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Bist du auch nervös?

Wieder Aufbruchs-Camp — 22.06.2002

Eisiger Wind bläst mir ums Gesicht. Schnell ziehe ich mir die Schlafsackkapuze darüber und verstecke somit auch den letzten Zentimeter nackter Haut vor der frostigen Nacht. Kaum beginnt das Blut wieder durch meine Nasenspitze zu pulsieren als das Piepen meiner Armbanduhr mich an unser großes Vorhaben erinnert. Ich drücke auf einen Knopf an der Digitaluhr. Das Display erleuchtet kurz. „Oh nein, es ist soweit. Tanja bist du schon wach?“ ,flüstere ich, „es ist 5 Uhr 30.“ „Ja… Ist schrecklich kalt zum Aufstehen,“ antwortet sie leise. Langsam erhebe ich mich, entledige mich meines langen, warmen Thermounterhemdes und ziehe mir schnell mein Oberhemd, eine langärmliche und eine kurzärmliche Fliesjacke über. Es dauert ein paar Sekunden bis das kalte Material meine Körperwärme reflektiert. Nachdem ich mir Hosen, Socken und meine Schuhe angezogen habe gehe ich mit steifen Gliedern zur Feuerstelle, lege ein paar Äste darauf und blase in die noch vorhandene Glut. Ein kleines Flämmchen züngelt auf und es dauert nicht lange bis es hungrig um sich greift. Während ich den Billy auffülle und in die wärmenden Flammen stelle, räumt Tanja unsere Schlaffsäcke zusammen. Alle paar Minuten kommt sie zum Feuer, um ihre kalten Hände zu wärmen. Zunehmender Wind bläst in die Glut. Das aufleuchtende Flackern lässt ihre von der Kälte geröteten Wangen erleuchten. „Bist du auch nervös?“ ,möchte ich wissen, das in der Zwischenzeit kochende Wasser in die Thermoskannen gießend. „Ja schon. Wir lassen uns nicht unnötig stressen. Hauptsache wir schaffen den Start ohne großen Zwischenfälle,“ antwortet sie zuversichtlich. „Du hast recht. Bisher haben wir den Start schon zweimal hinter uns gebracht. Auch wenn es nie leicht war. Nur… die wilden Kamelbullen bereiten mir etwas Kopfzerbrechen.“ „Vielleicht kommen sie heute mal nicht zur Wasserstelle?“ „Vielleicht.“

Um 7:00 Uhr lässt die Morgendämmerung die leuchtenden Sterne langsam erblassen. Der wilde Kamelhengst, der schon seit Tagen auf der anderen Seite des Zaunes herumlungert, um von Zeit zu Zeit unsere Jungs anzublubbern, beobachtet scheinbar gelassen unser geschäftiges Treiben. „Er ist wieder da,“ sagt Tanja auf das prächtige Tier deutend. „Ja, habe ihn auch schon bemerkt,“ antworte ich gerade einen der Ausrüstungssäcke wiegend. Um 9:00 Uhr ist unsere gesamte Expeditionsausrüstung Sack für Sack gewogen und neben dem jeweiligen Sattel platziert. Tanja hat einen perfekten Ladeplan geschrieben auf dem genau festgehalten ist welches Kamel was und in welcher Satteltasche trägt. Im Laufe der nächsten Tage und Wochen wird es uns wieder in Fleisch und Blut übergehen welche Tasche wo zu stehen hat und der Blick auf den Ladeplan wird sich dann erübrigen.

DIE BELAGERUNG

Bullluuubullluuubbb! Bullluuubullluuubbb! Bullluuubullluuubbb, meldet sich der Bulle mit seinem dröhnenden Brunftruf als Tanja Sebastian gerade neben seinem Sattel absetzen lässt. Aufgeregt und tief beunruhigt sehen wir in seine Richtung. Er steht breitbeinig am Zaun, schlägt mit seinem Schwanz auf und ab, um sich dadurch über und über mit Urin zu bespritzen. „Ob er es erahnt dass wir bald die sichere Einzäunung verlassen werden?“ ,fragt Tanja. „Sieht fast so aus,“ antworte ich und frage mich was wir in diesem Fall tun werden. „Mein Gott, sieh nur dort drüben,“ rufe ich. „Das kann doch nicht war sein. Die scheinen uns ja richtig belagern zu wollen. Warum kommen denn gerade heute so viele?“ ,antwortet Tanja entsetzt. Eine Kamelherde mit etwa sechs oder sieben Bullen kommen auf der anderen Seite des Zaunes in unsere Richtung gelaufen. „Es wird schon gut gehen,“ beruhige ich uns etwas unsicher.

Nachdem wir Edgar mit 120 Liter Wasser beladen haben ist Jasper an die Reihe. Auf der letzten Etappe haben uns die beiden noch so manche Schwierigkeiten bereitet. Nie hat sich Jasper an der Nase fassen lassen und immer einen riesigen Aufstand gebaut, wenn wir ihm an seinen Vordermann gebunden haben. Als wir einmal auf einer Sanddüne standen und ich nach seiner Nase griff hat er seinen Kopf so ruckartig weggerissen, dass er sein Gleichgewicht verlor. In letzter Sekunde konnte ich wegspringen als er wie ein gefällter Baum auf die Stelle fiel an der ich gerade noch gestanden hatte. Nur durch Glück wurde ich nicht unter seinem großen schweren Körper begraben.

Tanja hat sich jetzt etwas anderes einfallen lassen, worauf wir es heute mit einer Halfterkette versuchen an der die Verbindungsleine zum Vordermann befestigt wird. „Ganz ruhig. Wir wollen gar nicht deine Nase Jasper,“ sagt sie als sie ihn abhuschen lässt. Noch seine Erfahrungen der letzten Wüstendurchquerung im Gedanken, reißt er brüllend seinen Kopf hoch, doch als er merkt, dass wir tatsächlich nicht seine Nase berühren gibt er sich zwar misstrauisch aber lockerer. „Guter Junge, das machst du sehr gut,“ beruhigen wir ihn. Offensichtlich verwundert nicht an dem lästigen Nasenpflock gebunden zu sein sieht er uns mit seinen großen, runden Augen an und würgt seinen Mageninhalt nach oben, um es wiederzukauen. Ich bin gerade damit beschäftigt ihm die Ausrüstung in die Satteltaschen zu laden als sich Edgar urplötzlich auf die Seite wirft. „Bist du wahnsinnig! Setzt dich gerade hin aber sofort!“ ,brülle ich ihn an. Edgar macht mein Schimpfen noch nervöser und wirft sich auf die andere Seite. „Schnell Tanja. Komm her. Edgar zerstört gerade unsere Wassersäcke!“ ,brülle ich Tanja zu die den letzten Ortliebsack vom Camp herträgt. Gemeinsam bringen wir ihn unter Kontrolle. Nervös sitzt er nun da und scheffelt mit seinen Hinterbeinen. Bullluuubullluuubbb! Bullluuubullluuubbb! Bullluuubullluuubbb, donnert es in diesem Augenblick über den Zaun worauf sich Edgar entscheidet sich wieder auf die rechte Seite zu werfen. Sein gesamtes Gewicht plus den Afghanpacksattel liegt auf sechs Wassersäcken. „Edgar! Mein Gott Edgar! Bist du irre geworden! Das ist doch nur ein Bulle!“ ,schreie ich entsetzt. Sofort setzt er sich wieder gerade und sieht mich vorwurfsvoll an. „Ich denke er hat ein paar Wassersäcke unter seinem Gewicht zerquetscht,“ meine ich auf die sich dunkel färbenden Satteltaschen deutend. „Wir müssen uns beeilen ihn aufstehen zu lassen sonst macht er die noch heilen Wassersäcke auch noch kaputt,“ äußert sich Tanja atemlos. Bevor wir ihn aufstehen lassen öffne ich die Satteltaschen. „Sie sind nass aber es ist keiner geplatzt. Wahrscheinlich hat sich unter dem enormen Druck etwas Wasser aus den Verschlüssen gepresst,“ erkläre ich.

WIE EINE KLAPPERSCHLANGE

Kaum haben wir dann seine Beinseile gelöst springt er auf. Es dauert nicht lange bis die gesamte Karawane abmarschbereit dasteht. Bullluuubullluuubbb! Bullluuubullluuubbb, warnt uns der Bulle am Zaun. „Lauf ganz langsam Denis. Denk daran das sie eine lange Pause hatten,“ höre ich Tanja. „Ja, ja, klar passe ich auf.“

Meine Nerven sind aufs Äußerste gespannt. Den Kamelen geht es offensichtlich nicht anders. Wenn ich gleich das Kommando zum Loslaufen gebe kann es leicht geschehen dass die gesamte Herde mit der Ausrüstung wie eine Rakete losgeht und fürchterliche Bocksprünge veranstaltet. (Tagebuchgesamtübersicht vom 09.07.00 Tag 59 Etappe Eins) Zu Beginn der Etappe Eins hatten wir durch die ewig durchgehenden Kamele soviel Schwierigkeiten, dass wir kurz davor waren aufzugeben. Noch heute stecken diese schlimmen Erfahrungen in unseren Gliedern und ich bin überzeugt, dass es den Kamelen nicht anders geht. Gerade nach so einer langen Pause wieder mit den schweren Sätteln beladen, mit zwei nervösen Kamelen hinten dran gebunden und noch dazu den wilden Kamelbullen als wartenden Zaungast, ist genau der richtige Explosivstoff für eine eventuelle Katastrophe.

Mit allem rechnend, dass die Bombe hinter mir jeden Augenblick explodieren kann, rufe ich das Kommando: „Camis…walk up!” Sofort setzt sich die Karawane in Bewegung. Nervös tänzeln die Tiere hintereinander her. Tanja läuft im hinteren Bereich des Zuges und gibt mir über das Walkie Talkie ständig den Stand der Dinge durch. „Ganz langsam! Jasper und Edgar sind sehr nervös. Auch die anderen sind recht aufgeregt. Vielleicht solltest du erst mal einen Kreis laufen!“ Da ich mit dem Führen von Sebastian beide Hände voll zu tun habe kann ich ihr nicht antworten und führe das Leittier in einen ausgreifenden Linksbogen. „Achtung Jasper geht durch!“ ,fährt mir Tanjas Stimme in die Glieder und es geschieht das wovor wir seit Tagen Angst haben. Kaum ist Jasper mit voller Wucht gegen Edgars Hinterteil geknallt, springt Edgar wie eine durchstartende Rakete nach vorne, worauf Jafar von Panik befallen wird und trotz der Nasenleinen und Nackenverbindung versucht Istan zu überholen. Istan geht der Gaul durch und rammt mit voller Kraft in Hardie was der Grund dafür ist das Hardie zur Seite springt, um nur Sekundenbruchteile später Sebastian halb herumreißt. Mit Entsetzen sehe ich wie die gesamte Kamellawine versucht mich einfach zu überrollen. „Easy Boys! Easy Boys!” ,rufe ich und sprinte in einen größeren Bogen. Mit aller Kraft halte ich die Nasen und Führungsleine von Sebastian. Schnell weiche ich Hardie aus der sich nun links an Sebastian vorbeidrückt und diesmal mit seinem hochgebogenem Hals in seine Seite kracht. Er trifft genau auf die Satteltasche die mit den teuren Kameras geladen ist aber ich habe in diesem Moment keine Zeit darüber nachzudenken. Flink rase ich in die andere Richtung und zwinge die Tiere somit einen weiteren Kreis zu laufen. Der Schwanz der in Panik geratenen Karawane schlängelt sich wie eine aufgeregte Klapperschlange von links nach rechts während der Kopf des ungebändigtem Ungetüms auf mich spuckt und brüllt. Bullluuubullluuubbb! Bullluuubullluuubbb, donnert zur gleichen Zeit der Schlachtruf unseres Belagerers. Im Augenwinkel kann ich erkennen wie er einen seiner Artgenossen vertreibt der sich anscheinend auch einen Anteil der Beute erhofft. „Nur die Ruhe bewahren,“ spreche ich mir selbst Mut zu und weiß nicht wie dieser tanzende Hexenkessel in dem wir plötzlich geraten sind enden wird.

Urplötzlich tritt ruhe ein und die Tiere kommen zum Stehen. „Wau… das sieht aber wirklich nicht gut aus,“ sage ich außer Atem. „Ich denke wir müssen unsere Jungs kurz vor dem Tor nieder huschen, festbinden und sie in zwei Gruppen durchführen. Du weißt was geschieht wenn einer von ihnen in seiner schrecklichen Angst gegen den Torpfosten knallt,“ erinnert mich Tanja. (Tagebuchübersicht vom 27.07.00 Tag 77 Etappe Eins) „Okay… aber vorher laufe ich noch ein paar Kreise. Vielleicht beruhigen sie sich ja doch noch,“ antworte ich und gebe das Kommando zum Weiterlaufen. Die ersten hundert Meter sieht alles recht gut aus bis der Bulle seinen Nebenbuhler vertrieben hat und laut blubbernd zurückgerannt kommt. Mit beginnender Verzweiflung wiederhole ich die Taktik von vorhin und führe die ängstlichen Kamele von einen Bogen in den anderen. „Die Tasche! Denis die Tasche von Jasper hat sich gelöst. Das ist es was ihn nervös macht. Schnell halt an!“ ,krächzt es durch den Lautsprecher des Sprechfunkgerätes welches an meinem Gürtel geklemmt ist.

Tatsächlich hat sich die Tasche mit den Ersatzwasserbeuteln, die ich auf den Sattel von Jasper gespannt habe, gelöst. Nur noch ein Spanngummi hält sie worauf das große Ding im Begriff ist zwischen seine Beine zu baumeln. „Camis udu! Udu…!“ ,befehle ich weswegen die Wüstentiere schwer atmend zum stehen kommen.

Während Tanja Sebastian hält spanne ich die Tasche wieder auf den Sattel. Wir lassen die Kamele eine Weile sitzen und überlegen uns die nächsten Schritte. Mensch schau, die Kamele ziehen ab. Ich glaube unser Belagerer hat sie vertrieben?“ ,ruft Tanja freudig. „Sie trollen sich tatsächlich. Las uns die Gelegenheit nutzen und unsere Boys durch das Tor führen,“ schlage ich vor und renne nach vorne, um es zu öffnen. Sofort kommt der dominante Kamelbulle angerannt. „Hau ab Mann. Hau bloß ab… sonst bekommst du es mit uns zu tun!“ ,brülle ich drohend, rase auf ihn zu und werfe ihm einige herumliegende kleine Aststücke hinterher. Ängstlich sucht er das Weite, hält aber etwa hundert Meter vor dem jetzt offen stehendem Zauntor inne, um zu beobachten was geschieht. Eilig nutze ich die Gunst des Augenblicks. „Camis walk up!“ ,rufe ich und schreite mit bangen Gefühlen auf das etwa 2 ½ Meter breite Gatter zu. „Beeil dich Tanja. Stell dich links hinter den Pfosten,“ rufe ich ihr zu weil die Karawane aus unserer Erfahrung meist nach links ausbricht. „Das macht ihr wunderbar. Ja sehr gut. Nur ruhig. Ganz ruhig,“ redet Tanja auf sie ein als die Kamele ängstlich durch das Tor gehen.

„Denis. Es hat geklappt. Sie sind durch. Gratulation!“ höre ich es durch den Lautsprecher krächzen. Leider lässt uns der angefangene Tag keine Zeit zur Freude denn kaum haben wir das Tor gemeistert kommt der Belagerer angerast, um seine Beute zu kassieren. „Hat dir Denis nicht gesagt du sollst abhauen? Wir meinen es ernst… also mach das du weg kommst!“ ,brüllt jetzt Tanja astschwingend auf ihn zurasend. „Es ist besser ich hole das Gewehr vom Sattel,“ meine ich und zerre es aus der Hülle die auf Sebastians Sattel gespannt ist.

Auf der letzten Etappe musste ich zu unserer Verteidigung 12 Kamelbullen in Notwehr erschießen. Wir wissen also was es für unser und das Überleben unserer Tiere bedeuten kann wenn ein wilder Kamelhengst die Karawane angreift. In so einem Fall ist es also wichtig die Waffe rechtzeitig in der Hand zu halten. Natürlich wollen wir als Tierliebhaber alles andere als Kamelbullen erschießen, doch mit einer Kamelexpedition durch Australien bleibt uns manchmal keinen andere Wahl. (Tagebuchübersicht vom 05.10.01 Tag 112 Etappe Zwei)[In den vergangenen Aufzeichnungen habe ich schon öfter davon berichtet welch eine Plage diese Tiere mittlerweile für die Australische Regierung geworden sind. Ihre Zahl wird im Augenblick auf eine halbe Millionen geschätzt. Diese Zahl verdoppelt sich alle sechs Jahre und man weiß jetzt schon nicht wie man dieses gewaltige Problem in den Griff bekommen kann.]

„Camis walk up!“ ,rufe ich wieder worauf sich der Zug in Bewegung setzt. Bullluuubullluuubbb! Bullluuubullluuubbb, erdröhnt es hinter uns und lässt mir die Haare zu Berge stehen. „Was macht der Bulle? Folgt er uns?“ ,frage ich Tanja die hinter den Tieren läuft. „Ja, aber ich kann ihn bis jetzt auf Abstand halten.“ „Gut. Die Jungs scheinen sich jetzt wieder zu beruhigen?“ ,plaudere ich etwas entspannt doch kaum eine Sekunde später ruft Tanja: „Denis der Bulle kommt wieder.“ Sebastian reagiert etwas nervös, worauf seine Mates wieder zu tänzeln beginnen. Plötzlich kommt der Hengst von der Seite angerast. „Rufus… schnell vertreib ihn!“ ,befehle ich unserem Hund. Wie ein geölter Blitz und froh endlich mal einen wichtigen Auftrag bekommen zu haben, schießt er bellend los. Der Bulle erschrickt vor soviel Courage und rast davon. Rufus setzt ihm hinterher worauf das große Wüstentier mit einem blitzschnellen Schwinger nach unserem tapferen Rufus ausschlägt. Gott sei Dank verfehlt er ihn um Haaresbreite. „Komm zurück Rufus!“ ,rufe ich ihn, worauf er seine Verfolgung abbricht. Hechelnd und schwanzwedelnd springt er wie ein Gazelle über die Spinifexgrasbüschel in unsere Richtung. „Das hast du gut gemacht. Bist ein toller Hund. Der beste Hund im Universum. Der König aller Hunde,“ lobe ich ihn, weshalb er mich mit vor Stolz geschwellter Brust ansieht.

Um die Kamele keine Sekunde aus den Augen zu verlieren laufe ich den ersten Kilometer rückwärts. Eine halbe Stunde später beruhigt sich die gesamte Situation. Tanja läuft aus Sicherheitsgründen immer noch hinter der Karawane. Auf diese Weise hält sie den Kamelhengst auf Abstand. Ich bin überrascht das es funktioniert und frage mich ob wir es uns eventuell ersparen hätten können auf der letzten Etappe den einen oder anderen zu erschießen?

Als dann völlige Normalität eintritt und der Wilde uns in einem Abstand von 50 Meter friedlich folgt kommt Tanja nach vorne. „War einfacher als wir dachten, oder?“ „Habe es mir auch schlimmer vorgestellt. Gut dass du sie ohne Schwierigkeiten durch das Gatter führen konntest. Und vor allem das die anderen Bullen einfach abgehauen sind:“ „Als hätte uns eine gute Fee geholfen,“ bemerke ich und fühle wie die Belastung langsam nachlässt und ich mich mit jedem Meter mehr entspanne. „Ob wir den Bullen mitnehmen sollten? Alex hätte bestimmt nichts dagegen. Er bot es uns vor wenigen Tagen sogar an Max zu ersetzen,“ breche ich das Schweigen nach wenigen Minuten. „Wer weiß, vielleicht hält er uns einige seiner Rivalen vom Leib? Wir haben ja schon davon gehört, dass so etwas funktionieren kann,“ antwortet Tanja, denn man hat uns tatsächlich erzählt, dass einer Expedition ein wilder Kamelhengst so lange gefolgt ist bis er am Ende nahezu zahm war. „Auf der anderen Seite weiß ich nicht ob er abends beim Hüten Schwierigkeiten machen wird. Ich kann es nicht gebrauchen, dass er unsere Boys wegtreibt wenn ich in eine völlig andere Richtung gehen muss. Ich weiß nicht ob es wirklich eine gute Idee ist ihn mitzunehmen,“ zweifelt jetzt Tanja an der sich formenden und reizvollen Idee. „Vielleicht wäre er wirklich ein guter Ersatz für Max?“ „Ehrlich gesagt habe ich keine Lust neben den alltäglichen Strapazen einen riesigen, wilden Kamelhengst zu trainiere.“ „Ich glaube auch nicht das wir uns zu diesem Zeitpunkt zu viel Gedanken um dieses Thema machen sollten. Wir werden in der nächsten Stunde auf einen Grenzzaun stoßen. Dann können wir uns immer noch entscheiden ob er uns weiterhin folgen soll oder nicht,“ antworte ich etwas erregt von dem Gedanken ihn vielleicht doch in unser Team aufzunehmen.

„Da vorne ist er,“ bemerke ich fünf Kilometer weiter und deute auf den Zaun, „Was ist deine Entscheidung?“ „Ich weiß nicht. Entscheide du,“ meint Tanja. Nach einigen Überlegungen komme ich zu dem Schluss, dass es der Bulle hier auf New Haven viel besser hat als dort draußen. „Wenn die Organisation Birds Australia nicht beschließt irgendwann einmal die wilden Kamele in diesem Vogelschutzgebiet abschießen zu lassen, steht ihm ein langes Leben bevor. Er kennt die Wasserstellen, die Fressplätze und ist in eine riesige Herde gebettet. Er kann sich hier mit anderen Bullen um ein beachtliches Harem streiten und ein richtig schönes Kamelleben führen. Wer weiß was ihm dort draußen erwartet? Ist er einmal durch den Zaun, kann er nie mehr zurück. Wir sollten ihn hier lassen,“ beschließe ich. „Ist eine gute Idee,“ lächelt mich Tanja an.

Langsam führe ich unsere schwer beladenen Tiere durch das Gatter. „Sie sind durch!“ ,ruft Tanja und schließt es sofort wieder. Der stolze Kamelhengst bleibt in einem Abstand von 20 Meter stehen und beobachtet uns argwöhnisch. Als wir weiterlaufen geht er bis zum Tor, sieht uns eine Weile offensichtlich verwundert nach und folgt dem Stacheldraht, um einen Durchgang zu finden. „Ich bin froh über unsere Entscheidung ihn nicht mitzunehmen.“ „Ich auch,“ antworte ich auf die Uhr blickend, denn es ist bald Zeit einen Lagerplatz für die Nacht zu finden.

Um 16:00 Uhr biegen wir auf eine, vor nicht all zu langer Zeit, abgebrannte Fläche ein. Junge grüne Salzbüsche sprießen aus der roten Erde und versprechen für unsere Tiere ein leckeres Abendbrot. „Camis udu!“ ,befehle ich. Schnell lassen wir die Kamele in einer atemberaubend schönen Landschaft absetzen und beginnen mit dem Entladen. Die tiefstehenden Sonnenstrahlen lassen den Mac Donell Gebirgszug im Süden in einem unwirklichen wunderschönen Rotbraun erglühen. Das jungfräuliche Grün der kleinen Salzbüsche bettet sich wie eine märchenhafte Decke über die Ebene. Das dunkle satte Schwarz der verkohlten Baumstümpfe und Sträucher steht im starken urigen Kontrast zur roten Erde Australiens. Vögel flattern in Scharen über unsere Köpfe und fliegen dem rotglühendem Sonnenball entgegen. Auch wenn es ein äußerst anstrengender und aufregender Tag war werden wir jetzt von der Schönheit des wilden Landes belohnt.

„Ich höre Motorengeräusche,“ sagt Tanja. „Ich auch. Ob wir Besuch bekommen?“ ,frage ich. Wenige Augenblicke später halten zwei Jeeps etwa 50 Meter neben unserem Camp. Alex und einige Volontäre von Birds Australia steigen aus. Wegen der bald kommenden Dunkelheit setze ich das Entladen fort. Tanja begrüßt die interessierten Besucher und erklärt ihnen etwas über Kamele und der Expedition. Nachdem die Kamele entladen sind habe ich ebenfalls Zeit unsere Gäste zu begrüßen und ihnen Fragen zu Verfügung zu stehen. Leider ist während der Expedition jede Minute gezählt. So das ich nicht all zu lange Zeit habe mich mit den Menschen zu beschäftigen. Es dauert auch nicht lange als wir uns von ihnen, vor allem von Alex verabschieden. Wir umarmen unseren liebenswerten Gastgeber noch mal und winken den Autos hinterher.

Als sich der aufgewirbelte Staub der Utes gelegt hat setze ich mich an Edgars Sattel. Wir mussten heute feststellen, dass er vorne zu hoch sitzt. Das bedeutet eine Gewichtsverlagerung von seinen Schultern zu die Hüften. Ich muss ihn zerlegen und einen größeren Abstandhalter einbauen. Ich glaube, wenn ich es nicht gleich mache bekommt er vielleicht schon in wenigen Tagen Druckstellen,“ sage ich etwas ärgerlich, weil ich den Sattel erst vorgestern verkleinert habe. „Wie lange benötigst du für diese Arbeit?“ „Wenn ich schnell bin schaffe ich es vor der Finsternis,“ antworte ich grübelnd. „Okay, ich hüte in der Zwischenzeit unsere Kinder und wenn ich zurückkomme können wir unser wohlverdientes Abendessen genießen,“ sagt Tanja und läuft den Kamelen hinterher.

Um 19 Uhr wirft der baldige Vollmond sein helles Licht über die Ebene. Wir sitzen am wärmendem Feuer und genießen ein sehr schmackhaftes Fertigessen von Reiter. Es ist schon sehr erleichternd nach so einem langen Tag nicht kochen zu müssen,“ meint Tanja. „Ja so haben wir wenigstens noch etwas Zeit für uns,“ bestätige ich heißhungrig mit vollem Mund.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 37 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 428

Sonnenaufgang:
07:24

Sonnenuntergang:
18:08

Luftlinie:
12,6

Tageskilometer:
15

Temperatur - Tag (Maximum):
25 Grad / nachts minus 4 Grad

Breitengrad:
22°50’08.4’

Längengrad:
131°25’30.9’’