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Zwei riesige umhaarte Augen sehen mich an

Chrismas Bore-Camp — 23.06.2002

Wir haben Sebastian, Hardie und Jafar beladen als Alex unverhofft im Camp auftaucht. Er hat Zaundraht, eine Zange und einen etwa zehn Zentimeter dünnen Metallstab mitgebracht. Ohne Zeit verlieren zu lassen kniet er neben einem Sattel ab und befestigt einen der sich durch die Satteltaschen verschiebenden Mulgastangen am vorderen Rahmenbereich. Letztes Jahr haben wir mit den Gepäckauflagehölzern große Schwierigkeiten gehabt. Durch das Hin und Herschwingen der Satteltaschen haben sich diese Hölzer so stark verschoben, dass sie letztendlich zur Zerstörung der Rahmenkonstruktion beitrugen. Erst gestern Abend ist mir die Idee gekommen diese Hölzer mit einer Art Schlauchbinder festzuschrauben. „Draht ist einfacher und besser,“ hatte Alex gemeint. Jetzt zeigt mir der hilfsbereite und erfahrene Stationmann seine Lösung und siehe da es scheint zu funktionieren. „Ist es so wie du dir es vorgestellt hast?“ ,fragt er. „Sieht sehr gut aus. Wenn es hält ist es die Ideallösung,“ antworte ich freundlich. „Dann nimm den Draht, die Zange und den Metallstab mit. Du kannst dann die Gepäckauflagehölzer nach und nach an den Sätteln befestigen.“ „Das kann ich nicht annehmen,“ antworte ich die Zange in der Hand haltend. „Du kannst,“ antwortet er lächelnd.

Um 11:00 Uhr setzen wir unseren Marsch durch eine traumhafte Landschaft fort. Edgars Sattel passt besser und unsere Jungs beginnen sich mehr und mehr an den Routineablauf der Expedition zu gewöhnen. Gegen Mittag durchqueren wir die Schlucht des Siddeley Range und biegen in einen kaum benutzten schmalen Weg ein. Wüsteneichen singen im Wind und wechseln sich mit dichten Mulgawäldern ab. Nach einigen Stunden taucht vor uns der Mount Wegde auf dessen höchster Punkt in der Karte mit beachtlichen 1098 Metern angegeben ist. In den letzten 3960 Kilometern gehört diese Landschaft zweifellos zu der imposantesten die wir bisher während unserer Durchquerung bewundern dürfen.

Öhää! Öhäää! Öhäää!" ,brüllt Sebastian plötzlich auf. „Ob in irgend etwas weh tut?“ ,frage ich beunruhigt. „Wer weiß?“ ,antwortet Tanja. Öhää! Öhäää! Öhäää!" ,jammert der arme Kerl und setzt sich während des Gehens einfach ab. Ich untersuche daraufhin seine Satteltaschen. „Ich glaube sie drücken ihm auf die Rippen;“ sage ich und polstere die Innenseite besser ab. Tatsächlich verhält sich Sebastian danach ruhig.

Obwohl wir erst den zweiten Tag unterwegs sind fällt mir das Marschieren heute nicht so leicht. Mein Knie beginnt gefährlich zu schmerzen und durch die neuen Socken und Schuhe bekomme ich mehrer Blasen. Tanja geht es noch sehr gut. Zumindest klagt sie über keine Schmerzen. Es ist wieder spät als wir nach 23 Kilometern und fünf Stunden Laufzeit unser Camp in einem trockenem Buschland aufschlagen. „Sieht so aus als gibt es hier kaum Kameltucker (Kamelfutter, Grünzeug),“ stellt Tanja fest. „Ja, hoffentlich müssen sie die Etappe nicht gleich mit einer Diät beginnen. Das würden sie uns bestimmt nicht verzeihen,“ antworte ich etwas scherzhaft. Müde und geschafft entladen wir die Tiere und während Tanja sie hütet baue ich unser Camp auf.

Schon früh verziehen wir uns auf die Campbetten und genießen den Vollmond. Ein eiskalter Wind verspricht eine frostige Nacht. Es dauert nicht lange bis mir vor Müdigkeit die Augen zu fallen. Dooonng! Dooonng! Dooonng, läutet eine Kirchturmuhr direkt neben meinem Kopf. Erschrocken öffne ich die Augen und fahre wie von der Tarantel gestochen nach oben. Entsetzt blicke ich in zwei riesige Augen die von seltsamen Haaren umwachsen sind. Es dauert noch ein paar weitere Schrecksekunden bis ich Sebastian erkenne der unmittelbar neben meiner Liege friedlich an einem Busch knabbert. Seine Glocke, die er um den Hals trägt, erschien mir in meinem Schlafsack wie das Läuten einer Dorfkirche zum Almabtrieb. Genervt winde ich mich, schlotternd vor Kälte, aus dem Schlafsack, schlüpfe in die ebenfalls kalten Schuhe und laufe die paar Schritte zu unserem Leitkamel. „Machst ja mitten in der Nacht einen fürchterlichen Lärm. Was sollen da die Nachbarn denken, he? Na ja… kannst ja nichts dafür alter Junge,“ sage ich ruhig und stülpe das Lederband über den Glockenschlegel, um dem unangenehmen Gebimmel ein Ende zu setzen.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 38 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 429

Sonnenaufgang:
07:23

Sonnenuntergang:
18:07

Luftlinie:
19,9

Tageskilometer:
23

Temperatur - Tag (Maximum):
28 Grad / nachts minus 7 Grad

Breitengrad:
22°47’04.1’’

Längengrad:
131°36’40.5’’