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Schnell kann das Unglück zuschlagen

Babbler Bore-Camp — 11.06.2002

Am Morgen ist es richtig kalt. Mit den ersten Sonnenstrahlen verlasse ich bibbernd den Schlafsack, entfache das Feuer, stelle den Billy auf und sammle etwas Holz. Tanja kommt dann auch aus ihrem wohligen Bettchen. „Hast du unter den Sternenhimmel gut geschlafen?“ ,frage ich. „Einfach traumhaft. Wollen wir gleich mal nachsehen ob die anderen Drei in der Falle sitzen?“ ,fragt sie gähnend sich ans wärmend Feuer setzend. „Ich glaube wir sollten erst mal kräftig Frühstücken. Wer weiß was uns dort erwartet,“ antworte ich mir eine große Portion von dem leckeren Rapunzelmüsli in die Schüssel kippend. „Ist eine Gute Idee,“ bestätigt Tanja und bereitet sich einen starken Kaffee.

„Sie sind da,“ flüstert Tanja als wir nach dem Frühstück um einen Busch laufen und auf die Wasserstelle blicken können. Tatsächlich sitzen Max, Hardie und
Edgar in der Falle. „Ein wilder Bulle ist auch mit dabei,“ sage ich leise. „Ich glaube das ist der Kamelhengst der unsere Jungs als seine Herde betrachtet.“ „Kann sein. Am besten wir treiben sie schnell zu unseren anderen Tieren bevor noch mehr wilde Kamele in das Gehege gehen.“ „Okay,“ antwortet Tanja worauf wir das Verbindungsgatter öffnen. Während Tanja Hardie, Max und Edgar durch das Tor treibt halte ich den Wilden auf Abstand. Dann legen wir schnell den schweren Balken, der als Absperrung dient, in seine wackelige Verankerung und ruckzuck sind unsere glorreichen Sieben wieder vereint. „Das war einfach,“ meint Tanja als der wilde Bulle anscheinend traurig, jetzt auch den Rest seiner Herde verloren zu haben, laut blubbert. „Hast du gesehen? Sein einer Vorderfuß ist stark geschwollen.“ ,frage ich. „Ja, wahrscheinlich von den Kämpfen mit anderen Bullen verletzt.“ „Wahrscheinlich.“

Während Tanja das restliche Zaumzeug vom Camp holt treibe ich unsere Sieben in eine andere Umschanzung die direkt an dem 1 × 1 Kilometer kleinen Gehege grenzt. Es geht alles reibungslos bis Hardie einen schmalen Durchgang nach draußen entdeckt den ich offensichtlich übersehen habe. Innerhalb weniger Sekunden schafft er es seinen breiten Körper durchzupressen und ehe ich noch reagieren kann ist er frei. In diesem Augenblick kommt Tanja schwer beladen zurück.

„Tanja! Komm schnell! Hardie ist ausgerissen!“ ,rufe ich entsetzt als mir bewusst wird, dass er sich in dem 220 Quadratkilometer großem Gelände befindet dessen Zaun nur hüfthoch ist. Da Hardie in den letzten drei Jahren schon öfter gezeigt hat, dass er ein erfolgreicher Ausreißer ist, sind wir beide zu tiefst beunruhigt. (Tagebuchübersicht vom 13.11.00 Tag 186 Etappe Eins) „Schnell, nimm den Eimer mit den Essensresten,“ rufe ich. „Bin schon unterwegs,“ antwortet Tanja und hastet zu dem Eimer mit den in den letzten Tagen gesammelten Leckerbissen. „Komm du kleiner Ausreißer. Da schau, eine leckere Bananenschale,“ will Tanja ihn verführen. Während ich einen großen Bogen um die Szene mache, um Hardie den Fluchtweg nach hinten abzuschneiden, versucht ihn Tanja vorsichtig in Richtung Wasserstelle zu locken in der wir ihn wieder einsperren können. Bullluuubullluuubbb!… Bullluuubullluuubbb!… Bullluuubullluuubbb, hören wir plötzlich das tiefe Blubbern eines wilden Kamelbullen der sich Hardie schnell nähert. Hardie erschrickt und lässt sich von dem Bullen sofort wegtreiben. Keine Zeit verlierend sprinte ich los und stelle mich zwischen den Bullen und ihm. Bullluuubullluuubbb!… Bullluuubullluuubbb, erbebt die staubige Luft. Der Bulle bleibt verwirrt stehen und beobachtet mich mit erhobenem Kopf. Wieder und wieder lässt er sein Blubbern hören. Seine schleimige, große Blase, die das angsteinflößende Geräusch erzeugt, hängt ihm aus dem Maulwinkel. Unaufhörlich füllt er sie mit Luft, um mir mit seinem Blubbern zu zeigen, dass er hier der Boss ist.

„Schnell, versuch jetzt Hardie näher an die Wasserstelle zu bringen!“ ,rufe ich die Chance des Überraschungsmomentes nutzend. Nur wenige Augenblicke danach ignoriert der Kamelhengst meine störende Anwesenheit und setzt dem armen Hardie nach. Blitzartig folge ich ihnen laut schreiend, bleibe stehen, um ein paar abgebrochene Äste vom Boden aufzuheben und werfe sie dem Bullen hinterher. Einer trifft ihm am Hintern, worauf er erschrocken das Weite sucht und es vorzieht sich mit einem anderen Geschlechtspartner, der gerade kommt, zu duellieren. „Na komm schon Hardie. Schau dir mal den guten Apfelbutzen an,“ lenkt Tanja seine Aufmerksamkeit dem Fressen zu. Hardie lässt sich in diesem Fall nicht zweimal auffordern und folgt ihr langsam. Nachdem er in den Genuss des ersten Apfels und der ersten Salatblätter gekommen ist folgt er Tanja wie ein zahmes Lamm. Bullluuubullluuubbb!… Bullluuubullluuubbb, nähert sich der Bulle wieder der in der Zwischenzeit seinen Gegner in die Flucht geschlagen hat. „Schau das du ihn in das Gehege bringen kannst bevor der Bulle euch erreicht,“ rufe ich mich wieder dem riesigen Tier in den Weg stellend. Ich werfe noch mal ein paar Äste als Tanja in der Lage ist das Gatter zu schließen. „Immer Hardie,“ sage ich vor Erleichterung ausatmend. Der wilde Kamelhengst steht nun direkt am Holzzaun der Wasserstelle und lehnt seinen langen Hals darüber. Missmutig blubbert er uns an. „Hardie gehört zu uns. Such dir eine andere Herde,“ spreche ich mit ihm und helfe Tanja die mitgebrachte Kamelausrüstung in die Einfriedung zu tragen.

Wir lassen Hardie erst mal in seiner Umzäunung die von dem Gehege der anderen abgegrenzt ist. Dann kümmern wir uns um unsere Herde. Nachdem wir mit allen erdenklichen Tricks nicht die geringste Chance haben weder Max noch Jasper oder Edgar das Halfter überzuziehen versuchen wir es mit einer anderem Methode. Ich führe Sebastian durch ein kleines Gehege in dem maximal zwei Kamele Platz finden zu einem weiteren Zwischeneinzäunung. Dann füttere ich ihn worauf die anderen ihm folgen. Als sich Max und Edgar ebenfalls in dem kleinen Gehege befinden, rasen Tanja von der einen  und ich von der anderen Seite auf die Tore zu die den Ein und Ausgang versperren. Ehe sich die beiden versehen sind sie darin gefangen. „Hast du es geschlossen!“ ,rufe ich aufgeregt. „Ja, ich muss nur noch das Gatter mit der Drahtschlinge sichern,“ antwortet sie, kniet sich ab, langt vorsichtig durch die Metallrohre des Tores als Edgar mit einem gezieltem Schwinger nach ihr tritt. Ohne nur einen Bruchteil einer Sekunde Zeit für einen Schreckensausruf zu haben zischt Edgars Fuß, nur im Abstand von wenigen Millimetern, an ihrem Unteram vorbei und trifft unter fürchterlichem Krachen das Rohr hinter dem sich ihr Kopf befindet. „Bist du in Ordnung!“ ,schreie ich von entsetzlicher Angst gepackt, denn von dieser Seite des Geheges kann ich nur ihre Umrisse erkennen. „Ja,“ kommt Sekunden später die erleichternde Antwort. „Ich habe verdammt viel Glück gehabt. Wäre das Metallrohr nicht gewesen hätte er mir wahrscheinlich den Kopf von den Schultern geholt. Ohhh, meine Schutzengel haben wieder einmal erstklassige Arbeit geleistet.“ „Mein Gott, da sieht man mal wie schnell das Unglück zuschlagen kann,“ meine ich mich ebenfalls von dem Schreck erholend und klettern zusammen auf die starken Holzbalken der Einfriedung.

Aus unserer erhabenen Position versuchen wir ihnen nun die Halfter überzuziehen. Leider funktioniert auch das nicht. Sie wissen was wir wollen und recken ihre Hälse, kaum das wir das Halfter ansetzen können, in eine andere Richtung. Tanja reicht Max eine Mohrrübe die er dankend annimmt. „Bist ein guter Junge. Ja, du machst das sehr gut,“ rede ich beruhigend auf ihn ein. Als er eine weitere Mohrrübe nimmt bringe ich es fertig eine Nasenleine an seinem Nasenpflock zu befestigen. (Tagebuchübersicht vom 17.05.00 Tag 06 Etappe Eins) Kaum bemerkt Max den Widerstand, reißt er seinen Kopf zurück. Die Schnur zischt mir durch die Hände und mit einer weiteren ruckartigen Kopfbewegung ist sie abgerissen. (Damit bei großen Zug der Nasenpflock nicht aus der Kamelnase reißt, was eine schlimme Wunde zur Folge hätte, ist es wichtig das eine dünne Verbindungsschnur an der Nasenleine als Sollbruchstelle dient und abreißt.) „Das war schlecht. Jetzt haben wir den Vertrauensbonus verspielt,“ ärgere ich mich. „Was machen wir jetzt?“ ,fragt Tanja. „Weiter,“ antworte ich kurz und versuche das Halfter über einen der beiden nervösen Köpfe zu stülpen.

Leider sind unsere geduldigen versuche ohne Erfolg. Max schleudert sogar seinen Kopf wild hin und her und ist nicht mal mehr mit den leckeren Apfelbutzen und anderen frischen Küchenabfällen, die die Volontäre für uns gesammelt haben, zu locken. Für einen Sekundenbruchteil glaube ich es geschafft zu haben, doch Max reißt seinen Kopf nach oben und das Zaumzeug fliegt im hohen Bogen in die kleine Einzäunung. „Jetzt habe ich aber genug,“ rufe ich wütend und binde für das Lasso eine Schlinge. Geduldig warte ich nun auf den geeigneten Moment, um einen von beiden das Fangseil über den Hals zu werfen. Blitzschnell schleudere ich dann das Lasso über den großen Kopf von Max. Sofort schließt sich die Wurfschlinge eng um seinen Hals. Max gebärdet sich wie ein Wilder. Das Seil zischt mir wieder durch die Hände, doch kann ich es gerade noch halten. Eilig wickle ich es um den starken Holzbalken worauf Max die Möglichkeit zum Ausweichen völlig genommen wird. Er versucht sich abzusetzen. Das Seil spannt sich durch den Zug und sein Kopf Hängt plötzlich wie in einem Galgen. Ich habe Schwierigkeiten es wieder zu lockern, schaffe es gerade noch. Dann springt er auf, schleudert sein Haupt wie einen Hammer von links nach rechts während Tanja und ich seinen Bewegungen ausweichen. „Gib mir eine Nasenleine!“ ,brülle ich aufgeregt auf den Balken tanzend, um nicht von seinem Kopf getroffen zu werden. Jede Bewegung nutzend ziehe ich ihn ein paar Zentimeter näher bis sein Haupt ängstlich schnaubend direkt am Querbalken anliegt. „Jetzt die Nasenleine,“ rufe ich worauf Tanja eine neue Nasenleine um seinen Nasenpflock legt. Als wir ihm das Halfter überstülpen bäumt er sich noch mal kurz auf, doch ab diesem Zeitpunkt ändert sich sein Verhalten und er ist wieder ein zahmes Tier. Ohne viel Zeit zu verlieren führe ich ihn aus dem kleinen Gehege zu den anderen. Wir binden ihn an einem alten, abgestorbenem Baum, der in der Mitte der umzäunten Wasserstelle aus dem Boden ragt, huschen ihn ab und befestigen die Hoppeln um seine Vorderbeine. „Bist ein guter Junge Max,“ sage ich und streichle ihn. Er lässt es gewähren als wären die Erlebnisse vor wenigen Minuten nie geschehen.

„Nun ist Edgar an der Reihe,“ sage ich ohne uns eine Minute des Nachdenkens zu geben, denn leicht könnten wir bei dieser harten Arbeit den Mut und die nötige Energie verlieren. Edgar steht seinem Mate Max um wenig nach. Nachdem sich das Lasso auch um seinen Hals gezogen hat setzt er sich ab, springt hoch und möchte mit allen Mitteln das Kommende verhindern. Letztendlich aber gibt er viel früher auf und es dauert nur eine halbe Stunde bis er mit Halfter, Glocke, Hoppeln und Nackenleine versehen ist. (Zur kurzen Erläuterung möchte ich hier noch erklären, dass die Nackenleine oder auch das Hüterseil dem Kamel um den Hals oder um die Hoppel gebunden wird. Auf diese Weise ist es uns möglich die Kamele frei laufen zu lassen und wir können sie dann bei Bedarf an diesem Seil fangen. Auch werden sie während der Expedition damit abends an einem Baum festgebunden damit sie nicht auf nimmer wiedersehen verschwinden).

Als sich das Lasso um Jaspers Hals legt steigt er wie ein Pferd auf seine Hinterfüße. Mit vereinten Kräften ist es uns Gott sei Dank möglich auch ihn zu bändigen. „Puhh, das war ein hartes Stück Arbeit,“ meint Tanja als unsere Jungs alle miteinander mit ihrer Ausrüstung versorgt sind. „Hm, nicht nur hart sondern auch verdammt gefährlich.“ „Du sagst es. Wir können heute Abend meine Wiedergeburt feiern.“

Es dauert dann nicht mehr lange bis wir die glorreichen Sieben in das 1 × 1 Kilometer kleine Gehege geführt haben, dessen Zaun die Volontäre und der liebenswerte Alex erst gestern reparierten. „Jetzt könnt ihr euch wieder den Bauch voll schlagen,“ plaudere ich ihnen nachsehend und beobachte wie sie fressend in der Buschlandschaft verschwinden.

Am späten Nachmittag gehen Tanja, Rufus und ich den Zaun des Geheges ab, um ihn auf weitere Schäden zu inspizieren. Wir richten umgeknickte und umgefallene Pfosten auf, ziehen Drähte nach, beseitigen herumliegende Drahtschlaufen und so manchen verwachsenen Busch der sich mit dem Metallgeflecht im Laufe der Jahre vereint hat. „Ich denke unsere Jungs sind jetzt in diesem Gehege sicher,“ äußere ich mich zufrieden mit unserer Arbeit. „Ja, fühlt sich gut an. Jetzt wissen wir ganz genau, dass sie hier nicht ausbüchsen können,“ bestätigt Tanja als wir nach über einer Stunde Marsch wieder unser Camp erreichen.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 26 Etappe Drei

Sonnenaufgang:
07:21

Sonnenuntergang:
18:06

Temperatur - Tag (Maximum):
30 Grad / Nachts minus 3 Grad

Breitengrad:
22°54’44.5’’

Längengrad:
131°20’04.3’’