänomen. Es ist so hell, dass wir keine Taschenlampe mehr benötigen und die sonst so glitzernden Sterne nahezu völlig verblassen. Noch lange liege ich wach da und blick in das ewige Nichts. Der Kristall den Tanja mit einem schönen blauen Tuch auf mein Knie gebunden hat lässt mich nicht auf die Seite drehen. Ich denke darüber nach ob so ein Stein wirklich helfen kann. In Deutschland würde ich jetzt höchstwahrscheinlich irgend ein vom Arzt verordnetes Medikament einnehmen aber hier draußen, weit weg von unserem Zivilisationseinfluss, möchte ich diese Möglichkeit ausprobieren. Warum nicht? Warum soll es eigentlich nicht helfen? Wenn ich morgen wieder laufen kann ist das ein Beweis für seine Heilkraft, denke ich mir und schlafe ein.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 39 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 430

Sonnenaufgang:
07:22

Sonnenuntergang:
18:07

Luftlinie:
19,5

Tageskilometer:
21

Temperatur - Tag (Maximum):
27 Grad / nachts minus 5 Grad

Breitengrad:
22°45’38.0’’

Längengrad:
131°47’57.7’’